Das Human Brain Project - von der E.U. mit einer guten Milliarde Euro ausgestattet - stockt. Es sollte, schreibt Philipp Hummel in der Süddeutsche Zeitung (10.3.2015, S. 16, Nr. 57), "mit Supercomputern, Datenbanken und Software-Werkzeugen zu bahnbrechenden Erkenntnissen gelangen. Das Ziel: eine Simulation des menschlichen Gehirns im Computer, von den molekularbiologischen Bausteinen bis hin zum menschlichen Verhalten". Zudem sollten degenerative (neurologische) Krankheiten mehr verstanden werden. So weit ist die Forschung nicht gekommen. Das ist nicht überraschend. Wie will man das menschliche Gehirn in einem Computer simulieren? Der Computer ist eine Verständnis-Metapher; wenn man sie wörtlich nimmt, führt sie in Sackgassen (s. meinen Blog vom 13.10.2014).
Jetzt soll es unter neuer Leitung weiter bewegt werden. Wolfgang Marquandt, mit der Koordination der Bewegung beauftragt, wurde dazu interviewt. Seine Antwort: "Man sollte nicht mehr den Eindruck erwecken, dass man mit den Ergebnissen des HBP (Human Brain Project) Krankheiten heilen oder Verhaltensweisen vorherbestimmen können wird. In erster Linie handelt es sich um ein IT-Infrastruktur-Projekt, das die Möglichkeiten für die Neurowissenschaften der Zukunft schaffen soll".
Bravo! Erst nachdenken, dann versprechen.
Donnerstag, 19. März 2015
Vertrautes von der Heiligen Kuh XII
Der Volkswagen-Konzern hat im vergangenen Jahr einen Umsatz in der Höhe von 200 Milliarden Euro gemacht. Das ist ein stattlicher Rekord. Das sind um die zehn Millionen Fahrzeuge. Ein Drittel davon wird in Chinas Republik exportiert oder dort bereits erzeugt. Das sind buchstäblich Schwindel-erregende Zahlen: von der Abhängigkeit dieser Aktiengesellschaft. Zwei Marken trugen besonders zum Rekord bei: Audi und Porsche. 2014 "hat Porsche", ist in der Frankfurter Allgemeine Zeitung zu lesen (14.3.2015, S. 29, Nr. 62), "knapp 190 000 Autos verkauft. Dieser Zuwachs von 17 Prozent hängt erheblich mit der Einführung des Macan als zusätzlicher Baureihe zusammen. Mit dieser Absatzgröße hat Porsche schon beinahe die für 2018 geplante Zielmarke von 200 000 Autos erreicht".
Wer soll das bezahlen?, möchte man wieder singen. Und wo sollen die Autos fahren?, muss man fragen. Autos sind - da muss ich mich anschließen - Vehikel zum Fantasieren. Wahrscheinlich ist die Autoindustrie - seit gut 40 Jahren bin ich ein aufmerksamer (forschender) Beobachter - der Ort, wo am meisten (wie selbstverständlich) fantasiert wird. Die Frage ist: wie lange wollen wir uns dieses Fantasieren leisten? Die Leitung von Porsche hat diese Antwort: sie werden Elektroautos bauen, und zwar die sportlichsten Elektroautos der Welt, wie Matthias Müller, der Chef des Sportwagen-Herstellers, zitiert wird. Der Mann fantasiert offenbar weiter. Wie mag er schlafen? "Ein rein elektrisches Auto braucht Porsche auch", so die F.A.Z., "um die gesetzlichen CO2-Vorgaben zu erreichen". Ein elektrisches Auto, mit anderen Worten, drückt den Durchschnitt der Auspuffgase aller produzierten Wagen. Corriger la fortune nennen die Franzosen diese Strategie. Aber die Produktionssteigerung hat andere Auswirkungen: "Das starke Wachstum erfordere zudem erhebliche Investitionen in Produktionskapazitäten, Anlagen, Werkzeugen, Bürogebäude und Grundstücke, betonte Müller" - ist in der Zeitung zu lesen. Was ist mit den Leuten, die eingestellt werden müssen? Was ist mit den Leuten, wenn ihnen gekündigt werden muss? Eine schlichte Idee - Wachstum - schafft Fakten: Abhängigkeiten und Unbeweglichkeiten. Wird den Verantwortlichen nicht schwindelig? Wird unserer Regierung nicht schwindelig?
Wer soll das bezahlen?, möchte man wieder singen. Und wo sollen die Autos fahren?, muss man fragen. Autos sind - da muss ich mich anschließen - Vehikel zum Fantasieren. Wahrscheinlich ist die Autoindustrie - seit gut 40 Jahren bin ich ein aufmerksamer (forschender) Beobachter - der Ort, wo am meisten (wie selbstverständlich) fantasiert wird. Die Frage ist: wie lange wollen wir uns dieses Fantasieren leisten? Die Leitung von Porsche hat diese Antwort: sie werden Elektroautos bauen, und zwar die sportlichsten Elektroautos der Welt, wie Matthias Müller, der Chef des Sportwagen-Herstellers, zitiert wird. Der Mann fantasiert offenbar weiter. Wie mag er schlafen? "Ein rein elektrisches Auto braucht Porsche auch", so die F.A.Z., "um die gesetzlichen CO2-Vorgaben zu erreichen". Ein elektrisches Auto, mit anderen Worten, drückt den Durchschnitt der Auspuffgase aller produzierten Wagen. Corriger la fortune nennen die Franzosen diese Strategie. Aber die Produktionssteigerung hat andere Auswirkungen: "Das starke Wachstum erfordere zudem erhebliche Investitionen in Produktionskapazitäten, Anlagen, Werkzeugen, Bürogebäude und Grundstücke, betonte Müller" - ist in der Zeitung zu lesen. Was ist mit den Leuten, die eingestellt werden müssen? Was ist mit den Leuten, wenn ihnen gekündigt werden muss? Eine schlichte Idee - Wachstum - schafft Fakten: Abhängigkeiten und Unbeweglichkeiten. Wird den Verantwortlichen nicht schwindelig? Wird unserer Regierung nicht schwindelig?
Politischer Winterschlussverkauf
Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands hat das Institut TNS Infratest beauftragt. Womit? Ist mir unklar. Wahrscheinlich - ich entnehme das dem Aufmacher der Süddeutschen Zeitung (7./8.3.2015) auf der ersten Seite "Reizklima in Berlin" - mit der Frage: Wie stehen wir da? Welche Chancen haben wir? Die gängigen Fragen eines Waren-Produzenten, der seine Markt-Chancen abzuschätzen versucht.
Die Süddeutschen Zeitung wollte ihrer Leserschaft offenbar eine Neuigkeit bieten - die Ergebnisse der
Studie liegen uns vor, schreiben sie. Lassen wir das (verständliche) publizistische Geschäftsinteresse beiseite: was hat die Studie herausgefunden? Ein "Imageproblem". Was lernen die Partei-Mitglieder daraus? Die Süddeutschen Zeitung zitiert aus der Präsentation der Studie - wer immer sie erläutert hat (wahrscheinlich Repräsentanten der Partei) - :
"Die SPD muss wieder zu sich selbst finden, aus dem Herzen heraus und nicht wegen schlechter Umfragewerte Politik machen. Sie muss vor allem wieder erkennbar werden, auch wenn dies bedeutet, dass sie - wo nötig - Konflikte mit der Union eingehen muss".
Das ist nun nicht neu. Oskar Lafontaines unübertroffener Satz einer sozialdemokratischen Verheißung hätte nur erinnert werden müssen: Das Herz schlägt links. Die Partei hätte sich einen (vermutlich) sechsstelligen Euro-Betrag ersparen können. Davon abgesehen: ist es nicht erschreckend, wie politische Ideen sich in einem tautologischen Kreis bewegen, in dem ein Befragungsinstitut konstatiert, was ist, und die Verbesserung des Status Quo empfiehlt: die Politur des Images? Mit Richard Milhous Nixons Präsidentenschaft begann, beschrieb Jonathan Schell in seinem Buch The Time of Illusion, das politische Polieren der inszenierten Fassade. Es führte nicht weiter. Es läuft auf das Leiden am Einschaltquoten-Syndrom hinaus: die politische oder kreative Fantasie läuft leer. Wir leben von guten Ideen. Polieren hilft nicht langfristig. Ab und zu braucht man etwas Neues. Neu war 1969: Willy Brandts mehr Demokratie wagen. Erfinder werden benötigt.
Die Süddeutschen Zeitung wollte ihrer Leserschaft offenbar eine Neuigkeit bieten - die Ergebnisse der
Studie liegen uns vor, schreiben sie. Lassen wir das (verständliche) publizistische Geschäftsinteresse beiseite: was hat die Studie herausgefunden? Ein "Imageproblem". Was lernen die Partei-Mitglieder daraus? Die Süddeutschen Zeitung zitiert aus der Präsentation der Studie - wer immer sie erläutert hat (wahrscheinlich Repräsentanten der Partei) - :
"Die SPD muss wieder zu sich selbst finden, aus dem Herzen heraus und nicht wegen schlechter Umfragewerte Politik machen. Sie muss vor allem wieder erkennbar werden, auch wenn dies bedeutet, dass sie - wo nötig - Konflikte mit der Union eingehen muss".
Das ist nun nicht neu. Oskar Lafontaines unübertroffener Satz einer sozialdemokratischen Verheißung hätte nur erinnert werden müssen: Das Herz schlägt links. Die Partei hätte sich einen (vermutlich) sechsstelligen Euro-Betrag ersparen können. Davon abgesehen: ist es nicht erschreckend, wie politische Ideen sich in einem tautologischen Kreis bewegen, in dem ein Befragungsinstitut konstatiert, was ist, und die Verbesserung des Status Quo empfiehlt: die Politur des Images? Mit Richard Milhous Nixons Präsidentenschaft begann, beschrieb Jonathan Schell in seinem Buch The Time of Illusion, das politische Polieren der inszenierten Fassade. Es führte nicht weiter. Es läuft auf das Leiden am Einschaltquoten-Syndrom hinaus: die politische oder kreative Fantasie läuft leer. Wir leben von guten Ideen. Polieren hilft nicht langfristig. Ab und zu braucht man etwas Neues. Neu war 1969: Willy Brandts mehr Demokratie wagen. Erfinder werden benötigt.
Mittwoch, 18. März 2015
Journalismus-Lektüre V: geht es zu hoch her?
"Woher kommen dieser Hass, die Verachtung, die Verrohung", fragt Jasper von Altenbockum in der Frankfurter Allgemeine (vom 14.3.2015, S. 1, Nr. 62). Verrohung ist der Titel seines Textes. "Es vergeht kaum eine Woche", beginnt der Text, "in der sich die deutsche Gesellschaft nicht im Spiegel betrachten müsste - sie könnte sich kaum wiedererkennen". Die deutsche Gesellschaft kann sich im Spiegel nicht wieder erkennen, wohl die bundesdeutsche Gesellschaft, die seit dem Mai 1949 existiert. Jasper von Altenbockums erster Satz nennt das Problem: in der jungen demokratisch verfassten, bundesdeutschen Gesellschaft ist es nicht einfach zu leben. In der alten demokratisch verfassten, nordamerikanischen Gesellschaft beginnen die Bürgerinnen und Bürger zu realisieren, wie sehr der alte Rassismus noch immer virulent ist und den Alltag belastet. God's own country, die Vereinigten Staaten von Amerika, sind noch nicht für Alle God's own country.
Jasper von Altenbockum gibt diese Beschreibung einer Stimmungslage in der Bundesrepublik Deutschland:
"Die Angst geht wieder um in den Deutschland - vor dem Euro, vor dem Krieg, vor der Technik, vor der großen weiten Welt, vor der Zukunft; noch mehr aber, noch eingefleischter, noch irrationaler, vor der Politik. Ihr wird alles unterstellt, was nur möglich ist. Dabei merken die Meckerer, die Besserwisser, die Verhinderer nicht, dass jedes Mal, wenn sie wieder einmal eine 'korrupte Politikerkaste' verprügeln oder gegen eine 'gleichgeschaltete Lügenpresse' mit all ihrem Hass hetzen, sie der Demokratie damit leise servus sagen. Die hat etwas Besseres verdient".
Nein, damit wird die Demokratie nicht verabschiedet: sie wird begrüßt. Streiten kann man sich nur dort, wo dafür Platz ist und wo ein Rahmen markiert ist. Heftiger Streit ist ein gutes Zeichen. Er ist schrecklich, und man möchte den Kopf einziehen. Leider sind wir nicht in einem Seminar, in dem eine Redeliste geführt wird. Öffentliche Diskussionen, die nicht mehr diskutieren, sondern zulangen, haben wilde Züge. Unser demokratischer Rahmen hält das aus. Heftiger Streit ist das Beste, was uns passieren kann.
Jasper von Altenbockum gibt diese Beschreibung einer Stimmungslage in der Bundesrepublik Deutschland:
"Die Angst geht wieder um in den Deutschland - vor dem Euro, vor dem Krieg, vor der Technik, vor der großen weiten Welt, vor der Zukunft; noch mehr aber, noch eingefleischter, noch irrationaler, vor der Politik. Ihr wird alles unterstellt, was nur möglich ist. Dabei merken die Meckerer, die Besserwisser, die Verhinderer nicht, dass jedes Mal, wenn sie wieder einmal eine 'korrupte Politikerkaste' verprügeln oder gegen eine 'gleichgeschaltete Lügenpresse' mit all ihrem Hass hetzen, sie der Demokratie damit leise servus sagen. Die hat etwas Besseres verdient".
Nein, damit wird die Demokratie nicht verabschiedet: sie wird begrüßt. Streiten kann man sich nur dort, wo dafür Platz ist und wo ein Rahmen markiert ist. Heftiger Streit ist ein gutes Zeichen. Er ist schrecklich, und man möchte den Kopf einziehen. Leider sind wir nicht in einem Seminar, in dem eine Redeliste geführt wird. Öffentliche Diskussionen, die nicht mehr diskutieren, sondern zulangen, haben wilde Züge. Unser demokratischer Rahmen hält das aus. Heftiger Streit ist das Beste, was uns passieren kann.
Journalismus-Lektüre IV: Jonglieren mit dem Konzept der Wahrheit
"Wahrheit wagen" ist der Titel des Textes von Stefan Ulrich - abgedruckt auf der Meinungs-Seite der Süddeutschen Zeitung (S. 4, 14./15.3.2015, Nr. 61) unter dem Stichwort: Lüge und Politik.
Wahrheit wagen ist eine sehr ambitionierte Aufforderung. Denn Wahrheit ist ein sehr schwieriges Konzept. Was ist Wahrheit? Wahrheit ist das Produkt einer Anstrengung. Wenn in einer Gerichtsverhandlung die Wahrheit und nichts als die Wahrheit gefordert wird, heißt das: vom eigenen Schutzbedürfnis und vom eigenen Interesse abzusehen zugunsten der Beschreibung präziser, möglichst nicht persönlich gefärbter Erinnerungen. Da wir stets persönlich wahrnehmen im Kontext unserer Lebens-Bedeutungen und damit stets auswählen, ist das schwierig. Wahrheiten sind errungen - persönliche wie wissenschaftliche. Sie werden erarbeitet in einem Prozess der Entdeckung und Überprüfung.
Was soll die Aufforderung Wahrheit wagen? Stefan Ulrich versteht unter Wahrheit: die Abwesenheit der Lüge. Das ist nicht falsch, aber arg einfach. Schließlich gibt es auch die Wahrheit der Lüge: wer lügt, sagt implizit, dass er sich schützt, indem er seine Interessen, Absichten, Sehnsüchte, Fantasien und Wünsche zu verbergen versucht. Gelogen haben, so lautet Stefan Ulrichs angenehm (für bundesdeutsche Verhältnisse) kurze Liste, George Walker Bush, Wladimir Putin und die Politikerinnen und Politiker, die die finanziellen Probleme der E.U. ungenau erläutert haben. So wäre, führt er aus, in der Öffentlichkeit ein "Generalverdacht" entstanden: "Unternehmern wird pauschal vorgeworfen, ihnen gehe es nur um hemmungslose Selbstbereicherung. Politikern der traditionellen Parteien wird unterstellt, sie wirkten als Büttel des Kapitals oder der Amerikaner dabei mit, Europas Bürger zu betrügen. Die klassischen Medien werden als 'Lügenpresse' abqualifiziert, um ihre Argumente ignorieren zu können". Wir leben, stellt er fest, in einem "Klima des Argwohns".
Was ist zu tun? Stefan Ulrich: "Als Erstes gilt es dabei, die Lüge von der grundsätzlich verlogenen Politik und der 'Lügenpresse' entlarven". Die alte, deutsche, anti-demokratische Redewendung von der Politik, die den Charakter verderben würde, ist das Klischee eines Ressentiments, das nicht mehr entlarvt werden muss. Stefan Ulrichs Generalverdacht hat einen ganz langen Bart. Die Lügenpresse auch - sie muss man heute, anders als in der Zeit der großen Umarmung in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft, als den affektiv aufgeladenen Vorwurf derer übersetzen, die sich nicht vertreten fühlen und sich nicht wieder finden in dem, was gesagt oder geschrieben wird. Das muss auch nicht entlarvt, sondern verstanden werden. Zweitens, sagt Stefan Ulrich, "muss der Mut zur ungeschminkten Wahrheit wachsen". Die ungeschminkte Wahrheit ist ein Pleonasmus: Wahrheit ist stets ungeschminkt; Halb-Wahrheiten sind keine Wahrheiten. Hat Stefan Ulrich ein Problem mit der Wahrheit?
Die Treuherzigkeit des Autors ist das Problem. So schlicht lässt sich das Problem der Wahrheit in einer demokratisch verfassten Gesellschaft und in einer demokratischen Öffentlichkeit nicht ausbreiten. Wie erreicht die öffentliche Diskussion die, die sich ausgeschlossen fühlen und die ihrerseits ausgeschlossen werden, wenn sie mit einer zugegebenermaßen unglücklichen Formel operieren? Genügt deren Exklusion? Ist das nicht die Taktik der Tabuisierung, die seit dem Beginn der Bundesrepublik gepflegt wird? Und was ist, um den Journalisten Stefan Ulrich direkt in Sachen Wahrheit wagen zu befragen, mit dem methodischen (handwerklichen) Problem des Journalisten, der ein mehr oder weniger (wie wir) ausgeschlossener und gleichzeitig mehr oder weniger adressierter Beobachter politischer (öffentlicher und nicht-öffentlicher) Prozesse ist? Oder der, wenn er gewissermaßen in einer Form kalkulierten Vertrauens in die sonst abgesperrten bundespolitischen Zirkel und Gremien und Gespräche hineingebeten wird und sich (für künftige Arbeit) abhängig zu machen droht von den Verpflichtungen und Loyalitäten der so entstandenen Beziehungen? Müssten die journalistischen Beziehungs-Formen zu denen, die beobachtet und hinsichtlich ihrer Absichten, Konzepte und Strategien interpretiert werden, nicht der Leserschaft mitgeteilt werden? Was ist mit der Abhängigkeit vom und mit dem Anpassungsdruck im journalistischen Geschäft? Die Fragen klingen vielleicht naiv - wer gibt schon wirklich genau Auskunft über die eigene berufliche Praxis - , aber sie hängen mit der Frage nach der Wahrheit zusammen. Journalisten lügen, sagt Stefan Ulrich, wenn sie "Vermutungen als Tatsachen ausgeben". Das ist ein überraschend Konzeptions-loses Missverständnis: Vermutungen, als Vermutungen ausgesprochen, können nicht als Tatsachen behauptet werden. Stefan Ulrich meint: Behauptungen, die sich als Beschreibungen geben, aber Narrative der (behaupteten) Erklärung in den Kreislauf der Öffentlichkeit setzen. Es ist die Lust an der Behauptung - vermute ich - , die zum Problem der Wahrheit des Journalismus gehört. Vermutungen sind unsere Bedeutungs-Entwürfe. Ohne Vermutungen kämen wir nicht voran. Im Wissenschafts-Betrieb werden sie als Hypothesen getestet. Für die öffentliche Diskussion sind journalistische Vermutungen die Testballons und (vielleicht) Anregungen für Aufregungen. Es ist gut, sie steigen zu lassen. Der methodische Zweifel sollte in den Texten allerdings seinen ausreichenden Platz haben.
Überarbeitung: 19.3.2015.
Wahrheit wagen ist eine sehr ambitionierte Aufforderung. Denn Wahrheit ist ein sehr schwieriges Konzept. Was ist Wahrheit? Wahrheit ist das Produkt einer Anstrengung. Wenn in einer Gerichtsverhandlung die Wahrheit und nichts als die Wahrheit gefordert wird, heißt das: vom eigenen Schutzbedürfnis und vom eigenen Interesse abzusehen zugunsten der Beschreibung präziser, möglichst nicht persönlich gefärbter Erinnerungen. Da wir stets persönlich wahrnehmen im Kontext unserer Lebens-Bedeutungen und damit stets auswählen, ist das schwierig. Wahrheiten sind errungen - persönliche wie wissenschaftliche. Sie werden erarbeitet in einem Prozess der Entdeckung und Überprüfung.
Was soll die Aufforderung Wahrheit wagen? Stefan Ulrich versteht unter Wahrheit: die Abwesenheit der Lüge. Das ist nicht falsch, aber arg einfach. Schließlich gibt es auch die Wahrheit der Lüge: wer lügt, sagt implizit, dass er sich schützt, indem er seine Interessen, Absichten, Sehnsüchte, Fantasien und Wünsche zu verbergen versucht. Gelogen haben, so lautet Stefan Ulrichs angenehm (für bundesdeutsche Verhältnisse) kurze Liste, George Walker Bush, Wladimir Putin und die Politikerinnen und Politiker, die die finanziellen Probleme der E.U. ungenau erläutert haben. So wäre, führt er aus, in der Öffentlichkeit ein "Generalverdacht" entstanden: "Unternehmern wird pauschal vorgeworfen, ihnen gehe es nur um hemmungslose Selbstbereicherung. Politikern der traditionellen Parteien wird unterstellt, sie wirkten als Büttel des Kapitals oder der Amerikaner dabei mit, Europas Bürger zu betrügen. Die klassischen Medien werden als 'Lügenpresse' abqualifiziert, um ihre Argumente ignorieren zu können". Wir leben, stellt er fest, in einem "Klima des Argwohns".
Was ist zu tun? Stefan Ulrich: "Als Erstes gilt es dabei, die Lüge von der grundsätzlich verlogenen Politik und der 'Lügenpresse' entlarven". Die alte, deutsche, anti-demokratische Redewendung von der Politik, die den Charakter verderben würde, ist das Klischee eines Ressentiments, das nicht mehr entlarvt werden muss. Stefan Ulrichs Generalverdacht hat einen ganz langen Bart. Die Lügenpresse auch - sie muss man heute, anders als in der Zeit der großen Umarmung in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft, als den affektiv aufgeladenen Vorwurf derer übersetzen, die sich nicht vertreten fühlen und sich nicht wieder finden in dem, was gesagt oder geschrieben wird. Das muss auch nicht entlarvt, sondern verstanden werden. Zweitens, sagt Stefan Ulrich, "muss der Mut zur ungeschminkten Wahrheit wachsen". Die ungeschminkte Wahrheit ist ein Pleonasmus: Wahrheit ist stets ungeschminkt; Halb-Wahrheiten sind keine Wahrheiten. Hat Stefan Ulrich ein Problem mit der Wahrheit?
Die Treuherzigkeit des Autors ist das Problem. So schlicht lässt sich das Problem der Wahrheit in einer demokratisch verfassten Gesellschaft und in einer demokratischen Öffentlichkeit nicht ausbreiten. Wie erreicht die öffentliche Diskussion die, die sich ausgeschlossen fühlen und die ihrerseits ausgeschlossen werden, wenn sie mit einer zugegebenermaßen unglücklichen Formel operieren? Genügt deren Exklusion? Ist das nicht die Taktik der Tabuisierung, die seit dem Beginn der Bundesrepublik gepflegt wird? Und was ist, um den Journalisten Stefan Ulrich direkt in Sachen Wahrheit wagen zu befragen, mit dem methodischen (handwerklichen) Problem des Journalisten, der ein mehr oder weniger (wie wir) ausgeschlossener und gleichzeitig mehr oder weniger adressierter Beobachter politischer (öffentlicher und nicht-öffentlicher) Prozesse ist? Oder der, wenn er gewissermaßen in einer Form kalkulierten Vertrauens in die sonst abgesperrten bundespolitischen Zirkel und Gremien und Gespräche hineingebeten wird und sich (für künftige Arbeit) abhängig zu machen droht von den Verpflichtungen und Loyalitäten der so entstandenen Beziehungen? Müssten die journalistischen Beziehungs-Formen zu denen, die beobachtet und hinsichtlich ihrer Absichten, Konzepte und Strategien interpretiert werden, nicht der Leserschaft mitgeteilt werden? Was ist mit der Abhängigkeit vom und mit dem Anpassungsdruck im journalistischen Geschäft? Die Fragen klingen vielleicht naiv - wer gibt schon wirklich genau Auskunft über die eigene berufliche Praxis - , aber sie hängen mit der Frage nach der Wahrheit zusammen. Journalisten lügen, sagt Stefan Ulrich, wenn sie "Vermutungen als Tatsachen ausgeben". Das ist ein überraschend Konzeptions-loses Missverständnis: Vermutungen, als Vermutungen ausgesprochen, können nicht als Tatsachen behauptet werden. Stefan Ulrich meint: Behauptungen, die sich als Beschreibungen geben, aber Narrative der (behaupteten) Erklärung in den Kreislauf der Öffentlichkeit setzen. Es ist die Lust an der Behauptung - vermute ich - , die zum Problem der Wahrheit des Journalismus gehört. Vermutungen sind unsere Bedeutungs-Entwürfe. Ohne Vermutungen kämen wir nicht voran. Im Wissenschafts-Betrieb werden sie als Hypothesen getestet. Für die öffentliche Diskussion sind journalistische Vermutungen die Testballons und (vielleicht) Anregungen für Aufregungen. Es ist gut, sie steigen zu lassen. Der methodische Zweifel sollte in den Texten allerdings seinen ausreichenden Platz haben.
Überarbeitung: 19.3.2015.
Sonntag, 15. März 2015
Das Buch! Das Buch?
Die Leipziger Buchmesse läuft. Sie ist, wie ich letztes Jahr fand, eine Leserin- und Leser-freundliche Veranstaltung; wer will, kann sich richtig umtun und beispielsweise die Wege der Produktion eines Buches studieren. Deshalb finde ich das Lob von Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (13.3.2015, S. 4) angemessen - er spricht, so der Titel seines Textes, (gekonnt) von: "Seitenweise Glück". Er referiert eine Bemerkung oder einen Befund (es ist nicht auszumachen) des Wissenschaftshistorikers Michael Hagner, der für die "größte Bedrohung" des Lesens die heutige "Ungeduld" hält. Ungeduld. Sie wird - als eine Art Zeitdiagnose - nicht weiter erläutert. Dennoch hakt sie sich fest und geht mir nicht mehr aus dem Kopf: sehr lästig.
Die Rede von der Ungeduld ist dreist: bedient wird das Klischee - abgeleitet aus anderen kursierenden Klischees: das Internet und seine digitalen Ableger verderben, machen unruhig und unaufmerksam, lenken ab, beuten uns aus und bedeuten unseren kulturellen wie sozialen und psychischen Untergang. Das Buch und das Lesen galten schon immer als bedroht - die Gruppe der Autoren und Autorinnen, die mit den Augen rollten und rollen und sich die Haare rauften und raufen, ist riesig. Was wissen wir von den Prozessen des Lesens? Entscheidend sei, sagte Ludwig Marcuse, was einen nicht langweilt. Wissen wir das? Vielleicht sind die vermeintlich Ungeduldigen die, die sich mit einer strapaziösen Lektüre nicht quälen wollen? Noch einmal Ludwig Marcuse: Jeder sollte frei sein, sagte er, sich von einem Meister ins Herz treffen zu lassen. Mit anderen Worten: Autorinnen und Autoren, die eine jahrzehntelange Lektüre aushalten, sind rar und schwer zu finden. Auf diesem Weg kann man viele Bücher, deren erste Sätze fad sind und einen nicht einnehmen, schnell beiseite legen. Wer will, findet seine Autorin und seinen Autor. Leider sind unsere Lebenszeit und damit unsere Lesezeit begrenzt. Sich nicht langweilen zu wollen, ist eine gute Such-Strategie.
Überarbeitung: 20.3.2015.
Die Rede von der Ungeduld ist dreist: bedient wird das Klischee - abgeleitet aus anderen kursierenden Klischees: das Internet und seine digitalen Ableger verderben, machen unruhig und unaufmerksam, lenken ab, beuten uns aus und bedeuten unseren kulturellen wie sozialen und psychischen Untergang. Das Buch und das Lesen galten schon immer als bedroht - die Gruppe der Autoren und Autorinnen, die mit den Augen rollten und rollen und sich die Haare rauften und raufen, ist riesig. Was wissen wir von den Prozessen des Lesens? Entscheidend sei, sagte Ludwig Marcuse, was einen nicht langweilt. Wissen wir das? Vielleicht sind die vermeintlich Ungeduldigen die, die sich mit einer strapaziösen Lektüre nicht quälen wollen? Noch einmal Ludwig Marcuse: Jeder sollte frei sein, sagte er, sich von einem Meister ins Herz treffen zu lassen. Mit anderen Worten: Autorinnen und Autoren, die eine jahrzehntelange Lektüre aushalten, sind rar und schwer zu finden. Auf diesem Weg kann man viele Bücher, deren erste Sätze fad sind und einen nicht einnehmen, schnell beiseite legen. Wer will, findet seine Autorin und seinen Autor. Leider sind unsere Lebenszeit und damit unsere Lesezeit begrenzt. Sich nicht langweilen zu wollen, ist eine gute Such-Strategie.
Überarbeitung: 20.3.2015.
Freitag, 13. März 2015
Familien-Kitsch
Heute, am 13.3.2015, der Aufmacher der Süddeutschen Zeitung (S.1):
"Riesenkrach zwischen Berlin und Athen". Der Titel hält nicht die höfliche Form ein und beginnt mit: Berlin. Die Titel-Erläuterung: " Griechenlands Botschafter beschwert sich beim Auswärtigen Amt, weil Finanzminister Schäuble den Kollegen Varoufakis 'naiv' genannt habe. De Mazière kritisiert Drohung mit Flüchtlingsstrom".
Der Krach ist eine Vokabel zur Beschreibung einer Beziehungskrise. Beziehungen, das muss man eigentlich nicht wiederholen, bewegen sich in einem persönlichen Kontext. Der Krach hat in einem politischen Kontext nichts zu suchen; bestenfalls ist er Kurzschrift für schwierige Verhandlungen. Zwar verhandeln Personen, aber sie repräsentieren ein Amt und handeln im Rahmen eines Amtes. Es hat natürlich eine Logik, wenn ein Mitglied der Redaktion der Süddeutschen Zeitung auf eine Metapher der Familienstube zurückgreift: die konzeptionellen Differenzen müssen nicht erläutert und diskutiert werden - der bundesdeutsche Minister hat Recht, der griechische Minister Unrecht. Das ist erstaunlich, weil das bundesdeutsche finanzpolitische Konzept der schwarzen Null äußert umstritten ist - national wie (besonders) international. Stattdessen wird die Geschichte vom strengen, aber guten Vater erzählt, der gut wirtschaftet, das Geld zusammenhält und möglichst wenig ausgibt. Lässt man den familiären Kitsch beiseite, ist dieses Konzept mehr als fragwürdig. Unsere stattlichen Exportüberschüsse sind wahrscheinlich zu einem stattlichen Teil mit bundesdeutschen Krediten vorfinanziert - von Gläubigern (Staat, Industrien, Investoren), die sich jetzt Sorgen machen müssen, ihre Forderungen zurückzubekommen. Wie beim Tanzen gehören zum Schuldenmachen Zwei: der eine, der gibt, und der andere, der nimmt. Wer gibt, hat eine Verantwortung, darauf zu achten, ob der, der nimmt, auch zurückzahlen kann. Mit anderen Worten: über die Rolle der bundesdeutschen Akteure wird nicht gesprochen. Erstaunlich ist, was sich schon seit einiger Zeit beobachten lässt: wie sehr die Süddeutsche Zeitung die Finanz-Politik der jetzigen Regierung durchgehen lässt und sich treuherzig mit familiären Geschichten begnügt. Für das Jahres-Abonnement dieser Zeitung (gute sechshundert Euro) kann man fast dreizehn Jahre die LE MONDE diplomatique halten, wo man in der neuesten Ausgabe den sehr lesenswerten und sehr lesbarenText von Heiner Ganßmann lesen kann:
"Lauter schwarze Nullen. Deutschlands fatale Rolle in der europäischen Schuldenkrise" (März 2015, S. 3 -4).
Nachtrag am 14.3.2015. Wieso ist unser Finanzminister im Zentrum der Verhandlungen - und nicht die
Repräsentanten der Europäischen Kommission? Müsste nicht ein Repräsentant der Gemeinschaft verhandeln - für die Gemeinschaft? Und nicht nur für die Bundesrepublik und deren Gläubiger-Interessen. Was als ein in Berlin lokalisierter Konflikt kursiert, illustriert die enorme Schwierigkeit der EU, als eine Gemeinschaft zu handeln.
"Riesenkrach zwischen Berlin und Athen". Der Titel hält nicht die höfliche Form ein und beginnt mit: Berlin. Die Titel-Erläuterung: " Griechenlands Botschafter beschwert sich beim Auswärtigen Amt, weil Finanzminister Schäuble den Kollegen Varoufakis 'naiv' genannt habe. De Mazière kritisiert Drohung mit Flüchtlingsstrom".
Der Krach ist eine Vokabel zur Beschreibung einer Beziehungskrise. Beziehungen, das muss man eigentlich nicht wiederholen, bewegen sich in einem persönlichen Kontext. Der Krach hat in einem politischen Kontext nichts zu suchen; bestenfalls ist er Kurzschrift für schwierige Verhandlungen. Zwar verhandeln Personen, aber sie repräsentieren ein Amt und handeln im Rahmen eines Amtes. Es hat natürlich eine Logik, wenn ein Mitglied der Redaktion der Süddeutschen Zeitung auf eine Metapher der Familienstube zurückgreift: die konzeptionellen Differenzen müssen nicht erläutert und diskutiert werden - der bundesdeutsche Minister hat Recht, der griechische Minister Unrecht. Das ist erstaunlich, weil das bundesdeutsche finanzpolitische Konzept der schwarzen Null äußert umstritten ist - national wie (besonders) international. Stattdessen wird die Geschichte vom strengen, aber guten Vater erzählt, der gut wirtschaftet, das Geld zusammenhält und möglichst wenig ausgibt. Lässt man den familiären Kitsch beiseite, ist dieses Konzept mehr als fragwürdig. Unsere stattlichen Exportüberschüsse sind wahrscheinlich zu einem stattlichen Teil mit bundesdeutschen Krediten vorfinanziert - von Gläubigern (Staat, Industrien, Investoren), die sich jetzt Sorgen machen müssen, ihre Forderungen zurückzubekommen. Wie beim Tanzen gehören zum Schuldenmachen Zwei: der eine, der gibt, und der andere, der nimmt. Wer gibt, hat eine Verantwortung, darauf zu achten, ob der, der nimmt, auch zurückzahlen kann. Mit anderen Worten: über die Rolle der bundesdeutschen Akteure wird nicht gesprochen. Erstaunlich ist, was sich schon seit einiger Zeit beobachten lässt: wie sehr die Süddeutsche Zeitung die Finanz-Politik der jetzigen Regierung durchgehen lässt und sich treuherzig mit familiären Geschichten begnügt. Für das Jahres-Abonnement dieser Zeitung (gute sechshundert Euro) kann man fast dreizehn Jahre die LE MONDE diplomatique halten, wo man in der neuesten Ausgabe den sehr lesenswerten und sehr lesbarenText von Heiner Ganßmann lesen kann:
"Lauter schwarze Nullen. Deutschlands fatale Rolle in der europäischen Schuldenkrise" (März 2015, S. 3 -4).
Nachtrag am 14.3.2015. Wieso ist unser Finanzminister im Zentrum der Verhandlungen - und nicht die
Repräsentanten der Europäischen Kommission? Müsste nicht ein Repräsentant der Gemeinschaft verhandeln - für die Gemeinschaft? Und nicht nur für die Bundesrepublik und deren Gläubiger-Interessen. Was als ein in Berlin lokalisierter Konflikt kursiert, illustriert die enorme Schwierigkeit der EU, als eine Gemeinschaft zu handeln.
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