Schwieriges Problem. Daran musste ich denken, als ich gestern las:
"Wer liest schon gern sein Gehalt in der Zeitung? Dass Sparkassenvorstände sich gegen eine Veröffentlichung ihrer Bezüge wehren, ist menschlich verständlich" ( Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.7.2016, S. 15).
Bei so viel Mitgefühl kommen mir die Tränen. Die armen Sparkassenvorstände, die so viel verdienen (von einer knappen Million abwärts) und so ein schlechtes Gewissen haben...haben sie sicherlich nicht. Es wäre doch interessant, wie ein Vorstand sein Gehalt erläutert.
Neben diesem Text von Hanno Mußler ist der Text von Kerstin Schwenn platziert. Das Rentenniveau soll angehoben werden - sieht ein Plan des deutschen Gewerkschaftsbundes vor. Das wiederum, so die Autorin, wäre vorschnell:
"Viele Faktoren - etwa die Belastung durch den Zuzug der Flüchtlinge - können schneller, als der Gewerkschaft lieb ist, den Abschwung bewirken und Arbeitsplätze gefährden. Die Politik darf in den Rentenüberbietungswetttbewerb nicht einsteigen".
Rentenüberbietungswetttbewerb: das ist das Wort der Mahnung - nicht des Mitgefühls. Ungefähr 1400 Euro beträgt bei uns die durchschnittliche Rente - habe ich neulich aufgeschnappt und nicht überprüft (der Betrag erscheint mir ziemlich hoch). Damit kann sich ein Rentner das Abonnement der Zeitung für die klugen Köpfe nicht leisten.
Freitag, 22. Juli 2016
Montag, 4. Juli 2016
Journalistische Klischee-Fabrikation
Das rührselige Klischee.
"Die mimische Reaktion Angela Merkels", schreibt heute Günter Bannas in seinem Text "Merkels Fron" auf der ersten Seite (F.A.Z., 4. Juli 2016), "auf die Entscheidung drückte zweierlei aus: Zum einen Befürchtung und Sorge... zum anderen war in ihrem Gesicht ein entsetztes 'Nicht auch das noch' zu sehen". Zu viel zu tun, zu viele Konfliktlagen, sagt Günter Bannas (sinngemäß). Sein Fazit: "Das Amt wird zur Fron". Wird es das? Zu einer, wie der DUDEN definiert, als unerträglichem Zwang empfundenen Arbeit? Wo hat er das her? Erschlossen aus seinem Eindruck von der Mimik der
Bundeskanzlerin.
Das Klischee der Verachtung.
Die Mitglieder des Regierungsbündnisses sprechen mit vielen Stimmen. "Derlei Konflikte", so Günter Bannas, "haben in der Geschichte der Bundesrepublik den Bestand jeder Koalition gefährdet. Sachliches Auftreten hin, Rabaukentum her. Mit der Tonalität fängt es immer an". Sachliches Auftreten: bei Angela Merkel beobachtet; Rabaukentum: bei Sigmar Gabriel beobachtet. Die Gute ins Töpfchen, der Schlechte ins Kröpfchen.
"Die Fron bleibt", ist der letzte Satz im Text von Günter Bannas. Wenn journalistische Arbeit dazu dient, die relevanten existenziellen Kontexte zu sortieren und zu erläutern - dann hat Günter Bannas Kontexte verquirlt zu einer Art Sorge um die Bundeskanzlerin, die mit seltsamen Burschen zu tun hat. Ich wundere mich, wie dieser Text aus dem Album der Annäherungs- und Rettungswünsche auf die erste Seite kam.
(Überarbeitung: 5.7.2016)
"Die mimische Reaktion Angela Merkels", schreibt heute Günter Bannas in seinem Text "Merkels Fron" auf der ersten Seite (F.A.Z., 4. Juli 2016), "auf die Entscheidung drückte zweierlei aus: Zum einen Befürchtung und Sorge... zum anderen war in ihrem Gesicht ein entsetztes 'Nicht auch das noch' zu sehen". Zu viel zu tun, zu viele Konfliktlagen, sagt Günter Bannas (sinngemäß). Sein Fazit: "Das Amt wird zur Fron". Wird es das? Zu einer, wie der DUDEN definiert, als unerträglichem Zwang empfundenen Arbeit? Wo hat er das her? Erschlossen aus seinem Eindruck von der Mimik der
Bundeskanzlerin.
Das Klischee der Verachtung.
Die Mitglieder des Regierungsbündnisses sprechen mit vielen Stimmen. "Derlei Konflikte", so Günter Bannas, "haben in der Geschichte der Bundesrepublik den Bestand jeder Koalition gefährdet. Sachliches Auftreten hin, Rabaukentum her. Mit der Tonalität fängt es immer an". Sachliches Auftreten: bei Angela Merkel beobachtet; Rabaukentum: bei Sigmar Gabriel beobachtet. Die Gute ins Töpfchen, der Schlechte ins Kröpfchen.
"Die Fron bleibt", ist der letzte Satz im Text von Günter Bannas. Wenn journalistische Arbeit dazu dient, die relevanten existenziellen Kontexte zu sortieren und zu erläutern - dann hat Günter Bannas Kontexte verquirlt zu einer Art Sorge um die Bundeskanzlerin, die mit seltsamen Burschen zu tun hat. Ich wundere mich, wie dieser Text aus dem Album der Annäherungs- und Rettungswünsche auf die erste Seite kam.
(Überarbeitung: 5.7.2016)
Worte zum Verschleiern IV: das selbstfahrende oder das autonom fahrende Auto
Zum Verbum fahren gehört ein Subjekt, das steuert. Anderenfalls wird kein Satz draus, und das Ding wird nicht bewegt. Die Formeln selbstfahrend und autonom fahrend unterschlagen: dass für das Rechner-Programm viele Köpfe (Subjekte) notwendig waren und notwendig sind, um den subjektiven Prozess des Autofahrens in ein Fluss-Diagramm zu zerlegen, in dem x-tausende Ja-Nein-Entscheidungen zu einer Fahr-Bewegung verrechnet werden können. Unterschlagen wird: ein Rechner-Programm ersetzt die Fahrerin oder den Fahrer. Ein Rechner-Programm ersetzt deren oder dessen Subjektivität. Anders gesagt: unsere natürlichen Prozesse werden marginalisiert und suspendiert. Der Tagtraum mancher Nicht-Menschenwissenschaftler. Das Wort Menschenwissenschaftler stammt von Nobert Elias.
Viel Leben in der Bude
Vergangene Woche lud unser Außenminister die Kollegen der Länder ein, deren fünf Regierungchefs zusammen mit dem bundesdeutschen Regierungschef am 25. März1957 die Verträge zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft unterzeichneten. Frank-Walter Steinmeiers Reaktion auf das Referendum zum Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Die Einladung zum Rückblick und Ausblick? Schwer zu sagen. Manche Unionspolitiker waren mit der Einladung nicht einverstanden. Verständlich: so verhält man sich nicht in einer Gemeinschaft aus achtundzwanzig Mitgliedern. Jetzt wird unser Finanzminister zitiert, der vor ein paar Tagen einen "intergouvernementalen Ansatz anstelle der Gemeinschaftsmethode" (was immer das ist, sagt die F.A.Z. in ihrem Text nicht; 4.7.2016, S.1) vorschlug:
"Wenn die Kommission nicht mittut, dann nehmen wir die Sache selbst in die Hand und lösen die Probleme eben zwischen den Regierungen".
Unverständlich: so verhält man sich nicht in einer großen Gemeinschaft gleichberechtigter Mitglieder. Was beim einen moniert wird, hält einen nicht ab, es auch zu tun. Offenbar fällt es im Augenblick besonders schwer, einen die Gemeinschaft zusammenhaltenden Gedanken zu fassen. Schwer war es schon immer. Der 25. März 1957 liegt bald sechzig Jahre zurück. Damals backte die bundesdeutsche Regierung noch kleine Brötchen.
(Überarbeitung: 5.7.2016)
"Wenn die Kommission nicht mittut, dann nehmen wir die Sache selbst in die Hand und lösen die Probleme eben zwischen den Regierungen".
Unverständlich: so verhält man sich nicht in einer großen Gemeinschaft gleichberechtigter Mitglieder. Was beim einen moniert wird, hält einen nicht ab, es auch zu tun. Offenbar fällt es im Augenblick besonders schwer, einen die Gemeinschaft zusammenhaltenden Gedanken zu fassen. Schwer war es schon immer. Der 25. März 1957 liegt bald sechzig Jahre zurück. Damals backte die bundesdeutsche Regierung noch kleine Brötchen.
(Überarbeitung: 5.7.2016)
Freitag, 1. Juli 2016
Nachtreten
Nachtreten als eine im Alltag symbolische Handlung ist eine nickelige Geste der stillen Abrechnung und gilt im Fußball als Revanche-Foul. Noch einmal das Elend des Computer-gesteuerten Automobils. "Mensch bleibt Mensch", schreibt dazu Holger Appel im Buch Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.7.2016, S. 19) ganz richtig. "Der Computer tut stur nur das, was programmiert wurde". Auch richtig. "Das kann er zwar jeden Tag und mit jeder Situation besser, aber vermutlich nie mit absoluter Sicherheit". Ungefähr richtig: der Fortschritt verläuft nicht linear (jeden Tag besser) und absolute Sicherheit gibt es nicht. Jetzt die letzten beide Sätze: "Dass Behörden und Tesla den Vorgang wochenlang verschwiegen haben, sei nur am Rande erwähnt. Hiesige Hersteller würden dafür öffentlich auseinander genommen". Ohje ohje: die U.S.-Behörden und Volkswagen! Wie ungerecht! Wie ungerecht!
Neues zur Heiligen Kuh XXX: sie hat sich verrannt
Der erste tödlich verunglückte Autofahrer ist bei dem nordamerikanischen Feld-Versuch des Fahrer-losen, Rechner-gesteuerten Automobils zu beklagen. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird in der heutigen Ausgabe (2.7.2016, S.1) die Meldung mit diesem Satz eingeleitet: "Die Autoindustrie hat bei der Entwicklung selbstfahrender Autos einen schweren Rückschlag erlitten". Den Satz muss man mehrmals lesen. Nicht nur, dass der Autor oder die Autorin sich um die (gesamte) Industrie sorgt und von einem Rückschlag spricht. Das Wort vom selbstfahrenden Auto deutet auf das Elend der Ingenieur-Fantasie und deren vorhersehbares Scheitern - weshalb ich in mehreren Blogs dieses Projekt eine Schnapsidee nannte (2.3.2016, 24.2.2016, 22.9.2015): ein Selbst ist in dem Rechner-gesteuerten Fahrzeug nicht zu entdecken. Entdecken kann man die bescheidene, aber enorm aufgeblähte Idee, abgeleitet aus einer miserablen Theorie, man könnte hochkomplexe interaktive Prozesse in eine Abfolge von (innerhalb eines definierten Segments) störendenen Reizen und darauf bezogenen Reaktionen ausreichend präzis zerlegen. Autofahren wird mit einem Handlungsentwurf, der sich in einem offenen System (anders als das im Prinzip geschlossene System des Eisenbahnverkehrs) mit anderen Handlungsentwürfen abstimmt, realisiert. Die Struktur dieses Entwurfs lässt sich nicht zerlegen; sie ist die unsichtbare Form und stellt den unsichtbaren Kontext des Autofahrens - sie ist, wie wir das von unseren basalen somato-psychischen Regulationen kennen, nicht zu lokalisieren (allem Neuro-mumbojumbo zum Trotz) und deshalb von einer Maschine nicht zu reproduzieren.
Bleibt die Frage nach der Sicherheit des Autofahrens und des Vermeidens des immensen Preises an Leid und Verlusten. Möglich und wahrscheinlich, dass das Rechner-gesteuerte Autofahren weniger Leid und Verluste kostet. Aber mit dem dafür notwendigen riesigen, Jahre-langen Feldversuch, in dem die Unfall-Zahlen des einen Autofahrens mit dem anderen Autofahren verglichen werden müssten, kann man nicht experimentieren. Es gibt zwei Wege der Erhöhung der Sicherheit: 1. radikale Tempo-Limits; 2. großzügiger Ausbau der Öffentlichen Verkehrsmittel. Wenn die Autos wie auf Schienen bewegt werden sollen, können wir gleich auf Schienen fahren. Das Geld, das der Automobilindustrie zur Zeit offeriert wird, ließe sich bequem in diese beiden Projekte investieren. So könnten wir weitere Schnapsideen vermeiden: das Elektroauto, dessen Kosten noch gar nicht abzuschätzen sind, und die Installation der Infrastruktur für die Stromversorgung der Elektroautos. Das Problem sind: die Automobilindustrie, die weiterhin möglichst viele Autos (was immer der Markt hergibt) fraglos herstellen und verkaufen möchte, die IT-Konzerne, die gern expandieren und ihre klugen Leute beschäftigen möchten, und die Verkehrspolitik, die sich von Schnapsideen besäuseln lässt und sich vor allem für die reibungslose Herstellung von Automobilen verantwortlich fühlt.
Bleibt die Frage nach der Sicherheit des Autofahrens und des Vermeidens des immensen Preises an Leid und Verlusten. Möglich und wahrscheinlich, dass das Rechner-gesteuerte Autofahren weniger Leid und Verluste kostet. Aber mit dem dafür notwendigen riesigen, Jahre-langen Feldversuch, in dem die Unfall-Zahlen des einen Autofahrens mit dem anderen Autofahren verglichen werden müssten, kann man nicht experimentieren. Es gibt zwei Wege der Erhöhung der Sicherheit: 1. radikale Tempo-Limits; 2. großzügiger Ausbau der Öffentlichen Verkehrsmittel. Wenn die Autos wie auf Schienen bewegt werden sollen, können wir gleich auf Schienen fahren. Das Geld, das der Automobilindustrie zur Zeit offeriert wird, ließe sich bequem in diese beiden Projekte investieren. So könnten wir weitere Schnapsideen vermeiden: das Elektroauto, dessen Kosten noch gar nicht abzuschätzen sind, und die Installation der Infrastruktur für die Stromversorgung der Elektroautos. Das Problem sind: die Automobilindustrie, die weiterhin möglichst viele Autos (was immer der Markt hergibt) fraglos herstellen und verkaufen möchte, die IT-Konzerne, die gern expandieren und ihre klugen Leute beschäftigen möchten, und die Verkehrspolitik, die sich von Schnapsideen besäuseln lässt und sich vor allem für die reibungslose Herstellung von Automobilen verantwortlich fühlt.
Ein zweites Wort zur Inflation des Hasses
Heute morgen (1.7.2016, S. 13) veröffentlicht der niederländische Sozialwissenschaftler Ruud Koopmans in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seinen Text "Der Terror hat sehr viel mit dem Islam zu tun. Auch das Attentat in Orlando sollte die Tat eines Einzelgängers sein, der die Religion nur zu seiner Rechtfertigung missbraucht - ein gängiges Erklärungsmuster. Wie glaubthaft ist es?".
Zwei Anmerkungen zum Titel. 1. Natürlich haben die Morde mit der islamischen Religion zu tun. Die Frage ist: wie viel? Das wissen wir nicht. 2. Auch ein Einzelgänger ist nicht allein: seine innere
Welt dürfte mit Leuten bevölkert sein, mit denen er zumindest in fantasierten Beziehungen in Kontakt ist; diese Art von Beziehungen, die für ihn real sind, kennen wir nicht. Malcom Gladwell hat dazu neulich seinen Text "Threshold of Violence" im The New Yorker veröffentlicht (10/19/2015).
Ruud Koopmans schreibt: man "muss zunächst Aussagen und Verhalten des Täters selbst ernst nehmen". Keine Frage. Aber man muss auch das ernst nehmen, was er nicht sagt - womit und mit wem er in seiner inneren Welt noch beschäftigt ist. Osmar Mateen äußerte sich auf Facebook - so zitiert ihn Ruud Koopmans: "Die echten Muslime werden die dreckigen Wege des Westens nie akzeptieren. Ihr tötet unschuldige Frauen und Kinder durch Luftschläge. Spürt nun die Rache des Islamischen Staates". Was sagte er zu seiner inneren Welt, zum Ausmaß und zur Qualität seiner mörderischen Rage? Er gab mit seinem mörderischen Handeln Auskunft über seine immense Rage. Ihre lebensgeschichtlich relevanten Kontexte sind nicht bekannt.
Drei Seiten in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zurück: Matthias Hannemann bespricht die umfangreiche, enorm gründliche Arbeit von Asne Seierstad "Einer von uns". Sein Text hat den Titel: "Herr Möchtegern ist jetzt Terrorist". Der Möchtegern ist die Vokabel seines Miss- und Unverständnisses. Er moniert an Asne Seierstads Arbeit: "...ob man sich den politischen Facetten des Themas, die bei Seierstad natürlich vorkommen, aber nur en passant behandelt werden können, nicht trotzdem noch einmal intensiver annehmen muss". Seierstads Versuche, sich der inneren Welt von Anders Breivik zu nähern, waren ihm offenbar nicht genug. Er führt diesen (vertrauten) Kontext ein: "Die Islamophobie und der Hass auf die weltoffene Demokratie und ihre Repräsentanten nehmen in Zeiten des Populismus, der Flüchtlingsströme und der IS-Anschläge in Europa nicht gerade ab". Was besagt er dieser Satz über die innere Welt von Anders Breivik?
Eine Buch-Besprechung gibt nur indirekt Auskunft über die Beschäftigung des Rezensenten mit einem Text - man muss sie erschließen. Bemerkenswert finde ich, dass er nach der Lektüre des Buches von Asne Seierstad Anders Breivik einen Möchtegern nennen kann. Bemerkenswert finde ich auch, dass er Karl Ove Knausgaards Text "The Inexplicable. The terrible enigmas of Anders Breivik" nicht berücksichtigt (The New Yorker, 5/25/2015, S. 28 - 32). Der Möchtegern ist auch das Wort der Verachtung. Asne Seierstad und Karl Knausgaard haben die Anstrengung des Verständnisversuchs unternommen. Der Hass droht zur Passepartout-Vokabel des Ablegens in die öffentliche Wiedervorlage zu werden.
Zwei Anmerkungen zum Titel. 1. Natürlich haben die Morde mit der islamischen Religion zu tun. Die Frage ist: wie viel? Das wissen wir nicht. 2. Auch ein Einzelgänger ist nicht allein: seine innere
Welt dürfte mit Leuten bevölkert sein, mit denen er zumindest in fantasierten Beziehungen in Kontakt ist; diese Art von Beziehungen, die für ihn real sind, kennen wir nicht. Malcom Gladwell hat dazu neulich seinen Text "Threshold of Violence" im The New Yorker veröffentlicht (10/19/2015).
Ruud Koopmans schreibt: man "muss zunächst Aussagen und Verhalten des Täters selbst ernst nehmen". Keine Frage. Aber man muss auch das ernst nehmen, was er nicht sagt - womit und mit wem er in seiner inneren Welt noch beschäftigt ist. Osmar Mateen äußerte sich auf Facebook - so zitiert ihn Ruud Koopmans: "Die echten Muslime werden die dreckigen Wege des Westens nie akzeptieren. Ihr tötet unschuldige Frauen und Kinder durch Luftschläge. Spürt nun die Rache des Islamischen Staates". Was sagte er zu seiner inneren Welt, zum Ausmaß und zur Qualität seiner mörderischen Rage? Er gab mit seinem mörderischen Handeln Auskunft über seine immense Rage. Ihre lebensgeschichtlich relevanten Kontexte sind nicht bekannt.
Drei Seiten in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zurück: Matthias Hannemann bespricht die umfangreiche, enorm gründliche Arbeit von Asne Seierstad "Einer von uns". Sein Text hat den Titel: "Herr Möchtegern ist jetzt Terrorist". Der Möchtegern ist die Vokabel seines Miss- und Unverständnisses. Er moniert an Asne Seierstads Arbeit: "...ob man sich den politischen Facetten des Themas, die bei Seierstad natürlich vorkommen, aber nur en passant behandelt werden können, nicht trotzdem noch einmal intensiver annehmen muss". Seierstads Versuche, sich der inneren Welt von Anders Breivik zu nähern, waren ihm offenbar nicht genug. Er führt diesen (vertrauten) Kontext ein: "Die Islamophobie und der Hass auf die weltoffene Demokratie und ihre Repräsentanten nehmen in Zeiten des Populismus, der Flüchtlingsströme und der IS-Anschläge in Europa nicht gerade ab". Was besagt er dieser Satz über die innere Welt von Anders Breivik?
Eine Buch-Besprechung gibt nur indirekt Auskunft über die Beschäftigung des Rezensenten mit einem Text - man muss sie erschließen. Bemerkenswert finde ich, dass er nach der Lektüre des Buches von Asne Seierstad Anders Breivik einen Möchtegern nennen kann. Bemerkenswert finde ich auch, dass er Karl Ove Knausgaards Text "The Inexplicable. The terrible enigmas of Anders Breivik" nicht berücksichtigt (The New Yorker, 5/25/2015, S. 28 - 32). Der Möchtegern ist auch das Wort der Verachtung. Asne Seierstad und Karl Knausgaard haben die Anstrengung des Verständnisversuchs unternommen. Der Hass droht zur Passepartout-Vokabel des Ablegens in die öffentliche Wiedervorlage zu werden.
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