Freitag, 30. Oktober 2020

Angela Merkels pandemischer Dreiklang: "geeignet", "notwendig" und "verhältnismäßig". Wie klingt er?

 Geeignet, notwendig und verhältnismäßig nannte unsere Bundeskanzlerin am 28.10.2020 in ihrer Rede im Bundestag die Politik ihres Managements der Pandemie. Drei Adjektive zur Straffung ihres Arguments gemäß ihrer vertrauten Unlogik des Alternativlosen bot sie auf. Ob die angeordneten Interventionen  zur weitreichenden interaktiven Immobilität die Inzidenzzahlen ausreichend reduzieren, ist offen. Ihre Wirksamkeit und Angemessenheit müssen sich erweisen. Angela Merkel liebt es nicht, ihre komplexen Entscheidungen gut zu begründen. Sie liebt die vertrauensselige Ansprache (Sie kennen mich) und die unscharfe, großmütterliche Ermahnung (Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst), die so handlungsleitend ist wie der Appell Pass auf dich auf! Fahr vorsichtig! Am 2.11.2020 sagte sie: "Ich glaube in der Demokratie an die Kraft der Vernunft und der Verantwortung". Bravo. Ein Satz für die Ansprache zu Festtagen.

Fünfundsiebzig Prozent der Kontakte müssen unterbrochen werden, ist die vage Grundidee der vom 2.11. an geltenden Beschränkungen unserer Lebensbewegungen im Alltag. Wieso Fünfundsiebzig Prozent? Wo kommt diese Zahl her? Sind es die drei Viertel ungeklärter Infektionen? 

Wie kann man menschliche Kontakte unterbrechen? Interaktive Kontakte sind keine elektrischen Kontakte. Unsere Kanzlerin hat offenbar ein technisches Verständnis. Das Problem beginnt mit dem Wort Kontakt. Es hat in unserem Sprachgebrauch seine interaktiven Konnotationen verloren. Das lateinische contactus bedeutet: Berührung, Ansteckung, Einfluss. Das ist eine Palette von Beziehungsformen. Wie werden sie gestaltet und reguliert? Was ist ihre jeweilige Bedeutung? Es gibt unpersönliche, kollegiale, freundschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen unterschiedlicher Qualität und Geschichte. Was und wie viel steht auf dem Spiel, wenn man sich begegnet?  Menschliche Kontakte kann man nicht unterbrechen - man muss sie gestalten. Vermeiden kann man sie auch nicht ohne weiteres - man muss sich zumindest verabreden, sich nicht zu begegnen.

 Wie kriegt man das hin, wenn die Gesichtsmaske aufgesetzt und Distanz gewahrt werden muss? Das Aufsetzen und Zurückweichen sind Scham-besetzt, muss man vermuten; man quält sich, ziert sich, fürchtet, den oder die andere zu kränken, schief angesehen oder verachtet zu werden. Wir leben von und in unseren Beziehungen. Und jetzt sollen wir sie weiter systematisch  (und wahrscheinlich langfristig) verfremden? 

Davon abgesehen: Das Problem ist, dass nur ein gutes Viertel der Infektionen bislang rekonstruiert werden konnte - das heißt, es ist nicht ausreichend bekannt, wie und wo die Leute sich mit dem Covid -19-Virus ansteckten. Man weiß es sehr ungefähr: auf Familienfeiern, Großereignissen, geselligen Anlässen in geschlossenen Räumen, unter bestimmten Arbeitsbedingungen wie in der Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück. Was ist mit den  anderen Interaktionen  im Alltag? Wie verlaufen da die Wege der Infektionen? Wie verlaufen überhaupt die Wege der Infektionen? Erst wenn wir das genau wissen, können wir klug intervenieren. Umfangreiche, großzügige Forschung dazu wäre nicht schlecht; sie könnte unsere Lebenswirklichkeiten am Laufen halten.

Im Augenblick wissen wir einiges. Die Verbreitung des Virus setzt eine Annäherung und eine Interaktion voraus. Jemand  amtet das Virus aus, ein anderer atmet es ein. Eine Wolke Tröpfchen transportiert ihn vom Wirt zum Wirt. Wie groß muss die Wolke - die Viruslast - sein? Wissen wir nicht. Wie bewegt sie sich? Können wir überhaupt von einer Wolke sprechen? Ist auch unklar. Klar ist: jemand muss einen Verbund von Aerosolen in unsere Richtung befördern. Weshalb Abstand zu wahren eine gute, allerdings grobe Handlungsanweisung ist. Die zweite Handlungsanweisung betrifft die Maske. Sie systematisch in der Öffentlichkeit zu benutzen ist so klug - allerdings nicht so einfach -  wie den Sicherheitsgurt anzulegen. Der Sicherheitsgurt schützt vor den Folgen eines (statistisch) seltenen Autounfalls. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, eine infizierende Viruslast einzuatmen? Das wissen wir noch nicht. Weshalb eine unsichtbare, allgegenwärtige, mehr oder weniger große Bedrohung in unserer öffentlichen Diskussion kursiert und beunruhigt. Christian Drosten hat das mit dem Bild eines Zigarettenrauchers zu präzisieren versucht: langsam füllt sein Qualm den Raum; irgendwann haben die Anwesenden ihn in der Nase und können ihn sehen. Ähnlich konzentriert sich die Viruslast. Deshalb ist der  Raum ein ungünstiger Ort.   

Ob die geeigneten, notwendigen und verhältnismäßigen Interventionen geeignet, notwendig und verhältnismaßig sind, müssen wir sehen. Die Kanzlerin unternimmt ein Experiment - ohne es wirklich deutlich zu sagen. Wenn man unsicher ist, muss man zugeben, dass man experimentiert, um sich schlau zu machen. Offenbar folgen Politiker dem Missverständnis, Zweifel nicht äußern zu dürfen. Die Kanzlerin und ihre Kolleginnen & Kollegen sollten uns für die Ungewissheit des Experiments zu gewinnen und zu überzeugen suchen, die Plausibilität des Experiments erläutern und die Kritik am Experiment erörtern. Schließlich befinden wir uns in einer demokratisch verfassten Gesellschaft und können erwarten, dass wir einbezogen werden.  

Außerdem können wir erwarten, nicht mit rührseligen Trostformeln abgespeist zu werden. Die Wahrheit hilft. Weihnachten wird ein anderes Fest. Die Forschung braucht ihre Zeit. Die nächsten Jahre werden schwierig. Ein happy ending ist nicht zu erwarten. Die Pandemie kriegen wir nicht besiegt. Naturkatastrophen kann man nicht bekämpfen; man kann nur die Folgeschäden reparieren. Die Natur siegt immer. Die Erderwärmung nimmt uns in den Griff. Wir werden zur Kasse gebeten. Mir graust vor der Hitze. Da hilft keine Maske. Kein Rückzug. Wir werden eine gewaltige solidarische nationale wie internationale Anstrengung aufbringen müssen, um unsere Lebensformen (Lebenswünsche und Lebensentwürfe, kulturelle Teilhabe, Konsumieren, Reisen) zu modifizieren. Diese Pandemie kommt vermutlich nicht allein.


(Überarbeitung: 4.11.2020)

Donnerstag, 8. Oktober 2020

Der Bully D.J.T. kriegt, wonach er sich sehnt: mächtig eins auf die Nase

Donald John Trump stolpert vor sich hin. Er wackelt. Erst spottete er lang & breit über die Gefahr der Covid-19 Pandemie. Dann infizierte er sich und dankte kleinlaut vor einer Kamera und einem Mikrophon für die vielen condolences - seine Vokabel -  und erkannte die Gefahr des Virus - ohne ihn chinesisch zu nennen -  an. Dann pries er die Schule des Lebens - sein Wort -  und räumte seine Begriffsstutzigkeit ein. Dann ließ er sich mit Maske in seinem gepanzerten Kasten vor dem Krankenhaus auf & ab chauffieren und kassierte die Zuneigung seiner Wählerinnen und Wähler. Dann wurde er transferiert ins traute Heim, zog auf dem Balkon des Weißen Hauses seine Maske vom Gesicht und streckte den aufgespreizten Roger!-Daumen in die Welt-Öffentlichkeit. Dann setzte er die Ausgleichszahlungen für die in besondere Not geratenen U.S.Bürgerinnen und Bürger bis nach seiner Wiederwahl aus - im Klartext: wenn Ihr was kriegen wollt, müsst Ihr mich wählen. Dumm, dümmer, am dümmsten. Es gibt offenbar immer eine Steigerung. Der Mann folgt weiter den grenzenlosen, rabiaten Impulsen seiner Bedürftigkeit und hofft auf den Hammer, der ihn erlöst.

 

Freitag, 25. September 2020

Let's have some fun - D.J.T. und F.A.Z.

Heute, am 25.9.2020, titelt die F.A.Z. auf ihrer ersten Seite: 

"Trump will sich nicht zu friedlicher Machtübergabe bekennen".

Friedlich ist nett. Es ist eine Lieblingsvokabel deutscher Erziehungspraxis. Unfriedlich ist gar nicht oder selten in unserem Gebrauch; ich weiß nicht, wann ich dieses Wort zum letzten Mal gehört habe. Unfrieden ist geläufig und wird ungern gesehen. Unfrieden, erfahren wir gegenwärtig, ist offenbar der demokratische Normalfall. Weil die U.S.-Verfassung hier & da locker gestrickt ist, wie D.J.T. herausbringt, kann der jetzige Präsident einfach sitzen bleiben. Die Washington Post hat es gerade (24.9.2020) ausgemalt: Am 3.11. liegt Donald Trump vorn. Joe Biden überholt ihn mit den Ergebnissen der Briefwahl. Die Konservativen erheben Einspruch gegen die Briefwahl, dagegen erheben die Demokraten Einspruch. Es geht hin & her.

Schließlich geht die Entscheidung an die Bundesländer. Dort haben die konservativen Gouverneure die Mehrzahl...D.J.T. bleibt im Amt. Die Verfassung hat dagegen nichts einzuwenden. Das wird, sollte es so kommen, ein schreckliches Theater. Ein Aufstand in den U.S.A. Es ist nicht zu erwarten, dass D.J.T. zugunsten eines nationalen Friedens nachgeben wird. Solange er eine Chance sieht oder seine unverfrorenen, abgekochten Juristen ihm offerieren, wird er wüten. Es wird schmutzig. Leider kostet der Spaß einen immensen demokratischen Preis. Die stolze U.S.-Demokratie wird sich erholen müssen. Ob wir Beobachter bleiben können, ist fraglich. Möglich, dass wir uns einmischen müssen.

 


  

Donnerstag, 17. September 2020

ZDF, 15.9.2020 um 20.15 Uhr: "Donald Trump - der unterschätzte Präsident"

Fünfundvierzig Minuten schräger Trost aus Mainz. Eine buchstäblich tolle Sendung mit einem tollen Titel. Sigmar Gabriel tauchte als einziger bundesdeutscher Zeuge auf, der kundtat: erratisch (seine Vokabel) sei die Politik des U.S.-Präsidenten nicht, er rede nicht nur, sondern handele. Wenn das kein Lob war. Die als Zeugen und künftige Wähler des Präsidenten aufgebotenen U.S.-Amerikaner aus den mittleren Bundesländern sehen das ähnlich: Verträge hat er kassiert, neue geschlossen, Abkommen gekündigt, die Wirtschaft beschleunigt, den Supreme Court konservativ besetzt, die Welt irgendwie aufgemischt - er hat, wie das so schön heißt, bis auf die Grenzmauer zu Mexiko, geliefert. Von wegen. Geliefert hat er die demokratische Destruktion und ein psychosoziales Disaster. Davon ist nicht die Rede. Autoren sind: Stefan Wiesen (Wort) und Jürgen Rehberg (Bild). Ihr Dokumentarfilm wirkt wie ein manövrierunfähig gewordenes Boot, in das unglücklicherweise zuviel Wasser hineingeschwappt ist. Das Wasser ist die katastrophale Leugnung der von Donald John Trump getriebenen U.S.-Regierung,  die zu spät realisiert hat, dass eine Pandemie eine Pandemie ist, die Erderwärmung gewaltig zunimmt und Fachleute etwas zu sagen haben. Stefan Wiesen und Jürgen Rehberg wollten offenbar ihr Publikum einstimmen auf die Wiederwahl des U.S.Präsidenten mit dem bekannten Klapser: So schlimm wird's nicht werden.

 An einer  Stelle des Films habe ich aufgemerkt. 2011 gab es eine Veranstaltung, auf der Barack Obama sprach und Donald John Trump anwesend war. Barack Obama ging ihn - wie die U.S.Amerikaner das häufig ziemlich robust tun - mit einem sehr spöttischen Humor an und demütigte ihn zum Vergnügen vieler Anwesenden. Donald Trump, war aus der Entfernung zu beobachten, blieb freundlich und machte, wie wir das sagen: Gute Miene zum bösen Spiel.  Er machte keine Gegen-Bemerkung. Er wehrte sich nicht. Das fand ich erstaunlich.  Auch einem Präsidenten kann man widersprechen, wenn man so adressiert wird. Sollte Donald John Trump, wenn er bei seiner Abwahl im November nicht mehr über Macht und Status seines Amtes verfügt, einfach einknicken, ohne zu wüten, wie es befürchtet wird? Ein Bulldozer ohne Sprit und Schaufel?  Bullies sind ängstlich, muss man wissen; sie erwarten, dass jemand schrecklich über sie herfällt -  weshalb sie einschüchternd auftreten. Wir werden sehen.


(Überarbeitung: 20.9.2020)

   

 

 

 

Donnerstag, 27. August 2020

Hart, aber hilflos: die Redaktion verhebt sich am 24.8.2020 um 21.00 Uhr

 Wahlkampf mit allen Mitteln: Zerbricht Amerika an Donald Trump? war der reißerische Titel der Frank Plasberg-Sendung vom 24.8.2020. Der Titel spielt mit dem Vergnügen an Katastrophenfilmen à la Mark Robson-Films Erdbeben (U.S.A. 1974). Mit anderen Worten: der Titel war nicht ernst gemeint. Wie will man diese hypothetische, enorm weit ausgreifende und weit reichende Frage in einer Rederunde besprechen und klären? Wie zerbricht überhaupt ein Land? War Deutschland 1945 zerbrochen? 1949 wurde es geteilt. 

Vielleicht sollte man den Titel variieren: ARD-Fernsehen mit allen Mitteln. Die Mittel dieser Sendung waren allerdings  bescheiden. Die Redaktion von Hart, aber fair hatte fünf Protagonisten eingeladen, um das Zerbrechen zu diskutieren; ein Protagonist war Pro-Trump, die anderen Naja-Trump bis Anti-Trump. Frank Plasberg dirigierte deren Auftritte. Des Vergnügens wegen begann er mit dem Pro-Protagonisten: mit George Weinberg, Jahrgang 1947, an der RWTH Aachen promovierter Bauingenieur und Sprecher der außerhalb der U.S.A. lebenden Republikaner. Frank Plasberg ging ihn frontal an - jemand muss den ARD-Journalisten gesagt haben, dass die direkte Konfrontation eine effektive journalistische Technik im elektronischen Forum ist, weil man da die Leute leicht in die Tasche stecken kann - und versuchte, ihn wegzukegeln:    

"Was muss man ausschalten können, wenn man Donald Trump wählen wird - Herz oder Verstand?" 

Eine ausgetüftelte, aber rührselige und naive Frage, die George Weinberg die Enge einer Alternative (Herz oder Verstand) aufzwingen wollte. Natürlich ließ er sich nicht zwingen und sprach über Donald Trumps Verdienste in der ersten Phase der Präsidentschaft; die zweite setzte mit dem pandemischen Prozess ein. Frank Plasberg ließ ihm diese Form von Weichzeichnung  durchgehen. Er war offenbar schlecht vorbereitet und erinnerte ihn nicht mit Nachdruck an die erratischen Manöver des Präsidenten der Jahre 2017, 2018 und 2019. 

Als Beispiel für die Technik des U.S.-Präsidenten, Zweifel zu säen, um zu diskreditieren, wurde ein Ausschnitt aus dessen Pressekonferenz eingespielt, in dem Donald Trump von Journalisten befragt worden war, wie er den Text eines Juristen einschätzen würde, der die Rechtmäßigkeit der Kandidatur von Kamala Harris, deren Eltern keine gebürtigen Amerikaner sind, während Kamala Harris in den Vereinigten Staaten geboren wurde, anzweifelte. Donald Trump beantwortete die Frage beschämend ausweichend - zu dieser juristischen Frage könne er, Präsident der Vereinigten Staaten, nichts sagen.

Frank Plasberg fragte George Weinberg, wie er das ausweichende Manöver des Präsidenten fand. George Weinberg hatte an der Antwort seines Präsidenten nichts auszusetzen; es war eben eine juristische Frage, die zu beantworten Donald Trump sich nicht in der Lage sah. Frank Plasberg reagierte spitz; er ging im Studio buchstäblich auf den Pro-Protagonisten zu:

"Sie wissen das ganz genau. Ich schätze Sie so ein - Sie sind intelligent und promoviert - , dass Sie das genau wissen. Wieso leugnen Sie das vor sich selbst?"

Eine treuherzige, flehende Aufforderung, wahrhaftig zu sein. Frank Plasberg machte ihm den Vorwurf, sich in die Tasche zu lügen. Das wiederum wollte  George Weinberg nicht auf sich sitzen lassen; er kam ihm entgegen mit der Unterscheidung zwischen juristischer Fachfrage - zu der er nichts sagen könnte - und eigener Meinung, die er natürlich hätte: seines Wissens ist Kamala Harris' Kandidatur in Ordnung.

So ging es weiter. Der Pro-Protagonist kam durch. Die Antwort auf die Befürchtung des Zerbrechens wurde vorläufig gegeben. Norbert Röttgen und Ansgar Graw sagten: unwahrscheinlich; die demokratischen Institutionen der U.S.A. halten. Eine Katastrophe wurde nicht beschworen. Das Erdbeben bebte nicht.   

 

(Überarbeitung: 28.8.2020)  

 

    

Wer hat Angst vor Donald J. Trump? Über eine schwer zu greifende (alternativlose?) Trump-Lähmung

Tabubruch nannte Majid Sattar von der F.A.Z.  (21.8.2020, S. 3, Nr. 194) Barack Obamas Rede auf dem Parteitag der Demokraten am Mittwoch, dem 19.8.2020. Sattar verstand sie als eine Brandrede, wie er schrieb. Barack Obama hatte am 19.8.2020 Donald John Trump beschrieben:

"For close to four years now, he's shown no interest in putting in the work; no interest in finding common ground; no interest in using the awesome power of his office to help anyone but himself and his friends; no interest in treating the Presidency as anything but one more reality show he can use to get the attention he craves".

Sechs! Setzen! Der Amtsinhaber ist unzureichend, zudem hat er ein schweres Selbstwertproblem - Barack Obama, könnte man sagen, bewegte sich in den bekannten Mustern der nordamerikanischen - nicht der bundesdeutschen -  kritischen Beschreibung von Donald John Trump. So weit - nicht schlecht und nicht verkehrt. David Remnick, Autor der bewegenden Autobiographie von Barack Obama und Chefredakteur der Zeitschrift The New Yorker, glaubte, beim ehemaligen Präsidenten ein gewisses Vergnügen beobachtet zu haben - er sprach, so Remnick, mit einem barely concealed relish (20.8.2020). Obama nahm keine Rücksicht. Sein Vergnügen  -  sollte Remnicks Beobachtung zutreffen -  ist verständlich. Seine Besorgnis auch.  Aber Donald Trump, der gegenwärtige Amtsinhaber, ist nur ein Teil des Problems. Donald Trump verfügt noch immer ausreichend über Mitarbeiter und Berater, die ihn stützen, schützen, informieren und wappnen - die Donald Trump zu Donald Trump machen und ihn Donald Trump sein lassen.  Bod Woodward hat mit seinem Buch Fear eine Erklärung  für diese Art von Unterstützung gegeben. Reicht sie? Wahrscheinlich nicht. Und was ist mit seinen Wählerinnen und Wählern, die ihm folgen? Barack Obama, vermute ich, kennt nicht die Arbeiten des französischen Soziologen Bruno Latour, der 2018 in einem Interview sagte: "Wir sind alle wie Trump" (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.5.2018, S. 50, Nr. 19).

 Es ist, wie immer, komplizierter. Die (in meiner Wahrnehmung) seit den 60er Jahren manifeste und jetzt mehr & mehr prononcierte, tiefe, nationale wie internationale Unzufriedenheit mit den Lebensverhältnissen in demokratisch verfassten Ländern - deren Ausmaß wir nicht genau kennen - , die Leugnung und der Widerwille gegen dringend notwendige Veränderungen, der globale Verdacht der Korruption, des Zynismus und des Desinteresses staatlicher Institute und gesellschaftlicher Eliten, die Entwertung und Verachtung der Wissenschaft - sind vielleicht die unverstandene Bewegungen enttäuschter Hoffungen auf die demokratischen Versprechen nach Fairness und Gerechtigkeit in unseren Gesellschaften.  

Vor gut zwei Jahren spottete Majid Sattar über die "neue Fachdisziplin" - die "Trump-Psychologie"  (s. meinen Blog vom 23.3.2018 Lektüre einer Form von Journalismus 65). Die europäischen Regierungen rätselten, so Mattar damals, über ihren Umgang mit dem U.S.-Präsidenten; er hatte deren Überlegungen auf die Formel sanft oder robust gebracht. Das war die schlappe Formel eines journalistischen Beobachters ohne Fantasie, der sich in seiner Verachtung des U.S.-Präsidenten sicher wähnte. Sattars nordamerikanische Kollegen hatten nach dessen Wahl präzis prognostiziert, was Barack Obama damals nicht aussprach, um den Start der neuen Präsidentschaft nicht zu kontaminieren. Jetzt scheint Majid Sattar der Spaß vergangen zu sein; Tabubruch und Brandrede lassen eine Ängstlichkeit anklingen. Das ticket to hell, das Charles M. Blow in der New York Times mit der Präsidentschaft von Donald John Trump vermutete, ist möglicherweise noch für eine Weiterfahrt gültig.     

Was dann wird, müssen wir sehen. Wir müssen damit rechnen. Das Trumpsche Klima und der Trumpsche way of politics sind gefährlich:  Wahrheiten gibt es nicht mehr; jede wilde Behauptung, deren Widerlegung Zeit kostet, beansprucht Beachtung;  groteske Zweifel haben Gewicht; Drohungen verfangen. Die politische Perversion der alternativen Fakten und der fake news - die bundesdeutsche Macht-Formel unserer Regierung von der Alternativlosigkeit ist demokratisch kaum besser -  ist eingesickert als eine Art anderer Realität der Irritation, Destabilisierung und Desorientierung: vielleicht hat der Präsident doch recht. Zum Glück hält die Washington Post gegen und dessen gut 20.000 Betrügereien nach.  Trump will die Briefwahl, das neueste Beispiel seiner präsidialen Zerstörungsversuche, verhindern; er lässt offen, ob er das Wahlergebnis im November anerkennt.  Barack Obama unterschätzt  ihn nicht. Er warnt vor der Zerstörung demokratischer Kultur. Donald John Trump lässt die Abrissbirne rotieren. Scherben bringen kein Glück und sind nicht lustig.

(Überarbeitung: 24.11.2020)

Freitag, 14. August 2020

Was haben wir angerichtet?

Gestern im Feuilleton-Buch der F.A.Z. (13.8.2020, S. 9) der Text Dürr, dürrer, am dürrsten. Untertitel: Das Waldsterben der achtziger Jahre war im Vergleich zu dem, was gerade im Westerwald passiert, harmlos - eine Stippvisite  von Uwe Ebbinghaus.

Der Befund ist ordentlich beschrieben:

"Die Reviere kommen mit dem Fällen nicht nach. Ein Blick auf diese Baumleichen, deren Farbe in den letzten Tagen vom Braum zum Rot gewechselt ist, genügt, um zu wissen: Es wird Jahrzehnte dauern, um den Schaden zu beheben. Und es kann noch schlimmer werden. Der Klimawandel ist in der Mitte Deutschlands angekommen".

Es wird noch schlimmer werden. Der Schaden ist nicht zu beheben. 

 Der Schaden ist ein schwaches, tröstliches Wort. Vom Schaden wissen wir: es gibt immer eine Reparatur. Wie nennen wir einen Defekt, der den Normalzustand darstellt? Müssen wir noch finden. Zur Zeit lügen wir uns noch in die Tasche. Das Wort Klimaschutz ist mein Beleg.  Es ist das Wort einer schrecklichen, sogar parlamentarisch legitimierten Illusion. Das Klima können wir nicht schützen. Wir hatten und wir haben es nicht in der Hand. Wir sind Teil der Natur. Wir entkommen ihr nicht. Es ist Zahltag. Wir werden gezwungen, den Preis unserer maßlosen Expansion zu entrichten. Er wird uns nach & nach präsentiert. Die Pandemie ist der Anfang.