Donnerstag, 28. Oktober 2010

Ehrliche Töne im Fernsehen

Heute, am 29.10.2010, stand auf Seite 13 der Süddeutschen Zeitung der Text "Gute Nachrichten. Wie der der amerikanische Late-Night-Moderator Jon Stewart die politische Satire neu erfunden hat". Das Wort Satire ist eine Untertreibung, um Jon Stewarts Vorgehen zu beschreiben: Er zerlegt die Muster des Fernsehens. Zwei Beispiele aus dem Text dazu:
1. "Das wichtigste für diese Leute" - die, die die so genannten Nachrichten verbreiten -  , "ist, dass die Geschichte keine Lücken hat. Was wirklich passiert, ist völlig egal".
2. "Im 21. Jahrhundert wurde es durch neue Technologien möglich, rund um die Uhr umfassend, neutral und journalistisch kompetent über wichtige Ereignisse aus aller Welt zu berichten. Getan hat das niemand. Aber es war möglich".
Uns fehlt ein Jon Stewart. Warum haben wir ihn nicht? Weil das Mitspielen eine deutsche Tradition hat und keiner, der in diesem Medium seinen Unterhalt verdient, sich traut, nicht mitzuspielen beim Geschäft mit den fantasierten TV-Beziehungen, der falschen Freundlichkeit und dem geheuchelten Interesse an den existenziellen Fragen.

Der Triumph des Ressentiments

Gestern traf ich auf dem Abendessen meiner (angeheirateten) Verwandtschaft eine junge Frau, die in Maastricht Psychologie studierte und in Aachen Psychologie studiert. Ich fragte sie nach ihrer theoretischen Orientierung. Eine wäre ausgeschlossen, antwortete sie, die wäre wissenschaftlich nicht bewiesen: die Psychoanalyse - das sagten alle ihre Professoren. Abgesehen davon, dass man eine Theorie nicht beweisen kann, ist das starker Tobak: der Triumph des Ressentiments. Im Mai 1933 verbrannten unsere braunen Jungs  mit großen Gejaule Sigmund Freuds Seelen-zergliedernde Arbeiten. Heute werden sie mit einem Totschlag-Argument vernichtet - und die jungen Leute im Westen unserer Republik werden nicht angeregt, den Reichtum dieses Autors zu entdecken. Die unverstanden Folgen des nationalsozialistischen Kahlschlags, schrieb Pierre Legendre, ist die Zerstörung des Vaters. Auch des intellektuellen Vaters.   

Sonntag, 17. Oktober 2010

Inwieweit sind Eltern für die Entwicklung ihrer Kinder verantwortlich?

Im Stuttgarter Landgericht muss sich Jörg K., Vater von Tim K., der am 11. März 2009 fünfzehn Menschen ermordete und dreizehn Menschen zum Teil schwer verletzte und sich mit einem Kopfschuss selbst tötete, für die Nachlässigkeit verantworten, die Pistole vom Typ Beretta, die sein Sohn als Mordwaffe benutzt hatte, nicht angemessen aufbewahrt und sich damit möglicherweise der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht zu haben. Seit 1901, ist der Süddeutschen Zeitung vom 1.10.2010 (S.1) zu entnehmen, ist ein solcher Schuld-Vorwurf in Deutschland nicht verhandelt worden. Dass er jetzt verhandelt wird, schreibt die SZ, habe juristische Implikationen. Die Implikationen wurden nicht erläutert. Aber, abgesehen vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung, kommt als latenter Kontext des Gerichtsverfahrens die Frage der Elternschaft in den Blick: Inwieweit sind die Eltern für die Entwicklung ihrer Kinder verantwortlich? Inwieweit sind sie verantwortlich für die Fantasien, die Beziehungsunfähigkeit und den Rückzug ihres Kindes? Diese Frage ist strafrechtlich nicht relevant, aber sie zu diskutieren, was gute Elternschaft ausmacht, wäre wichtig.

Ich habe von Waffen keine Ahnung, aber ich bin ein ausgiebiger Kinogänger. Es gibt drei Filme, die drei verschiedene Waffen populär machten - die Western der 50er Jahre lassen wir hier aus - : Sam Peckinpahs The Getaway (U.S.A. 1972) die pumpgun - die Vorderschaftrepetierflinte, wie dieses Gewehr auf Deutsch heißt, die Steve McQueen in die Hand nahm; Ted Posts Magnum Force (U.S.A. 1973) die Durchschlagskraft der Magnum-Patrone, die Clint Eastwood mit einem Revolver der Firma Smith & Wesson abfeuerte; und Terence Youngs Dr. No (Großbritannien 1962), in dem Sean Connery als James Bond seine Beretta gegenüber seinem Chef verteidigte. Was hatte Tim K. mit dieser Pistole verbunden? Was war ihm an ihr wichtig? Und was wussten seine Eltern davon? Mussten sie davon wissen? Zumindest sollten sie wissen, welche Fantasien ein Kind mit seinem Interesse an Waffen verbindet, und es mit ihnen ausreichend besprochen haben. Sie sollten auch einen ausreichenden Zugang zur inneren Welt ihres Kindes haben - ausreichend, um ein Bild zu haben, womit es beschäftigt ist und wonach es sich sehnt.

Was sollen bloß die Leute von uns denken?

Gestern, am 12. Oktober 2010, machte die Süddeutsche Zeitung mit der Schlagzeile auf: Türken bei deutschen Jugendlichen unbeliebt. Das niedersächsische Forschungsinstitut hat seine Befragungsstudie - 1600 Jugendliche türkischer und 20.000 Jugendliche bundesdeutscher Herkunft - veröffentlicht. Unabhängig von der Qualität dieser Studie, die sich aus der Nachricht nicht überprüfen lässt, kann man von dem Befund die Hypothese ableiten, dass die so genannten Parallelgesellschaften aus gegenseitigen Interaktionen entstanden sind - es sind nicht nur die Familien türkischer Sozialisation, sondern ebenso die Familien bundesdeutscher/deutscher Sozialisation, die den Kontakt meiden - und dass dieser Begriff einen kräftigen, bundesdeutschen projektiven Touch hat.

So ist die enorme Resonanz verständlich, die der Autor Thilo Sarrazin erzeugt hat - er ist auch das Sprachrohr eines Ressentiments. Es ist wie immer im Leben: ist man mit den Bürgerinnen und Bürgern anderer Nationalitäten bekannt oder befreundet, schleifen sich die Vorurteile ab. Leider können wir auf solche Erfahrungen - noch - nicht zurückgreifen. Die Aufregung um den Berliner Autor sollten wir auswerten als Beleg unserer Unkenntnis türkischer Sozialisation und Kultur und als Beleg unserer Ängstlichkeit, unsere Vorurteile zu klären. In den 50er Jahren schrieen die Leute Nestbeschmutzer!, wenn jemand jemanden an dessen braune Vergangenheit erinnerte - denn was sollte das Ausland denken, wenn die Bundesdeutschen noch immer eine buckelige Verwandtschaft besaßen. Heute schreien die Leute ähnlich - denn was soll das Ausland denken, wenn die Bundesdeutschen noch immer eine buckelige Verwandtschaft haben. Dabei kennt jeder Bundesdeutsche türkischer Herkunft das bundesdeutsche Vorurteil ihr oder ihm gegenüber. Die Bürgerinnen und Bürger anderer Nationen haben auch ihre buckeligen Verwandtschaften. Verwandtschaft ist Verwandtschaft. Man kann sie und man kann sich nicht ausschließen. Wir teilen die Verantwortung, dass wir zumindest miteinander sprechen und prüfen müssen, was von unserer Weltsicht zutrifft und was nicht.