Heute, am 15.2.2012, in der SZ auf Seite zwei: Peter Bofingers Außenansicht. Die Titel sagen genug: Tödliche Therapie. Die EU zwingt Griechenland blind zum Sparen - und könnte so das Land in den Abgrund stürzen. Liest man seinen Text findet man Erstaunliches:
"Griechenland hat aber nicht versagt. Wer sich die Mühe macht, die umfangreichen 'Reviews' des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu lesen, erkennt, dass das Land einen Großteil der vorgegebenen Maßnahmen verwirklich hat". Die Staatsausgaben - ohne Zinsen - seien von 2009 bis 2011 um 17 Prozent gesunken (ein Beispiel). Fazit: "Im Februar 2011 beurteilte der IWF die bis dahin erbrachten Leistungen als auch im internationalen Maßstab eindrucksvoll". Fazit II: "Wenn nicht mehr dabei herausgekommen ist, liegt das an der Therapie. Sie hat die Gefahren für den Kreislauf des Patienten völlig unterschätzt".
Auf Seite 17 (Wirtschaftsteil) der SZ: Franz Fehrenbachs Verdikt "Griechenland hat in der EU nichts zu suchen". Der Chef von Bosch "fordert den Ausschluss des Schuldenstaats". Wie das? Bosch gilt als klug geführter, menschlicher Konzern. Der Chef äußerst sich herrisch. Haben wir jetzt in der EU das einzige Sagen? Wie passt das zu Peter Bofinger? Gar nicht. Alte, vertraute Töne breiten sich aus. Was hatten wir 1945 in Europa zu suchen? Wieso wurde uns eigentlich auf die Beine geholfen?
Es ist zu vermuten, das die Erinnerung an die Geschichte der Bundesrepublik keine Rolle spielt - offenbar wohl die Erinnerung an die Niederlage und die Kränkung durch die deutsche Katastrophe. Jetzt wäre die Möglichkeit, etwas zurückzugeben und zu sagen: Wir erinnern uns an 1945. Wir sind dankbar und möchten etwas zurückgeben. Wir werden alles tun, um Griechenland und andere Länder Europas zu unterstützen und zu helfen. Nein, eine Reihe von Bundesdeutschen vergessen, wer sie sind und wer sie waren. Sie trampeln auf dem Stolz einer alten Nation herum, deren Mitgliedern sie vorzuschreiben versuchen, wie sie leben sollen. Die Bundesdeutschen, die sich jetzt so äußern wie Franz Fehrenbach, sind die pingeligen Krämer, die übersehen, dass sie vom Wohlwollen derer abhängen, die großzügig waren.
Dienstag, 14. Februar 2012
Dienstag, 31. Januar 2012
Ob unsere Politikerinnen und Politiker ausreichend an unsere Geschichte denken?
Gute Tageszeitungen sind ein Segen. Heute, am letzten Tag des Januar 2012, macht die SZ ihre erste und zweite Seite mit Schlagzeilen auf, die einen Subtext ergeben:
Auf der ersten Seite: "EU-Partner kritisieren Vorschlag der Bundesregierung.
Merkel lenkt ein - kein Sparkommissar für Athen.
Kanzlerin: Dies ist eine Diskussion, die wir nicht führen sollten/Gipfel einigt sich
auf 500-Milliarden-Rettungsschirm".
Auf der zweiten Seite: "Die Frau, die in die Kälte kam.
Kurz nach ihrer Ankunft in Brüssel macht Angela Merkel klar, auf welche
deutsche Forderungen sie verzichten könne"
"Deutschland, der Feind. Die Debatte um einen Kontrolleur aus Brüssel heizt die
Stimmung in Griechenland weiter an - sogar die zerstrittene Regierung ist sich
ihrer Abneigung ausnahmsweise einig".
Schließlich, Joschka Fischers Außenansicht: "Gefährlich selbstzufrieden. Die Umfragen sind gut für Angela Merkel. Doch das könnte die Regierung verführen, unangenehme Wahrheiten zu verschweigen".
Der Subtext lautet: Deutschland dominiert erneut. Die Bundesrepublik Deutschland ist nicht mehr zu erkennen. Der nationalsozialistische Imperialismus kehrt zurück. Wenn dieser offenbar in der EU - vor allem in Griechenland - kursierende, befürchtete Kontext sich durchsetzt, wäre es schrecklich. Der bundesdeutsche Wunsch und die bundesdeutsche Politik der Integration in einen Staaten-Verbund wären zerrieben. Die Bundesrepublik hat von dem Ungleichgewicht der europäischen Staaten enorm profitiert und profitiert von der jetzigen Krise. Anders gesagt: die EU hat unseren Reichtum ermöglicht - und viel wichtiger: die Aufnahme in den europäischen Staaten-Verbund hat unser Selbstgefühl befriedet. Wäre jetzt nicht Zeit für eine bundesdeutsche Politik, die der Großzügigkeit der europäischen Staaten (die natürlich auch ihre Interessen hatten) zurückzugeben versucht, was sie zurückgeben kann? Für eine Wirtschaftspolitik, die die EU als eine wirtschaftliche Gemeinschaft versteht, in der die einzelnen Staaten in einen Topf wirtschaften und Gewinne und Verluste gemeinsam tragen? Ich hoffe, unsere Politikerinnen und Politiker erinnern sich an die Entstehung der Bundesrepublik Deutschland, die kein Deutschland mehr sein wollte.
Auf der ersten Seite: "EU-Partner kritisieren Vorschlag der Bundesregierung.
Merkel lenkt ein - kein Sparkommissar für Athen.
Kanzlerin: Dies ist eine Diskussion, die wir nicht führen sollten/Gipfel einigt sich
auf 500-Milliarden-Rettungsschirm".
Auf der zweiten Seite: "Die Frau, die in die Kälte kam.
Kurz nach ihrer Ankunft in Brüssel macht Angela Merkel klar, auf welche
deutsche Forderungen sie verzichten könne"
"Deutschland, der Feind. Die Debatte um einen Kontrolleur aus Brüssel heizt die
Stimmung in Griechenland weiter an - sogar die zerstrittene Regierung ist sich
ihrer Abneigung ausnahmsweise einig".
Schließlich, Joschka Fischers Außenansicht: "Gefährlich selbstzufrieden. Die Umfragen sind gut für Angela Merkel. Doch das könnte die Regierung verführen, unangenehme Wahrheiten zu verschweigen".
Der Subtext lautet: Deutschland dominiert erneut. Die Bundesrepublik Deutschland ist nicht mehr zu erkennen. Der nationalsozialistische Imperialismus kehrt zurück. Wenn dieser offenbar in der EU - vor allem in Griechenland - kursierende, befürchtete Kontext sich durchsetzt, wäre es schrecklich. Der bundesdeutsche Wunsch und die bundesdeutsche Politik der Integration in einen Staaten-Verbund wären zerrieben. Die Bundesrepublik hat von dem Ungleichgewicht der europäischen Staaten enorm profitiert und profitiert von der jetzigen Krise. Anders gesagt: die EU hat unseren Reichtum ermöglicht - und viel wichtiger: die Aufnahme in den europäischen Staaten-Verbund hat unser Selbstgefühl befriedet. Wäre jetzt nicht Zeit für eine bundesdeutsche Politik, die der Großzügigkeit der europäischen Staaten (die natürlich auch ihre Interessen hatten) zurückzugeben versucht, was sie zurückgeben kann? Für eine Wirtschaftspolitik, die die EU als eine wirtschaftliche Gemeinschaft versteht, in der die einzelnen Staaten in einen Topf wirtschaften und Gewinne und Verluste gemeinsam tragen? Ich hoffe, unsere Politikerinnen und Politiker erinnern sich an die Entstehung der Bundesrepublik Deutschland, die kein Deutschland mehr sein wollte.
Dienstag, 24. Januar 2012
Augen-Reiben
Gestern veröffentlichte die SZ Navid Kermanis Rede, die er im Hamburger Thalia-Theater gehalten hatte, unter dem Titel Vergesst Deutschland. Über Philotas, den wortlosen Terror und die Mitte der Gesellschaft.
Drei Passagen fielen mir auf.
1. "Und selbst wenn Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, wonach es nicht aussieht, am Mittag des 4. Novembers in Panik geraten und sich aus Verzweiflung, Furcht vor dem Gefängnis oder gar Scham spontan umgebracht hätten, so haben sie dennoch subjektiv ein Opfer gebracht, indem sie sich mit letzter Konsequenz für den bewaffneten politischen Kampf entschieden, damit für ein Leben in der Illegalität, für den Bruch mit der eigenen Familie und die Ächtung durch die Gesellschaft, für den Verzicht auf eine bürgerliche Laufbahn und die Unsicherheit einer Existenz im Untergrund, für die permanente Gefahr der Festnahme, der Verletzung oder des Todes".
Woher weiß David Kermani das? Hatte er mit ihnen gesprochen?
Was ist ein bewaffneter politischer Kampf in der Bundesrepublik?
2. Uwe Mundlos entstammt einer gebildeten Familie, schreibt er: "Der Vater von Mundlos auch nach dem Ende der DDR offenbar noch mit Sympathien für den Sozialismus".
Was ist daran so ungewöhnlich? Nichts Neues in Waldhagen, möchte ich mit dem Titel der WDR-Schulfunk-Sendung aus den 50er Jahren antworten. Den nationalsozialistischen Betrieb hielt vor allem die damalige junge akademische Elite am Laufen. S. zum Beispiel Mark Roseman: Die Wannsee-Konferenz. Wie die NS-Bürokratie den Holocaust organisierte. Berlin: Propyläen Verlag 2002. Der Originaltitel der Arbeit von Mark Roseman: The Villa, The Lake, The Meeting.
3. "Dass der größte unter allen Bucherfolgen der letzten Jahre ausgerechnet einer Schrift zukam, die die Überlegenheit des Eigenen und die Bedrohung durch das Fremde nicht mehr nur kulturell erklärt wie im Rechtspopulismus, sondern genetisch festschreibt, ist dabei mehr als nur ein Zufall. Es ist ein Menetekel".
Bangemachen gilt nicht. Das Vergnügen am Ressentiment ist uralt. Das Ressentiment, da sage ich nichts Neues, ist das Produkt eines projizierten Hasses. Der Hass ist das Problem; er muss verstanden werden. Das unmögliche bundesdeutsche Projekt der Vergangenheitsbewältigung enthielt und enthält den Wunsch, sich des Hasses zu entledigen - mit ihm nichts zu tun haben zu wollen. In den 50er Jahren war der antisemitische Hass - verständlicherweise; die bundesdeutsche Öffentlichkeit fürchtete um ihr Ansehen - tabuisiert. Es half nicht: Jahr für Jahr beschäftigen antisemitische Handlungen die öffentliche Diskussion. Schon das Adjektiv nationalsozialistisch auszusprechen, erforderte Überwindung. In der Öffentlichkeit werden heute noch immer die Abkürzungen bevorzugt - also, sagen wir, statt nationalsozialistisch - NS. Der mörderische nationalsozialistische Hass ist ein schreckliches Erbe; es ist kaum auszuhalten. Entsorgen können wir ihn nicht; aber ins Gespräch bringen. Er ist mir nicht fremd. Er wartet auf seine Projektions-Objekte. Er findet ständig welche - HARTZ IV-Bedürftige, die Griechen, die Bankiers... die Liste wird schnell lang. Sich die Augen zu reiben ist nicht schlecht. Anschließend muss man aber gut hingucken.
Drei Passagen fielen mir auf.
1. "Und selbst wenn Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, wonach es nicht aussieht, am Mittag des 4. Novembers in Panik geraten und sich aus Verzweiflung, Furcht vor dem Gefängnis oder gar Scham spontan umgebracht hätten, so haben sie dennoch subjektiv ein Opfer gebracht, indem sie sich mit letzter Konsequenz für den bewaffneten politischen Kampf entschieden, damit für ein Leben in der Illegalität, für den Bruch mit der eigenen Familie und die Ächtung durch die Gesellschaft, für den Verzicht auf eine bürgerliche Laufbahn und die Unsicherheit einer Existenz im Untergrund, für die permanente Gefahr der Festnahme, der Verletzung oder des Todes".
Woher weiß David Kermani das? Hatte er mit ihnen gesprochen?
Was ist ein bewaffneter politischer Kampf in der Bundesrepublik?
2. Uwe Mundlos entstammt einer gebildeten Familie, schreibt er: "Der Vater von Mundlos auch nach dem Ende der DDR offenbar noch mit Sympathien für den Sozialismus".
Was ist daran so ungewöhnlich? Nichts Neues in Waldhagen, möchte ich mit dem Titel der WDR-Schulfunk-Sendung aus den 50er Jahren antworten. Den nationalsozialistischen Betrieb hielt vor allem die damalige junge akademische Elite am Laufen. S. zum Beispiel Mark Roseman: Die Wannsee-Konferenz. Wie die NS-Bürokratie den Holocaust organisierte. Berlin: Propyläen Verlag 2002. Der Originaltitel der Arbeit von Mark Roseman: The Villa, The Lake, The Meeting.
3. "Dass der größte unter allen Bucherfolgen der letzten Jahre ausgerechnet einer Schrift zukam, die die Überlegenheit des Eigenen und die Bedrohung durch das Fremde nicht mehr nur kulturell erklärt wie im Rechtspopulismus, sondern genetisch festschreibt, ist dabei mehr als nur ein Zufall. Es ist ein Menetekel".
Bangemachen gilt nicht. Das Vergnügen am Ressentiment ist uralt. Das Ressentiment, da sage ich nichts Neues, ist das Produkt eines projizierten Hasses. Der Hass ist das Problem; er muss verstanden werden. Das unmögliche bundesdeutsche Projekt der Vergangenheitsbewältigung enthielt und enthält den Wunsch, sich des Hasses zu entledigen - mit ihm nichts zu tun haben zu wollen. In den 50er Jahren war der antisemitische Hass - verständlicherweise; die bundesdeutsche Öffentlichkeit fürchtete um ihr Ansehen - tabuisiert. Es half nicht: Jahr für Jahr beschäftigen antisemitische Handlungen die öffentliche Diskussion. Schon das Adjektiv nationalsozialistisch auszusprechen, erforderte Überwindung. In der Öffentlichkeit werden heute noch immer die Abkürzungen bevorzugt - also, sagen wir, statt nationalsozialistisch - NS. Der mörderische nationalsozialistische Hass ist ein schreckliches Erbe; es ist kaum auszuhalten. Entsorgen können wir ihn nicht; aber ins Gespräch bringen. Er ist mir nicht fremd. Er wartet auf seine Projektions-Objekte. Er findet ständig welche - HARTZ IV-Bedürftige, die Griechen, die Bankiers... die Liste wird schnell lang. Sich die Augen zu reiben ist nicht schlecht. Anschließend muss man aber gut hingucken.
Mittwoch, 18. Januar 2012
Begriffs-Schmuggelei
"Wir lesen die Träume von Ratten", verkündet Matthew Wilson, Kognitionsforscher am Massachusetts Institute of Technologie, dem Interviewer Hanno Charisius, dessen Gespräch die SZ heute mit dem selben Satz titelt (S. 16). Matthew Wilson liest die Träume der Ratten nicht, räumt er ein, sondern er vergleicht die Aktivitätsmuster der Gehirne der Ratten. Das Aktivitätsmuster der Verfassung, die er als Träumen bezeichnet, ähnelt dem Aktivitätsmuster, das die Ratte erkennen lässt, wenn sie ihren Weg durch das Labor-Labyrinth sucht. Vergleichen ist etwas anderes als Lesen. Vergleiche ich zwei Bücher hinsichtlich ihres Gewichts, habe ich sie noch nicht gelesen. Wie viele Muster neuronaler Aktivität hat Matthew Wilson bislang gefunden? Hat er die Muster neuronaler Aktivität verglichen mit Mustern neuronaler Aktivität außerhalb des Labors? Möglicherweise gibt es Labor-spezifische Muster neuronaler Aktivitäten. Und schließlich: Wie kann man von einem Muster neuronaler Aktivität sagen, es entspreche einer Traum-Verfassung und die Ratte träume? Erwin Straus nannte das Produkt dieser Argumentationstechnik: die Schmuggelware der Erlebnispsychologie. Ein Vorverständnis vom Traum dient zum Verständnis eines Musters neuronaler Aktivität. Wobei man nicht sagen kann, wir könnten uns leicht über eine Traum-Verfassung verständigen. Deren Innenseite ist äußerst schwer zu beschreiben. Was macht man, wenn man die Innenseite nicht erfassen kann? Der Kognitionsforscher, der mit dem Erkennen schludrig umgeht, behilft sich mit einer verbalen Nebelkerze. So kommt Pseudo-Forschung in die Zeitung.
Samstag, 14. Januar 2012
Formen sprachloser Verweigerung
Unter dem Titel Abgehängt, ausgeklinkt und aggressiv berichtet Helmut Frangenberg vom Kölner Stadt-Anzeiger heute (S. 29) über die Befragungsstudie der Meschenicher Einrichtung der Jugendzentren Köln gGmbH. Zwanzig Schulschwänzer, wie wir sagen, wurden befragt; ein Schulmüdigkeitsporträt erstellt. Die Studie ist ein Glücksfall; denn die Jugendlichen, die befragt wurden, sind sonst unerreichbar. Ein Jugendlicher sagte, so Helmut Frangenberg, in der Befragung: "Mich hat gar nicht interessiert, was die Lehrer gesagt haben.Nur wenn die was falsch gesagt haben, bin ich zu denen und habe gesagt: Was labern Sie?"
Wieso handelt dieser (und andere) Jugendliche gegen sein Lebensinteresse, sich in der Schule auszurüsten für sein erwachsenes Leben? Helmut Frangenberg zählt die Erklärungen auf: "Über- und Unterforderung, falsche Rollenzuweisungen in den Familien, schwere seelische Erkrankungen, echte Notlagen". In der Aufzählung kommt die Schule nicht vor. Schulschwänzen ist ein sprachloses Sprechen und ist Ausdruck einer sprachlosen Verweigerung. Etwas an der Schule ist unerträglich, sagt es. Was könnte es sein? Die Schule ist ein Ort schiefer, asymmetrischer Beziehungen. Asymmetrische Beziehungen zu ertragen gehört zu unserem Alltag - in der Familie, auf der Arbeitsstelle, im Gesundheitssystem, in den Beziehungen zu Repräsentanten von Institutionen beispielsweise. Asymmetrische Beziehungen stellen - unausgesprochen - sofort die Frage nach der eigenen Position, dem Status und dem Stolz. Asymmetrische Beziehungen kränken. Kränken sie zu sehr - aus welchen Gründen auch immer - , machen sie wütend, gereizt und leiten den Rückzug von der Anstrengung ein, die eigenen Lebensinteressen zu behaupten. Die Folge ist eine Form sprachloser Verweigerung und aggressiv-depressiver Unzugänglichkeit. Schulschwänzen ist eine alarmierende Form eines wütenden, hilflosen Protests junger Leute, die sich vor ihrer Zukunft fürchten. Die Hilflosigkeit sollten wir in den Blick nehmen und uns von der Wut nicht abschrecken lassen. Das ist nicht einfach. Das Jugendzentrum Meschenich hatte die Pädagogen der umliegenden Schulen mehrmals eingeladen. Sie nahmen die Einladung nicht an.
Wieso handelt dieser (und andere) Jugendliche gegen sein Lebensinteresse, sich in der Schule auszurüsten für sein erwachsenes Leben? Helmut Frangenberg zählt die Erklärungen auf: "Über- und Unterforderung, falsche Rollenzuweisungen in den Familien, schwere seelische Erkrankungen, echte Notlagen". In der Aufzählung kommt die Schule nicht vor. Schulschwänzen ist ein sprachloses Sprechen und ist Ausdruck einer sprachlosen Verweigerung. Etwas an der Schule ist unerträglich, sagt es. Was könnte es sein? Die Schule ist ein Ort schiefer, asymmetrischer Beziehungen. Asymmetrische Beziehungen zu ertragen gehört zu unserem Alltag - in der Familie, auf der Arbeitsstelle, im Gesundheitssystem, in den Beziehungen zu Repräsentanten von Institutionen beispielsweise. Asymmetrische Beziehungen stellen - unausgesprochen - sofort die Frage nach der eigenen Position, dem Status und dem Stolz. Asymmetrische Beziehungen kränken. Kränken sie zu sehr - aus welchen Gründen auch immer - , machen sie wütend, gereizt und leiten den Rückzug von der Anstrengung ein, die eigenen Lebensinteressen zu behaupten. Die Folge ist eine Form sprachloser Verweigerung und aggressiv-depressiver Unzugänglichkeit. Schulschwänzen ist eine alarmierende Form eines wütenden, hilflosen Protests junger Leute, die sich vor ihrer Zukunft fürchten. Die Hilflosigkeit sollten wir in den Blick nehmen und uns von der Wut nicht abschrecken lassen. Das ist nicht einfach. Das Jugendzentrum Meschenich hatte die Pädagogen der umliegenden Schulen mehrmals eingeladen. Sie nahmen die Einladung nicht an.
Freitag, 13. Januar 2012
Eine Hypothese zu den kognitiven und affektiven Folgen der Sozialisation
Würdest Du den Abfall rausbringen?, sagte neulich meine Frau zu mir. Ein tadelloser Satz - der Konjunktiv als Höflichkeitsform. Das ging mir nach. Wir kommen, dachte ich, mit der Sprache unserer Eltern in die Schule. Was ist mit den Kindern, die ein holpriges Deutsch im Ohr haben? Mir fiel unsere Tochter ein, die, verglichen mit mir, leicht Latein lernte - während ich enorme Mühen hatte. Ich erinnerte mich, dass mir die Verbindungen der Satzteile lange Zeit rätselhaft vorkamen und dass mir Deklination und Konjugation äußerst schwer fielen. Ich erinnerte mich, dass ich erst nach der Schulzeit, während des Studiums, in die DUDEN Grammatik schaute und allmählich begriff.
Schwerfälligkeit im Lernen, vermute ich heute, ist auch ein Sozialisationsprodukt. Der Brite Basil Bernstein entdeckte die Schicht-abhängige Differenz der Sprach-Kompetenz, die er mit den Begriffen des elaborierten und restringierten Codes beschrieb. Wenn ich mich richtig erinnere, berücksichtigte er nicht die affektiven Folgen: die Scham, die Angst und die Unsicherheit, die mit einem restringierten Code oder einem fragilen Sprach-Verständnis verbunden sind. Diese Affekte behindern buchstäblich und machen in dem sozialen Gefüge und in den damit verbundenen Beziehungen einer Klasse - dumm.
Am Ende des vergangenen Jahres berichtete Tanjev Schultz in der SZ (19.12.2011, S. 38) von diesem Problem unter der Überschrift "Ungerechte Noten. Studie zeigt, dass Arbeiterkinder in der Schule weiterhin benachteiligt werden". Der Befund muss ergänzt werden, denke ich: Arbeiterkinder sind in der Schule in ihrer Leistungsfähigkeit möglicherweise, vorsichtig gesagt, hier und da behindert. Sie schneiden in standardisierten Leistungstests besser ab, weil diese psychologischen Verfahren andere, eher vergleichbare und balancierte Voraussetzungen und Situationen herstellen als das sehr komplexe Gefüge einer Klasse mit seiner impliziten psychosozialen Hierarchie und seinen sublimen Vergleichsprozessen. "Herkunft wird mitzensiert", bilanziert Tanjev Schultz das Fazit der Studie. Ja, Herkunft wird mitzensiert, weil sie die Leistungsfähigkeit in der Klasse dominiert als der im stabilen oder fragilen Selbstgefühl der Schülerinnen und Schüler strukturelle Niederschlag der unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen. Was folgt daraus? Sehr kleine Klasse wären ideal - dann könnten die Pädagogen, wenn sie dafür einen Blick entwickeln, auf die Auswirkungen der Sozialisationsbedingungen auf das Selbstgefühl ihrer Schülerinnen und Schüler und damit auf deren unterschiedliche Verständnis- und Leistungsfähigkeit achten.
Schwerfälligkeit im Lernen, vermute ich heute, ist auch ein Sozialisationsprodukt. Der Brite Basil Bernstein entdeckte die Schicht-abhängige Differenz der Sprach-Kompetenz, die er mit den Begriffen des elaborierten und restringierten Codes beschrieb. Wenn ich mich richtig erinnere, berücksichtigte er nicht die affektiven Folgen: die Scham, die Angst und die Unsicherheit, die mit einem restringierten Code oder einem fragilen Sprach-Verständnis verbunden sind. Diese Affekte behindern buchstäblich und machen in dem sozialen Gefüge und in den damit verbundenen Beziehungen einer Klasse - dumm.
Am Ende des vergangenen Jahres berichtete Tanjev Schultz in der SZ (19.12.2011, S. 38) von diesem Problem unter der Überschrift "Ungerechte Noten. Studie zeigt, dass Arbeiterkinder in der Schule weiterhin benachteiligt werden". Der Befund muss ergänzt werden, denke ich: Arbeiterkinder sind in der Schule in ihrer Leistungsfähigkeit möglicherweise, vorsichtig gesagt, hier und da behindert. Sie schneiden in standardisierten Leistungstests besser ab, weil diese psychologischen Verfahren andere, eher vergleichbare und balancierte Voraussetzungen und Situationen herstellen als das sehr komplexe Gefüge einer Klasse mit seiner impliziten psychosozialen Hierarchie und seinen sublimen Vergleichsprozessen. "Herkunft wird mitzensiert", bilanziert Tanjev Schultz das Fazit der Studie. Ja, Herkunft wird mitzensiert, weil sie die Leistungsfähigkeit in der Klasse dominiert als der im stabilen oder fragilen Selbstgefühl der Schülerinnen und Schüler strukturelle Niederschlag der unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen. Was folgt daraus? Sehr kleine Klasse wären ideal - dann könnten die Pädagogen, wenn sie dafür einen Blick entwickeln, auf die Auswirkungen der Sozialisationsbedingungen auf das Selbstgefühl ihrer Schülerinnen und Schüler und damit auf deren unterschiedliche Verständnis- und Leistungsfähigkeit achten.
Donnerstag, 12. Januar 2012
Die Ohnmacht und die Gruppe
Heute brachte die SZ auf ihrer ersten Feuilleton-Seite (S. 11) den bemerkenswerten Text von Ingo Schulze mit dem Titel: Sich selbst wieder ernst nehmen. Der Titel ist psychotherapeutischer Jargon aus dem Repertoire der Formeln des unscharfen Aufmunterns und deutet das Problem des Textes an. Ingo Schulze beginnt ihn mit diesen Sätzen:
"Seit etwa drei Jahren habe ich keinen Artikel mehr geschrieben, denn ich weiß nicht mehr, was ich noch schreiben soll. Es ist alles so offensichtlich: die Abschaffung der Demokratie, die zunehmende soziale und ökonomische Polarisation in Arm und Reich, der Ruin des Sozialstaates, die Privatisierung und damit Ökonomisierung aller Lebensbereiche (der Bildung, des Gesundheitswesens, des öffentlichen Verkehrssystems usw.), die Blindheit für den Rechtsextremismus, das Geschwafel der Medien, die pausenlos reden, um über die eigentlichen Probleme nicht sprechen zu müssen, die offene und verdeckte Zensur (mal als direkte Ablehnung, mal in Form von 'Quote' oder 'Format') und, und, und...."
Wenn alles so offensichtlich ist, weshalb dann dieses Gefühl einer Ohnmacht und Vergeblichkeit? Ich weiß nicht mehr, was ich noch schreiben soll. Was lähmt Ingo Schulze?
Das weiß ich nicht. Aber ich kann eine persönliche und eine abstrakte Antwort geben. Ich traue mich (noch) nicht, die Politik des Geschäfts einer Klinik zu beschreiben, weil deren Leitung vermuten wird, dass meine ehemaligen Kollegen - ich bin dort ausgeschieden - mich informiert hätten, und weil ich vermute, dass sie es auszubaden hätten. Also lasse ich es und warte auf meine Gelegenheit. Meine abstrakte Antwort. Ingo Schulzes Liste ist präzis und unpräzis zugleich. Das Problem ist, das seine Beschreibungen weit entfernt sind von unserer Lebenswirklichkeit. Es ist das alte Problem der abstrakten Begriffe. Solange wir allgemein bleiben, reden wir aneinander vorbei oder tun uns nicht weh. Erst die Beschreibung unserer Lebenswirklichkeiten mit ihren vielen widersprüchlichen kognitiven und affektiven Kontexten und Subtexten - bringt Leben in die bundesdeutsche Bude. Das wäre ein (wenn vielleicht auch altmodisches) literarisches Programm. Da gibt es jedenfalls noch enorm viel zu beschreiben.
Wie macht man das Sich-selbst-wieder-ernst-nehmen? Ingo Schulze gibt die Antwort: Den Mund aufmachen, sagt er. Das ist zu wenig. Wer Erfahrungen in Gruppen hat, weiß: Man muss seinen Mut zusammen nehmen und persönlich werden. Wie wird man persönlich? Indem man vor allem seine innere Welt beschreibt und sich um die Abstrakta möglichst wenig schert. Sigmund Freud gab das Programm und den Rahmen vor: Sagen Sie alles, was Ihnen einfällt - hier, in diesen 50 Minuten. Was man innerhalb der (psychoanalytisch orientierten) Psychotherapie sagen kann, kann man schlecht so einfach außerhalb der Psychotherapie sagen. Im Alltag muss man sich den Raum für den Rahmen erobern - also Beziehungen herstellen, in deren Kreis man sich traut, persönlich zu werden. Erst dann wird man lebendig und fühlt sich nicht mehr so gelähmt. Leicht gesagt, schwer getan.
"Seit etwa drei Jahren habe ich keinen Artikel mehr geschrieben, denn ich weiß nicht mehr, was ich noch schreiben soll. Es ist alles so offensichtlich: die Abschaffung der Demokratie, die zunehmende soziale und ökonomische Polarisation in Arm und Reich, der Ruin des Sozialstaates, die Privatisierung und damit Ökonomisierung aller Lebensbereiche (der Bildung, des Gesundheitswesens, des öffentlichen Verkehrssystems usw.), die Blindheit für den Rechtsextremismus, das Geschwafel der Medien, die pausenlos reden, um über die eigentlichen Probleme nicht sprechen zu müssen, die offene und verdeckte Zensur (mal als direkte Ablehnung, mal in Form von 'Quote' oder 'Format') und, und, und...."
Wenn alles so offensichtlich ist, weshalb dann dieses Gefühl einer Ohnmacht und Vergeblichkeit? Ich weiß nicht mehr, was ich noch schreiben soll. Was lähmt Ingo Schulze?
Das weiß ich nicht. Aber ich kann eine persönliche und eine abstrakte Antwort geben. Ich traue mich (noch) nicht, die Politik des Geschäfts einer Klinik zu beschreiben, weil deren Leitung vermuten wird, dass meine ehemaligen Kollegen - ich bin dort ausgeschieden - mich informiert hätten, und weil ich vermute, dass sie es auszubaden hätten. Also lasse ich es und warte auf meine Gelegenheit. Meine abstrakte Antwort. Ingo Schulzes Liste ist präzis und unpräzis zugleich. Das Problem ist, das seine Beschreibungen weit entfernt sind von unserer Lebenswirklichkeit. Es ist das alte Problem der abstrakten Begriffe. Solange wir allgemein bleiben, reden wir aneinander vorbei oder tun uns nicht weh. Erst die Beschreibung unserer Lebenswirklichkeiten mit ihren vielen widersprüchlichen kognitiven und affektiven Kontexten und Subtexten - bringt Leben in die bundesdeutsche Bude. Das wäre ein (wenn vielleicht auch altmodisches) literarisches Programm. Da gibt es jedenfalls noch enorm viel zu beschreiben.
Wie macht man das Sich-selbst-wieder-ernst-nehmen? Ingo Schulze gibt die Antwort: Den Mund aufmachen, sagt er. Das ist zu wenig. Wer Erfahrungen in Gruppen hat, weiß: Man muss seinen Mut zusammen nehmen und persönlich werden. Wie wird man persönlich? Indem man vor allem seine innere Welt beschreibt und sich um die Abstrakta möglichst wenig schert. Sigmund Freud gab das Programm und den Rahmen vor: Sagen Sie alles, was Ihnen einfällt - hier, in diesen 50 Minuten. Was man innerhalb der (psychoanalytisch orientierten) Psychotherapie sagen kann, kann man schlecht so einfach außerhalb der Psychotherapie sagen. Im Alltag muss man sich den Raum für den Rahmen erobern - also Beziehungen herstellen, in deren Kreis man sich traut, persönlich zu werden. Erst dann wird man lebendig und fühlt sich nicht mehr so gelähmt. Leicht gesagt, schwer getan.
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