"Was immer wir mit unserem Gehirn tun, hinterlässt in ihm Spuren, und so geht auch die Benutzung elektronischer Medien nicht spurlos an uns vorbei", schreibt Manfred Spitzer in seinem neuesten Text Auslagern ins Wolkengedächtnis? Auswirkungen des Gebrauchs elektronischer Medien auf unser Gehirn (Nervenheilkunde 10/2011, S. 749 - 754). Der Satz dreht sich im Kreis. Doppel genäht hält besser, könnte man sagen. James Hadley Chase, der britische Autor robuster Kriminalromane, wusste das schon: There is always a price tag, lautet einer seiner Titel. Die Kölner sagen das in verneinter Form: Von Nix kütt Nix.
Spuren, schreibt also Manfred Spitzer, hinterlasse der tägliche Umgang mit der elektronischen Technik. Nun ist die Spur eine mehrdeutige Metapher des Sehens oder des Wahrnehmen-Könnens. Die ursprüngliche Bedeutung im Mittelhochdeutschen, sagt der Kluge, war der Fußabdruck; das Verbum spüren leitet sich davon ab; im Hochalemannischen bedeutet die Spur die "vom Tauwasser verursachte Rinne im Boden" (S. 734). Für uns schließlich verflüchtigt sich heute die Spur auch in Spurenelemente oder in den Hauch eines Verdachts. Manfred Spitzers Rede von der Spur beteuert die Einfachheit des methodischen Problems, Wirkungen zu erfassen. Denn wie kann man die Spuren im Gehirn, diesem Milliarden-fach vernetzten System, nachweisen?
Gar nicht. Man kann in Experimenten Aufgaben stellen - beispielsweise Leute auf der Tastatur mobiler Telefone Wörter schreiben lassen und die Zahlenkombinationen dieser Wörter nach verschiedenen Hinsichten abfragen (auf der Tastatur ist ja immer eine Gruppe von drei Buchstaben mit einer Zahl verknüpft) mit der Hypothese, dass sich bestimmte unbemerkte Verknüpfungsmuster von Buchstaben und Zahlen in den Antworten finden lassen - und die Leistungen korrelieren. Statistische Korrelationsverfahren rechnen Regelmäßigkeiten heraus und prüfen die Wahrscheinlichkeit, inwieweit sie zufällig zustande gekommen sind.
Mit dem Nachweis von Spuren im Gehirn hat das nichts zu tun. Spuren im Gehirn kann man nicht ausmachen. Aus den Leistungen eines Menschen kann man hypothetische Muster kognitiver Leistungen erschließen - mehr nicht. Die Rede von den Spuren im Gehirn ist imperialistische Wissenschaftspolitik. Das Gehirn soll das psychische System - oder wie Sigmund Freud es nannte: das seelische Geschehen - ersetzen. Aber das Gehirn ist methodisch nicht zugänglicher als die Psyche. Der Autor verspricht mehr, als er einlösen kann. Was kann er vorlegen?
Das Bearbeiten der Tastaturen mobiler Telefone übt Verknüpfungen ein und trainiert Fertigkeiten. Dieser Befund ist keine Überraschung. Was sie für uns bedeuten, muss man sehen. Der Umgang mit dem in das Internet ausgelagerten kulturellen Wissen fördert nicht die mnestische Leistungsfähigkeit. Das ist auch ein alter Hut: Was ich nicht gründlich lerne, behalte ich nicht gut; es versickert. Was ich mir sagen lasse von einem fremden Stichwort-Geber, habe ich möglicherweise bald nicht mehr parat. Aber was ist gründliches Lernen? Es ist affektiv beteiligtes , bedeutungsvolles, lebensgeschichtlich relevantes Lernen - das ständige Durchgehen und Synthetisieren des Aufgenommenen im inneren Dialog; dessen allmähliche Integration ins seelische System. Findet das jetzt nicht mehr statt? Und was ist schlecht am Vergessen? Manfred Spitzer zitiert Untersuchungen, die belegen, dass Studenten sich merken, wo sie etwas finden können, aber nicht, was. Abgesehen davon, dass man punktuelle Resultate aus punktuell angelegten Experimenten schlecht extrapolieren kann als die möglichen Kulturleistungen junger Leute, reicht es für die alltäglichen und mittelfristigen Aufgaben, wenn man weiß, wo und wie man gute Informationen und gute Literatur findet. Für die langfristigen Aufgaben des Forschens sieht das anders aus. Wer vergisst, bleibt locker und beschwert nicht sich mit irgendeinem Bildungskrempel. Man kann darauf vertrauen, dass man das für einen Wichtige parat hat.
Und macht das Navigationssystem im Auto passiv, wie Manfred Spitzer befürchtet? Sicher, es etabliert eine neue Abhängigkeit beim Autofahren. Aber vor allem verlassen wir uns doch auf die Funktionstüchtigkeit unseres Fahrzeugs. Wenn wir dem Navigationssystem nicht trauen, dürfen wir auch der komplizierten Elektronik unserer Autos nicht trauen. Nein, im Gegenteil: das System der Ortskundigkeit entlastet; es ist ein Segen in fremden Städten. Für die älteren Herren am Steuer - Manfred Spitzer ist Jahrgang 1958 - ist es vielleicht unsportlich, aber warum muss man sich anstrengen, wenn man sich nicht anstrengen muss? Natürlich muss man der Dame des Abbiegens gegenüber kritisch bleiben, wohin sie einen zu führen beabsichtigt. Aber das sollte man ja immer - vor allem in Geschäftsbeziehungen. Manfred Spitzer nennt das unsere mentale Bequemlichkeit (S. 753). Was ist, fragt er, wenn der Strom ausfällt? "Wenn mir jedoch das Wissen abgedreht wird", schreibt er, "was dann? Welche Bücher muss ich dann parat haben? Und wenn alles in die Wolke ausgelagert ist und die verflüchtigt sich?"
Ja, was dann? Dann machen wir Pause und besinnen uns im Kreis unserer Lieben auf das, was wir haben und können.
Montag, 10. Oktober 2011
Donnerstag, 6. Oktober 2011
Steve Jobs ist tot
Gestern starb Steve Jobs. Was für ein Mann! Und was für ein Verlust! Jeden Morgen hole ich mein MacBook Pro aus dem Schreibtisch, klappe es auf und bin zutiefst zufrieden: Es ist ein Gerät, das mir entgegen kommt. Ich bin ein digitaler Analphabet, aber wann immer ich mir wünschte, wie der Rechner funktionieren sollte, funktionierte er - im Großen und Ganzen. Steve Jobs hatte verstanden, welche Wünsche, Hoffnungen und Sehnsüchte in ein solches Gerät gehen - und wie man gerade nicht ausgeschlossen sein möchte von einer Technik, von der man keine Ahnung hat. Die Erfahrung, nicht mitzukommen, etwas nicht zu verstehen, ist alltäglich und uralt; ich würde sagen: Man tastet sich durchs Leben oder stolpert herum. Das kenne ich, solange ich zurückdenken kann. Mit meinem alten Microsoft-Rechner stieß ich regelmäßig vor eine Wand und kam nicht weiter oder stürzte in das elektronische Labyrinth. Mit meinem notebook äußerst selten. Dann halfen mir die Apple-Leute in Irland. So entstand meine in etwa reale Beziehung zu dem Apple-Produkt und eine fantasierte Beziehung zu dem Chef dieser Firma.
Steve Jobs konnte aus einer Geschäftsbeziehung eine fantasierte persönliche Beziehung machen. Apple-Geräte sind persönlich adressiert. Sie sind offenbar sehr persönlich entstanden. Sie sind, gewissermaßen, seine Texte. Sie schließen einen ein - man ist verbunden und nicht ausgeschlossen. Seine Stanford-Rede über seinen Werdegang rührte mich zu Tränen. Er schuf Produkte oder regte sie an (wer kann das von außen gesehen wissen?), die die Komplexität unserer Wirklichkeit nicht leugnen, aber das Gefühl bestärken, damit zurecht zu kommen und seine Wünsche und Interessen leben zu können. Er repräsentierte das Paradox des demokratischen Geschäftsmannes und des spielerischen Künstlers. Er hat in mein Leben eingegriffen und es bereichert.
Steve Jobs konnte aus einer Geschäftsbeziehung eine fantasierte persönliche Beziehung machen. Apple-Geräte sind persönlich adressiert. Sie sind offenbar sehr persönlich entstanden. Sie sind, gewissermaßen, seine Texte. Sie schließen einen ein - man ist verbunden und nicht ausgeschlossen. Seine Stanford-Rede über seinen Werdegang rührte mich zu Tränen. Er schuf Produkte oder regte sie an (wer kann das von außen gesehen wissen?), die die Komplexität unserer Wirklichkeit nicht leugnen, aber das Gefühl bestärken, damit zurecht zu kommen und seine Wünsche und Interessen leben zu können. Er repräsentierte das Paradox des demokratischen Geschäftsmannes und des spielerischen Künstlers. Er hat in mein Leben eingegriffen und es bereichert.
Dienstag, 4. Oktober 2011
Verzichten oder nicht verzichten - das ist die Zukunftsfrage
"Ich bin davon überzeugt", sagte Dieter Zetsche, Chef von Mercedes-Benz, im Interview mit Martin Scholz und Frank-Thomas Wenzel, den beiden Journalisten des Kölner Stadt-Anzeiger (17./18.9.2011, S. 10), "dass die Zukunft nicht durch Verzicht gewonnen wird". Als das Interview erschien, lief die Frankfurter Automobil-Messe. Mit dem Satz kann man ein kulturwissenschaftliches oder sozialwissenschaftliches Seminar bestreiten. Sigmund Freud hielt den Verzicht für die entscheidende Kultur-Leistung. Andererseits wusste er auch, wie er in seinem Text Der Dichter und das Fantasieren schrieb: Verzichten können wir nicht oder ganz schlecht, eher Verschieben. 1973, als die (westliche) Welt plötzlich realisierte, dass die Öl-Vorräte begrenzt sind, waren bei uns kleine Fahrzeuge sehr gefragt. So kam ich an den Mercedes eines Freundes, der sich einen Polo kaufte. Die Phase der Nachdenklichkeit war kurz; dann setzte die Periode der automobilen Hochrüstung ein - Autos kamen auf den Markt, die 200 km/h und schneller fahren konnten. Zur selben Zeit trommelten die Atom-Propagandisten und versprachen die billige Energie und erklärten unter der Hand den Verzicht für obsolet.
Welchen Verzicht er meinte, sagte Dieter Zetsche im ersten Interview nicht. Klar ist: Auf die schönen Mercedes-Limousinen und Mercedes-Cabrios sollen wir nicht verzichten. Zunehmend knappe natürliche Ressourcen hin oder her. Demnächst fahren wir mit Brennstoffzellen und Wasserstoff oder mit Elektrizität. Irgendwie kriegen die Techniker das hin. Als wären 40 Jahre nicht ins Land gegangen, fantasiert Dieter Zetsche in einem anderen Interview von großen Markt-Gewinnen mit großen Autos: "Mercedes gehört auch beim Absatz an die Spitze", sagte er Carsten Knop und Susanne Preuß von der FAZ (10.9.2011, S. 22). Wir wurschteln uns durch und weiter. An die Endlichkeit unserer Vorräte denken wir schon, aber nicht sehr. So kann man den Subtext der Interviews übersetzen. - So war es Anfang der 70er Jahre, so ist es heute. Hat sich etwas geändert? Dieter Zetsche, Chef einer großen Firma, macht Politik - mit dem ungeklärten Mandat seiner Kunden, die gern in die Zukunft zurück schauen. Er schafft die Fakten für Kosten, die wir noch nicht kennen. Die inoffizielle Politik ist mächtig, die offizielle Politik, die von uns gewählt wurde, nicht. Anders gesagt: die inoffizielle Politik ist mächtig, weil die offizielle Politik unsicher ist; mit der so genannten Abwrack-Prämie gab sie, aber forderte nicht. Lebenstüchtig wird man so nicht - lehrt zumindest die Eltern-Praxis.
Welchen Verzicht er meinte, sagte Dieter Zetsche im ersten Interview nicht. Klar ist: Auf die schönen Mercedes-Limousinen und Mercedes-Cabrios sollen wir nicht verzichten. Zunehmend knappe natürliche Ressourcen hin oder her. Demnächst fahren wir mit Brennstoffzellen und Wasserstoff oder mit Elektrizität. Irgendwie kriegen die Techniker das hin. Als wären 40 Jahre nicht ins Land gegangen, fantasiert Dieter Zetsche in einem anderen Interview von großen Markt-Gewinnen mit großen Autos: "Mercedes gehört auch beim Absatz an die Spitze", sagte er Carsten Knop und Susanne Preuß von der FAZ (10.9.2011, S. 22). Wir wurschteln uns durch und weiter. An die Endlichkeit unserer Vorräte denken wir schon, aber nicht sehr. So kann man den Subtext der Interviews übersetzen. - So war es Anfang der 70er Jahre, so ist es heute. Hat sich etwas geändert? Dieter Zetsche, Chef einer großen Firma, macht Politik - mit dem ungeklärten Mandat seiner Kunden, die gern in die Zukunft zurück schauen. Er schafft die Fakten für Kosten, die wir noch nicht kennen. Die inoffizielle Politik ist mächtig, die offizielle Politik, die von uns gewählt wurde, nicht. Anders gesagt: die inoffizielle Politik ist mächtig, weil die offizielle Politik unsicher ist; mit der so genannten Abwrack-Prämie gab sie, aber forderte nicht. Lebenstüchtig wird man so nicht - lehrt zumindest die Eltern-Praxis.
Montag, 3. Oktober 2011
What a glorious day - I'm singin' in the rain!
Es ist jammerschade, dass die Autoren mancher in der Öffentlichkeit kursierender Begriffe nicht genannt werden. Vermutlich sind es Ministerialbeamte. Der Autor oder die Autorin des Moratoriums ist unbekannt. Der Autor oder die Autorin des Rettungsschirms auch. Wer hat sich wann diesen Begriff in welchem Büro oder Restaurant (oder wo sonst immer) ausgedacht? Er verkleinert die komplizierten EU-Begriffe: jetzt EFSF (European Financial Stablility Facility) und später (ab 2013) EMS (Europäischer Stablilitäts-Mechanismus). Rettungsschirm. Komm unter meinen Schirm, heißt es. Kann man so jemanden retten? Der Einzige, den ich kenne, der sich mit einem Schirm schnell bewegen konnte, war Gene Kelly. Aber wenn man sich unter einen Schirm drängelt, ist es gemütlich; man kommt sich so nahe. Wahrscheinlich hatte der Autor oder die Autorin diese hübsche Fantasie des Sich-Aneinander-Drückens gemeint. Aber nur Unterkrauchen reicht nicht; einer oder eine muss den Schirm halten. Davon ist beim Rettungsschirm nicht die Rede. Die Metapher impliziert eine schiefe, gar nicht so freundliche Beziehung. Jemand guckt auf jemanden herab. Und schließlich: Wenn sich so Viele unter einen Schirm drängen, braucht man einen Sonnenschirm mit einem Ständer; diese Konstellation ist dann sehr unbeweglich. Gemütlich bleibt es dann nicht lange. Zum Retten kommt man auch nicht. Letzte Frage: Was wollte der Autor oder die Autorin nicht sagen? Antwort: Aus dem Retten mit dem Rettungsschirm wird nichts.
Wach muss man sein
Unsere pfiffige Tochter las mir neulich die Zutaten, die auf der Verpackungshülle wie vorgeschrieben angegeben sind, ihrer Lieblingswurst vor - die Feine Kalbfleisch Leberwurst, delikat gewürzt der Marke Du darfst: Schweinefleisch(37%), Schweineleber (33%), Kalbfleisch (17%); der Rest verteilt sich auf Geschmackstoffe. Das ist nicht neu, dass das, was man erwartet, nicht existiert. Es ist das Spiel mit Bildern, dass mich schläfrig sein lässt; was man glaubt verstanden zu haben, hat man noch längst nicht verstanden. Eine Wurst ist eben nicht eine Wurst. Da schiebt sich eine Menge Marketing, Bilderkunst und Sprachkunst dazwischen.
Montag, 4. Juli 2011
"Brennend heißer Wüstensand...schön war die Zeit, schön war die Zeit" (memories are made of this)
Heute, am 4.7.2011, dem amerikanischen Independence Day, veröffentlicht die SZ auf ihrer ganzen ersten Feuilleton-Seite die Rede von Günter Grass zur Jahrestagung der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche mit dem Titel "Die Steine des Sisyphos. Über das Verhältnis von Journalismus und Politik, die Geschwindigkeit der Zeitläufte und die Macht der Konzerne". Einen solchen Text schrieb Günter Grass auch in den sechziger Jahren. Jetzt ist der leicht klagende Ton der Rückschau hinzugekommen - der Blick auf die alten Verdienste. Geblieben ist der Blick des Autors, der am Schreibtisch durch die Lektüre der Tageszeitungen in die Welt schaut. Geblieben ist der Verdacht auf die üblichen Verdächtigen: die "Lobbyistenverbände", die "Konzerne" und ihre Vordermänner und Hintermänner. Geblieben ist das Verständnis von Journalismus: Detektivarbeit und Aufklärung der Korruption. Geblieben sind die einfachen Vermutungen und einfachen Begriffe. Beispiel: "Ist ein der Demokratie wie zwanghaft vorgeschriebenes System, in dem sich die Finanzwirtschaft weitgehend von der realen Ökonomie gelöst hat, doch diese wiederholt durch hausgemachte Krisen gefährdet, noch zumutbar? Sollen uns weiterhin die Glaubensartikel Markt, Konsum und Profit als Religionsersatz tauglich sein?"
Wenn es so einfach wäre. Wie immer, diese Einsicht hatte Ludwig Marcuse als Erinnerung auf seinen Schreibtisch platziert, ist alles komplizierter. Ein Autor wie Günter Grass hat die Personen im Blick, nicht die Strukturen von Systemen, nicht die komplexen Bewegungen dessen, was man Öffentlichkeit nennt, was Öffentlichkeit bewegt und worauf sie sich blitzschnell, Affekt-sicher abstimmt, ohne sich abzustimmen. Was macht eine so gute Zeitung wie die SZ, wenn in N.Y.C. der Chef des I.W.F. verhaftet und der Öffentlichkeit präsentiert wird? Wenn sie darüber berichtet, trägt sie zu einem kakophonen Chor aus Vorurteilen, Ressentiments, mächtigen voyeuristischen und kannibalistischen Affekten bei und wird von den Positionen seiner Leserinnen oder seine Leser vereinnahmt. Den Sachverhalt zu sortieren braucht Zeit, Geduld und kühle Köpfe. Wenn sie nicht darüber berichtet, wird sie nicht gelesen. Es gibt auch für die Öffentlichkeit, wie Paul Watzlawick das für die alltägliche Kommunikation gesagt hat, kein Entkommen. Was macht also eine Zeitung wie die SZ? Kein Wort dazu von Günter Grass. Wie bezieht eine Zeitung eine demokratisch angemessene Position? Die SZ riskiert mehr und mehr über die Subtexte der öffentlichen Diskussion zu sprechen. Ist das angemessen? Sollte sie es mehr tun? Das Fernsehen serviert uns die Welt in fragmentierten, Kontext-losen Nachrichten und betreibt das folgenreiche Geschäft der Angst-Regulation. Sollen die Zeitungen die Kontexte nachliefern? Na klar. Aber wie weit? In Reportagen von vierzig Seiten? Wer liest sie? Was kann eine Zeitung wie die SZ verkraften? Was ist für sie wirtschaftlich? Ihre Jahrgänge auf CDs zu vertreiben ist nicht mehr wirtschaftlich. Das aktuelle Lexikon - ein höchst verdienstvolles Büchlein - zu vertreiben ist nicht mehr wirtschaftlich. Was kann also eine Zeitung tun? Fragen über Fragen. Kein Wort dazu von Günter Grass, der den journalistischen Alltag und dessen System-Bedingungen offenbar nicht kennt, wohl die Geschichte mit den mächtigen oder vermeintlich mächtigen Anzeigen-Kunden. Die hätte ich gern Einzelfall für Einzelfall erzählt - von einem tapferen Autor.
Günter Grass schwärmt von den alten Zeiten, vom existenzialistischen Grundproblem. Das Problem ist, wie wir das Grundproblem im Alltag leben, gestalten oder nicht gestalten. In mancher deutscher Literatur erkenne ich das Getriebe meines bundesdeutschen Alltags nicht wieder; mir fehlt eine intime Kenntnis von Organisationen, von Systemen. Aus dem letzten Roman, den ich von Martin Walser gelesen habe - Der Tod eines Kritikers von 2002 - , habe ich zwei Klischees entnommen: der Kritiker fuhr einen Jaguar - leider sagte er nicht, welchen (Max Frisch fuhr einen Jaguar 420, sein Verleger einen Jaguar XJ) - und legte seinen gelben Kaschmir-Pullover auf die Motorhaube - leider sagte er nicht, ob er aus einer schottischen oder italienischen Strickerei stammte (Jerome David Salinger stattete die Mitglieder seiner Glass-Familie mit dieser Strickware aus). Ich habe dem Text nicht entnehmen können, wie unser Literaturbetrieb funktioniert. Dabei müsste Martin Walser doch ein intimer Kenner sein.
Günter Grass sagte über seine Berufsgruppe: "Vielleicht deshalb, weil wir Schriftsteller ohnehin kritisch miteinander umgehen, was Journalisten so gut wie nie tun". Ich kenne keine Berufsgruppe, deren Mitglieder sich gern kritisieren. Als Winfried Georg Sebald seine Bilanz der westdeutschen Nachkriegsliteratur zog in Luftkrieg und Literatur (1999), gab es ein Riesengeschrei. Hans Magnus Enzensberger meinte: Schlecht recherchiert. Aber vor ein paar Tagen, am 25./26.6.2011, veröffentlichte die SZ Michael Kleebergs Text Die Erfindung des Helden der Flakhelfer-Generation. Vor fünfzig Jahren starb Ernest Hemingway - er war das große Vorbild der jungen deutschen Autoren nach 1945. Aber waren sie wirklich seine Schüler? Sie waren es offenbar nicht.
Wenn es so einfach wäre. Wie immer, diese Einsicht hatte Ludwig Marcuse als Erinnerung auf seinen Schreibtisch platziert, ist alles komplizierter. Ein Autor wie Günter Grass hat die Personen im Blick, nicht die Strukturen von Systemen, nicht die komplexen Bewegungen dessen, was man Öffentlichkeit nennt, was Öffentlichkeit bewegt und worauf sie sich blitzschnell, Affekt-sicher abstimmt, ohne sich abzustimmen. Was macht eine so gute Zeitung wie die SZ, wenn in N.Y.C. der Chef des I.W.F. verhaftet und der Öffentlichkeit präsentiert wird? Wenn sie darüber berichtet, trägt sie zu einem kakophonen Chor aus Vorurteilen, Ressentiments, mächtigen voyeuristischen und kannibalistischen Affekten bei und wird von den Positionen seiner Leserinnen oder seine Leser vereinnahmt. Den Sachverhalt zu sortieren braucht Zeit, Geduld und kühle Köpfe. Wenn sie nicht darüber berichtet, wird sie nicht gelesen. Es gibt auch für die Öffentlichkeit, wie Paul Watzlawick das für die alltägliche Kommunikation gesagt hat, kein Entkommen. Was macht also eine Zeitung wie die SZ? Kein Wort dazu von Günter Grass. Wie bezieht eine Zeitung eine demokratisch angemessene Position? Die SZ riskiert mehr und mehr über die Subtexte der öffentlichen Diskussion zu sprechen. Ist das angemessen? Sollte sie es mehr tun? Das Fernsehen serviert uns die Welt in fragmentierten, Kontext-losen Nachrichten und betreibt das folgenreiche Geschäft der Angst-Regulation. Sollen die Zeitungen die Kontexte nachliefern? Na klar. Aber wie weit? In Reportagen von vierzig Seiten? Wer liest sie? Was kann eine Zeitung wie die SZ verkraften? Was ist für sie wirtschaftlich? Ihre Jahrgänge auf CDs zu vertreiben ist nicht mehr wirtschaftlich. Das aktuelle Lexikon - ein höchst verdienstvolles Büchlein - zu vertreiben ist nicht mehr wirtschaftlich. Was kann also eine Zeitung tun? Fragen über Fragen. Kein Wort dazu von Günter Grass, der den journalistischen Alltag und dessen System-Bedingungen offenbar nicht kennt, wohl die Geschichte mit den mächtigen oder vermeintlich mächtigen Anzeigen-Kunden. Die hätte ich gern Einzelfall für Einzelfall erzählt - von einem tapferen Autor.
Günter Grass schwärmt von den alten Zeiten, vom existenzialistischen Grundproblem. Das Problem ist, wie wir das Grundproblem im Alltag leben, gestalten oder nicht gestalten. In mancher deutscher Literatur erkenne ich das Getriebe meines bundesdeutschen Alltags nicht wieder; mir fehlt eine intime Kenntnis von Organisationen, von Systemen. Aus dem letzten Roman, den ich von Martin Walser gelesen habe - Der Tod eines Kritikers von 2002 - , habe ich zwei Klischees entnommen: der Kritiker fuhr einen Jaguar - leider sagte er nicht, welchen (Max Frisch fuhr einen Jaguar 420, sein Verleger einen Jaguar XJ) - und legte seinen gelben Kaschmir-Pullover auf die Motorhaube - leider sagte er nicht, ob er aus einer schottischen oder italienischen Strickerei stammte (Jerome David Salinger stattete die Mitglieder seiner Glass-Familie mit dieser Strickware aus). Ich habe dem Text nicht entnehmen können, wie unser Literaturbetrieb funktioniert. Dabei müsste Martin Walser doch ein intimer Kenner sein.
Günter Grass sagte über seine Berufsgruppe: "Vielleicht deshalb, weil wir Schriftsteller ohnehin kritisch miteinander umgehen, was Journalisten so gut wie nie tun". Ich kenne keine Berufsgruppe, deren Mitglieder sich gern kritisieren. Als Winfried Georg Sebald seine Bilanz der westdeutschen Nachkriegsliteratur zog in Luftkrieg und Literatur (1999), gab es ein Riesengeschrei. Hans Magnus Enzensberger meinte: Schlecht recherchiert. Aber vor ein paar Tagen, am 25./26.6.2011, veröffentlichte die SZ Michael Kleebergs Text Die Erfindung des Helden der Flakhelfer-Generation. Vor fünfzig Jahren starb Ernest Hemingway - er war das große Vorbild der jungen deutschen Autoren nach 1945. Aber waren sie wirklich seine Schüler? Sie waren es offenbar nicht.
Montag, 6. Juni 2011
Florian tried to outdo Alfred Hitchcock
Florian Henckel von Donnersmarcks Tourist hat meine Sympathie. Ich teile nicht die Enttäuschung mancher Filmkritiker. Was dessen Tourist andeutet, ist: 1. Er verehrt die Arbeiten Alfred Hitchcocks; 2. Das Leben der Anderen ist eine Variation von Rear Window; 3. er liebt North Ny Northwest; 4. er tagträumt wie ein Kinogänger, der North By Northwest einmal selber drehen möchte. Als Remake der französischen Vorlage ist sein Film nicht interessant. Er wollte sie - vermute ich - nicht erreichen. Ihm ging es um North By Northwest - um Cary Grants Bemerkung, die die Prämisse seines Films ist: "The moment I meet an attractive girl, I have to start pretending that I've no desire to make love to her". Mit anderen Worten: Cary Grants zweiter Blick - der auch unser Blick ist - auf Eva Maria Saint im Speisewagen des 20th Century nach Chicago ist Florian von Donnersmarcks Blick auf Angelina Jolie, der zugleich das Konzept seines Films ist. Wer keinen Spaß hat, sie anzustarren, hat kein Vergnügen am Film. Der Kinoautor wünschte seinen Star so hinreißend zu präsentieren, dass ihr nachzuschauen als Vergnügen ausreichen sollte. Eva Marie Saint im Vergleich mit Angelina Jolie, die Johnny Depp das Sofa in einer luxuriösen Suite zuweist statt den Boden des Schlafwagenabteils E 3901. Johnny Depp staunte und schaute und staunte und schaute. Das war manchen Kinogängern zu wenig. Was Florian von Donnersmarck nicht bedacht hatte: Hätte Eva Marie Saint Cary Grant so an die Hand genommen wie Angelina Jolie Johnny Depp, wäre North By Northwest zäh geraten - das wäre zu viel Mutti und zu wenig Konkurrenz, zu viel Hemmung und zu wenig Aggressivität gewesen. Alfred Hitchcocks North By Northwest ist über 50 Jahre alt und nicht zu übertreffen. Der robuste Glanz dieses Thrillers bleibt ein Geheimnis. Florian Henckel von Donnersmarck hatte sein übergroßes Vorbild zu sehr vor Augen.
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