Wer das Wort vom autonomen Autofahren benutzt, hat nicht mehr alle Tassen im Schrank - und alle Nachschlagwerke auf den Müll geworfen. Für unsere Kanzlerin, die auf der IAA mit diesem Wort ihre verunglückte Rede ausschmückte (s. meinen Blog vom 16.9.2017), gilt das natürlich nicht: sie hat von vornherein etwas von der Demokratie nicht verstanden. Beim Rechner-gesteuerten, Fahrer-losen Bewegen eines Automobils wird gerade die Autonomie des Piloten abgegeben und einer anonymen (allmächtigen), unkontrollierten Kontroll-Instanz von Sendern, Empfängern und Rechnern übergeben und überlassen. Die Autofahrerin oder der Autofahrer nimmt auf dem Beifahrersitz Platz und beobachtet den Fahrersitz und weiß nicht, wo sie oder er sitzt. Eine Unterwerfung als autonome Handlung auszugeben, ist doch ein böser Witz. Das hatten wir schon in den Jahren 1933 bis 1945, als die Freude der Unterwerfung für den gelb-braun-schwarzen mörderischen Terror entschädigte.
(Überarbeitung: 19.9.2017)
Sonntag, 17. September 2017
Samstag, 16. September 2017
Die süße Korruption des gemeinsamen öffentlichen Fantasierens: unsere Bundeskanzlerin und die Automobilindustrie
Am Freitag, dem 15.9.2017, ist auf der ersten Seite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu sehen: unsere Kanzlerin, die lächelnd aus dem flachen Audi Aicon mit dem Mikrophon in der rechten Hand steigt, vom Audi-Chef Stadler mit der großen Geste der offenen Armen - wie es der ARD-Mann Sven Plöger so herrlich entschuldigend kann, wenn er die Unbilden des Wetters ankündigen muss - begleitet. Ein Bild der Kumpanei (Zeitung, Kanzlerin und Audi-Repräsentant spielen zusammen) und eines seltsamen Amts- und Rechts-Verständnisses.
Vor diesem Foto dürfte Angela Merkel die Rede zur Eröffnung der Frankfurter Automobilmesse gehalten haben. Ihre Rede folgte dem kursierenden Konsensus der Korruption. 1. Angela Merkel: "...dass wir aus Fehlern lernen müssen..." Aus Fehlern. Der schwere, strafrechtlich relevante Betrug war ein Fehler. Der Fehler bestand darin, sich erwischen zu lassen. Unsere Kanzlerin pflegt die Sprache der Betrüger. Wenig später spricht sie von der Dieselthematik und folgt der VW-Sprachregelung der Verleugung. 2. Die Rührseligkeit des Polit-Kitschs. Die Leute der Autobranche, führt sie aus, "haben Regelungslücken exzessiv ausgenutzt... sie haben nicht nur sich selbst Schaden zugefügt, sondern auch Verbraucher, Behörden getäuscht und enttäuscht". Diffuses Lamento. 3. Konzeptionslose Appelle des Durchhaltens. Angela Merkel: "Es muss der Wandel zu emissionsfreier Mobilität gelingen". Wie das? Frei von Emissionen? Die Kanzlerin lädt zum Fantasieren der Großartigkeit ein. 4. Phantastische Vorschläge: "Bereiten Sie" - sie meint die Leute von der Autobranche - "die Menschen auf das autonome Fahren vor". Wie das? Der Vorschlag ist besonders treuherzig.Wie sollen die Leute von der Autobranche sagen können, dass die von ihnen verbreiteten Bilder vom fahrenden Wohnzimmer falsch sind? Wer von ihnen traut sich zu sagen, dass wir künftig wie auf Schienen fahren sollen: gemächlich, nebeneinander und hintereinander. Wer von ihnen traut sich zu sagen, dass wir demnächst dann andere Fahrzeuge benötigen und wahrscheinlich haben werden? Kleinere Fahrzeuge, auf geringes Tempo und damit auf geringe Leistungsanforderungen ausgelegt? Wer von ihnen traut sich zu sagen, dass das Schienen-ähnliche Fahren ihre Konzeption des Autos und des Autofahrens auf den Kopf stellt? Dass sie sich damit aus ihrem bombigen Geschäft katapultieren? Hat jemand schon ausgerechnet, welchen Platz-Bedarf die riesigen Fahrzeug-Kolonnen haben werden? Hat jemand schon einen Plan, wie die automobilen Schienen-Fahrzeuge betrieben und bewegt werden sollen?
Nichts gegen das Fantasieren. Normalerweise dient es dem Entwerfen von Wirklichkeiten und dem Reparieren der kränkenden Erfahrungen mit Wirklichkeiten. Unsere Kanzlerin und ihre Mannschaft helfen mit beim regressiven Fantasieren und sind offenbar blind. Was soll's. So oder so. Es wird Zeit, dass die Autobranche anfängt, die kleinen Brötchen zu backen. Der erste Schritt besteht in der Einführung von Tempolimits.
Was inzwischen geschieht: in NRW auf der wunderbar zum Schnellfahren - 200 km/ sind ein Klacks - ausgebauten Autobahn zwischen Aachen und Düren wird die Begrenzung auf 130 km/h installiert. Zu hohes Tempo, zu viele schwere Unfälle. Es dauert lange, aber die Realität setzt sich durch. Vor 40 Jahren wurde über Tempolimits auf Autobahnen gestritten, jetzt kommt die Diskussion wieder. Es geht nicht nur um das Schnellfahren. Es geht auch um den Wahn, schnell fahren zu können und zu müssen. Dieser Wahn hat bislang zur Produktion schwerer Automobile geführt. Es wird Zeit, dass er wirklich ernüchtert wird. Es wird Zeit, dass wir unsere mobilen Praxen revidieren und uns anders zu bewegen aufmachen. Unsere Regierung hat das noch nicht verstanden.
(Überarbeitung: 26.2.2019)
Vor diesem Foto dürfte Angela Merkel die Rede zur Eröffnung der Frankfurter Automobilmesse gehalten haben. Ihre Rede folgte dem kursierenden Konsensus der Korruption. 1. Angela Merkel: "...dass wir aus Fehlern lernen müssen..." Aus Fehlern. Der schwere, strafrechtlich relevante Betrug war ein Fehler. Der Fehler bestand darin, sich erwischen zu lassen. Unsere Kanzlerin pflegt die Sprache der Betrüger. Wenig später spricht sie von der Dieselthematik und folgt der VW-Sprachregelung der Verleugung. 2. Die Rührseligkeit des Polit-Kitschs. Die Leute der Autobranche, führt sie aus, "haben Regelungslücken exzessiv ausgenutzt... sie haben nicht nur sich selbst Schaden zugefügt, sondern auch Verbraucher, Behörden getäuscht und enttäuscht". Diffuses Lamento. 3. Konzeptionslose Appelle des Durchhaltens. Angela Merkel: "Es muss der Wandel zu emissionsfreier Mobilität gelingen". Wie das? Frei von Emissionen? Die Kanzlerin lädt zum Fantasieren der Großartigkeit ein. 4. Phantastische Vorschläge: "Bereiten Sie" - sie meint die Leute von der Autobranche - "die Menschen auf das autonome Fahren vor". Wie das? Der Vorschlag ist besonders treuherzig.Wie sollen die Leute von der Autobranche sagen können, dass die von ihnen verbreiteten Bilder vom fahrenden Wohnzimmer falsch sind? Wer von ihnen traut sich zu sagen, dass wir künftig wie auf Schienen fahren sollen: gemächlich, nebeneinander und hintereinander. Wer von ihnen traut sich zu sagen, dass wir demnächst dann andere Fahrzeuge benötigen und wahrscheinlich haben werden? Kleinere Fahrzeuge, auf geringes Tempo und damit auf geringe Leistungsanforderungen ausgelegt? Wer von ihnen traut sich zu sagen, dass das Schienen-ähnliche Fahren ihre Konzeption des Autos und des Autofahrens auf den Kopf stellt? Dass sie sich damit aus ihrem bombigen Geschäft katapultieren? Hat jemand schon ausgerechnet, welchen Platz-Bedarf die riesigen Fahrzeug-Kolonnen haben werden? Hat jemand schon einen Plan, wie die automobilen Schienen-Fahrzeuge betrieben und bewegt werden sollen?
Nichts gegen das Fantasieren. Normalerweise dient es dem Entwerfen von Wirklichkeiten und dem Reparieren der kränkenden Erfahrungen mit Wirklichkeiten. Unsere Kanzlerin und ihre Mannschaft helfen mit beim regressiven Fantasieren und sind offenbar blind. Was soll's. So oder so. Es wird Zeit, dass die Autobranche anfängt, die kleinen Brötchen zu backen. Der erste Schritt besteht in der Einführung von Tempolimits.
Was inzwischen geschieht: in NRW auf der wunderbar zum Schnellfahren - 200 km/ sind ein Klacks - ausgebauten Autobahn zwischen Aachen und Düren wird die Begrenzung auf 130 km/h installiert. Zu hohes Tempo, zu viele schwere Unfälle. Es dauert lange, aber die Realität setzt sich durch. Vor 40 Jahren wurde über Tempolimits auf Autobahnen gestritten, jetzt kommt die Diskussion wieder. Es geht nicht nur um das Schnellfahren. Es geht auch um den Wahn, schnell fahren zu können und zu müssen. Dieser Wahn hat bislang zur Produktion schwerer Automobile geführt. Es wird Zeit, dass er wirklich ernüchtert wird. Es wird Zeit, dass wir unsere mobilen Praxen revidieren und uns anders zu bewegen aufmachen. Unsere Regierung hat das noch nicht verstanden.
(Überarbeitung: 26.2.2019)
Donnerstag, 14. September 2017
Neues von der betrügerischen Heiligen Kuh CXIII: jetzt haben wir ein vernünftiges, praktisches Kalb aus Aachen
Der Erfolg um Günther Schuh, den Aachener Professor an der RWTH Aachen aus Köln, und seiner Gruppe ist gut zu verstehen. Günther Schuh dachte gegen den Konsensus der ausbeuterischen Größen-Fantasie unserer Automobil-Industrie - gegen deren Marketing-Politik, dass 1) nur das Automobil, das viel kann, zählt (schnell fahren, weit fahren, abseits fahren mit großer Ladefläche und großem Komfort) und dass 2) das Auto mit Elektromotor das auch können muss. Muss es nicht. Ein kleines Auto reicht. Meine Arbeitsstelle lag 50 km entfernt. Mehr als 100 km am Tag bin ich selten gefahren. Wenn man in der Stadt wohnt, kann man damit auskommen. Was braucht man noch? Ein sehr komfortables System des öffentlichen Verkehrs. Wer auf dem Land wohnt, steht anders da.
Mit anderen Worten: das von den Aachenern auf eine gängige Praxis auslegte Automobil ist die erste im großen Umfang realisierte vernünftige Antwort auf die Frage nach der Veränderung unserer Bewegungspraxis. Warum müssen wir so viel Geld für ein Auto ausgeben? Wer braucht ein Auto mit 300 PS und einem Drehmoment von 600 Newtonmetern? Wer einen Wohnwagen oder ein Schiff in den Urlaub ziehen möchte. Wie viele Leute sind das?
Mit anderen Worten: die Aachener haben Erfolg mit ihrem Konzept der kleinen mobilen Brötchen. Wo der Strom herkommen soll, wenn viele Andere kleine Brötchen backen wollen, ist die nächste Frage. Man muss das Automobil mit seinem Verbrennungsmotor nicht verbieten. Man muss sich zu einem vernünftigen System der Bewegungspraxen durchringen. Die Autoindustrie kann das nicht; sie denkt in Einheiten, die sie teuer verkaufen möchte, nicht an das System.
Mit anderen Worten: das von den Aachenern auf eine gängige Praxis auslegte Automobil ist die erste im großen Umfang realisierte vernünftige Antwort auf die Frage nach der Veränderung unserer Bewegungspraxis. Warum müssen wir so viel Geld für ein Auto ausgeben? Wer braucht ein Auto mit 300 PS und einem Drehmoment von 600 Newtonmetern? Wer einen Wohnwagen oder ein Schiff in den Urlaub ziehen möchte. Wie viele Leute sind das?
Mit anderen Worten: die Aachener haben Erfolg mit ihrem Konzept der kleinen mobilen Brötchen. Wo der Strom herkommen soll, wenn viele Andere kleine Brötchen backen wollen, ist die nächste Frage. Man muss das Automobil mit seinem Verbrennungsmotor nicht verbieten. Man muss sich zu einem vernünftigen System der Bewegungspraxen durchringen. Die Autoindustrie kann das nicht; sie denkt in Einheiten, die sie teuer verkaufen möchte, nicht an das System.
Das Fernsehen und seine Inszenierung des Politischen: Angela Merkel und Martin Schulz
Die Fernseh-Inszenierung der Aufgeregtheit heißt: Duell. Aber einen Wettkampf zwischen der Parteivorsitzenden und dem Parteivorsitzenden gibt es nicht: sie ist Bundeskanzlerin, er war Präsident des Europäischen Parlaments. Die vergnügliche Fantasie vom Wettkampf ist unangemessen. Es ging am Sonntag, dem 3.9.2017, um die Frage, wer welche politische Substanz repräsentiert. Die Frage wurde nicht geklärt. Die vier Journalistinnen und Journalisten waren lahme Stichwortgeber und konfrontierten Angela Merkel und Martin Schulz ungenügend. Die erste Frage stellten sie Martin Schulz; er hatte die Kanzlerin mit der These kritisiert, sie würde (sinngemäß) unsere Demokratie zerstören. Angela Merkel damit zu konfrontieren wäre vielleicht aufschlussreich gewesen: hinsichtlich ihrer alternativlosen (konzeptionslosen) Politik im Dienste des Machterhalts, die sich gewissermaßen von selbst, ohne parlamentarische Diskussionen ergibt. Die Journalisten trauten sich nicht. Sie schützten unsere Kanzlerin. Sie waren schlecht vorbreitet. Der Fernsehabend, mit großem Tamtam angekündigt und beendet, war eine Veranstaltung der ängstlichen Vermeidung. So werden politische Prozesse entwertet, verachtet und dem hämischen Vergnügen überlassen.
Mittwoch, 23. August 2017
Lektüre des Journalismus (Beobachtung der Beobachter) CXIV: manchmal lügen sich Journalisten in die Tasche
Heute Morgen: der Hauptkommentar der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.8.2017, S. 1). "Eine Illusion namens Trump" ist der Titel des Textes von Roland Lindner. Die Politik des U.S.-Präsidenten, schlicht gesagt, holpert; die Chefs führender Firmen sind aus den Berater-Gremien ausgeschieden. Sind sie ernüchtert, wie Roland Lindner vermutet?
Wahrscheinlich nicht. Sie lesen oder lassen ihre relevanten Zeitungen lesen. Ende Januar dieses Jahres schrieb Paul Waldman in der New York Times (31.10.2017): "Trump's history of corruption is mind-boggling". George Packer schrieb in The New Yorker: "If Trump were more rational and more competent, he might have a chance of destroying our democracy" (1.3.2017). Charles M. Blow nannte in der New York Times die Präsidentschaft ein ticket to hell (21.3.2017). Amy Davidson schrieb in The New Yorker vom reckless endangerment des Präsidenten(11.4.2017). Diese Autoren machten sich und ihrer Leserschaft keine Illusionen.
Jetzt ein paar Beispiele aus der Zeitung von den klugen Köpfen für die klugen Köpfe. Am 23.11.2016 überlegte Winand von Petersdorf: "...dass Trump vielleicht doch nicht so realitätsblind ist, wie es bisher erschien". Er war von Stefan Bielmeier (dem Chefsvolkswirt der DZ-Bank) assistiert worden, der in derselben Ausgabe sagte: "Trump agiert rationaler als erwartet". Am 2.3. vermeldete der Kommentar "Neue Töne" des Präsidenten. Am 21.3.2017 fragte Winand von Petersdorf: "Ist der amerikanische Präsident wirklich so unberechenbar und wetterwendisch wie oft behauptet? Anzeigen, die vor dreißig Jahren erschienen, zeigen: Er ist es nicht". Einen Monat zuvor hatte Klaus-Dieter Frankenberger die Frage einer (leisen) Hoffnung gestellt: "Ist Trump zu seriösem Regieren willens und in der Lage?"
Die bei den Nordamerikanern vermutete (ernüchterte) Illusion ist offenbar die ernüchterte Illusion einiger Kollegen der F.A.Z.-Redaktion, die Roland Lindner ausspricht. Das Ticket to hell sickert langsam ein. Angesichts der vertrauten öffentlichen Idealisierung oder Idolisierung unserer politischen Repräsentanten ist die nüchterne nordamerikanische Sicht auf ihren U.S.-Präsidenten erschreckend. Die U.S.-Presse nimmt ihren öffentlichen Auftrag, aufzuklären, nachzuhalten und gegen zu halten, sehr ernst.
(Alle Zeitangaben sind die Daten meiner Blogs)
Wahrscheinlich nicht. Sie lesen oder lassen ihre relevanten Zeitungen lesen. Ende Januar dieses Jahres schrieb Paul Waldman in der New York Times (31.10.2017): "Trump's history of corruption is mind-boggling". George Packer schrieb in The New Yorker: "If Trump were more rational and more competent, he might have a chance of destroying our democracy" (1.3.2017). Charles M. Blow nannte in der New York Times die Präsidentschaft ein ticket to hell (21.3.2017). Amy Davidson schrieb in The New Yorker vom reckless endangerment des Präsidenten(11.4.2017). Diese Autoren machten sich und ihrer Leserschaft keine Illusionen.
Jetzt ein paar Beispiele aus der Zeitung von den klugen Köpfen für die klugen Köpfe. Am 23.11.2016 überlegte Winand von Petersdorf: "...dass Trump vielleicht doch nicht so realitätsblind ist, wie es bisher erschien". Er war von Stefan Bielmeier (dem Chefsvolkswirt der DZ-Bank) assistiert worden, der in derselben Ausgabe sagte: "Trump agiert rationaler als erwartet". Am 2.3. vermeldete der Kommentar "Neue Töne" des Präsidenten. Am 21.3.2017 fragte Winand von Petersdorf: "Ist der amerikanische Präsident wirklich so unberechenbar und wetterwendisch wie oft behauptet? Anzeigen, die vor dreißig Jahren erschienen, zeigen: Er ist es nicht". Einen Monat zuvor hatte Klaus-Dieter Frankenberger die Frage einer (leisen) Hoffnung gestellt: "Ist Trump zu seriösem Regieren willens und in der Lage?"
Die bei den Nordamerikanern vermutete (ernüchterte) Illusion ist offenbar die ernüchterte Illusion einiger Kollegen der F.A.Z.-Redaktion, die Roland Lindner ausspricht. Das Ticket to hell sickert langsam ein. Angesichts der vertrauten öffentlichen Idealisierung oder Idolisierung unserer politischen Repräsentanten ist die nüchterne nordamerikanische Sicht auf ihren U.S.-Präsidenten erschreckend. Die U.S.-Presse nimmt ihren öffentlichen Auftrag, aufzuklären, nachzuhalten und gegen zu halten, sehr ernst.
(Alle Zeitangaben sind die Daten meiner Blogs)
Der Bluff mit der nicht intelligenten Intelligenz
Der Bluff hat einen salonfähigen, respektablen und - wenn man an die Forschungsgelder denkt, die er wie ein Riesen-Staubsauger anzieht - teuren Namen: künstliche Intelligenz. Zugegeben: der Begriff der Intelligenz wird inflationär gebraucht. Was sie ist, ist schwer anzugeben. Selbst die Forscher, die mit ihren Messverfahren, die sie Tests nennen, bescheiden messen - sie verteilen Rangplätze, aber keine äquidistanten Abstände, so dass niemand genau sagen kann, was einen Intelligenzquotienten von 100 Punkten von einem Intelligenzquotienten von 101 Punkten unterscheidet - , haben sich auf die schlichte, korrekte Aussage verständigt: Intelligenz ist, was Intelligenztests messen.
Natürlich kann man mehr sagen. Intelligenz ist das Merkmal des Lebendigen. Intelligenz ist die Fähigkeit, etwas zu erfinden. Kann ein Rechner etwas erfinden? Kann ein Rechner, was ein Kleinkind kann - eine selbstverständliche Leistung eines Kleinkindes - , in einem Bauklotz eine Lokomotive erkennen? Nein. Er muss alles gesagt kriegen. Er kann nicht erfinden. Er kann rechnen und rechnen und rechnen. Er kann Häufigkeiten nach bestimmten Regeln sammeln und sie verklumpen und abermals verklumpen und abermals verklumpen nach bestimmten Regeln (zu Verdichtungen von korrelierten Häufigkeiten) - organisiert von einer Hierarchien von Algorithmen, die sammeln und sortieren. That's it. Das können natürlich Rechner perfekt. Das können wir nicht. Wir sind keine Maschinen.
Deshalb können wir den Rechnern auch nicht viel zutrauen. Sue Halpern machte ein Experiment und ließ sich ihre Identität nach den von Facebook registrierten Likings bestimmen. Sie erkannte sich nicht wieder (New York Review of Books, 22.12.2016, Nr. 20, S. 32 - 34: They Have, Right Now, Another You). Herauskam, dass ein Facebook-Algorithmus nach den eingegebenen Vorgaben sortiert: wer beispielsweise die New York Review of Books liest, wird als weiblich und lesbisch verrechnet und sortiert, wer eine technische Zeitschrift liest, als männlich. Mit anderen Worten: in die Sortierregeln eines Algorithmus gehen die Vorannahmen, Vorurteile, Klischees, Ressentiments u.s.w. seiner Erfinder ein. Die Annahme objektiver Daten-Verarbeitungen ist naiv - sie sind mehr oder weniger höchst unkontrolliert subjektiv.
Jetzt berichtet Sibylle Anderl in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.8.2017, S. 9, Nr. 195) über die Computer-errechneten Fehlleistungen: bei dem Erkennnen von Pferden (deren Bilder wurden in einem Rechenverfahren erkannt nach den auf den Fotos ausgewiesenen Copyrights der Fotografen) und bei der Diagnose von Risikopatienten - da fielen Leute mit Asthma, Brustschmerzen und Herzproblemen durchs Raster des Algorithmus, weil diese Patienten offenbar häufig genug einen medizinischen Kontakt haben, so dass sie kein Risiko darstellen. Dieser schlaue Sortiermechanismus oder Algorithmus hat dämliche Folgen. Wobei das Adjektiv dämlich beim Rechner nichts zu tun hat: er ist weder schlau, noch dämlich, er tut einfach, was man ihm eingegeben hat; er ist ein - intellektuelles Nichts.
So weit so klar. Wenn nur nicht die Journalistinnen oder Journalisten wären, die ihren Kotau vor den forschen Forschern machen und deren Spuk für einen Fortschritt ausgeben - indem sie dem, was die Rechner tun, menschliche Metapher unterlegen und damit plausibel machen: "Besonders erfolgreich", so Sibylle Anderl, "sind dabei künstliche tiefe neuronale Netzwerke. Sie bestehen nach biologischem Vorbild aus mehreren Schichten miteinander verbundener künstlicher Neuronen". Wie das? Wie kann man eine Maschine nach menschlichen Prinzipien nachbauen? Nach biologischem Vorbild. Wie neuronale Netzwerke funktionieren, weiß keiner richtig. Aus heuristischen Gründen nehmen die NeuroNeuro-Forscher an, dass es sie gibt; mit einem Zeigestock können sie dann auf die bunten Bilder zeigen, wo es sie gibt. Ein Bluff jagt den anderen. Diese Forschung (NeuroNeuro und nicht intelligente Intelligenz) ist ein riesiges Geschäft - weshalb wir selten kritische Autorinnen und Autoren lesen können, die den Spuk einmal kräftig durchlüften.
Als erste Faustregel halte ich fest: wer mit menschlichen Metaphern operiert und sie als Verständniskontexte einschmuggelt, ist verdächtig. Leider ist keine Staatsanwaltschaft zuständig.
Natürlich kann man mehr sagen. Intelligenz ist das Merkmal des Lebendigen. Intelligenz ist die Fähigkeit, etwas zu erfinden. Kann ein Rechner etwas erfinden? Kann ein Rechner, was ein Kleinkind kann - eine selbstverständliche Leistung eines Kleinkindes - , in einem Bauklotz eine Lokomotive erkennen? Nein. Er muss alles gesagt kriegen. Er kann nicht erfinden. Er kann rechnen und rechnen und rechnen. Er kann Häufigkeiten nach bestimmten Regeln sammeln und sie verklumpen und abermals verklumpen und abermals verklumpen nach bestimmten Regeln (zu Verdichtungen von korrelierten Häufigkeiten) - organisiert von einer Hierarchien von Algorithmen, die sammeln und sortieren. That's it. Das können natürlich Rechner perfekt. Das können wir nicht. Wir sind keine Maschinen.
Deshalb können wir den Rechnern auch nicht viel zutrauen. Sue Halpern machte ein Experiment und ließ sich ihre Identität nach den von Facebook registrierten Likings bestimmen. Sie erkannte sich nicht wieder (New York Review of Books, 22.12.2016, Nr. 20, S. 32 - 34: They Have, Right Now, Another You). Herauskam, dass ein Facebook-Algorithmus nach den eingegebenen Vorgaben sortiert: wer beispielsweise die New York Review of Books liest, wird als weiblich und lesbisch verrechnet und sortiert, wer eine technische Zeitschrift liest, als männlich. Mit anderen Worten: in die Sortierregeln eines Algorithmus gehen die Vorannahmen, Vorurteile, Klischees, Ressentiments u.s.w. seiner Erfinder ein. Die Annahme objektiver Daten-Verarbeitungen ist naiv - sie sind mehr oder weniger höchst unkontrolliert subjektiv.
Jetzt berichtet Sibylle Anderl in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.8.2017, S. 9, Nr. 195) über die Computer-errechneten Fehlleistungen: bei dem Erkennnen von Pferden (deren Bilder wurden in einem Rechenverfahren erkannt nach den auf den Fotos ausgewiesenen Copyrights der Fotografen) und bei der Diagnose von Risikopatienten - da fielen Leute mit Asthma, Brustschmerzen und Herzproblemen durchs Raster des Algorithmus, weil diese Patienten offenbar häufig genug einen medizinischen Kontakt haben, so dass sie kein Risiko darstellen. Dieser schlaue Sortiermechanismus oder Algorithmus hat dämliche Folgen. Wobei das Adjektiv dämlich beim Rechner nichts zu tun hat: er ist weder schlau, noch dämlich, er tut einfach, was man ihm eingegeben hat; er ist ein - intellektuelles Nichts.
So weit so klar. Wenn nur nicht die Journalistinnen oder Journalisten wären, die ihren Kotau vor den forschen Forschern machen und deren Spuk für einen Fortschritt ausgeben - indem sie dem, was die Rechner tun, menschliche Metapher unterlegen und damit plausibel machen: "Besonders erfolgreich", so Sibylle Anderl, "sind dabei künstliche tiefe neuronale Netzwerke. Sie bestehen nach biologischem Vorbild aus mehreren Schichten miteinander verbundener künstlicher Neuronen". Wie das? Wie kann man eine Maschine nach menschlichen Prinzipien nachbauen? Nach biologischem Vorbild. Wie neuronale Netzwerke funktionieren, weiß keiner richtig. Aus heuristischen Gründen nehmen die NeuroNeuro-Forscher an, dass es sie gibt; mit einem Zeigestock können sie dann auf die bunten Bilder zeigen, wo es sie gibt. Ein Bluff jagt den anderen. Diese Forschung (NeuroNeuro und nicht intelligente Intelligenz) ist ein riesiges Geschäft - weshalb wir selten kritische Autorinnen und Autoren lesen können, die den Spuk einmal kräftig durchlüften.
Als erste Faustregel halte ich fest: wer mit menschlichen Metaphern operiert und sie als Verständniskontexte einschmuggelt, ist verdächtig. Leider ist keine Staatsanwaltschaft zuständig.
Dienstag, 22. August 2017
Die Fantasie vom Freien Markt oder Freien Wettbewerb
Auch Wirtschaftswissenschaftler träumen - sie merken manchmal nicht, dass sie träumen. Vor einer Woche (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.8.2017, S,. 22) empfahl Peter Bofinger - Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung und (wenn ich mich richtig erinnere) einsame Stimme im Chor der Krämer beim Streit um das Management der griechischen Schulden - das Gegenmittel zum ökonomischen Fantasieren: eine kluge Industriepolitik des Staates. Der freie Markt ist nicht frei; auf ihn lässt sich gut in den Abgrund wirtschaften. So hat das Peter Bofinger nicht gesagt. Aber seine Beispiele sind: die Banken, die Atomkonzerne, die Autoindustrie. Man kann sie nicht einfach ihrer Geschäftsfreude überlassen.
Eine Woche später in derselben Zeitung (22.8.2017, S. 20) melden sich die Kollegin und die Kollegen (Isabel Schnabel, Lars Feld, Christoph Schmidt und Volker Wieland) des Beratungsgremiums zu Wort und argumentieren für die Banken und die Atomkonzerne. Ihre Verteidung klingt auch plausibel. Die Autoindustrie haben sie vergessen. Die Abhängigkeit des unfreien freien Marktes von der Ausbeutung der machtvollen kursierenden Fantasien von Status, Reichtum und Macht sehen sie auch nicht. Dabei ist Donald Trump der gewählte Repräsentant der Ellenbogenschubserei auf dem Markt des Reichtums und des Glamours. Jetzt können wir sehen, was ein Herr des Geschäfts mit seinen zerstrittenen Mannschaften und seinen entsetzten, zerstrittenen politischen Kolleginnen und Kollegen anrichtet. Haben wir Grund, die Macht der Geschäftsleute auf dem freien Markt zu feiern?
Eine Woche später in derselben Zeitung (22.8.2017, S. 20) melden sich die Kollegin und die Kollegen (Isabel Schnabel, Lars Feld, Christoph Schmidt und Volker Wieland) des Beratungsgremiums zu Wort und argumentieren für die Banken und die Atomkonzerne. Ihre Verteidung klingt auch plausibel. Die Autoindustrie haben sie vergessen. Die Abhängigkeit des unfreien freien Marktes von der Ausbeutung der machtvollen kursierenden Fantasien von Status, Reichtum und Macht sehen sie auch nicht. Dabei ist Donald Trump der gewählte Repräsentant der Ellenbogenschubserei auf dem Markt des Reichtums und des Glamours. Jetzt können wir sehen, was ein Herr des Geschäfts mit seinen zerstrittenen Mannschaften und seinen entsetzten, zerstrittenen politischen Kolleginnen und Kollegen anrichtet. Haben wir Grund, die Macht der Geschäftsleute auf dem freien Markt zu feiern?
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