Dienstag, 13. Dezember 2011

Wie wirklich sind die Bilder unserer Wirklichkeiten? I

Eine unfassbare Geschichte aus Deutschland titelt die SZ heute (vom 13. Dezember 2011) die Reportage von Matthias Drobinski auf ihrer Seite Drei : "Geliebter Vater. Im Sommer 2000 erschießen die Neonazis aus Zwickau den Blumenhändler Enver Simsek. Seine Tochter Semiya ist da 14. Sie erlebt, wie der Tote nicht betrauert, sondern jahrelang verdächtigt wird. Eine unfassbare Geschichte aus Deutschland". Die Geschichte ist eine Tragödie und eine Katastrophe. Sie ist unfassbar, weil sie so vertraut ist. Wir leben in der Bundesrepublik Deutschland, aber befinden uns noch in Deutschland.  Sie ist unfassbar, weil sie bestätigt, was wir befürchten uns anszuschauen: dass die wie selbstverständlich kursierenden Bilder des xenophoben, projektiven Ressentiments ein altes, weit verbreitetes, sogar von manchen Mitgliedern der Ermittlungsbehörden geteiltes Vorurteil  einer eliminatorischen Fantasie  transportieren. Deshalb sind die Rede von den so genannten Neonazis und die Anstrengung, die Nationaldemokratische Partei Deutschlands zu verbieten, selbstbetrügerisch: So wird die Illusion perpetuiert, wir könnten die Vorurteilsbereitschaft und die Gewalttätigkeit leicht identifizieren; zugleich statten wir deren lärmende Propagandisten mit dem alten braun-schwarzen Glanz aus. Um ein ausreichendes Verständnis ihres Hasses kommen wir nicht herum. Vor allem sollten wir uns bei den Angehörigen der Mord-Opfer angemessen entschuldigen.  

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Unschuldige Verachtung

Von dem Psychoanalytiker Christopher Bollas gibt es das Konzept der innocent violence: Die seelische Wirklichkeit des Anderen wird dadurch bekämpft, dass sie nicht zur Kenntnis genommen wird. Das ist doch nicht so schlimm, lautet die stereotype, freundlich-aggressive Formel. Es gibt auch eine unschuldige Verachtung: Wenn Unterschiede nicht wahrgenommen werden. In der heutigen Besprechung des Nanni Moretti-Films Habemus Papam in der SZ (7.12.2011, S. 11) macht Rainer Gansera keinen Unterschied zwischen dem Psychiater und dem Psychoanalytiker; er spricht sogar vom "psychiatrischen Konzept des Unbewussten". Dass Sigmund Freuds Konzepte unterschlagen werden, belegt die prekäre Position der Psychoanalyse in unserer Kultur. Sie fungiert als Ideen-Geber und als Zielscheibe. Als ein Verfahren, das auf das psychotherapeutische Gespräch und die psychotherapeutische Beziehung setzt, wird es nicht geschätzt. Übrigens ist Nanni Moretti ein Kenner der Psychoanalyse: Er lag selbst auf der sprichwörtlichen Couch und in seinem Film Das Zimmer des Sohnes (2001) war er der Psychoanalytiker, der an einem Sonntag einen Patienten aufsuchte, währenddessen sein Sohn bei einem Tauchunfall verunglückte.

Am 25.11.2011 ließ die SZ auf ihrer zweiten Seite den Psychiater Andreas Meißner mit dem Text Die Not der Psychiater zu Wort kommen. Er beklagte die Schieflage zwischen psychotherapeutischer und psychiatrischer Praxis: Der Psychiater könne - angesichts der schlechten Honorierung -  im Quartal nur ein Gespräch, der Psychotherapeut dagegen mindestens ein Gespräch innerhalb einer Woche führen (der psychoanalytische Therapeut sogar zwei oder drei Gespräche in der Woche), zudem behandele der Psychiater zwei Drittel der psychisch Kranken, der Psychotherapeut dagegen - bei besserer Honorierung - nur ein Drittel. Klagen, lehrte Sigmund Freud, sind Anklagen. Andreas Meißner ist unzufrieden. Er sagt nicht, dass sein therapeutisches Instrument der medikamentöse Eingriff ist. Er sagt nicht, dass er als seine berufliche Praxis einen eher technisch orientierten Umgang gewählt hat, der von der Fantasie der raschen Intervention lebt, die sich häufig als ein langwieriges, kostspieliges Probieren erweist. Er sagt nicht, dass seine berufliche Praxis andere Kosten verursacht. Er rechnet psychiatrische und psychotherapeutische Praxis falsch gegeneinander auf, um die fremde Praxis zu bekämpfen; dabei müssten beide Formen klinischer Praxis verbunden werden. Rainer Gansera versteht die Unterschiede nicht, Andreas Meißner mag die Unterschiede nicht. Beide pflegen die unschuldige Verachtung.     

Mittwoch, 23. November 2011

Sprach-Verwahrlosung

Das neue Buch des französischen Soziologen Alain Ehrenberg ist in diesem Jahr im Suhrkamp-Verlag unter dem Titel Das Unbehagen in der Gesellschaft erschienen. Der französische Titel lautet: La Société du malaise. Wörtlich übersetzt: Die Gesellschaft des Unbehagens. Der Titel wäre genau, aber sperrig. Der Suhrkamp-Titel benutzt den vertrauten Titel der Arbeit von Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Natürlich ist das Lektorat frei, die Leistung anderer Autoren für ihr Geschäft zu variieren oder zu paraphrasieren. Aber der Titel schmeckt nicht.

Karl-Theodor zu Guttenberg ist, dank der Unterstützung des Chefredakteurs der ZEIT, zu einer Publikation gekommen: Vorerst gescheitert lautet der Titel. Man kann mit einem Betrug scheitern - das kann man sagen. Aber erweist die Formel vom gescheiterten Betrug dem Betrüger nicht zu viel Ehre? Und besagt sie nicht auch, dass der Betrüger sich aufmachen wird, wieder zu betrügen? Für ein Geschäft verhökert DIE ZEIT die für existenzielle Kontexte normalerweise reservierte Vokabel vom Scheitern und macht den Betrug salonfähig. Geld riecht nicht, sagt man; das Geschäft muss laufen. Wir leben in schwierigen Zeiten (SZ vom 23.11.2011, S. 1).

Dienstag, 22. November 2011

Was wollen wir vom Nationalsozialismus wissen?

Heute, am 23.11.2011, macht die SZ mit dieser Schlagzeile auf: "Bundestag beschämt über Neonazi-Morde" Alle Parteien des Bundestages - "an dem sich auch die Linkspartei beteiligen durfte", ist dort zu lesen - verständigten sich auf einen Entschließungsantrag - eine Erklärung der Scham und des Mitgefühls und der Absicht, "dem Extremismus 'entschieden' entgegenzutreten".

"Wir stehen für ein Deutschland, in dem alle ohne Angst verschieden sein können und sich sicher fühlen - ein Land, in dem Freiheit und Weltoffenheit herrschen", zitiert die SZ aus der Erklärung. Ich finde bemerkenswert, dass unsere Politikerinnen und Politiker den vollen Namen unseres Landes nicht nennen: Bundesrepublik Deutschland. Sie machen keinen Unterschied zum nationalsozialistischen Getöse um Deutschland. Davon abgesehen, kann ich mich nicht an eine ähnliche Geste des Bundestages erinnern, als Anfang der 90er Jahre bundesdeutsche Schläger ihre baseball bats schwangen.

Die Geste der Bundestagsabgeordneten erinnert an den vertrauten westdeutschen Subtext der 50er Jahre, den man so übersetzen kann: Vom Nationalsozialismus wollen wir nichts hören und nichts wissen; wer ihm nachhängt und darüber spricht, wird verachtet und zum Schweigen aufgerufen. Ein Sprechverbot sollte es in einer Demokratie nicht geben. Die Grenze zum strafrechtlich relevanten Sprechen ist gezogen. Deshalb ist ein Verbot der NPD, worüber wieder im Bundestag nachgedacht wird, nicht notwendig. Ich möchte hören können, was die Delegierten dieser Partei sagen. Sie sollten nicht zum sprachlosen Sprechen gezwungen werden. Ende der 60er Jahre fragte das Psychoanalytiker-Ehepaar Alexander und Margarete Mitscherlich in ihrer Arbeit Die Unfähigkeit zu trauern,  was aus der riesigen Verehrung des Mannes an der Spitze des braun-schwarzen deutschen Staates geworden wäre. Die Antwort steht noch aus. Wir müssen uns nicht mit einem Verbot vor ihr schützen.

Montag, 17. Oktober 2011

Wenn die (westliche) Welt doch einfach wäre

Gestern titelte der Super Sonntag aus dem Kreis Heinsberg - unsere Frühstücks Lektüre : "Jagt die Zocker vom Börsen-Hocker". Weltweiter Protest gegen die Macht der Finanzmärkte - Netzwerk Attac spricht von 40.000 Demonstranten in Deutschland. Die Hölle, ließ Jean-Paul Sartre den Protagonisten am Ende seines Stückes Huis-clos sagen, das sind die anderen. Dieses Mal die Bankiers, die die Sparte investment banking betreiben. Sicher, sie haben eine Menge Geld durch die Hochleistungskabel geschickt. Aber irgendjemand hat ihnen den Auftrag gegeben. Irgendjemand hat ihnen das Geld gegeben. Am wild gewordenen Geldsummen-Geschiebe sind eine Menge Leute beteiligt. Es gibt so viele Leute - wer will sich da schon ausschließen? -, die gern sehr schnell sehr reich werden möchten und deren Fantasien mächtig drängen, realisiert zu werden. Demnächst müssen wir womöglich die Suppe auslöffeln vom öffentlich geteilten, delegierten und zur Wirklichkeit gepressten Tagtraum Wie werde ich Millionär oder Milliardär - oder wenigstens Hausbesitzer? 

Ein erschreckendes Missverhältnis

Am Samstag machte der Kölner Stadt-Anzeiger mit zwei Schlagzeilen auf:
1. Kinder - krank an Leib und Seele
2. Merkel legt sich mit Obama an. Kanzlerin verwahrt sich gegen Druck der USA und fordert eine Finanzmarktsteuer.
Die Kinder leiden bei uns enorm an der Armut ihrer familiären Systeme, unsere Regierung (vor allem)  an der gewaltigen Verschuldung der EU -  die bundesdeutsche Verschuldung natürlich eingeschlossen. Die Linderung der Verschuldung wird einen drei- bis vierstelligen Milliarden-Betrag kosten und die am dringlichsten notwendige Realisierung des Projekts der sozialen Gerechtigkeit weiter hinausschieben - bis auch die psychosozialen Folgekosten dieses Scheiterns gewaltige Ausmaße erreicht haben werden. Im Augenblick werden wir vorsichtig zur Kasse gebeten, um uns an den Folgekosten des mehr oder weniger intensiv betriebenen Fantasierens vom Erwerb der teuren Repräsentationen von Macht, Status und Glück zu beteiligen. Im Augenblick können wir resümieren, wie das Konzept der fröhlichen Verschuldung wenig der Realitätsbewältigung, aber viel der Wünsche-Inflation gedient hat. Dabei haben wir offenbar unsere Geschichte aus dem Blick verloren: wie die Bundesrepublik aus den Ruinen Deutschlands mit alliierter Hilfe und unter alliierter Aufsicht in dem Schock der Nachkriegszeit und in der Nachkriegsarmut entstand.

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Das Loch im Text

Paul Simon wird siebzig Jahre alt, kann man heute in der SZ (13.10.2011, Seite 13) lesen. Ein Wort weckte mein Interesse: das introspektive Gejammer. Paul Simon vermied es, so der Autor des Textes Jonathan Fischer, in der Zeit seiner schweren Lebenskrise. Was ist introspektives Gejammer? Der Autor sagt es nicht. Man kann natürlich Vieles vermuten. Wahrscheinlich hat ein Stück persönlichen Kontextes in den Satz eingeschlagen und das Loch für Fragen hinterlassen.

Die Mücke und der Elefant

Auf der Wissen-Seite der SZ von heute (S. 16) kann man einen Text lesen, dessen Überschriften lauten:
"Spülung für die Seele. Wer sich wäscht, fühlt sich auch frei von Schuld".
Der Text beginnt: "Wenn sich Menschen waschen, reinigt das auch ihre Seele". Unsere Kulturgeschichte von ein paar Tausend Jahren wird ins Spiel gebracht. Die Reinigung der Seele. 

Der zweite Satz lautet: "Mit dem Wasser verschwinden die schlechten Gefühle ebenfalls im Abfluss, berichten die Psychologen Spike Lee und Norbert Schwarz von der Universität Michigan in einer Übersichtsarbeit (Current Directions in Psychological Science, online)". Das Internet ist eine Bibliothek ohne Öffnungszeiten - leider fehlt ein umfassendes Verzeichnis. Ich habe jedenfalls die Arbeit in ihrer Kurzform mit dem Titel Washing Away Post-Decisional Dissonance (drei Seiten Text) nachgelesen. Was haben Spike Lee und Norbert Schwarz untersucht? Sie ließen 40 Studenten aus 30 CDs zehn CDs auswählen, die sie gern besitzen würden, und sie baten die Studenten, die zehn CDs in der Reihenfolge ihrer Präferenzen zu sortieren. Die jeweilige fünf- oder sechstbeliebste CD konnten sie als eine Art Anerkennung behalten. Anschließend wurden die Studenten zu einer flüssigen Seife befragt. Die eine Hälfte der Studenten beschäftigte sich nur kurz mit der Seife, die andere Hälfte wusch sich damit die Hände. Dann folgte, was die Psychologen filler task nannten - offenbar mussten die Studenten die Flaschen mit der Seife füllen - , und danach mussten die Studenten erneut die zehn  CDs in der Reihenfolge der Attraktion sortieren.

Spike Lee und Norbert Schwarz gingen davon aus, dass die Studenten, die sich entweder für die fünft- oder sechsbeliebste CD entschlossen hatten, auch gern die jeweils andere CD gewählt hätten, weswegen sie einen Konflikt erleben würden  - was Leon Festinger 1957 eine kognitive Dissonanz genannt hatte - ; sie vermuteten, dass die Studenten Anstrengungen unternehmen würden, ihre Wahl für sich zu rechtfertigen, um die Dissonanz oder den Konflikt zu mildern oder zu beseitigen. Den (vermuteten) inneren Umgang mit dem Konflikt untersuchten die Psychologen nicht. Wir erfahren nichts über die CDs und über die Wahlen der Studenten. Sie verglichen und korrelierten die Präferenz-Wahlen der Studenten, die sich mit der Seife wuschen, mit den Listen der Studenten, die die Seife links liegen ließen. Was kam heraus? Die Studenten, die die Seife nicht ausprobiert hatten, bestärkten ihre Wahlen; die Studenten, die sie benutzt hatten, nicht. Was schlossen Spike Lee und Norbert Schwarz daraus?

Sie schrieben: "Thus, hand-washing significantly reduces the need to justify one's choice by increasing the perceived differences between alternatives". Das hatten wir schon einmal. In den 60er Jahren wurde für ein Geschirrspülmittel mit der viel versprechenden Formel Pril entspannt das Wasser geworben. Dieses Mal war es Flüssigseife, und es ging um die kognitive Dissonanz, die einen umzutreiben vermutet wird, wenn man sich entscheiden muss zwischen zwei CDs, weil einem nur eine geschenkt wird. Viel Lärm um nichts. Weder prüften die Psychologen ihre Vorannahmen; ein F-Test - ein statistisches Prüfverfahren - reichte. Noch bedachten sie die Implikationen ihrer Spekulation. Und, das ist die instruktive Seite, die SZ extrapoliert die Spekulation für einen flotten, abfälligen Titel. Wir erfahren, wie Forschung ungeprüft weitergereicht wird im Betrieb der vermeintlich relevanten Nachrichten. Und wir können den Versuch sehen, die komplexe Struktur des seelischen Systems ins Waschbecken der Verachtung zu pressen (s. meinen Blog vom 11.11.2010 Die Zähigkeit des neurowissenschaftlichen Aberglaubens).    

Montag, 10. Oktober 2011

Was ist eine Blase?

What do get when you fall in love?, fragte Burt Freeman Bacharach (zusammen mit Hal David) 1968. A pin to burst your bubble, war seine Antwort. Bubble ist das englische Wort für Blase. Das Englische sei gestattet, weil es um Steve Jobs geht. Am 7. Oktober, zwei Tage nach Steve Jobs Tod, schrieb in der SZ (im Wirtschaftsteil) Karl-Heinz Büschemann: "Spätestens jetzt muss jedem klar sein, dass der Apple-Erfolg eine Blase ist. Jobs verkaufte weiter seine Produkt-Religion" (S. 19). Auf der Seite Drei der SZ vom selben Tag titelte Bernd Graff seinen Text mit dem anderen Tonfall: "Ohne dich. Was für ein Spinner, was für ein Hippie, was für ein Verkäufer - was für ein Genie. Zum Tode des Apple-Gründers Steve Jobs". Was ist eine Blase? Wenn Burt Bacharach recht hat: eine Liebesbeziehung. Liebesbeziehungen leben, darauf wies der englische Psychoanalytiker und Kinderarzt Donald Woods Winnicott hin, von sich überlappendenden, gegenseitig investierten oder, wenn man es nicht so geschäftlich will, projizierten Illusionen. Illusionen, weiter gedacht, sind Fantasien über unsere Wirklichkeiten. Fantasien über Status, Macht und Glück befeuern unsere kapitalistischen Systeme.

Warum spricht der Wirtschafts-Journalist Karl-Heinz Büschemann von der Blase? Wahrscheinlich ist er besorgt. Wir hatten die IT-Blase und leiden noch unter der Immobilien-Blase. Jetzt schlagen sich die EU-Politiker mit der riesigen Verschuldung herum, die offenbar das Produkt vieler Blasen ist. Gilt das auch für Apple? Sicher nicht. Denn die Millionen-fach verkauften Produkte sind doch wahrscheinlich bezahlt; höchstens sind deren Käuferinnen und Käufer verschuldet. Was die Firma verdient, kann  man nachlesen in ihrer Bilanz; was sie wert ist, ist eine andere Geschichte. Was ist schlimm daran, wenn die Produkte einer Firma sehr geschätzt werden? Büschemann missfällt die Produkt-Religion. Er sorgt sich um die Kundinnen und Kunden von Apple: Sie sind herein gefallen - glaubt er. Er missioniert: Er möchte sie schützen. Leider sind die Produkte der Kalifornier zu schön und zu funktionstüchtig, um sie aufzugeben. Ich hänge an meinem notebook von Apple; ich möchte es nicht hergeben. Ich möchte keinen anderen Rechner. Es ist die alte Geschichte heftig gepflegter Vorlieben und Abneigungen, mit denen die eigenen Lebensentscheidungen ausgepolstert werden. Manche Kölner sind da einigermaßen entspannt; sie sagen: Man muss och jünne künne. Steve Jobs hatte verstanden, was ich mir von einem Rechner wünsche. Das finde ich enorm. Er lebte vor, wie man dem folgt, woran das Herz hängt. Das finde ich enorm tröstlich. Er war kein Heiliger, sondern ein kluger, rigoroser Geschäftsmann.

Ist die elektronische Technologie zu komfortabel?

"Was immer wir mit unserem Gehirn tun, hinterlässt in ihm Spuren, und so geht auch die Benutzung elektronischer Medien nicht spurlos an uns vorbei", schreibt Manfred Spitzer in seinem neuesten Text Auslagern ins Wolkengedächtnis? Auswirkungen des Gebrauchs elektronischer Medien auf unser Gehirn (Nervenheilkunde 10/2011, S. 749 - 754). Der Satz dreht sich im Kreis. Doppel genäht hält besser, könnte man sagen. James Hadley Chase, der britische Autor robuster Kriminalromane, wusste das schon: There is always a price tag, lautet einer seiner Titel. Die Kölner sagen das in verneinter Form: Von Nix kütt Nix.


Spuren, schreibt also Manfred Spitzer, hinterlasse der tägliche Umgang mit der elektronischen Technik. Nun ist die Spur eine mehrdeutige Metapher des Sehens oder des Wahrnehmen-Könnens. Die ursprüngliche Bedeutung im Mittelhochdeutschen, sagt der Kluge, war der Fußabdruck; das Verbum spüren leitet sich davon ab; im Hochalemannischen bedeutet die Spur die "vom Tauwasser verursachte Rinne im Boden" (S. 734). Für uns schließlich verflüchtigt sich heute die Spur auch in Spurenelemente oder in den Hauch eines Verdachts. Manfred Spitzers Rede von der Spur beteuert die Einfachheit des methodischen Problems, Wirkungen zu erfassen. Denn wie kann man die Spuren im Gehirn, diesem Milliarden-fach vernetzten System, nachweisen?

Gar nicht. Man kann in Experimenten Aufgaben stellen - beispielsweise Leute auf der Tastatur  mobiler Telefone Wörter schreiben lassen und die Zahlenkombinationen dieser Wörter nach verschiedenen Hinsichten abfragen (auf der Tastatur ist ja immer eine Gruppe von drei Buchstaben mit einer Zahl verknüpft) mit der Hypothese, dass sich bestimmte unbemerkte Verknüpfungsmuster von Buchstaben und Zahlen in den Antworten finden lassen - und die Leistungen korrelieren. Statistische Korrelationsverfahren rechnen Regelmäßigkeiten heraus und prüfen die Wahrscheinlichkeit, inwieweit sie zufällig zustande gekommen sind.

Mit dem Nachweis von Spuren im Gehirn hat das nichts zu tun. Spuren im Gehirn kann man nicht ausmachen. Aus den Leistungen eines Menschen kann man hypothetische Muster kognitiver Leistungen erschließen - mehr nicht. Die Rede von den Spuren im Gehirn ist imperialistische Wissenschaftspolitik. Das Gehirn soll das psychische System - oder wie Sigmund Freud es nannte: das seelische Geschehen - ersetzen.  Aber das Gehirn ist methodisch nicht zugänglicher als die Psyche. Der Autor verspricht mehr, als er einlösen kann. Was kann er vorlegen?

Das Bearbeiten der Tastaturen mobiler Telefone übt Verknüpfungen ein und trainiert Fertigkeiten. Dieser Befund ist keine Überraschung. Was sie für uns bedeuten, muss man sehen. Der Umgang mit dem in das Internet ausgelagerten kulturellen Wissen fördert nicht die mnestische Leistungsfähigkeit. Das ist auch ein alter Hut: Was ich nicht gründlich lerne, behalte ich nicht gut; es versickert. Was ich mir sagen lasse von einem fremden Stichwort-Geber, habe ich möglicherweise bald nicht mehr parat. Aber was ist gründliches Lernen? Es ist affektiv beteiligtes , bedeutungsvolles, lebensgeschichtlich relevantes Lernen - das ständige Durchgehen und Synthetisieren des Aufgenommenen im inneren Dialog; dessen allmähliche Integration ins seelische System. Findet das jetzt nicht mehr statt? Und was ist schlecht am Vergessen? Manfred Spitzer zitiert Untersuchungen, die belegen, dass Studenten sich merken, wo sie etwas finden können, aber nicht, was. Abgesehen davon, dass man punktuelle Resultate aus punktuell angelegten Experimenten schlecht extrapolieren kann als die möglichen Kulturleistungen junger Leute, reicht es für die alltäglichen und mittelfristigen Aufgaben, wenn man weiß, wo und wie man gute Informationen und gute Literatur findet. Für die langfristigen Aufgaben des Forschens sieht das anders aus. Wer vergisst, bleibt locker und beschwert nicht sich mit irgendeinem Bildungskrempel. Man kann darauf vertrauen, dass man das für einen Wichtige parat hat.

Und macht das Navigationssystem im Auto passiv, wie Manfred Spitzer befürchtet? Sicher, es etabliert eine neue Abhängigkeit beim Autofahren. Aber vor allem verlassen wir uns doch auf die Funktionstüchtigkeit unseres Fahrzeugs. Wenn wir dem Navigationssystem nicht trauen, dürfen wir auch der komplizierten Elektronik unserer Autos nicht trauen. Nein, im Gegenteil: das System der Ortskundigkeit  entlastet; es ist ein Segen in fremden Städten. Für die älteren Herren am Steuer  - Manfred Spitzer ist Jahrgang 1958 - ist es vielleicht unsportlich, aber warum muss man sich anstrengen, wenn man sich nicht anstrengen muss? Natürlich muss man der Dame des Abbiegens gegenüber kritisch bleiben, wohin sie einen zu führen beabsichtigt. Aber das sollte man ja immer - vor allem in Geschäftsbeziehungen. Manfred Spitzer nennt das unsere mentale Bequemlichkeit (S. 753). Was ist, fragt er, wenn der Strom ausfällt? "Wenn mir jedoch das Wissen abgedreht wird", schreibt er, "was dann? Welche Bücher muss ich dann parat haben? Und wenn alles in die Wolke ausgelagert ist und die verflüchtigt sich?"

Ja, was dann? Dann machen wir Pause und besinnen uns im Kreis unserer Lieben auf das, was wir haben und können.            

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Steve Jobs ist tot

Gestern starb Steve Jobs. Was für ein Mann! Und was für ein Verlust! Jeden Morgen hole ich mein MacBook Pro aus dem Schreibtisch, klappe es auf und bin zutiefst zufrieden: Es ist ein Gerät, das mir entgegen kommt. Ich bin ein elektronischer Analphabet, aber wann immer  ich mir wünschte, wie der Rechner funktionieren sollte, funktionierte er - im Großen und Ganzen. Steve Jobs hatte verstanden, welche Wünsche, Hoffnungen und Sehnsüchte in ein solches Gerät gehen - und wie man gerade nicht ausgeschlossen sein möchte von einer Technik, von der man keine Ahnung hat. Die Erfahrung, nicht mitzukommen, etwas nicht zu verstehen, ist alltäglich und uralt; ich würde sagen: Man tastet sich durchs Leben oder stolpert herum. Das kenne ich, solange ich zurückdenken kann. Mit meinem alten Microsoft-Rechner stieß ich regelmäßig vor eine Wand und kam nicht weiter oder stürzte in das elektronische Labyrinth. Mit meinem notebook äußerst selten. Dann halfen mir die Apple-Leute in Irland. So entstand meine in etwa reale Beziehung zu dem Apple-Produkt und eine fantasierte Beziehung zu dem Chef dieser Firma.

Steve Jobs konnte aus einer Geschäftsbeziehung eine fantasierte persönliche Beziehung machen. Apple-Geräte sind persönlich adressiert. Sie sind offenbar sehr persönlich entstanden. Sie sind, gewissermaßen, seine Texte. Sie schließen einen ein - man ist verbunden und nicht ausgeschlossen. Seine Stanford-Rede über seinen Werdegang rührte mich zu Tränen. Er schuf Produkte oder regte sie an (wer kann das von außen gesehen wissen?),  die die Komplexität unserer Wirklichkeit nicht leugnen, aber das Gefühl bestärken, damit zurecht zu kommen und seine Wünsche und Interessen leben zu können. Er repräsentierte das Paradox des demokratischen Geschäftsmannes und des spielerischen Künstlers. Er hat in mein Leben eingegriffen und es bereichert.

Dienstag, 4. Oktober 2011

Verzichten oder nicht verzichten - das ist die Zukunftsfrage

"Ich bin davon überzeugt", sagte Dieter Zetsche, Chef von Mercedes-Benz, im Interview mit Martin Scholz und Frank-Thomas Wenzel, den beiden Journalisten des Kölner Stadt-Anzeiger (17./18.9.2011, S. 10), "dass die Zukunft nicht durch Verzicht gewonnen wird". Als das Interview erschien, lief die Frankfurter Automobil-Messe. Mit dem Satz kann man ein kulturwissenschaftliches oder sozialwissenschaftliches Seminar bestreiten. Sigmund Freud hielt den Verzicht für die entscheidende Kultur-Leistung. Andererseits wusste er auch, wie er in seinem Text Der Dichter und das Fantasieren schrieb: Verzichten können wir nicht oder ganz schlecht, eher Verschieben. 1973, als die (westliche) Welt plötzlich realisierte, dass die Öl-Vorräte begrenzt sind, waren bei uns kleine Fahrzeuge sehr gefragt. So kam ich an den Mercedes eines Freundes, der sich einen Polo kaufte. Die Phase der Nachdenklichkeit war kurz; dann setzte die Periode der automobilen Hochrüstung ein - Autos kamen auf den Markt, die 200 km/h und schneller fahren konnten. Zur selben Zeit trommelten die Atom-Propagandisten und versprachen die billige Energie und erklärten unter der Hand den Verzicht für obsolet.

Welchen Verzicht er meinte, sagte Dieter Zetsche im ersten Interview nicht. Klar ist: Auf die schönen Mercedes-Limousinen und Mercedes-Cabrios sollen wir nicht verzichten. Zunehmend knappe natürliche Ressourcen hin oder her. Demnächst fahren wir mit Brennstoffzellen und Wasserstoff oder mit Elektrizität. Irgendwie kriegen die Techniker das hin. Als wären 40 Jahre nicht ins Land gegangen, fantasiert Dieter Zetsche in einem anderen Interview von großen Markt-Gewinnen mit großen Autos: "Mercedes gehört auch beim Absatz an die Spitze", sagte er Carsten Knop und Susanne Preuß von der FAZ  (10.9.2011, S. 22). Wir wurschteln uns durch und weiter. An die Endlichkeit unserer Vorräte denken wir schon, aber nicht sehr. So kann man den Subtext der Interviews übersetzen. -  So war es Anfang der 70er Jahre, so ist es heute. Hat sich etwas geändert? Dieter Zetsche, Chef einer großen Firma, macht Politik - mit dem ungeklärten Mandat seiner Kunden, die gern in die Zukunft zurück schauen. Er schafft die Fakten für Kosten, die wir noch nicht kennen. Die inoffizielle Politik ist mächtig, die offizielle Politik, die von uns gewählt wurde, nicht. Anders gesagt: die inoffizielle Politik ist mächtig, weil die offizielle Politik unsicher ist; mit der so genannten Abwrack-Prämie gab sie, aber forderte nicht. Lebenstüchtig wird man so nicht - lehrt zumindest die Eltern-Praxis.

Montag, 3. Oktober 2011

What a glorious day - I'm singin' in the rain!

Es ist jammerschade, dass die Autoren mancher in der Öffentlichkeit kursierender Begriffe nicht genannt werden. Vermutlich sind es Ministerialbeamte. Der Autor oder die Autorin des Moratoriums ist unbekannt. Der Autor oder die Autorin des Rettungsschirms auch. Wer hat sich wann diesen Begriff in welchem Büro oder Restaurant (oder wo sonst immer) ausgedacht? Er verkleinert die komplizierten EU-Begriffe:  jetzt EFSF (European Financial Stablility Facility) und später (ab 2013) EMS (Europäischer Stablilitäts-Mechanismus). Rettungsschirm. Komm unter meinen Schirm, heißt es. Kann man so jemanden retten? Der Einzige, den ich kenne, der sich mit einem Schirm schnell bewegen konnte, war Gene Kelly. Aber wenn man sich unter einen Schirm drängelt, ist es gemütlich; man kommt sich so nahe. Wahrscheinlich hatte der Autor oder die Autorin diese hübsche Fantasie des Sich-Aneinander-Drückens gemeint. Aber nur Unterkrauchen reicht nicht; einer oder eine muss den Schirm halten. Davon ist beim Rettungsschirm nicht die Rede. Die Metapher impliziert eine schiefe, gar nicht so freundliche Beziehung. Jemand guckt auf jemanden herab. Und schließlich: Wenn sich so Viele unter einen Schirm drängen, braucht man einen Sonnenschirm mit einem Ständer; diese Konstellation ist dann sehr unbeweglich. Gemütlich bleibt es dann nicht lange. Zum Retten kommt man auch nicht. Letzte Frage: Was wollte der Autor oder die Autorin nicht sagen? Antwort: Aus dem Retten mit dem Rettungsschirm wird nichts.

Wach muss man sein

Unsere pfiffige Tochter las mir neulich die Zutaten, die auf der Verpackungshülle wie vorgeschrieben angegeben sind, ihrer Lieblingswurst vor - die Feine Kalbfleisch Leberwurst, delikat gewürzt der Marke Du darfst: Schweinefleisch(37%), Schweineleber (33%), Kalbfleisch (17%); der Rest verteilt sich auf Geschmackstoffe. Das ist nicht neu, dass das, was man erwartet, nicht existiert. Es ist das Spiel mit Bildern, dass mich schläfrig sein lässt; was man glaubt verstanden zu haben, hat man noch längst nicht verstanden. Eine Wurst ist eben nicht eine Wurst. Da schiebt sich eine Menge Marketing, Bilderkunst und Sprachkunst dazwischen.

Montag, 4. Juli 2011

"Brennend heißer Wüstensand...schön war die Zeit, schön war die Zeit" (memories are made of this)

Heute, am 4.7.2011, dem amerikanischen Independence Day, veröffentlicht die SZ auf ihrer ganzen ersten Feuilleton-Seite die Rede von Günter Grass zur Jahrestagung der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche mit dem Titel "Die Steine des Sisyphos. Über das Verhältnis von Journalismus und Politik, die Geschwindigkeit der Zeitläufte und die Macht der Konzerne". Einen solchen Text schrieb Günter Grass auch in den sechziger Jahren. Jetzt ist der leicht klagende Ton der Rückschau hinzugekommen - der Blick auf die alten Verdienste. Geblieben ist der Blick des Autors, der am Schreibtisch durch die Lektüre der Tageszeitungen in die Welt schaut. Geblieben ist der Verdacht auf die üblichen Verdächtigen: die "Lobbyistenverbände", die "Konzerne" und ihre Vordermänner und  Hintermänner. Geblieben ist das Verständnis von Journalismus: Detektivarbeit und Aufklärung der Korruption. Geblieben sind die einfachen Vermutungen und einfachen Begriffe. Beispiel: "Ist ein der Demokratie wie zwanghaft vorgeschriebenes System, in dem sich die Finanzwirtschaft weitgehend von der realen Ökonomie gelöst hat, doch diese wiederholt durch hausgemachte Krisen gefährdet, noch zumutbar? Sollen uns weiterhin die Glaubensartikel Markt, Konsum und Profit als Religionsersatz tauglich sein?"

Wenn es so einfach wäre. Wie immer, diese Einsicht hatte Ludwig Marcuse als Erinnerung auf seinen Schreibtisch platziert, ist alles komplizierter. Ein Autor wie Günter Grass hat die Personen im Blick, nicht die Strukturen von Systemen, nicht die komplexen Bewegungen dessen, was man Öffentlichkeit nennt, was Öffentlichkeit bewegt und worauf sie sich blitzschnell, Affekt-sicher abstimmt, ohne sich abzustimmen. Was macht eine so gute Zeitung wie die SZ, wenn in N.Y.C. der Chef des I.W.F. verhaftet und der Öffentlichkeit präsentiert wird? Wenn sie darüber berichtet, trägt sie zu einem kakophonen Chor aus Vorurteilen, Ressentiments, mächtigen voyeuristischen und kannibalistischen Affekten bei und wird von den Positionen seiner Leserinnen oder seine Leser vereinnahmt. Den Sachverhalt zu sortieren braucht Zeit, Geduld und kühle Köpfe. Wenn sie nicht darüber berichtet, wird sie nicht gelesen. Es gibt auch für die Öffentlichkeit, wie Paul Watzlawick das für die alltägliche Kommunikation gesagt hat, kein Entkommen. Was macht also eine Zeitung wie die SZ? Kein Wort dazu von Günter Grass. Wie bezieht eine Zeitung eine demokratisch angemessene Position? Die SZ riskiert mehr und mehr über die Subtexte der öffentlichen Diskussion zu sprechen. Ist das angemessen? Sollte sie es mehr tun? Das Fernsehen serviert uns die Welt in fragmentierten, Kontext-losen Nachrichten und betreibt das folgenreiche Geschäft der Angst-Regulation. Sollen die Zeitungen die Kontexte nachliefern? Na klar. Aber wie weit? In Reportagen von vierzig Seiten? Wer liest sie? Was kann eine Zeitung wie die SZ verkraften? Was ist für sie wirtschaftlich? Ihre Jahrgänge auf CDs zu vertreiben ist nicht mehr wirtschaftlich. Das aktuelle Lexikon - ein höchst verdienstvolles Büchlein - zu vertreiben ist nicht mehr wirtschaftlich. Was kann also eine Zeitung tun? Fragen über Fragen. Kein Wort dazu von Günter Grass, der den journalistischen Alltag und dessen System-Bedingungen offenbar nicht kennt, wohl die Geschichte mit den mächtigen oder vermeintlich mächtigen Anzeigen-Kunden. Die hätte ich gern Einzelfall für Einzelfall erzählt - von einem tapferen Autor.

Günter Grass schwärmt von den alten Zeiten, vom existenzialistischen Grundproblem. Das Problem ist, wie wir das Grundproblem im Alltag leben, gestalten oder nicht gestalten. In mancher deutscher Literatur erkenne ich das Getriebe meines bundesdeutschen Alltags nicht wieder; mir fehlt eine intime Kenntnis von Organisationen, von Systemen. Aus dem letzten Roman, den ich von Martin Walser gelesen habe - Der Tod eines Kritikers von 2002 - , habe ich zwei Klischees entnommen: der Kritiker fuhr einen Jaguar - leider  sagte er nicht, welchen (Max Frisch fuhr einen Jaguar 420, sein Verleger einen Jaguar XJ) - und legte seinen gelben Kaschmir-Pullover auf die Motorhaube - leider sagte er nicht, ob er aus einer schottischen oder italienischen Strickerei stammte (Jerome David Salinger stattete die Mitglieder seiner Glass-Familie mit dieser Strickware aus). Ich habe dem Text nicht entnehmen können, wie unser Literaturbetrieb funktioniert. Dabei müsste Martin Walser doch ein intimer Kenner sein.

Günter Grass sagte über seine Berufsgruppe: "Vielleicht deshalb, weil wir Schriftsteller ohnehin kritisch miteinander umgehen, was Journalisten so gut wie nie tun". Ich kenne keine Berufsgruppe, deren Mitglieder sich gern kritisieren. Als Winfried Georg Sebald seine Bilanz der westdeutschen Nachkriegsliteratur zog in Luftkrieg und Literatur  (1999), gab es ein Riesengeschrei. Hans Magnus Enzensberger meinte: Schlecht recherchiert. Aber vor ein paar Tagen, am 25./26.6.2011, veröffentlichte die SZ Michael Kleebergs Text Die Erfindung des Helden der Flakhelfer-Generation. Vor fünfzig Jahren starb Ernest Hemingway - er war das große Vorbild der jungen deutschen Autoren nach 1945. Aber waren sie wirklich seine Schüler? Sie waren es offenbar nicht.

Montag, 6. Juni 2011

Florian tried to outdo Alfred Hitchcock

Florian Henckel von Donnersmarcks Tourist hat meine Sympathie. Ich teile nicht die Enttäuschung mancher Filmkritiker. Was dessen Tourist andeutet, ist: 1. Er verehrt die Arbeiten Alfred Hitchcocks; 2. Das Leben der Anderen ist eine Variation von Rear Window; 3. er liebt North Ny Northwest; 4. er tagträumt wie ein Kinogänger, der North By Northwest einmal selber drehen möchte. Als Remake der französischen Vorlage ist sein Film nicht interessant. Er wollte sie - vermute ich - nicht erreichen. Ihm ging es um North By Northwest - um Cary Grants Bemerkung, die die Prämisse seines Films ist: "The moment I meet an attractive girl, I have to start pretending that I've no desire to make love to her". Mit anderen Worten: Cary Grants zweiter Blick - der auch unser Blick ist - auf Eva Maria Saint im Speisewagen des 20th Century nach Chicago  ist Florian von Donnersmarcks Blick auf Angelina Jolie, der zugleich das Konzept seines Films ist. Wer keinen Spaß hat, sie anzustarren, hat kein Vergnügen am Film. Der Kinoautor wünschte seinen Star so hinreißend zu präsentieren, dass ihr nachzuschauen als Vergnügen ausreichen sollte. Eva Marie Saint im Vergleich mit Angelina Jolie, die Johnny Depp das Sofa in einer luxuriösen Suite zuweist statt den Boden des Schlafwagenabteils E 3901. Johnny Depp staunte und schaute und staunte und schaute. Das war manchen Kinogängern zu wenig. Was Florian von Donnersmarck nicht bedacht hatte: Hätte Eva Marie Saint Cary Grant so an die Hand genommen wie Angelina Jolie Johnny Depp, wäre North By Northwest zäh  geraten -  das wäre zu viel Mutti und zu wenig Konkurrenz, zu viel Hemmung und zu wenig Aggressivität gewesen. Alfred Hitchcocks North By Northwest ist über 50 Jahre alt und nicht zu übertreffen. Der robuste Glanz dieses Thrillers bleibt ein Geheimnis. Florian Henckel von Donnersmarck hatte sein übergroßes Vorbild zu sehr vor Augen.      

Dienstag, 24. Mai 2011

Wer eiert, verliert das Gleichgewicht

Nachlese zu Bremen, heute in der SZ vom 24.5.2001, Seite vier:
"Aber immer deutlicher wird, dass die noch im Herbst beschlossene Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke ein historischer Fehler war. Es war von Anfang an eine Politik gegen die Mehrheit der Menschen", schreibt Stefan Braun. Deshalb erhielt die Regierungspartei am Sonntag in Bremen die Quittung. Was ist ein historischer (politischer) Fehler? Stefan Braun meint offenbar einen taktischen Fehler: Gegen die Mehrheit der Menschen könne man nicht regieren. Genau das ist das Missverständnis: Es geht nicht um Taktik, es geht um die Sache und um die Überzeugung, wie diese Sache einzuschätzen ist. Klar ist: Innerhalb von 24 Stunden (s. meinen Blog vom 14.3.2011 ) wechselte die Regierung ihren Standpunkt und demonstrierte, dass sie keinen Standpunkt hatte. Klar ist, dass unsere Regierung Fantasie-los war und die schlimmsten - sehr realen -  Befürchtungen der Leute nicht im Blick hatte, weil sie die  Reichweite von Wahrscheinlichkeitssaussagen nicht einschätzen konnte. Die Überzeugungslosigkeit wurde in Bremen quittiert. Überzeugungslosigkeit einer Regierung bedeutet: Sie gibt keine Orientierung; sie weiß nicht, was wichtig ist; sie schätzt die Welt unscharf ein. Sie eiert. Wer eiert, verliert Vertrauen und Überzeugungskraft. 


Ein Wort noch zum impliziten Politik-Verständnis der Formel gegen die Mehrheit der Menschen. Im Idealfall besteht der demokratische Prozess im Austausch mehr oder weniger überzeugender Argumente; das plausibelste sollte sich durchsetzen. Nicht der kleinste gemeinsame Nenner von Argumenten. Der gilt im Jargon der öffentlichen Diskussion als das politisch Machbare, das gewissermaßen ausgemessen wird wie die Handlungsanleitungen der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, die sich an den Einschaltquoten orientieren und mittlerweile am Einschaltquoten-Syndrom leiden. Eine Regierung wird gewählt, um die Lebensinteressen ihrer Wählerinnen und Wähler zu schützen und sie zu überzeugen, welche Planungen, Konzepte und Interventionen angemessen sind - gerade dann, wenn sie einem gegen den sprichwörtlichen Strich gehen. Nicht, um sich vorwiegend an ihrem Interesse an der Wiederwahl zu orientieren.        

Dienstag, 10. Mai 2011

"Gerne!"

Seit kurzem kursiert das Adverb gern als Antwort "Gerne!" auf eine Bitte, eine Bestellung oder auf einen Auftrag in Hotels, Restaurants, Geschäften, Auskunftsdiensten - ich bin immer wieder überrascht und denke: Ich höre nicht richtig. Gerne. Welche Beratungsfirma hat diese Antwort implantiert?, wüsste ich gern. Die Grundbedeutung gibt der Kluge mit begierig an. Verhüllt das Adverb nur die Geschäftsinteressen? Jedenfalls klingt es freundlich und entgegen kommend. Das im nicht geschäftlich orientierten, nordamerikanischen Alltag gebräuchliche you're welcome - vielleicht das Vorbild für die Erfindung des deutschen gerne als Interaktionsformel - ermuntert, die nächste Bitte oder Frage zu stellen. Wollen Sie noch ein Bier? - Gerne, ist mir schon mehrmals rausgerutscht. Es ist gar nicht einfach, es nicht und anders zu sagen. Wir sagen es uns schon zu Hause.

Montag, 9. Mai 2011

Rache ist sauer

"Revenge is sour" schrieb George Orwell 1945, als er mit einem belgischen Kollegen in Süddeutschland ein Kriegsgefangenenlager besuchte und das Vergnügen beobachtete, wie ein angeschlagener Offizier der Schutz Staffel einen heftigen Tritt gegen seinen deformierten Fuß erhielt. Der Tritt war verständlich, fühlte George Orwell dieses Vergnügen nach: "Who would not have jumped for joy, in 1940, at the thought of seeing S.S. officers kicked and humiliated? But when the thing becomes possible, it is merely pathetic and disgusting". Genau gesprochen, überlegte George Orwell, gibt es nicht so etwas wie Vergeltung. Sie ist die fantasierte Handlung im Zustand der Machtlosigkeit - ist der Zustand aufgehoben, verflüchtigt sich der Wunsch nach Rache, so Orwell.

Was ist mit der vergnüglichen Reaktion auf Osama bin Ladens Tod? Die Bundeskanzlerin sagte am 2. Mai 2011 (SZ vom 3.5.2011): "Ich freue mich, dass es gelungen ist, Osama bin Laden zu töten". Wie zur Milderung ihres Satzes schob sie die triviale Feststellung hinterher, dass (sinngemäß) Osama bin Laden nicht mehr in der Lage wäre, terroristische Pläne zu entwickeln.  Darf die Bundeskanzlerin sich in der Öffentlichkeit wie eine Kinogängerin freuen? Nein, sie äußerte sich im Rahmen ihres Amtes, das sie auf die Rechtsstaatlichkeit und die Philosophie unseres Rechtssystems verpflichtet. Weshalb der Hamburger Richter Heinz Uthmann sie wegen Belohnung und Billigung einer Straftat anzeigte. Ihr Satz sprach das Vergnügen einer Kinogängerin aus, die die Realität des toten Osama bin Laden mit dem unvermeidlichen Opfer-reichen Leinwand-Einsatz eines Bruce Willis oder Steven Seagal verwechselte. Wenige Wochen zuvor hatte sie den Betrug ihres Verteidigungsministers gebilligt und belohnt und die Ethik von Wissenschaft verhöhnt, als sie über den wissenschaftlichen Assistenten spottete. Ihr Satz lässt nicht erkennen, dass sie die Komplexität der Implikationen der Erschießung Osama bin Ladens im Blick hatte - weder unsere Ethik des Todes, noch das Problem des Rechts und des Völkerrechts, noch die Frage der Wirkungen der U.S.-Intervention auf die Organisation und Macht-Hierarchie des al-Qaida-Gefüges und auf die befreundeten oder sympathisierenden gesellschaftlichen und religiösen Gefügen verschiedener Länder.

Es ist die Frage, wie gut die U.S.-Regierung die Organisation und die Machtverhältnisse des terroristischen Gefüges und damit die Bedeutung, Funktion und Macht von Osama bin Laden kannte und die Folgen ihrer Intervention abschätzen konnte. Die Konzentration auf den exponierten Repräsentanten läuft Gefahr, dessen Status zu überschätzen und die Dialektik und die Organisation von Macht zu unterschätzen. Das Narrativ des Tyrannenmordes ist insofern naiv, als es für komplexe Gesellschaften nicht die Strukturen berücksichtigt, die dem Tyrannen dessen Status zuweisen. Deshalb ist für den deutschen Kontext die Frage, ob und wie die Exekution Adolf Hitlers die deutsche Katastrophe aufgehalten hätte; denn der Chef der nationalsozialistischen Regierung, die nicht regierte, wurde getragen und unterstützt von einer Reihe krimineller Organisationen und Strukturen, deren Repräsentanten möglicherweise nicht ohne Gegenwehr auf ihren Macht-Status und Macht-Einfluss verzichtet hätten. Die Freude über Osama bin Ladens Tod ist unangebracht. Wir sind nicht im Kino, wo die Toten keine Toten sind. Der Hergang der U.S.-Intervention ist ebenso ungeklärt wie ihre Auswirkungen offen sind. Unsere Bundeskanzlerin sollte das wissen.

Freitag, 15. April 2011

Oh, oh, was haben wir nur getan?

Mit drei Schlagzeilen empfängt die SZ heute ihre Leserinnen und Leser - in dieser Reihenfolge:
"Erste Berechnung der Bundesregierung" (unterstrichen; Schriftgröße: zehn Punkte);
"Energiewende kostet Milliarden" (fett; Schriftgröße: einundzwanzig Punkte);
"Schnellerer Ausstieg aus der Atomkraft wird Bürger stark belasten/Merkel trifft sich mit Ministerpräsidenten" (fett; Schriftgröße: zehn Punkte).

Auf der vierten Seite der SZ beschreibt die Kommentartorin oder der Kommentator den an die Bürger adressierten Subtext dieser Meldung: "Das habt ihr jetzt davon". "Angstmache mit steigenden Kosten", nennt das die SZ, ein weiteres "Ablenkungsmanöver", dass unsere Bundesregierung erst jetzt zu rechnen anfängt. Hätte sie das nicht im vergangenen Jahr tun müssen? Hätte sie das nicht schon längst wissen können? Seit den 70er Jahren wissen wir, dass die Folgekosten des mit der Atom-Energie erzeugten Stroms unbezahlbar sind. Wird seitdem nicht ständig nachgerechnet, wie die dringendsten entstehenden Kosten aussehen? Die Bundesregierung rauft sich in der Öffentlichkeit die Haare. Wer mag sich diese Inszenierung der Hilflosigkeit ausgedacht haben? 

Was wir sagen, was wir tun

Die Sozialwissenschaftler, die Befragungsstudien konzipieren, ringen mit dem Problem, dass die Leute, nach ihrem künftigen Handeln befragt, Auskünfte geben, nach denen sie nicht handeln. Sagen und Tun sind zweierlei. Häufig erheben Befragungsstudien die guten Vorsätze, die, wie wir wissen, die üblichen Versprechen an eine entfernte Mutter-Figur sind, der Selbst-Beruhigung dienen und nicht eingehalten werden. Häufig wissen die Befragten auch gar nicht, wie sie handeln werden - so gut kennen wir uns gar nicht. Jetzt sind Befunde auf den Tisch der  Öffentlichkeit gekommen, die besagen, dass Ärzte und Ärztinnen für ihre eigene Gesundheit nicht das veranlassen, was sie ihren Patientinnen und Patienten empfehlen zu veranlassen. Die SZ vom Dienstag, dem 12.4.2011, machte auf ihrer ersten Seite diesen Befund mit der Überschrift auf: Schlechtes Vorbild Arzt.

Nein, könnte man sagen: Gutes Vorbild Arzt. Denn dieser Mediziner ist für sich selbst vorsichtig und unternimmt nicht alles, was die Branche empfiehlt - so könnte man doch dessen Verhalten verstehen. Er selbst hält sich aus dem Geschäft heraus. Er ist nicht ohne weiteres Kunde. Er lässt sich sich von dem medizinischen Angst-Management, das den unverfänglichen Namen Vorsorge trägt, nicht einfangen und nicht treiben. Er lebt mehr in den Momenten der Gegenwart und nicht so im Ausfantasieren der künftigen späten Jahre, in denen er in blendender Kondition nachholt, was ihm bis dahin nicht gelang. Man müsste genau überprüfen, was Mediziner für sich selbst tun. Vielleicht enthält ihr Selbst-Management ausreichend vernünftige Handlungen, mit deren Auflistung sich die Kosten unseres Gesundheitssystems schlagartig reduzieren ließen.

Samstag, 26. März 2011

Nebelige Kontexte und vernebelnde Wörter

In der zweiten Hälfte der 50er Jahre nahmen wir uns manchmal vor, die Latein-Hausaufgaben bis zur Vergasung zu pauken. Wir dachten uns nichts dabei. Der Subtext fiel uns nicht auf. Er fiel mir viele Jahre später auf. Das ist noch gar nicht so lange her. Die Formel von der Vergasung deutet an, welches Wissen über nationalsozialistische Verbrechen sich in der Alltagssprache niedergeschlagen hatte, die weit in die Nachkriegszeit hinein kursierte. Vom Traum-Text sagte Sigmund Freud (in den Vorlesungen zur Einführung), dass dessen Träumer nicht wüsste, dass er wüsste, was sein Traum bedeuten würde. Vom Sprechen und der Sprache kann man Ähnliches sagen: Wir sagen mehr, als wir beabsichtigen zu sagen; wir überschauen nicht, was wir sagen und was wir wissen, wenn wir etwas sagen. 


Gestern, am Freitag, den 25.3.2011, interviewte eine WDR-Journalistin einen Gewerkschaftler, der zu der Gesprächsrunde gehören wird, die die Bundesregierung vor Tagen unter dem Namen Ethikkommission einberief . Die Journalistin benutzte das Fremdwort Moratorium. Sie machte den Kontext, in dem die Vokabel vor wenigen Tagen in der öffentlichen Diskussion aufgetaucht war, nicht deutlich. Die Bundeskanzlerin und der Bundesaußenminister hatten sie am Montag, den 21.3.2011,  in der Pressekonferenz als eine dreimonatige Phase des Nachdenkens eingeführt - neben der Entscheidung,  sieben Atom-Kraftwerke für diese Zeit zurückzufahren. Das war erstaunlich, weil sich die Bundeskanzlerin   am Abend zuvor in dem Interview mit Ulrich Deppendorf von der ARD sehr zurückhaltend zu ihrer Energiepolitik geäußert und keinen Grund gesehen hatte, sofort zu handeln. Dieser Kontext der taktischen Kehrtwende versickerte buchstäblich in der Vokabel vom Moratorium als der Phase des Aufschubs und des Nachsinnens, wie der Kluge dessen Etymologie angibt - die überstürzte Entscheidung bekam den Anstrich einer soliden, durchdachten Überlegung. Wer dieses schöne Wort lateinischer Herkunft fraglos benutzt, platziert sich auf die Seite der Bundesregierung und wiederholt deren kosmetische Operation. Häufiger Gebrauch nebelt ein und lässt die Schminke vergessen. Die nationalsozialistische Regierung war darin Meister.

Freitag, 18. März 2011

Dummheit kommt vor dem Fall

Erinnern wir uns: In ihrer Verteidigung des ehemaligen Verteidigungsministers Herrn Baron zu Guttenberg argumentierte unsere Bundeskanzlerin, dass sie einen tüchtigen Minister, aber keinen wissenschaftlichen Assistenten in ihrem Kabinett haben wollte. Das Argument war skandalös und deutete ihr Missverständnis, ihre Unsicherheit und ihre Verachtung an - für die Wissenschaft, über die sie sich mit dem Bild des Assistenten mokierte, für die Politik, für die offenbar wissenschaftlich differenzierte Auffassungen nicht notwendig sind. Ihr Argument war angesichts der komplexen Aufgaben der Legislative unglaublich. Jetzt fällt ihr Argument auf sie zurück. Denn die Bundeskanzlerin Frau Merkel versucht, sich mit ihrer Überraschung herauszureden: "Wenn, wie in Japan, das scheinbar Unmögliche, das absolut Unwahrscheinliche Realität wurde, dann verändert das die Lage", wird sie heute am 18.3.2011 in der SZ auf der dritten Seite zitiert.

Der Satz ist eine Lüge; denn es gab Harrisburg (1979) und Tschernobyl (1986). In ihrer Dissertation, lässt sich dem Titel ihrer Arbeit entnehmen, arbeitete sie mit "quantenchemischen und statistischen Methoden". Statistische Verfahren prüfen Wahrscheinlichkeiten - das ist das Erste, was man lernt, wenn man sie sich aneignet. Würde sie redlich argumentieren, würde Frau Merkel ihre Ziffer für das absolut Unwahrscheinliche angeben und ihre Fehleinschätzung diskutieren. Sie tut aber so, als hätte sie es nicht gewusst. Wenn sie es nicht weiß, stimmt etwas mit ihrem Status als Wissenschaftlerin nicht. Wenn sie es weiß, wovon ich ausgehe, versucht sie sich an das anzupassen, was ihre Berater ihr angesichts der kommenden Landtagswahlen raten: "Entscheidungsfähigkeit zu zeigen", wie sie das am 2.3.2011 nannte (s. meinen Blog Die Crux mit dem Zeigen vom 3.3.2011). Leider sind ihre Berater schlecht beraten. Ein wissenschaftlicher Assistent würde zumindest für substantielle Argumente sorgen.

Dienstag, 15. März 2011

Doch! Doch! Doch!

Wenn es jemand eilig hat, sollte man das Tempo drosseln - um sich zu besinnen, zu orientieren oder zu erinnern. Erinnern wir uns. Am Sonntagabend sagte die Bundeskanzlerin Frau Merkel zu Ulrich Deppendorf, dem Mann von der ARD, sinngemäß, dass die bundesdeutschen Atom-Kraftwerke sicher seien - anderenfalls müsste sie sofort ihrem Amtseid folgen und die Anlagen abschalten lassen. Das war ein treuherziges Argument auf dem Niveau des Arguments meiner Großmutter, die Zweifel an ihren Behauptungen mit der Drohung begegnete, dass sie tot umfallen wollte, sollte sie Unrecht haben. Gegen dieses existenzielle Argument war schwer anzukommen. Gestern begründete die Kanzlerin die Revision ihrer umstrittenen Entscheidung aus dem vorigen Jahr, die Laufzeiten der Kraftwerke zu verlängern, mit den Worten (SZ vom 15.3.2001, S. 1): "Die Ereignisse in Japan haben uns gelehrt, dass Risiken, die für absolut unwahrscheinlich gehalten wurden, dennoch eintreten". Dieses Argument sollte einer promovierten Physikerin nicht über die Lippen gehen.

1. Eine Wahrscheinlichkeitsaussage sagt nichts über den tatsächlichen Eintritt eines Ereignisses.
2. Die Ereignisse in Japan lehren uns nicht, dass der G.A.U. eintreten kann. Das war schon lange vorher bekannt. In den 70er Jahren wurden alle relevanten Argumente  im Kontext der zunehmenden Verknappung der Ölvorräte vorgelegt und diskutiert. Es gab eine Phase engagierter Nachdenklichkeit. Autoren wie Robert Jungk, Klaus Traube oder Bodo Manstein hatten eine große Öffentlichkeit. Es gab, als Sparmaßnahme, an vier Sonntagen im Herbst 1973 von der sozialdemokratischen Regierung verordnete leere Autobahnen. Ausländische Regierungen führten auf ihren Schnellstraßen Geschwindigkeitsbegrenzungen ein. Die Bundesrepublik führte eine empfohlene Geschwindigkeit auf Autobahnen - die so genannte Richtgeschwindigkeit - ein, worauf die bundesdeutsche Autoindustrie mit einer Hochrüstung ihrer Fahrzeuge reagierte. In kurzer Zeit ließ die Nachfrage nach sparsamen Wagen nach. Die Phase der Nachdenklichkeit war zu Ende. Es begann die Phase mächtigen Fantasierens vom wirtschaftlichen Wachstum. Nachdenken war nicht mehr gefragt.
3. Die atomare Technik wurde eingeführt  und etabliert als Trostmittel und Versprechen, dass wir uns über die natürliche Endlichkeit keine großen Gedanken machen müssen.
4. Es ist Zeit zu realisieren, dass Naturwissenschaftler dann fantasieren, wenn sie sich keine substantiellen existenziellen Gedanken machen - sondern ihre Fähigkeit und Kontrolle unüberschaubarer Prozesse behaupten. In der heutigen Ausgabe der SZ wird Ralf Güldner, der Präsident des deutschen Atomforums, mit den Worten zitiert: "Nein, die Situation in Japan ist ein einmaliges Ereignis... Eine solche Verkettung ist in Deutschland nicht vorstellbar. Möglicherweise müssen aber Auslegungswerte gegen Ereignisse wie Erdbeben oder Überflutung überprüft werden" (S. 5). Ralf Güldner argumentierte wie unsere Bundeskanzlerin am Sonntag. Seine Fantasielosigkeit sollte nicht als Realitätseinschätzung durchgehen.
5. Unsere Regierung argumentiert Substanz-los. Man muss befürchten, dass taktische Überlegungen dominieren. Weshalb drei Monate zum Nachdenken ausreichen sollen, ist unklar. Der erste Schritt einer substanziellen Politik wäre das Eingeständnis einer Fehleinschätzung und die Modifikation des gemeinsamen Fantasierens.

  


       

Montag, 14. März 2011

Der Bluff mit der Präzision

Sigmund Freud war überzeugt, dass sich die leise Stimme der Vernunft, wie er das nannte, durchsetzen würde. Manchmal hat er recht. Die Vorzüge der Psychotherapie als eines nicht-invasiven Verfahrens sprechen sich herum.  Dazu wurde ein Interview mit Mathias Berger, Chef der Psychiatrischen Klinik der Universität Freiburg, in der SZ vom 12./13.3.2011 (S. 24) abgedruckt. Gefragt nach dem Fortschritt der Psychiatrie, antwortete Berger: 
"In der Pharmokotherapie passiert so gut wie nichts, obwohl wir seit zwei Jahrzehnten 'Dekaden des Gehirns' feiern. Dafür aber hat seit Mitte der 1990er Jahre die Psychotherapie eindrucksvoll ihren Einzug in das Fach gehalten - und sie entwickelt sich beständig weiter".
Mathias Berger erläuterte:
"Der wichtigste Trend ist, dass die großen therapeutischen Schulen sich auflösen. Wir behandeln zunehmend störungsspezifisch, indem wir die besten Bausteine aus kognitiver Verhaltenstherapie, psychodynamischen oder sonstigen Verfahren herausnehmen und daraus maßgeschneiderte Therapien für die jeweilige Störung entwickeln - sei es eine Schizophrenie, eine Angsterkrankung oder eine Depression". 
Drei Aspekte dieser zwei Sätze will ich aufgreifen.
1. Die großen therapeutischen Schulen lösen sich nicht auf, sondern fressen sich auf. Psychoanalytische Konzepte werden kannibalisiert. Das Konzept der Abwehr oder der Übertragung wird übernommen, ohne auf deren Autor - in diesem Fall: Sigmund Freud - zu verweisen. Berger spricht von den sonstigen Verfahren, mit denen er die Psychoanalyse meint.
2. Von jedem das Beste. Aus der Kinderstube wissen wir, dass die Märklin-Bauteile nicht mit Lego-Bauteilen verschraubt werden können. Das Gleiche gilt für psychotherapeutische Verfahren, die unterschiedliche Konzepte haben und unterschiedliche Haltungen voraussetzen. Die Baukasten-Fantasie berücksichtig nicht oder verachtet die Architektur von Konzepten.
3. Die Rede von der maßgeschneiderten Präzision  enthält ein Missverständnis. Psychotherapie ist die asymmetrische Begegnung zweier Menschen, die eine gemeinsame Sprache des Austauschs finden müssen mit dem Ziel, sich über eine Lebensgeschichte angemessen zu verständigen. Das geht nicht schnell. Das seelische System lässt sich auch nicht ausmessen. Eine fremde Lebensgeschichte zu verstehen ist schwierig. Die maßgeschneiderte Psychotherapie möchte davon absehen; sie möchte niemanden verschrecken. Sie möchte den Einruck erwecken, es ging so einfach zu wie beim Messen des Blutdrucks. Sie suggeriert eine Trennschärfe der Diagnosen. Dabei ist eine psychiatrische Diagnose eine  lockere Beschreibung der Symptome oder des Störungsbildes - keine Erklärung, die ein Verständnis voraussetzen würde.
Psychotherapie ist ein hilfreiches und sogar Kosten-günstiges Verfahren. Aber es ist kein einfaches, zügiges Verfahren.

Vielleicht. Vielleicht

Gestern, am Sonntagabend, sagte die Bundeskanzlerin Frau Merkel zwei relevante Sätze zu Ulrich Deppendorf, dem Leiter des Berliner ARD-Studios - dem ZDF gab sie kein Interview - : Sie wird sehen, was man vielleicht von den japanischen Erfahrungen lernen kann. Vielleicht. Und sie wird dafür sorgen, dass die Sicherheitsstandards der Atomkraftwerke überprüft werden. Das Adverb vielleicht schränkte ein: Wahrscheinlich, gab sie zu verstehen, betrifft uns die japanische Katastrophe nicht; wir müssen keine Lehren daraus ziehen. Der zweite Satz mit der Ankündigung der Überprüfung besagte: Wir machen weiter; unsere Technik ist sicher.

Mit anderen Worten: Sie lehnte die Diskussion der Implikationen der Katastrophe ab. Ulrich Deppendorf stand auf verlorenem Posten. Warum? Die Laufzeiten unserer Kraftwerke wurden verlängert. Dazu gibt es eine entsprechende Gesetzesänderung. Frau Merkel sagte uns gestern, ohne es zu sagen: Das können wir so schnell nicht verändern; da kommen wir nicht raus; das wäre zu schwierig. Wieso kann die Bundesregierung das nicht? Nun, sie sagte auch: dass sie die Laufzeiten gar nicht ändern will. Möglicherweise gibt es eine Absprache oder einen deal mit der Energie-Wirtschaft.  Es soll eben alles beim Alten bleiben. Das Interview diente der Beruhigung ihrer Wähler, die sie möglicherweise gar nicht wählen werden Ende März.
Kein Wort der Bedenken zu der Atom-Technik. Kein Wort zur Hybris und zur Illusion, man könnte die natürlichen Prozesses ausreichend planen und prognostizieren. Kein Wort zu den ungeheuren menschlichen Kosten dieser Technik. Kein Wort zu dem Notbehelf der Atom-Technik - sie vermeidet das Verbrennen fossiler Stoffe. Kein Wort zum gemeinsamen Fantasieren, man könnte und müsste so weitermachen. Kein Wort zur Alltagsklugheit, dass man nicht alles ausprobiert, was man ausprobieren kann.

Eine gewählte Regierung sollte sich mit den Interessen ihrer Wähler befassen. Wir haben eine Regierung, die sich weigert.
 

Donnerstag, 3. März 2011

Der Fehler mit dem Fehler

Man muss auf die im öffentlichen Forum kursierenden Wörter achten - empfahl Lloyd de Mause, der New Yorker Psychohistoriker. Im Fall des Herrn Baron zu Guttenberg taucht ständig die Vokabel Fehler  auf. Der Fehler ist ein altes Wort und mit dem Verbum fehlen (täuschen aus dem Lateinischen fallere) verwandt. Im Kluge findet man, dass der Fehler um 1500 als Gegenwort zum Treffer auftauchte. So verstanden, ist der Fehler ein punktuelles Ereignis. Tauchen ständig Fehler auf, muss man von einer Unfähigkeit oder Unkenntnis ausgehen - dann sind die Fehler eine Folge dieser Unfähigkeit oder Unkenntnis. Bei einer Dissertation kann man ebenfalls nicht von (gehäuften) Fehlern sprechen, weil sie eine eigenständige Forschungsleistung darstellt - und sich eben wegbewegt von der vorliegenden Literatur, die den aktuellen Forschungsstand dokumentiert. Wenn jemand abschreibt, gibt er darüber Auskunft, dass er nicht selbständig zu forschen in der Lage ist.

Das ist die schlichte Wahrheit des ehemaligen Verteidigungsministers, der offenbar in den sieben Jahren penibler Heimarbeit sich nicht in der Lage fühlte, einer eigenen Fragestellung selbständig nachzugehen. Das sind natürlich schlechte Voraussetzungen, um ein Ministerium zu leiten. Der Skandal ist, muss man heute vermuten, dass dies im Kabinett schon länger bekannt war, aber geleugnet und vernebelt wurde durch die bekannten medialen Taktiken des Aufbauschens von Glamour und des Verbreitens verlogener Komplimente.

Die Crux mit dem Zeigen

Gestern, am 2.3.2011, bemerkte unsere Bundeskanzlerin, als sie das Revirement zweier Ministerien vor laufenden Kameras erläutert hatte, dass sie damit ihre "Entscheidungsfähigkeit gezeigt" hätte. Der Gebrauch des Verbums zeigen ist mir nach gegangen. Es gehört zum psychotherapeutischen oder kommunikativen Jargon - Muster: Zeigen Sie Ihrer Frau, dass Sie sie lieben. Wie? Laden Sie sie zum Italiener ein! Das Zeigen soll einen Eindruck erzeugen - forcierter Lebendigkeit und Aufrichtigkeit. Zeigen Sie Ihre Gefühle! Geht das? Es geht nicht. Gefühle sind keine Dinge, die ich vorzeigen kann. Im besten Fall kann ich versuchen, sie mitzuteilen, um über mich Auskunft zu geben. Entscheidungs-fähig kann ich auch nicht vorzeigen - ich bin es oder bin es nicht. Das Zeigen operiert mit der Illusion, ich hätte mein Verhalten in der Hand und könnte es, je nach Bedarf, manipulieren. Wie Schauspieler, die vor einer Kamera oder auf einer Bühne agieren. Aber Schauspieler agieren in inszenierten Situationen. Das Zeigen hat die Inszenierung und die Kontroll-Macht vor Augen. Das Zeigen gehört nicht in den lebendigen, spontanen Kontext einer Begegnung. Das Zeigen dagegen möchte mir etwas weiß machen. Das Zeigen ist - im weitesten Sinne - Menschen-Politik. Übersetzen wir den Subtext der Bemerkung unserer Bundeskanzlerin: Es ist ganz schön eng, und ich hoffe, dass Sie mir nicht ansehen, wie schwierig meine Lage ist.

Dass Frau Merkel ihre Interessen durchzusetzen versucht, ist verständlich und übliche Praxis. Man kämpft eben mit den Mitteln, die man hat. Aber dass sie diesen Jargon benutzt, ist schade - und sagt etwas über die Qualität ihrer Beraterinnen und Berater, die ihr zu dieser Formulierung rieten.

Dienstag, 1. März 2011

Ein Betrug ist ein Betrug

Vierzehn Tage dauerte der Prozess von der Veröffentlichung der Entdeckung des Betrugs, der Konfrontation mit dem Betrug, über die Dementis und skandalösen Beschwichtigungen bis zum heutigen Rücktritt des Barons zu Guttenberg. Die gute Nachricht: Mit Herrschaftsgebahren, Bluff, Dreistigkeit und Unverschämtheit kommt man nicht mehr so einfach durch. Hans Leyendecker beschrieb heute, am 1. März 2011 - dem Tag des Erfolgs der vom Internet hergestellten Öffentlichkeit - , wie sehr das Internet die Qualität und das Tempo der Auseinandersetzung mit dem akademisch geschminkten Betrug forcierte, nachdem ein Printmedium - die SZ - die Vorlage gespielt hatte. Es sind nicht mehr ein paar hundert Leute, die Zugang zum öffentlichen Forum haben, sondern viele Tausende. Die Öffentlichkeit wird in bestimmten Kontexten zu einer Großgruppe, die nicht oder nichts vergisst - und bei der man nicht mehr hoffen kann, mit dem Mittel des Aushaltens und Abwartens durchzukommen. Etwas ändert sich. Ein Versprechen des Internets, reale Öffentlichkeit, ist realisiert worden. Das alte deutsche Ressentiment des Anti-Intellektualismus, dessen Sprachrohr Bild-Zeitung das tägliche Bad im chronischen Groll und in der Rührseligkeit gestattet, hat einen kräftigen Dämpfer bekommen. Ohne gute, redliche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler läuft nichts.  Die schlechte Nachricht: Wir konnten sehen, wie unsere gewählten Repräsentanten sich aufspielten oder sich aufzuspielen versuchten in ihrer Not, ihre Macht zu erhalten mit schlechten Mitteln. Wie sie sich gegenseitig schützten ohne Rücksicht auf die ethische Substanz, die sie verhökerten. Wie sie sich entschuldigten, ohne sich zu entschuldigen. Wie schwer es  fiel, einen Betrug Betrug zu nennen und einen inkompetenten Minister, der sich herauszureden versuchte, nicht zu wissen, wie man einen Karteikasten anlegen sollte, und der treuherzig gestand, seine Situation so falsch eingeschätzt zu haben, dass er Pfusch mit seriösem Arbeiten verwechselte, inkompetent und deshalb untragbar. Aber wahrscheinlich trägt das zur Ent-Idolisierung der Leute bei, die wir ins Macht-Geschäft gesetzt haben, bei dem viel Energie darauf verwandt wird, die Fassaden zu putzen.

Dienstag, 11. Januar 2011

Rente mit 67, 70 oder 80?

Das Deutsche, das hat uns Georges-Arthur Goldschmidt schön gezeigt, ist eine körperliche  Sprache. Das Verbum, mit dem wir uns über das Ende unserer angestellten Berufstätigkeit verständigen, heißt ausscheiden. Man kann es transitiv und intransitiv gebrauchen. Wir scheiden unsere flüssigen und festen Schlacken aus - kein so appetitlicher Vorgang - , und wir scheiden aus unserem Dienst oder aus irgendeinem anderen Wettbewerb oder Spiel aus - auch nicht so einfach. Die Grenze, die unsere Berufstätigkeit markiert, ist für viele Berufe, deren Ausübung keine körperliche Anstrengung erfordert, heute historisch und, wie wir sehen, beweglich geworden. Was wäre, wenn man sie - nach einer angemessenen Beruftstätigkeit -  selber wählen könnte? Was wäre, wenn wir dann auch unser Arbeitspensum wählen könnten - natürlich in einem angemessenen Umfang?

Ältere Berufstätige bücken sich ungern und setzen ihre Schritte vorsichtiger - aber sie könnten andere Aufgaben übernehmen: als Mentoren, Supervisoren, Berater, als Vermittler ihrer Erfahrungen, Ausbilder oder Lehrer (im weitesten Sinne). Dafür müsste man die Berufe durchgehen und sehen, welche sich altersgemäß organisieren lassen. Dafür müsste man die starren Grenzen abschaffen und bewegliche Regelungen finden. Es würde weniger Brüche und weniger Verluste - beruflich wie persönlich - geben. Es würde einen eher organischen Übergang in den Abschied des Alters geben. Es würde die Arbeit verändern. Es würde unsere Einstellung zur Arbeit verändern. Es würde unser Fantasieren verändern: Wir könnten die Illusion vom nachgeholten (reparierten) ungelebten Leben aufgeben oder zumindest modifizieren. Wir müssten nicht mehr fantasieren,  noch einmal richtig aufdrehen zu müssen - mit dem er-zinsten Motorboot aus den Fonds der Sparkassen. Wir könnten Theodor Wiesengrund Adornos Wort vom richtigen und falschen Leben vergessen. Wir könnten das Alter Alter sein lassen. Wir könnten uns ausruhen. Wir könnten alt werden.