Freitag, 11. Dezember 2015

Zwei Selbst-Verteidigungen im Dienst des Geschäfts

1. Matthias Müller im Dienst von Volkswagen.
Gestern Abend (10.12.2015) in den Tagesthemen. Thomas Roth konfrontiert den neuen Chef von Volkswagen Matthias Müller:
"Können Sie sich erklären, woher diese kriminelle Energie kommt?"
Matthias Müller: "Kriminelle Energie - das klingt gerade so, als wäre es ein kriminelles Unternehmen. Soweit würde ich nicht gehen - "
Thomas Roth: " - aber es war ein kriminelles Delikt -"
Matthias Müller: " - man muss es letztendlich so werten. Und trotzdem darf ich an der Stelle erwähnen, dass Volkswagen ein Unternehmen mit starker Tradition und Identität ist und insofern für so etwas nicht steht".

Schwer, einen Betrug Betrug zu nennen - eine Schuld zuzugeben. Daraus lässt sich ableiten: Matthias Müller ist ein Mann des Konzerns; er verteidigt die anwaltlich empfohlene Verteidigungslinie des Konzerns: möglichst keine Zugeständnisse machen, sie könnten weitere zivilrechtliche Klagen zur Folge haben. Also verschanzen sich die Akteure und pressen ihre neun möglichen Verdächtigen aus der Ebene des mittleren Managements, wie Matthias Müller angab, der Öffentlichkeit gegenüber heraus. Neben der strafrechtlich relevanten Manipulation im großen Stil, wird in der Öffentlichkeit, die sich auf einen Skandal, aber auch (immerhin) auf Dieselgate verständigt hat, ein Aspekt unterschlagen: die Unverfrorenheit bei der Durchsetzung des Geschäfts, auf die Notwendigkeit, den Schutz unserer Gesundheit im Blick zu halten, zu pfeifen.

Dafür wäre eine Entschuldigung angebracht. Eine Entschuldigung wäre aber ein Eingeständnis, und ein Eingeständnis wäre ... siehe oben. Volkswagen war ein Lieblingsprojekt des Chefs der nationalsozialistischen Regierung, die bekanntermaßen die Volksgemeinschaft propagierte und versprach. Der Konzern bewegt sich auf holperigem Terrain. Entideologisiert, blendet nur das Geschäft dessen Führung.

Natürlich wird das Geschäft fortgesetzt. Matthias Müller versprach eine Bescheidenheit des Konzerns. Gestern schaltete Porsche vom VW-Konzern eine doppelte ganzseitige Anzeige: die obere Hälfte füllt ein durch eine südliche Landschaft brausender Porsche 911 Carrera S. Darunter der Mehrzeiler: "Der einzige Sportwagen, der sich mit einem 911 messen kann. Der neue 911".  Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10.12.2015, S. 26 - 27. Die Anzeige, so kann man sie doch auch verstehen, kommentiert Matthias Müllers Donnerstags-Rhetorik der Besserung: keine Besserung. Schade, dass Thomas Roth ihn auf diese Anzeige - wenn er oder die Redaktion sie denn kannte - nicht ansprach.


2. Jürgen Kaube im Dienst der Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Heute Morgen (11.12.2015) im Feuilleton hat Jürgen Kaube, einer der Herausgeber der Zeitung, einen offenen Brief  an Götz Aly geschrieben: "Lieber Götz Aly", lautet die Anrede von Jürgen Kaube, der seinen Brief beschließt mit: "Finden Sie nicht auch, dass das ein ziemlich hoher Preis dafür ist, einen Artikel mit haltlosem Unfug zu füllen? Ihr Jürgen Kaube".

Der haltlose Unfug ist ein grobes Dementi. Es geht um Götz Alys Vorwurf an den F.A.Z.-Autor Michael Hanfeld, der Mark Zuckerbergs Milliardenspende und Brief an seine Tochter einer - wie kann ich sagen? - ziemlich kritischen Durchsicht unterzogen und dem Spender dessen Geschäftsinteressen vorgehalten hatte. Götz Aly ordnete daraufhin Michael Hanfeld dem Typus des - wie Jürgen Kaube ihn zitiert -  "modernen, stillen" Antisemiten zu. Ein ungeheuerlicher Vorwurf, wie Jürgen Kaube findet.

Was ist daran ungeheuerlich? Ich kenne Götz Alys Text (aus der Berliner Zeitung) nicht; Michael Hanfelds Text habe ich überflogen. Mir fiel der harsche Ton auf - und die Selbstsicherheit des Autors. Woher weiß er es so genau?, dachte ich. Kennt er die nordamerikanische Spendenpraxis und die Praxis der Kommunikation dazu? Dass Mark Zuckerberg jüdischer Herkunft ist, hatte ich nicht realisiert. Ich dachte noch: wenn jemand sehr reich ist, muss man, wenn man zu ihm Stellung nimmt, seinen Neid gut kennen, sonst mischt sich  dieser Affekt in den Text. Jetzt hat Götz Aly, wenn ich ihn richtig verstehe, diesen Neid-Impuls aufgespießt und in den Kontext unserer nationalsozialistischen Geschichte verortet. Ungeheuerlich? 

Das kann man nur dann finden, wenn man sich von den Klischees des Ressentiments frei fühlt. Wer das von sich behauptet, ist naiv - und selbstgerecht. Was wäre gewesen, wenn Michael Hanfeld zugeben hätte: vielleicht habe ich überzogen - vielleicht hatte ich ein Vorurteil. Man kann ja zumindest prüfen, ob der Schuh, den man nicht gleich anziehen muss, zu einem passen könnte. Die eigene Prüfung und die Kontrolle eigener Klisches und Ressentiments entscheiden: nicht, dass ich meiner Vorurteilsbereitschaft aufsitze, ist relevant, sondern ob ich meine Vorurteilsbreitschaft zu bremsen imstande bin und mich belehren lassen kann. Interessanterweise diskutiert Jürgen Kaube nicht den - wie ich empfand - kräftigen Affekt seines Autors. So hätte Jürgen Kaube einen Dialog eröffnen können. Nein, der Herausgeber glaubte, sich und seine Zeitung verteidigen zu müssen.      

(Überarbeitung: 31.7.2018) 

Freitag, 4. Dezember 2015

Die Crux des Nicht-Wissens

Kalter Terror in heißer Kultur. Kein Filmtitel - betagten Kinogängern fällt vielleicht Eiskalt in Alexandrien von J. Lee Thompson aus dem Jahre 1960 ein - ,  sondern der Titel des Textes von Marianne Leuzinger-Bohleber in der gestrigen Frankfurter Allgemeine Zeitung (3.12.2015, S. 7, Nr. 281). Untertitel: "Patriachale Strukturen und simples Denken in Schwarzweiß beim IS bieten Traumatisierten scheinbare Lösungen in einer unübersichtlich gewordenen Moderne". Marianne  Leuzinger-Bohleber ist Direktorin des Frankfurter Sigmund Freud-Instituts. Ihr Text skizziert Arid Ukas Lebensgeschichte, des salafistischen Dschihadisten, wie sie ihn vorstellt, der 2011 zwei U.S.-amerikanische Soldaten erschoss und weitere U.S.-Soldaten verletzte.  "Uka", schreibt Marianne Leuzinger-Bohleber, "war in eine gravierende adoleszente Krise mit schweren Depressionen geraten, hatte alle seine Beziehungen und die Schule abgebrochen, wovon seine Eltern nichts wussten. Vielleicht wäre vieles anders gekommen, wenn die Lehrer dies als Alarmzeichen verstanden und mit den Eltern Kontakt aufgenommen hätten".

Die adoleszente Krise ist Kurzschrift - eine unscharfe Erklärung. Möglicherweise wollte und konnte Marianne Leuzinger-Bohleber nicht weiter Auskunft geben. Klar ist: die Adoleszenz ist eine äußerst schwierige, äußerst konfliktreiche Lebensphase -  die Lebensentwicklung steht buchstäblich auf der Kippe. Weshalb wurde er zum Mörder? Der Text unternimmt keine Rekonstruktion der Lebensgeschichte von Arid Uka. Fragen bleiben offen. Wie kam es, dass Arids Eltern offenbar den Kontakt zu ihrem Kind verloren? Wie kam Arid auf die Idee, zu morden? Er wäre "durchs Internet radikalisiert" worden. Wie? Marianne Leuzinger-Bohlebers Antwort: "Er hörte dschihadistische Predigten, schaute sich entsprechende Videos an und verfolgte die Kamphandlungen des IS im Irak und in Syrien". Wie wurde er radikalisiert ? Wie sah seine innere Beschäftigung mit den Bildern und Ansprachen aus? Bekannt ist: "Am Abend vor dem Terrorangriff sah er einen Film von Islamisten aus Usbekistan, die sexuelle Übergriffe von amerikanischen Soldaten auf muslimische Frauen im Irak und in Afghanistan zeigten. Im Video wurde zum Schutz muslismischer Frauen aufgerufen. Nach einer schlaflosen Nacht entschied Uka sich, amerikanische Soldaten zu töten, die auf dem Weg nach Afghanistan waren".

Was war in dieser Nacht? Wie entschied er sich? Mit welchen Gedanken, Ideen, Fantasien? Mit einer mörderischen Rettungsfantasie? Wieso Mord? Wie passt das zu seiner Lebensgeschichte? Das leitet Marianne Leuzinger-Bohleber nicht ab. Unabhängig von der Frage des Persönlichkeitsschutzes, müsste man wissen, wie die individuelle Mord-Fantasie entstand und wie sie - unter welchen Bedingungen, in welcher Verfassung - exekutiert wurde: um die tatsächliche Wirkung des Einflusses einer mörderischen Ideologie abschätzen zu können. Der Text hat eine relevante Leerstelle: er gibt keine Auskunft über die fantasierten Beziehungen von Arid Uka: über seine innere Verortung, wo und wie er  mit wem in seiner inneren Welt lebte. Das ließ sich offenbar nicht rekonstruieren, weil die Einzigen, die darüber hätten Auskunft geben können, es nicht wussten: Arid Ukas Angehörige.

Marianne Leuzinger-Bohleber behilft sich am Ende ihres Textes mit einer vagen Auskunft:
"Vor allem Jugendliche mit einer inneren Leere, darunter viele Traumatisierte, werden von dem klaren 'Schwarzweißdenken' der präzisen, fundamentalistischen Unterscheidung zwischen 'richtig' und 'falsch', Gläubigen und Ungläubigen angezogen".

Einen Jungendlichen mit einer inneren Leere habe ich noch nie getroffen. Die innere Leere ist eine ungenaue Beschreibung. Eher muss man eine sprachlose Verzweiflung vermuten, die nicht weiß, wohin. Aber das wissen wir nicht. Unscharfe Erklärungen helfen nicht, aber decken unser Nicht-Wissen mit dem Trost eines vertrauten Narrativs zu.

Mittwoch, 2. Dezember 2015

Journalismus-Lektüre X: Die Hamburger Bewerbung für die Sommer-Olympiade 2022: abgelehnt. Schlimm?

Sehr schlimm.
Heute Morgen schrieb Frank Pergande in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (2.12.2015, S. 1, Nr. 280):
"Dabei ist das Olympia-Desaster ein so schwerwiegender Einschnitt, dass sich der Gedanke aufdrängt: So kann es nicht weitergehen. Das ist das Ende der Politik".

Das Ende der Politik? Du meine Güte. Der Mann hat einen kurzen Atem. Jetzt fängt doch Politik erst an. Eine Mehrheit der Hamburger war gegen das Riesen-Projekt. Ist das nicht vernünftig: das viele Geld für die dringenden Aufgaben einzuplanen? Und wieso ist ein Abstimmungsergebnis das Ende der Politik? Welches Konzept von Politik hat Frank Pergande? Sicher, er weist darauf hin, lag dieses Referendum-Resultat auf der Linie anderer Ablehnungen. Ist das öffentliche Nein-Sagen schlecht? Es ist lästig. Es signalisiert einen Widerspruch. Den zu verstehen und zu klären, ist Aufgabe der politischen Diskussion. Seltsam, wie der Journalist zur politischen Einschränkung aufruft - wie sein Kollege neulich, der bei einer alten  Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der U.S.A. zur Meinungsfreiheit beschied: so weit muss man nicht gehen (s. meinen Blog vom 30.12.2015). Man kann es auch anders sagen: schon wieder ein Text zu den politischen Tischmanieren. Und das zum Frühstück.   

Montag, 30. November 2015

Schwierige Zeiten, um einen klaren Gedanken zu fassen

"Schock führt zum Schulterschluss", schreibt Gregor Schöllgen  heute im Feuilleton-Teil der Frankfurter Allgemeine Zeitung (30.11.2015, S. 13, Nr. 278). Ein zügig aufgeschriebener Satz. Ist das so? Nach dem Schock die Umarmung des Trosts, der Beschwichtigung oder Vertuschung - je nach dem? Die Vertuschung kennen wir aus der Literatur und dem Kino: jemand verursacht einen Unfall, begeht Fahrerflucht und beginnt zu rödeln. Die Umarmung kennen wir seit dem 11. September 2001 - als politisches Konzept des Versprechens einer Reparatur. Damals versprach unser Kanzler Gerhard Schröder die uneingeschränkte Solidarität, vor ein paar Tagen versprach unsere Kanzlerin Angela Merkel jewede Unterstützung. Damals nahm Gerhard Schröder das Versprechen zurück - unvergessen: unser damaliger Außenminister Joschka Fischer, der beim Vorlegen der in New York City bei den United Nations präsentierten Foto-Belege sagte: ich bin nicht überzeugt - , heute beteiligt sich unsere Regierung beim Einsatz in einen schnell ausgerufenen Krieg gegen - ja, gegen wen? Und wo?

Der staatenlose Gegner und seine nicht sichtbaren Verbündete und Unterstützer sind das eine unübersichtliche Kriegsziel, die Koalition der kriegsführenden Gegner ist der andere unübersichtliche Verbund, der losstürmt ohne Plan. Das hatten wir schon. Die Folgen kennen wir auch. Muss das sein? Schock führt zum Schulterschluss: ist diese Logik zwingend? Schock kann auch zur Ernüchterung führen - zur Besinnung, sich zu verabreden, gründlich nachzudenken. Das sagt Gregor Schöllgen nicht deutlich (s. meinen Blog vom 29.7.2014). Sein letzter Satz in seinem Text: "Und so wird weiter improvisiert, ignoriert und wohl auch geheuchelt, bis die nächste Katastrophe zum flüchtigen Schulterschluss führt". Wie wird die nächste Katastrophe aussehen? Sicherlich nicht wie ein Wetterumschwung. So ergeben dürfen wir nicht sein. Jemand, der mitreden kann, muss gegenhalten. Unsere parlamentarischen Repräsentanten könnten gegenhalten.   

Mittwoch, 18. November 2015

Journalismus-Lektüre IX: Die Illusion der Verschmelzung

Heute in der F.A.Z. (19.11.2015, S. 1):
"Eines hat der 'Islamische Staat' erreicht: Er hat die Europäer nicht nur tief verunsichert, er trägt auch zu ihrer weiteren Spaltung bei".

Nikolas Busse ist der Autor. Er behauptet wild drauf los: die Europäer wären tief verunsichert. Woher weiß er das? Hat er alle befragt? Natürlich nicht. Er extrapoliert. Von Sigmund Freud stammt die Einsicht, dass das Unheimliche das Heimliche: das Vertraute ist. Mörderische Orgien krimineller Organisationen kennen wir in unserem Land mindestens seit 1945. Seit langem wissen wir: wir leben auf Kosten ausgebeuteter, weit entfernt lebender Leute. Wir wissen: die weltweite Ausbeutung für unseren Wohlstand hat einen Preis. Die Ungerechtigkeit hat einen Preis. Die Armut hat einen Preis. Unfaire Lebensverhältnisse haben ihren Preis. Leider werden diese Preise in buchstäblich schrecklichen Währungen beglichen.

Was ist mit der Spaltung? Die Spaltung, wenn wir dieses Wort einmal hin und her wenden wollen, setzt eine Einheit voraus. War Europa je eine Einheit in dem Sinne, dass die nationalen Interessen zurückstehen vor den europäischen Konzeptionen? Nein. Was den nationalen Interessen entgegenkam, war realisierbar. Und jetzt haben wir noch den Spezialfall - aber vielleicht ist er gar nicht so speziell - : dass die bundesdeutsche Regierung Alleingänge macht und erwartet, dass die übrigen nationalen Partner-Regierungen nachziehen (die Politik der Energie-Umstrukturierung, die Politik der Einwanderung); bislang waren die bundesdeutschen Regierungen nicht schlecht, ihre
Interessen durchzusetzen. Bislang waren die Partner-Regierungen so höflich oder so kooperativ, keinen deutlichen Einspruch zu erheben, weil sie hier und da ihren eigenen Interessen entsprachen. Wir werden sehen. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, wenn die Länder der europäischen Union sich differenzieren. Dann können wir sehen, mit wem wir es zu tun haben. Die Vokabel Spaltung beklagt  den Verlust oder die Ernüchterung der Illusion der Verschmelzung: auf einmal sind die Franzosen ganz anders als wir. Und die Briten, diese störrischen Insel-Bewohner, die die Länder des europäischen Festlands the continent nennen - weit entfernt - , sind ebenfalls ganz anders als wir. Schwer zu ertragen? Wenn doch unsere Kanzlerin sagt: wir weinen mit Ihnen?

Die Politik der Rührseligkeit

"Wir weinen mit Ihnen", sagte unsere Bundeskanzlerin in ihrem ersten Kommentar nach der Orgie der Mörder, die sich Kämpfer des ISIS nennen, am vergangenen Freitagabend.Das Entsetzen über das immense Leid der Franzosen, der Schrecken, die Irritation waren enorm -  in einem untergründigen Gefühlsgemisch von Lähmung, das sich in mir breit machte. Wie am 11.9.2001 wurde das Katastrophen-Kino real. Ich kam schlecht vom  Fernseher weg, um schlafen zu gehen. Die Morde waren zu erwarten. Und dennoch traute ich meinen Augen nicht. Ein mir vertrauter Gedanke ging mir nach: warum sollen wir verschont bleiben? 

Wir weinen mit Ihnen, wirkte für mich wie eine plumpe Umarmung: ein aufgedrängter, rührseliger Trost. Wir weinen mit Ihnen gehört zum Repertoire Merkelscher Betulichkeit wie das Asyl ohne Grenzen, der Hass im Herzen,  wie die Formel von den politischen Partnern, die sich wie Freunde behandeln oder wie die Metapher vom Rettungsschirm, unter dem sich die Schutzlosen versammeln können. Rührseligkeit als Politik-Ersatz, der erstaunlicherweise als substantielle Politik durchgeht. Jasper von Altenbockum schrieb dazu: "Nach den Terroranschlägen gab die Bundeskanzlerin eine bewegende, in ihren politischen Teilen aber merklich vorsichtige Antwort" (F.A.Z. vom 16.11.2015). Weder fand ich ihre Sätze bewegend noch vorsichtig. Sie las sie sehr konzentriert ab, um nicht zu stolpern. Wir wissen, dass unser freies Leben stärker ist als jeder Terror: Kein Blick ins Innere unserer Republik: was ist los bei uns? Kein Wort zur Wirklichkeit: die jetzigen und vermutlich die künftigen Mörder sind die Bürger unserer Gesellschaft und der Gesellschaften unserer EU-Nachbarn, hier und dort aufgewachsen. Sie müssten angesprochen werden - erreicht und gewonnen werden. Das wäre eine langfristige Poltik. Kurzfristig müssen sie ausfindig gemacht und verstanden werden. Armut, die Exklusion und die mit ihnen verbundenen schrecklichen psychosozialen Folgen finden kein Interesse. Reden über unsere Köpfe hinweg.

Rührseligkeit ist verdeckte, nicht eingestandene Hilflosigkeit. Das ist ihre andere Seite. Wer hilflos ist, rudert in viele Richtungen. Wer heftig rudert, macht vielleicht vergessen, dass er oder sie nicht weiß, wohin. Rührseligkeit ist keine Politik, sondern ein Wirrwarr. Wie unser Innenminister vor zwei Tagen, der gestand, nicht sagen zu können, was er wusste, weil das, was er wusste, uns erschreckt hätte. Das war: besorgte Rührseligkeit. Oder war es Geständniszwang? Aber wahrscheinlich gibt es jemanden im Beraterstab des Bundeskanzleramts, der oder die rät, die Rührseligkeitskarte zu spielen. Über den Satz Wir weinen mit Ihnen muss man kurz und intensiv nachgedacht haben.


(Überarbeitung: 31.7.2018)

Dienstag, 3. November 2015

Wohlhabend und ungern wohlhabend

Gestern (2.11.2015, Nr. 254) eine Meldung in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, ganz hinten (S. 21), wo nur die fleißigen Leserinnen und Leser hinkommen, die Zeit für ein ausgiebiges Frühstück haben: "NRW kauft neue Steuer CD. Es geht wohl um Dividenden-Stripping in Milliardenhöhe".
Das Wort Dividenden-Stripping hatte ich noch nie gehört. Es geht um Steuerbetrug: die Kapitalertragsteuer, entnehme ich dem Text, die auf Dividendenerträge erhoben werden, lässt man sich mehrfach erstatten durch Käufe, Verkäufe und Rückkäufe. Mein Philosophie-Professor hätte dazu vielleicht gesagt: ist kompliziert, aber nicht schwierig. Jedenfalls haben offenbar auf diese Weise "institutionelle Investoren, möglicherweise aber auch Privatpersonen Steuern in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrags oder kleinen Milliardenbeitrags hinterzogen".

Die Formel vom kleinen Milliardenbetrag ist freundlich und zeitgemäß: Was sind schon Milliarden im Vergleich zu Billionen? Die Landesregierung NRW ist nicht dieser Auffassung. Die neue CD ist die neunte Angekaufte. Die Landesregierung verzeichnet 1.8 Milliarden Euro Steuer-Nachzahlungen - bei 22.300 Selbstanzeigen seit 2010. Der SPIEGEL, so die Meldung, schätzt fürs ganze Land einen Nachzahlungsbetrag von vier bis fünf Milliarden Euro bei 120.000 selbstanzeigende Bundesbürger. Kleine Beträge, die auf nicht so kleine Einkommen verweisen. Wir sind - vermutlich - bei der alten (schwierigen) Lebensfrage: wann ist Genug genug?

Freitag, 30. Oktober 2015

P.E.g.I.d.A-Lektüre III: was darf man sagen im öffentlichen Raum?

"Man muss nicht soweit gehen", schrieb Reinhard Müller am 2.9.2015 (Frankfurter Allgemeine Zeitung, S. 1, Nr. 203), "wie einst der amerikanische Supreme Court, der 1977 amerikanischen Nationalsozialisten mit Hakenkreuzfahnen den Marsch durch eine Stadt erlaubte, in der viele Holocaust-Überlebende wohnten. Aber für die Meinungs- und Versammlungsfreiheit muss der Staat so entschieden eintreten wie für das Grundrecht auf Asyl". Man muss nicht so weit gehen : in den U.S.A. offenbar schon. Früher sagten bei uns die ängstlichen Mütter ihren Jungen: übertreib' nicht! Wie kann Reinhard Müller das sagen: Man muss nicht so weit gehen? Woher weiß er, wie weit man gehen kann? Wahrscheinlich kann man nicht weit genug gehen. Auf welche Amplituden verständigen sich die Bürgerinnen und Bürger einer Gesellschaft, was im öffentlichen Raum gesagt werden kann? Die Frage lässt sich nicht schnell beantworten: der Prozess der demokratischen Evolution ist ein Austesten und ein Verschieben der Grenzen; er ist offen. Die Autoren der U.S.-amerikanischen Verfassung trauten ihren Landsleuten offenbar mehr zu als unsere  Autoren des damals vorsichtig formulierten Grundgesetzes, das ausdrücklich keine Verfassung sein sollte - die war für später vorgesehen: wenn die Präambel des Grundgesetzes erfüllt sein sollte.  Zur Zeit wird bei uns der öffentliche Raum - nicht nur in Dresden - getestet. Diese Tests sind strapaziös - lästig und aufreibend; sie nehmen kein Ende. Zu Viele haben zu viele andere Ideen. Zum Glück gibt es Wahlen. Da lässt der Lärm dann kurz nach.

(Überarbeitung: 2.11.2015)

Donnerstag, 29. Oktober 2015

P.E.g.I.d.A-Lektüre II: schuldig sind die anderen

Die Trickser der Wirtschaft hat Klaus Max Smolka seinen Text in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (21.10.2015, S. 15, Nr. 244) überschrieben. Gemeint sind die sich als falsch erweisenden Dementis der Pressesprecher von Industriefirmen, die bestreiten, was ihnen vorgehalten wird - aber wenige Tage später realisieren, was ihnen vorgehalten wurde. Das sind  die Tricks. Sie führen, so Klaus Smolka, zu einer Art von Politikverdrossenheit, von der wir immer wieder hören. Falsche Dementis, sagt er, haben verheerende Folgen: 1. die kommunizierenden Akteure werden beschädigt, weil unglaubwürdig; 2. das die Konfrontation veröffentlichende Medium wird beschädigt: das falsche Dementi wird erinnert, nicht der Betrug; 3. das Vertrauen in Industriefirmen schwindet.

So weit, so gut. Aber was wäre, wenn die gedruckten wie die elektronischen Medien diese Vorgänge nachhalten - getreu dem unvergleichlichen Satz von Jules Furtman und Leigh Brackett aus dem glänzenden Howard Winchester Hawks-Western Rio Bravo: We remember you said that. Und jedesmal, wenn das Dementi einer Firma sich als betrügerisch herausstellt, wird es auf der ersten Seite unter der Rubrik we remember you said that aufgelistet. Das könnte natürlich auch für andere Akteure des öffentlichen Lebens gelten. Die Öffentlichkeit hat ein Riesen-Gedächtnis, die Medien riesige Archive. Man muss sich nur trauen, an der Wahrheit festzuhalten und unbequem zu bleiben. 

P.E.g.I.d.A-Lektüre I: wie ein Affekt zum veröffentlichten Befund und somit wahr wird

Der mediale Kreislauf um die und mit der zum Akronym und zur Metapher gewordenen Großgruppe, die sich an Montagsabenden in Dresden trifft, setzt sich fort. Medial beobachtet, kommentiert, verurteilt und behauptet, ist die Gruppierung zu einer Realität geworden, die viele Bundesdeutsche beschäftigt (wie viele, wissen wir nicht; in welchen affektiven und kognitiven Kontexten, wissen wir auch nicht).

Es gibt viele Deutungsversuche - mein Blog ist auch einer (s. meine Texte vom 23.12. und 25.12.2014). Heute interessiert mich ein Aspekt des medialen Kreislaufs. Am 19.10.2015 veröffentlichte Stefan Locke in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (S. 3, Nr. 242) den Text mit dem Titel Die unerträgliche Seichtigkeit des Seins. Warum es bei Pegida nicht nur um eine Angst vor Überfremdung geht - sondern um ein grundsätliches Misstrauen gegen das demokratische System. Der Titel des Textes spielt mit dem Titel des Romans von Milan Kundera Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Wieso das Sein auf einmal so  seicht  sein soll, sagt Stefan Locke nicht. Möglich, dass er die Dresdner Großgruppe und deren Kommunikationen für seicht hält. Sollte das der Fall sein, bewegt er sich unvorsichtig auf schwierigem Terrain wie unser Justizminister Heiko Maas, der mit Sieben-Meilen-Stiefeln in der Öffentlichkeit auftritt.

Es geht um Dresden, um Sachsen - der Ruf Sachsens sei im Eimer, wird Michael Kretschmer, der Generalsekretär der C.D.U. zitiert - und um Frank Richter, den Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, der  mit dieser Selbst-Einschätzung zitiert wird: "Ich habe das Gefühl für diese Stadt verloren". Er weiß nicht mehr, kann man diesen Satz übersetzen, ob und inwieweit die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Montags-Großgruppe repräsentativ sind für die Bürgerschaft Dresdens. Er ist verunsichert. Er ist ernüchtert. Ihn hat, so erzählt Stefan Locke, der Eindruck von Rupert Neudeck, mit dem er  "eine der ersten Pegida-Kundgebungen" beobachtet hatte, offenbar beunruhigt:

"Sie sahen Transparente, Deutschlandfahnen und gut tausend Menschen, die an ausgetreckten Armen mit den Bildschirmen ihrer Mobiltelefone den Himmel beleuchteten. Das seien ja Rituale wie den Nazis, habe Neudeck spotan gesagt. Die gleichen Bilder, die gleichen Symbole, der gleiche verhängnisvolle Irrtum wie damals, dass sich sozialer Zusammenhalt nur national organisieren ließe. Ihn habe das tief beeindruckt, sagte Richter, auch weil Neudeck die Nazizeit selbst erlebt hat".

Es ist die Frage, ob Rupert Neudeck als verlässlicher  Zeitzeuge in Frage kommt. Er wurde am 14. Mai 1939 geboren - knapp vier Monate bevor die nationalsozialistische Regierung ihre destruktive Orgie beschleunigte. Die Frage ist: was sah Rupert Neudeck? Mobile Telefone gab es nicht; Fackeln waren beliebt. Wo sah  er die Fakeln? Möglicherweise im Kino, wo Dokumentarfilme, deren Autoren durchweg das propagandistisch intendierte Material in ihre Narrative hineinmontiert hatten, liefen - abgesehen von dem schwer erträglichen idolisierenden Schinken wie der Leni Riefenstahl  Triumph des Willens, der nicht in den Kinos gezeigt werden durfte. Oder er hatte davon gehört oder gelesen. Wahrscheinlich hatte Rupert Neudeck seinen Affekt einer Befürchtung ausgesprochen: dass ein ähnlicher Auflauf wie die früheren Fackelzügen sich in Bewegung setzen könnte. Frank Richter nahm offenbar die Kommunikation dieses Affekts als die Beschreibung eines Vorgangs auf, der nationalsozialistische Züge zu tragen scheint. Es ist klar, dass die ungeklärte Befürchtung Folgen hat: je nach Lebensgeschichte beunruhigt, irritiert oder alamiert sie. Einmal im Kopf, bewegt sie sich weiter.

Einmal im Kopf bestätigte sie die alten, seit 1949 kursierenden, bundesdeutschen Kontexte weit verbreiteter Befürchtungen. Da dieser Prozess der Belebung von Befürchtungen in vielen Köpfen stattfindet (wir wissen nicht, in vielen), organisiert er eine medial kommunizierte Fantasie, die beispielsweise abends in den Tagesthemen zu einer Nachricht wird, die überprüft  wird. Allerdings wird sie mit den einfachen Mitteln überprüft, die wir kennen: ein TV-Team kommt und jemand hält jemanden ein Mikrofon entgegen - und der bestreitet die Befürchtung, wodurch sie nicht widerlegt, sondern bestätigt wird. Diese Art von Befragung - eine Invasion, kein Gespräch - kalkuliert ihren Macht-Charakter nicht ein: wer kann schon vor einer Kamera in einem Satz präzise Auskunft über sich geben? Undsoweiter, undsofort. Der Kreislauf von Behauptung, Dementi, Vorwurf und Gegenvorwurf, Dementi läuft. Bis unsere Kanzlerin vom Hass im Herzen und unser Justizminister von der Schande  sprechen und empfehlen, diese Art von Meinungsäußerung zu meiden. Aber die, die sich montags in Dresden im Kontext ihrer Gruppe mit ihrer Teilnahme äußern, fühlten sich durch den Rahmen unserer demokratisch verfassten Gesellschaft eingeladen, sich so zu äußern.  

Seichte Meinungsäußerungen sind erlaubt. Davon abgesehen, sind sie gar nicht seicht. Sie müssen gehört werden. Sie müssen diskutiert werden. Unterdrücken, Disqualifizieren, Verbieten helfen nicht: das wurde seit 1949 versucht. Es ist erstaunlich, wie defensiv unser Justizminister argumentiert. Wer mitläuft, senkt Hemmschwellen, sagte er - berichtete am 20.10.2015 auf ihrer ersten Seite die  Frankfurter Allgemeine Zeitung. Dort wird er mit dem Satz zitiert: "Wer Galgen und Hitlerbärtchen hinterläuft, für den gelten keine Ausreden mehr". Wenn ich die Fernseh-Bilder richtig erinnere, dann bewegte sich eine Menge Leute vor diesen Bildern: was war mit ihnen?

Die Hemmschwelle gehört in den Kontext kursierender Befürchtungen. Die Formel von der Straftat mit fremdenfeindlichem Hintergrund  ist die Behauptung der Vermutung einer Kausalität, die nicht geklärt ist. Das Konzept der Fremdenfeindlichkeit ist nicht geklärt: in welchen symbolischen, kommunikativen und interaktiven Kontexten ist es Handlungs-leitend? Klärende Forschung wäre nicht schlecht.

(Überarbeitung: 29.2.2016)

Dienstag, 27. Oktober 2015

Unser Schlaumeier II: "Wohnst du noch oder lebst du schon?"

Ich stelle mir vor: dass Hans Magnus Enzensbergers Lieblingsmärchen die Geschichte vom Hasen ist, der vergeblich gegen das Igel-Paar anrennt - mit dem Unterschied, dass er beides repräsentiert: den  Sprinter und den Ausgebufften, der regelmäßig triumphiert: ich bin schon vor euch da!

Schwärmt ihr noch, oder denkt ihr schon? heißt sein neuer in der Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlicher Text (22.10.2015, S. 11, Nr. 245) mit dem Untertitel: Einzeln ist der Mensch erträglich, im Rudel weniger. Wieso man von "Schwarmintelligenz" redet, ist mir deshalb schleierhaft. Wir sollten unsere Schwarmphase so bald wie möglich hinter uns lassen. Anmerkungen zu Mensch und Tier.  Hans Magnus Enzensberger dankte für den Frank-Schirrmacher-Preis.

Die uralten Fluchtbewegungen von Millionen Menschen, die ihre Existenz zu retten suchten und zu retten suchen, mit den Tier-Schwärmen zu vergleichen, wirkt hochnäsig und verniedlicht die Lebensrealität der Tiere und der Menschen. Der Schwarm als Metapher trägt Enzensberger weit: er benutzt ihn für die Überlebens-Bewegungen von Vögeln, Insekten, Fischen - und Menschen; er karikiert die Autofahrerinnen und Autofahrern, die sich in Staus wiederfinden, die, die sich im Internet bewegen, und die, die als sein Lieblingsobjekt der Verachtung herhalten müssen: die Touristen - allerdings hat er die vergessen, die in ihrer Bewegung des Idolisierens für einen Star schwärmen. 

Die Schwarmintelligenz adressiert Hans Magnus Enzensberger  an seinen erfolgreichen Kollegen Frank Schätzing. Enzensberger, der einmal die Katastrophe der Pressefreiheit im Merkur beklagte, beobachtet anders als der von ihm zitierte Entologe Gottfried Samuel Fraenkel das wuselige Treiben und Diskutieren seiner Landsleute, denen es schwer fällt, die Vogelperspektive zu ergattern. Die hat Hans Magnus Enzensberger besetzt. Er spottet von oben. Offenbar kennt er  die Kölner Papageien nicht, die sich mit einem faszinierenden Gekreische hier und da auf einem Baum treffen. Dass er - oder war es jemand aus der Redaktion der Frankfurter Zeitung? - für seinen Text den Slogan von IKEA bemüht, diesem Möbelhaus, zu dem Woche für Woche Tausende pilgern, ist eine Art von Umarmungssehnsucht mit den von den Schweden  fröhlich gestimmten jungen und nicht mehr so jungen Leuten. So weit ist er nun doch nicht entfernt von den Schwärmern für ein Billy-Regal.

(s. meinen Blog vom 16.3.2014)
(Überarbeitung:  30.10.2015)

Neues von der Heiligen Kuh XXII: Die Chuzpe der VW-Leute

Eine Eintauschprämie haben die VW-Leute anzubieten vor. Das wäre eine tolle Lösung. Jetzt soll man noch draufzahlen, um ein Auto fahren zu können, das den gesetzlichen Regularien entspricht. Halt!, werden die VW-Leute sagen: Sie kriegen doch ein neues Auto! Aber wenn ich keins will, weil das jetzige noch ausreichend fährt? Ja, was ist dann?

Dann wäre man so wie bei einem Verkehrsunfall gekniffen, wenn man schuldlos seinen mechanisch einwandfreien Wagen verliert, weil dessen Reparatur sich nicht mehr lohnt. Die VW-Leute würden gewinnen: ihre Fahrzeug-Halden würden kleiner, ihre Absatzzahlen ließen sich wieder sehen und die anderen schäbig manipulierten Autos müssten nicht gleich in die Werkstatt oder könnten werweißwohin verschoben werden. Ich müsste in die Tasche greifen - was ich gar nicht wollte und vielleicht schlecht könnte. Das nenne ich: die Macht eines Herstellers. Der probiert, obgleich er öffentlich Tränen-reich Besserung versprochen hat,  unverfroren sein Geschäft durchzusetzen.

Neues von der Heiligen Kuh XXI: Der Mirai fährt vor

Toyota hat es geschafft: der Mirai ist bald zu haben. Der Mirai  ist ein Auto mit einer komplizierten Technik, von der schon seit den 90er Jahren die Rede ist - die ich aber nicht verstehe, weshalb ich mich auf den Text in der Frankurter Allgeimeine Zeitung beziehe (Boris Schmidt: Die Zukunft tankt Wasserstoff. Erste Probefahrt: Das Brennstoffellen-Auto Toyota Mirai/550 Kilometer Reichweite/Tanken wie gewohnt; 20.10.2015, S. T3). Aus Sauerstoff und Wasserstoff wird Strom erzeugt, der einen kräftigen Elektromotor antreibt. Abgase gibt es nicht. Von Nichts kommt nichts. Diese Lebensregel gilt auch hier: die Technik ist aufwändig, die Energie-Gewinnung schwierig; der Wasserstoff muss in besonders stabilen Tanks bewegt werden. Weshalb die Autos ziemlich teuer sind. Und weshalb unsere Industrie offenbar die Geduld der Japaner, diese Form der Energie-Gewinnung zu erforschen und bis zur Serie zu entwickeln, nicht aufbrachte. Der bislang wirklich gravierende Nachteil: die Energie-reiche Herstellung des Wasserstoffs. Gelänge sie mit erneuerbarer Energie, könnten wir mit gutem Gewissen Auto fahren und die Verbrennungsmotoren vergessen.  

We remember you said that III: Freunde tun das nicht

Nachricht in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.10.2015 (S. 4,  Nr. 240):

"Am Mittwochabend hatten Bundesregierung und BND dem Parlamentarischen Kontrollgremium (PKGr) des Bundestages mitgeteilt, dass der BND bis zum Jahr 2013 auch selbständig europäische Ziele ausspioniert habe. Bisher hieß es, das habe nur auf Wünsche des amerikanischen Geheimdienstes NSA stattgefunden".

Wie passt das, wird in der Meldung angemerkt, "zu der Äußerung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), dass 'Freunde' sich nicht ausspähen sollten"? Ja, wie passt das?

Je nach Lesart: es passt und es passt nicht. Seltsam finde ich: wieso stand diese Nachricht nicht auf der ersten Seite?
(s. meine Blogs vom 24.11.2010 und 8.11.2014)

Sonntag, 11. Oktober 2015

Neues von der Heiligen Kuh XX: die öffentliche Diskussion stimmt sich ab - vom Betrug zum Skandal

Die öffentliche Diskussion funktioniert in einem unüberschauen Prozess von Beiträgen. Erstaunlich ist immer wieder die Schnelligkeit, mit der sich die Akteure verständigen und einstimmen: auf einen Affekt, auf einen Begriff, auf eine Metapher. Die leitenden Herren des Wolfsburger Konzerns Volkswagen haben den Betrug der gesetzlichen Abgas-Bestimmungen zugegeben. Was wird in der öffentlichen Diskusssion daraus? Ein Skandal. Ein Skandal muss keine strafrechtliche Relevanz haben - er ist die Verletzung einer Moral oder einer Ethik; darüber kann man glücklicherweise lange streiten, so dass eine Moral oder Ethik an Einfluss verliert. Was soll der Skandal bei uns? Er lullt ein, er beschwichtigt, er beruhigt. So wie der Neuanfang bei VW. Lange Rede, kurzer Sinn: wer diese Vokabeln benutzt, lässt sich  einschläfern und nimmt teil am vertrauten Projekt der Schuld-Verwischung, der Verdummung und der Korrumpierung.

Was bedeutet diese Art öffentlich abgestimmten Wort-Nebels? Weit verbreitetes Fantasieren und Grollen: Wir machen weiter wie bisher. Volkswagen ist Volkswagen. Wir fahren weiter. Nur die anderen verderben einem das Vergnügen. Besonders die seltsamen Amerikaner.  Wie weit die öffentliche Verschmelzung geteilt wird: ist unbekannt. So weit ich weiß, werden diese Prozesse leider nicht erforscht.

(Überarbeitung: 26.4.2016)

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Neues von der Heiligen Kuh XIX: sie grast

Es ist still in unserer Öffentlichkeit um den Wolfsburger Konzern geworden. Keine Aufregung.  Keine Empörung. Keine Kamerateams, die jemanden wegen einer Auskunft bedrängen. Keine Schlagzeilen. Oder kriege ich das nicht mit?

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bringt heute, am 7.10.2015, auf ihrer ersten Seite die Nachricht: "VW will Mängel an Fahrzeugen bis 2016 beheben". Gemeint ist: bis Ende des nächstes Jahres. Die Skepsis ist herauszuhören. Innen, im Buch Wirtschaft (S. 15), wird der neue Chef, Matthias Müller, befragt. Holger Steltzner und Holger Appel, so die Notiz unter dem Interview, führten das Gespräch.

Ihre erste Frage: "Warum wurde der Motor manipuliert?"
Matthias Müller: "Bei der Umstellung auf die moderne Common-Rail-Motor-Technik wurde gleichzeitig entschieden, mit dem Diesel nach Amerika zurückzukehren. Dabei ist es offenbar nicht gelungen, die strengen amerikanischen Abgasgrenzwerte einzuhalten".

Oh je, oh je, wären die Amerikaner nicht so streng, wäre alles gut gewesen. Der neue Chef rauft sich die Haare und gibt unklare Antworten. So geht es weiter. Keiner der Journalisten lacht darüber, dass hier ein vertrautes Muster variiert wird: ein Betrüger gibt nur das zu, was bekannt ist. Etwas später konfrontieren die Journalisten Matthias Müller mit dem Tatbestand des Betrugs: "Aber VW hat die Öffentlichkeit und die Kunden betrogen". Nicht nur die Öffentlichkeit und die Kunden wurden betrogen, sondern die gesetzlichen Vorschriften wurden missachtet. Zählt das nicht richtig?

Matthias Müller: "Uns ist ein schwer wiegender Fehler unterlaufen. Dafür müssen wir jetzt gerade stehen". Nein, die Manipulationssoftware war oder ist sehr gekonnt geschrieben. Alles richtig. Nur der Betrug ist gesetzwidrig. Ist das ein Fehler? Der einem unterläuft? Die Journalisten lachten nicht. Wer vom Fehler spricht, hat seine Schuld nicht verstanden oder redet sie klein.

Natürlich war dies kein Interview. Die Journalisten konnten nicht auf den Putz der Beschwichtigungen hauen. Sie konnten auch nicht lachen. Hätten sie es getan, vermute ich, wären ihre Reaktionen herausredigiert worden. Das Interview ist eine sterilisierte PR-Veranstaltung von VW -  x  Leute haben nachgebessert. Man kann die Taktik heraushören: beruhigen, nichts zugeben, undeutlich und auf Tauchstation bleiben. Die Beratungs-Teams arbeiten an der Verteidigungslinie. Wer etwas zugibt, macht sich angreifbar. Keine neuen Töne vom neuen Chef. Er tut, was man ihm sagt.

Der Konzern-eigene Zynismus geht weiter. Am 24. September schrieb James Surowiecki in seinem Blog des The New Yorker - Titel: The Environmental Legacy of the Volkswagen Scandal - : dass der Skandal darin bestünde, die technische Entwicklung verzögert zu haben - it slowed the transition to hybrids and electric cars. Die für die betrügerische Software der Motorensteuerung zuständigen Leute machten keinen Fehler, sie folgten nur dem Zynismus des Geschäfts. Wer identifiziert und tauscht die Propagandisten dieser Haltung aus? Wie war das noch mit der flotten Anweisung: Wer betrügt, fliegt raus?

Freitag, 25. September 2015

Neues von der Heiligen Kuh XVIII: sie wird kräftig auf den Markt getrieben

Heute, am 25.9.2015, hat Mercedes-Benz eine Serie jeweils halbseitiger, farbiger Anzeigen (bis auf eine fünftelseitige Annonce) in der Frankfurter Allgemeine Zeitung platzieren lassen:
S.  3: "Auf jedem Berg der Erste. Die G-Klasse". Das Fahrzeug reckt sich wie ein Hirsch auf bekanntem Tableau.
S. 5: "In jedem Abenteuer eine feste Größe. Der GLE". Das Fahrzeug steht auf Moos oder Rasen vor einem See.
S. 10 (fünftelseitig): "Auf jedem Gelände in ihrem Element. Die neuen SUVs von Mercedes-Benz". Drei Wagen stehen auf einer Mooslandschaft; im Hintergrund ein Meer.
S. 13: "In jeder Stadt eine Sehenswürdigkeit. Der neue GLC". Das Fahrzeug steht auf einer Kreuzung in San Franzisko.
S. 17.: "Aus jedem Alltag der Ausweg. Der GLA". Das Fahrzeug steht am Rand einer weiten Küste am - vermutlich - pazifischen Ozean.
S. 21: "In jeder Sekunde ein Statement. Das neue GLE Coupé". Das Fahrzeug steht in Gegenrichtung
auf dem Rand einer zweispurigen, vermutlich kalifornischen Landstraße.
S. 23: "Auf jedem Untergrund der Sieger. 4MATIC". Das Fahrzeug fährt auf die Kurve einer Gebirgsstraße zu - vielleicht in Frankreich, Italien oder Spanien.
2. 25: "Auf jedem Gelände in ihrem Element. Die neuen SUVs von Mercedes-Benz". Alle auf den vorigen Seiten präsentieren Fahrzeuge sind in einer Art Kreis gruppiert - im Hintergrund die Skyline einer Stadt, die aus verschiedenen U.S.-Großstädten collagiert zu sein scheint.
S. 35: "Bereit für eine weitere Premiere?" Ein Fahrzeug der A-Klasse wird vorgestellt. Es soll  in einer (vermutlich) U.S.-Großstadt stehen. Das  Foto ist das letzte Bild der im Studio fotografierten und am Computer generierten Serie.

Subtext I: Wir von Mercedes lassen uns nicht unterkriegen. Wir sind sauber.
Subtext II: Wir müssen zu Hause bleiben. Sie nicht.      

Donnerstag, 24. September 2015

Neues von der Heiligen Kuh XVII: alles halb so schlimm

Martin Winterkorn ist nicht mehr Chef des Volkswagen-Konzerns. Vor zehn Jahren ging Peter Hartz, Personal-Chef von Volkswagen. Er wurde später verurteilt zu einer auf Bewährung ausgesprochenen Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zu einer Geldstrafe von € 576.000,-. Betriebsräte hatten gegen das Betriebsverfassungsgesetz verstoßen, indem sie ihre Privilegien für ihre Interessen ausbeuteten; Klaus Volkert wurde zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Das fiel mir wieder ein - dank der Unterstützung durch Wikipedia - , als mir die Titel zweier Texte heute in der Frankfurter Allgemeine Zeitung nachgingen: "Tabula Rasa" von Holger Steltzner (S. 1) und "Volkswagen macht Tabula rasa" von cag./cmu (S. 15).

Die Redefigur tabula rasa klingt gut und ist nett. Sie dient der Beschwichtigung. Jetzt räume ich richtig auf, lautet der Vorsatz. Geht das? Kann man in seinem Leben richtig aufräumen ? Man kann die Schreibtischplatte leerfegen - und dem lateinischen Verbum radere folgen. Radere bedeutet: kratzen, schaben, glätten. Im Französischen war la table rase die leere Kupferplatte, dann das unbeschriebene Blatt - buchstäblich und metaphorisch. Faire table rase war dann: alles niederreißen, reinen Tisch machen. Wie geht das in einem Konzern? Was reißt man nieder? Reicht es, die Spitze eines Konzerns auszutauschen? Wie groß ist die Spitze? Wer zählt dazu? So wird ein Konzern individualistisch verstanden: nicht als System, nicht als Kultur, nicht als eine Matrix von Beziehungen, die bestimmt wird von den Idealen, Übereinkünften, Fantasien, Delegationen, Loyalitäten, Verpflichtungen. Die Matrix der Beziehungen (das gesellschaftsdynamische Konzept von Siegfried Heinrich Foulkes) entscheidet. Wer will sie in den Blick nehmen und verändern?  Die Matrix verändert sich in einem langwierigen, schwierigen Prozess redlicher Auseinandersetzungen über die Beziehungskultur. Wer will und kann diese Arbeit leisten?  Was geschah nach 2005 im Volkswagen-Konzern?

Mittwoch, 23. September 2015

Neues von der Heiligen Kuh XVI: eine Industrie zerlegt sich

Wie will Volkswagen den Betrug überleben? Elf Millionen Fahrzeuge sind betroffen, elf Millionen Besitzer müssten entschädigt werden. In den U.S.A. haben Besitzer dieser Diesel-VW begonnen, Sammel-Klagen einzureichen. Volkswagen wird nicht nur mit den betroffenen internationalen Behörden zu tun bekommen, sondern auch mit den Ansprüchen der Kunden. Dafür werden die
gestern vermeldeten knapp sieben Milliarden Euro als Rückstellung nicht ausreichen. Die Strafkosten werden erheblich sein. Der Aktienkurs der Volkswagen-AG befindet sich, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung, "im freien Fall"; ihr Wert ist in zwei Tagen um 40 Prozent gesunken. Was ist mit den Anteilseignern von VW-Aktien? Auch sie müssten entschädigt werden. Was ist mit dem Verlust des Ansehens der bundesdeutschen Automobil-Industrie weltweit? Und was wird mit unserer  Abhängigkeit von der Automobil-Industrie? Was wird aus uns? Viele Fragen. Wahrscheinlich klingt diese Vermutung seltsam: durch den Tsunami eines Betrugs erschüttert, bekommen wir die Quittung unserer Versäumnisse und unserer Geschichte vorgelegt - der stolze Exportweltmeister wird fortan kleine Brötchen backen müssen. Am besten fangen wir mit der Einführung eines Tempolimits auf Autobahnen an.  

Dienstag, 22. September 2015

Journalismus-Lektüre VIII : Klischee-Zauber

Die Federal Reserve Bank der Vereinigten Staaten bleibt bei ihrer Geldpolitik und verändert nicht die Leitzinsen. Winand von Petersdorff von der Frankfurter Allgemeine Zeitung (Samstag, 19.9.2015, S. 17) kommentiert diese Entscheidung mit einem Text, der den Titel trägt: "Yellens Angst". Im Text finden sich diese beiden Sätze: "Janet Yellen ist die Frau, die sich nicht traut. Sie findet in der wilden Welt da draußen immer gute Gründe, nichts zu tun". Der erste Satz paraphrasiert den Titels des Films mit Julia Roberts. Der zweite Satz kommt ganz schön von oben herab: ... in der wilden Welt da draußen. 

Eine gravierende politische Entscheidung, die die Geldmärkte bewegt - das weiß Winand von Petersdorff auch - , macht er zum Produkt einer Marotte. Gerede im  Kontext eines Kommentars. Das Konzept des Affekts Angst wird planiert. So wird ein monströses Bild der Wirtschaftswissenschaftlerin lanciert. Seltsam, dass solche Sätze die Endkontrolle einer ehrgeizigen Redaktion passieren.

Neues von der Heiligen Kuh XV: sie irrt herum und weiß nicht, wohin

Vor ein paar Tagen blendeten noch der Glanz des Lacks und der Glamour der mächtigen Herren. Manche gaben sich elektrisiert: der Fortschritt! Der Fortschritt?  Vorgestern kehrte eine mächtige Ernüchterung ein. Der Chef von VW, Martin Winterkorn, bedauerte den Vertrauensverlust. "Es tut mir unendlich leid", sagte er heute, am 22.9.2015. Die verbalen Tränen des Leid-Tuns sind zu wenig. Das Wort Betrug ging ihm nicht über die Lippen -  die leitenden Damen und Herren von Volkswagen ließen für einen sauberen Dieselmotor in Nordamerika werben und wussten, dass er nicht sauber ist. Die U.S.-Ermittlungsbehörden werden schnell ein Wort gefunden haben. In der Washington Post und der New York Times kann man jetzt nachlesen, dass seit Mai 2014 die Diesel-Fahrzeuge von VW moniert wurden. Am 2.12.2014 versprach VW der U.S.-Behörde, eine Lösung gefunden zu haben.

Dieser Millionen-fache, Milliarden-schwere, systematische, strafrechtlich und zivilrechtlich gravierende Betrug hat enorme Ausmaße. Man muss sich kneifen. Es ist nicht zu fassen. Ein Konzern zerlegt sich. Dieser Betrug hat viele Lesarten. Er sagt viel über die Leitung dieses Konzerns. Ob Ferdinand Piech dies gemeint hatte? Was man heute sagen kann: wir  wurden neulich bei den Neuigkeiten aus Wolfsburg abgespeist und wir ließen uns abspeisen mit dem Narrativ einer soap opera:  Machtkampf in der Familie - Sohn stinkt gegen Vater an und gewinnt! (s. meinen Blog vom 14.4.2015). Es läuft etwas anderes Vertrautes: wir ahnen die Umrisse einiger leitender deutscher Herren in der bekannten Kaltschnäuzigkeit und reuelosen Rührseligkeit. Wir sehen: die Versäumnisse unserer Presse, die die mächtigen Herrschaften unzureichend konfrontierte.

Wir sehen eine Industrie in Not. Die Firmen Apple und Google sind künftige Konkurrenten am Markt. Die westdeutsche automobile Hochrüstung mit ihren eindrucksvollen Leistungsdaten - begonnen in den 70er Jahren, als nur ein paar Typen schneller als 200 km/h fahren konnten - stößt an ihre Grenzen. Verbrennungsmotoren sind Energie-Verschwender und Klima-Schädiger. Das Bolzen mit Pferdestärken und Drehmomenten ist old-fashioned. Wer will einen Riesen-Schlitten mit gutem Gewissen durch die Gegend bewegen? Die Antwort unserer Autoindustrie: wir machen ein digitalisiertes Wohnzimmer draus, das von einem System von Sensoren und Rechnern bewegt wird. Eine treuherzige Schnapsidee zur Verkehrssicherheit: ob das System das leistet, ist die Frage; die notwendige Infrastruktur könnte die Automobilindustrie nicht aufbringen. Die Antwort unserer Regierung könnte sein: wir investieren jetzt mächtig und nachhaltig in  den öffentlichen Verkehr und begrenzen die Verschwendungsbewegungen. Und was ist mit dem Elektroauto? Es ist das Vehikel zur Beruhigung des schlechten Gewissens. Es fährt mit dem Aufkleber: wir tun was. Es ist nicht schlecht für den, der auf dem Dach seinen eigenen Strom produziert, eine große Steckdose hat, keine großen Bewegungen damit unternimmt und noch ein Auto mit dem Verbrennungsmotor für die großen Entfernungen in der Garage stehen hat. Es ist das  Mittel unserer Industrie, die Verbrauchswerte der großen Schlitten mit den Verbrauchswerten der leise summenden Fahrzeuge zu verrechnen - so soll alles beim alten bleiben und die Kennwerte erfüllt werden. Ein Betrug der anderen Art. Wer sollte eigentlich  die Infrastruktur unzähliger, besonders leistungsfähiger Steckdosen (Stückpreis: € 1.000,00)  bezahlen? Und wer den Strom für diese Steckdosen liefern? Und wie? Die Autoindustrie rechnete mit einer wohlwollenden, blauäugigen Regierung. Sie schuf die Fakten einer vermeintlichen Nachfrage und versprach das saubere Auto. Das wissen wir nun endgültig: gibt es nicht.  Die Politik gegenseitig geteilter Illusionen ist zu Ende. Der Kater kommt.


(Überarbeitung: 25.9.2015)

Mittwoch, 16. September 2015

Die Technik des Drohens mit dem Gekränktsein: "... dann ist das nicht mein Land"

Gestern, am 15.9.2015, sagte unsere Bundeskanzlerin diesen erstaunlichen Satz:
"Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land".

Ein Satz ist natürlich mit vielen Kontexten unterfüttert. Ein Satz ist eine schmale empirische Basis. Deshalb ist Vorsicht beim Auslegen angebracht. Es ist unklar, wann dieser Satz erfunden wurde: vor oder in der Pressekonferenz. Er klingt vertraut: er transportiert den Affekt des Gekränktseins. Er deutet die Überlastung und die Enttäuschung der Sprecherin an. Im Alltagskontext könnte man den Subtext so übersetzen: wenn mir das nicht zugestanden wird, schmeiße ich die Brocken hin. Eine Drohung wird kommuniziert.

Die Adressaten des Satzes wurden nicht angesprochen. Im Kontext der Pressekonferenz waren das: die Kolleginnen und Kollegen der  EU-Länder, die sich der bundesdeutschen und der österreichischen Politik nicht anschließen. Man kann vermuten, dass auch Kolleginnen und Kollegen der eigenen Gruppierungen gemeint waren. Dann ist das nicht mein Land. Ist er ein für den Status und für die Verpflichtung der Bundeskanzlerin, die geschworen hat, das Wohl des deutschen Volkes im Blick zu halten, angemessener Satz?  Man müsste sie fragen können. Man müsste sie auch fragen, ob sie die Kommunikation des Affekts der Gekränktheit für ein relevantes Argument hält. Die Kommunikation der Gekränktheit hat ihren Platz innerhalb der familiären vier Wände als Andeutung einer Überlastung und Enttäuschung; in den  demokratischen Foren, wo der Streit um die Auffassungen die Regel ist und wo die familiären Beziehungs-Techniken nichts zu suchen haben, nicht. Weiß die Bundeskanzlerin, dass sie Gefahr läuft, ihr Amt misszuverstehen? Deshalb wüsste ich gern, ob und inwieweit diese Politik mit dem vertrauten Affekt kalkuliert ist; sie wirkt so natürlich - echt. Aber was im öffentlichen Forum natürlich wirkt, ist häufig inszeniert und hat mit vernünftiger Politik wenig zu tun.

Dienstag, 15. September 2015

Die Rhetorik der Überraschung

"Merkels Kehrtwenden", überschrieb Holger Steltzner heute in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (15.9.2015, Nr. 214, S. 15) seinen Kommentar zur Politik der Bundesregierung. "Möglicherweise", räumte er ein, "stimmt das von den Medien so gern gezeichnete Bild einer stets rational kalkulierenden Physikerin gar nicht (immer). Schon einmal vollzog Merkel eine überraschende Kehrtwende. Auch vor der Energiewende sorgten Fernsehbilder in Japan für überschießende Emotionen in der deutschen Bevölkerung".

Was ist an der "Kehrtwende" - überraschend? Gar nichts. Wohl ist sie seltsam. Die jetzige Großzügigkeit der Bundesregierung ist Ausdruck ihrer an dem Macht-Erhalt orientierten Politik der Planlosigkeit und Hast. Ihr Yes, we make it (Wir schaffen es) ist die großspurige Paraphrase des Obamaschen Yes, we can. Das Können ist ein vorsichtig-kraftvoller Appell, das Schaffen die vertraute rührselige Umarmung. Der überraschte Journalist hat sich offenbar einlullen lassen. Erstaunlich ist seine Nachsicht. Sein Geschäft besteht doch darin, regelmäßig und systematisch zu prüfen, ob unsere Regierung ihre Hausaufgaben macht.

Auf derselben Seite, neben dem Kommentar, findet sich der Text mit dem Titel: "Die Energiewende wird wieder etwas teurer". Noch eine Überraschheit. Wenn man die Vokabeln unserer Bundesregierung perpetuiert (Beispiel: Energiewende), muss man sich nicht wundern, wenn man den Kopf verliert. Etwas teurer ist ein inflationärer Komparativ. Es ist abzusehen, dass er noch mehrfach gesteigert werden muss. Die Kosten kann keiner abschätzen. Sie werden enorm sein. Das war in den 70er Jahren schon bekannt. Damals wurde - leider ist mir die Erfinderin oder der Erfinder nicht so schnell zugänglich - die geplante Praxis der atomaren Energie-Erzeugung mit dem Bild eines Flugzeugs verglichen, das mit der vagen Hoffnung startet, dass während des Flugs eine Landebahn gebaut werden kann. Seitdem haben unsere Regierungen das Projekt des Baus einer Landebahn vor sich her geschoben. Jetzt soll sie ganz schnell gebaut werden. Wieso soll es jetzt schnell gehen?

Kann man Fairplay in der Fußball-Bundesliga erwarten?

Der Augsburger Abwehrspieler Callsen-Bracker sagt: nein.

Callsen-Brackers Kommentar zu der Elfmeter-Entscheidung, die der Schiedsrichter Knut Kircher nach dem Spiel bedauerte: "Thomas Müller wäre der Star gewesen, wenn er Fairplay gespielt und rübergeschossen hätte. Aber das kann man, glaube ich, nicht erwarten" (Quelle: F.A.Z. vom 14.9.2015, S. 27).

Ich finde: man kann.  

Mittwoch, 19. August 2015

Baden in lauem Wasser: Journalismus-Lektüre VIII

"Verlustverschleierung" hat Philip Plickert heute in der Frankfurter Allgemeine (19.8.2015, S. 15) seinen Kommentar im Wirtschaftsteil überschrieben. Die ersten beiden Sätze sind mir nachgegangen:
"Unangenehme Tatsachen vor den Wählern zu verschleiern gehört zum Geschäft der Politik. Im Zuge der 'Eurorettung' hat die europäische Politik darin eine wahre Meisterschaft entwickelt".

Ist Verschleiern das Geschäft der Politik? Nein, es ist das Geschäft des Machterhalts. Mit ordentlicher Politik hat das nichts zu tun. Und es ist das Geschäft des Journalisten, das Geschäft des Machterhalts zu beschreiben, um eine ordentliche Politik zu unterstützen. Philip Plickert ist da seltsam zurückhaltend. Der letzte Satz seines Kommentars zu den jetzigen europäischen Vereinbarungen ist reichlich unscharf: "Ökonomisch gesehen ist die Wirkung identisch mit einem Schuldenschnitt, nur hofft die Politik, der dumme Michel werde das nicht verstehen".

Wer ist: die Politik? Und wer ist: der dumme Michel? Wo steht der Autor? Er steht am Beckenrand des Nicht-Schwimmer-Beckens und hält den Zeh ins Wasser. Richtig zu schwimmen traut er sich nicht. Er nennt keine Namen. Er lässt den beiden Protagonisten unserer Regierung das Geschäft des Machterhalts durchgehen: lauer Journalismus.

Freitag, 14. August 2015

Schnelle Forschung: Elternschaft und das erste Kind

Heute Morgen in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (14.8.2015, S. 7, Nr. 187) der Text von Axel Wermelskirchen mit dem Titel: "Nach dem ersten Kind haben viele Eltern genug. Eine Rostocker Studie zeigt, warum Mütter und Väter sich kein zweites Kind mehr wünschen". Wie so oft passt die Ankündigung der Klärung nicht zum nachfolgenden Text.

Was ist untersucht worden? Es gibt, entnehme ich dem Text, die seit 30 Jahren laufende Langzeitstudie "Sozioökonomisches Panel" des Berliner Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Das Panel besteht aus 2016 Deutschen; regelmäßig werden sie zu ihren Lebensereignissen und zu ihren Lebensverhältnissen befragt; dazu gehört auch ihre Einschätzung der Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 1 bis 10. Die beiden Forscher Mikko Myrskylä und Rachel Margolis haben das Lebensereignis der Geburt mit dem im selben Jahr erhobenen Wert zur Lebenszufriedenheit korreliert. In diesem Jahr sank der Wert der Lebenszufriedenheit ihrer dafür ausgewählten Befragten drastisch. Was besagt das?

Mikko Myrskylä wird dazu zitiert. "Erklärungen für das Glücksminus seien reine Spekulation",  fasst Axel Wermelskirchen dessen Aussage zum Status der Erklärung zusammen. "Aber", so lässt Axel Wermelskirchen ihn zu Wort kommen, "vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass von den Eltern erwartet wird, dass sie jetzt glücklich sind mit dem Kind. Aber das Kind bringt eben nicht nur Glück, sondern oft auch schlaflose Nächte, Beziehungsstress und finanzielle Sorgen". Woher weiß er das? Das hat er ja mit der Korrelation des Lebensereignisses Geburt und dem Wert der Lebenszufriedenheit nicht untersuchen können. Er ist Vater von drei Kindern. Er weiß, dass das erste Jahr mit dem ersten Kind ein enorm schwieriges Jahr ist, geprägt von den mächtigen Sorgen um das Gedeihen des Kindes, um das Ertasten und das Sichern des  Kontakts und um das Bilden erster Lebensrhythmen; er weiß, dass Elternschaft die Beziehungsleistung des Elternpaares ist und dass die gute Entwicklung eines Kindes im ersten Jahr ein prekärer Prozess ist. Er weiß, dass die Eltern sich im ersten Jahr auf das Kind einstellen müssen - nicht umgekehrt.

Jetzt kursiert die Aussage einer angeblich gesunkenen Lebenszufriedenheit der Eltern nach der Geburt ihres Kindes in der Öffentlichkeit. So wird mit der vermeintlichen Neuigkeit eines schlichten Befundes die Komplexität der Elternschaft verhökert.


(Überarbeitung: 23.5.2015)

Die Tagesthemen-Überraschung am 11.8.2015

An diesem Abend wurde in den Tagesthemen ein anderer Tonfall angeschlagen: Sigmund Gottlieb vom Bayrischen Rundfunk sprach seinen Kommentar - mit Schwung und fröhlicher Aufsässigkeit. Es ging - schlicht gesagt -  um Griechenland. Hören wir auf, sagte er sinngemäß - ich hoffe, ich erinnere das richtig - , mit unserer Verliebtheit ins Scheitern! Die Griechen brauchen ihre Chance! Machen wir dort unseren Urlaub, wo unsere Seelen am sanftesten gestreichelt werden: in Griechenland!

Endlich einmal Worte des optimistischen Wohlwollens. Endlich einmal Worte gegen die routiniert gemeldete Finsternis. Chapeau bas, Sigmund Gottlieb!

Freitag, 7. August 2015

Vive la confusion!

Das Jahr 1962, international ein turbulentes Jahr (Kuba-Krise), war in der Bundesrepublik das Jahr des Protests. Im Februar wurde auf den Oberhausener Kurzfilmtagen das Nachkriegskino für erledigt erklärt ("Opas Kino ist tot"). Im Oktober, nach dem Erscheinen des SPIEGEL-Hefts vom 10.10. mit dem die Bundeswehr beschreibenden Titel Bedingt abwehrbereit, entstand der öffentliche Aufruhr um den Kuddelmuddel der Legislative und der Exekutive, die sich in der später so genannten Spiegel-Affäre mächtig vergriffen - die Redaktion des SPIEGEL wurde durchsucht, Unterlagen beschlagnahmt, die leitenden Redakteure in Haft genommen - und Ämter- und Gesetzes-Grenzen verletzten. Beteiligt waren: das Bundeskanzleramt, das Verteidigungsministerium, der Bundesnachrichtendienst, die Bundesanwaltschaft, der Bundesgerichtshof. Öffentlich gestritten wurde um das Institut der Pressefreiheit. Beabsichtigt war von der konservativen Regierung: die Beseitigung lästiger öffentlicher Kritik. 1962 war das Jahr des Endes der bundesdeutschen Karriere von Franz-Josef Strauß und der Beginn des Endes der Kanzlerschaft Konrad Adenauers.

Jetzt im August 2015 sind beteiligt: Netzpolitik.org, das Bundeskanzleramt, das Bundesjustizministerium, das Amt für Verfassungsschutz, die Bundesanwaltschaft.  Jetzt wird nicht gestritten um das Gut der Pressefreiheit. Beabsichtigt war: eine schlechte Presse zu vermeiden. Jede Erinnerung an 1962. Daran wurde natürlich längst erinnert . Aber 1962 ist wirklich weit weg. Das wäre, könnte man sagen, zuviel Substanz im diesjährigen August-Theater. Jetzt sollte der Eindruck vermieden werden, bundesdeutsche Behörden gingen einen Schritt zu weit. Das Kölner Amt stellte eine Anzeige gegen Unbekannt und damit gegen die eigenen Leute; unabhängig von der Anzeige wollte die Bundesanwaltschaft ermitteln gegen den Verdacht des Landesverrats. Eine Anzeige, ein Verdacht: schon reagiert unsere Regierung panisch und mischt sich ein und diskreditiert ihre Beamten. Nun ja, das kennen wir: für den Macht-Erhalt und für die weiße öffentliche Weste ist nichts zu teuer. Kopf-Einziehen, das Gegenteil behaupten, feuern. Eine alte psychoanalytische Faustregel - die auch hier zu gelten scheint - lautet: das Abgewehrte und die Abwehr liegen beieinander. Wer etwas zu vermeiden sucht, macht aufmerksam auf das, was er zu vermeiden sucht: die eigene Kopflosigkeit angesichts der offenbar gravierenden Ängstlichkeit. Wer ist wohl der Ängstlichste oder die Ängstlichste in der Regierung? Wir werden sehen.

Donnerstag, 6. August 2015

Journalismus-Lektüre VII: so oder so

"Kampf in Washington" ist der Titel des Kommentars von Klaus-Dieter Frankenberger in der heutigen F.A.Z. (6.8.2015, S.1). Gestritten wird im U.S.-Kongress um den Vertrag mit der iranischen Regierung, kein Material für Atom-Waffen herzustellen. Dort ist der Vertrag umstritten. "Das Abkommen", schreibt Klaus-Dieter Frankenberger, "hat Stärken, und es hat Schwächen; deswegen sind auch Fachleute geteilter Meinung, vor allem darüber, ob es Iran langfristig vom Griff nach der Bombe abhalten wird oder nicht". Welche Schwächen hat das Abkommen? Eine kleine Erläuterung hätte ich nicht schlecht gefunden. So bleibt der Tupfer mit den Schwächen eine Behauptung, die den Vertrag entwertet - und den Leser abspeist. Der U.S.-Präsident hatte, erinnere ich mich, ausdrücklich darauf hingewiesen, dass von dem freien Zugang für Kontrollen abhängt, ob die Sanktionen suspendiert bleiben. Das hielt ich für ein gutes Prinzip.

Frankenbergers letzte beiden Sätze - mit dem Einsatz des Stilmittels der Gänsefüßchen (den ich für schlechten Stil halte): "In jedem Fall wird Obama jetzt seine 'Überzeugungsarbeit' intensivieren; er wird glaubhaft machen müssen, warum seine vermeintliche Nachgiebigkeit nicht zu einer tödlichen Gefahr werden wird. Warum er also ein Risiko und eine Wette für die Zukunft einzugehen bereit ist". Was ist eine "vermeintliche Nachgiebigkeit"? Besteht sie oder besteht sie nicht? Was wäre,  würde es diesen Vertrag nicht geben? Der Autor windet sich. Das hat der amerikanische Präsident nicht getan.

Mittwoch, 29. Juli 2015

Die Weigerung, zum Wettbewerb anzutreten

Torsten Albig, Ministerpräsident von Schlesweg-Holstein, hat neulich seine Partei mit dem Vorschlag überrascht, bei der nächsten Bundestagswahl keinen Kanzler-Kandidaten in den Wahlkampf zu schicken. Mulu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, war davon nicht angetan. Stephan Weil, Ministerpräsident von Niedersachensen, fand ihn nur halbschlau. Halbschau ist schlau. Denn so schlecht war der Vorschlag nicht. Volker Pisper hatte ihn in seinem Programm von 2014 gemacht. Ob Torsten Albig ihn kannte, weiß ich nicht. Sein Vorschlag ist paradox - er widerspricht dem vertrauten Getöse und lässt die Konfrontationsmaschinerie mit TV und Knock-out-Erwartungen ins Leere laufen.
Sein Vorschlag lässt sich aber auch nicht ausrechnen. Deshalb werden die Befragungsinstitute es schwer haben. Sein Vorschlag lässt sich mit dem demokratischen Verfahren vereinbaren: im Parlament wird der Kanzler oder die Kanzlerin gewählt; früher nicht.

Die Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands könnten sich zurücklegen. Viel Kraft und Geld würde gespart. Man könnte sich auf die Substanz der Politik besinnen und nur für sie werben. Wer sie realisiert, entscheidet sich nach den Wahlen im Parlament. Das Problem liegt bei uns: die eine show erwarten. Allerdings, wie gesagt: der Vorschlag lässt sich nicht ausrechnen. Viele Arbeitsplätze fallen weg. Vieles andere fällt weg. Wo bleibt der Kanzler-Bonus? Diese Karte würde dann (vielleicht)  nicht richtig stechen. Allerdings: der Vorschlag ist riskant. Wer will ihn riskieren?


(Überarbeitung: 30.7.2015)

When the shit hits the fan...

... dann reicht der Schlamassel einem mindestens bis zum Hals. Aus dem U.S.-Kino wissen wir: der Ventilator ist an der Decke befestigt. Das nordamerikanische Englisch weist eine Fülle sehr robuster Formeln auf. Die Scheiße, in der man steckt, ist eine äußerst missliche Lage. Das sagt man bei uns allerdings selten. Gebräuchlich ist der Fehler, den man gemacht hat - und deshalb nicht so schlimm ist. Ich habe Scheiße gebaut, sagt der, der weiß und nicht versucht, sich herauszureden: das lässt sich so einfach nicht reparieren. Scheiße ist eher die Vokabel für den inneren Dialog, wenn man beginnt, mit sich, über sich und über die Welt zu fluchen. Shit ist eine nordamerikanische Vokabel, die in vielen Verbindungen kommuniziert wird. Das Oxford English Dictionary listet sie, druckt man sie aus, auf 20 DIN-A-Seiten auf. Dort findet man den Shitstorm, den man übersetzen kann mit der mächtigen Patsche oder dem riesigen Schlamassel, in die oder in den man irgendwie reingeraten ist.

Übersetzungen sind schwierig. Der shitstorm kann in der Situation eines Schusswechsels oder in der Situation der Folgen der Entdeckung bestehen, dass eine prominente Persönlichkeit ein privates Leben führt, das seinem öffentlichen Leben sehr widerspricht.  Interessant ist, dass der shitstorm - von Norman Mailer in seinem Roman Naked & Dead zum ersten Mal zu Papier gebracht (dort auf S. 62 - sagt das Oxford English Dictionary) - in unserem Sprachgebrauch ausschließlich dazu benutzt wird, die Folgen einer vielfachen, raschen, robusten bis sehr rüden Internet-Kommunikation zu beschreiben, mit der eine - zumeist - prominente Person behelligt wird. Anders als die nordamerikanische Vokabel deutet der bundesdeutsche Sprachgebrauch des shitstorm den Subtext einer projektiven Interaktion der Verfolgung an: Viele stürzen sich auf Einen - aus einem unverständlichen oder böswillig verstandenen Anlass, bei dem aus der sprichwörtlichen Mücke ein Elephant gemacht wird. Wer sich im shitstorm sieht oder jemanden darin vermutet, macht den Vorwurf unangemessener Adressierung.

Ein Beispiel. Dieter Nuhr in seinem Beitrag Wir leben im digitalen Mittelalter (F.A.Z., 17.7.2015, S. 15): "Für den digital Unbedarften sei erklärt: Ein Shitstorm ist ein Massenauflauf, der zum Ziel hat, den Andersmeinenden durch massenhaften Bewurf mit verbalen Exkrementen mundtot zu machen". Auf seinen Scherz, das griechische Referendum mit einer Abstimmung in seiner Familie, das Darlehen für das Haus nicht weiter zu tilgen, zu vergleichen, hatte er auf seinem Internet-account, wie er schreibt, "zahlreiche Beleidigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen" vorgefunden. Dieter Nuhr hat diese Einträge gelöscht; das Spektrum der Beiträge lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Zivilisierte Kommunikationen sind die Voraussetzung für Kommunikationen. Das Problem von Internet-Foren ist die Diffusität ihrer Rahmen, die Anonymität, wechselnde Teilnehmerschaft, Unklarheit der kommunikativen Beteiligung - was sich sonst nur in einem stabilen, deshalb intimen Rahmen (einer Psychotherapie beispielsweise), der Verschwiegenheit und deshalb Offenheit garantiert, sagen lässt, wird jetzt in den unübersehbaren Foren mit unübersehbar unbekannten Teilnehmern gesagt. Gleichzeitig ist unsere Gesetzeslage klar; die Würde des Menschen ist geschützt vor systematischer Beschämung oder Kränkung. Ob Dieter Nuhr Rechtsmittel bemüht, ist mir nicht bekannt.

Aber auf einen Punkt möchte ich aufmerksam machen. In Dieter Nuhrs Definition steckt die Lesart des von einem Internet-Forum ermöglichten shitstorm zu seinem Beitrag:  als Aufruf zum Pogrom. Damit werden alle Beiträge auf seinen account disqualifiziert; die bescheidene Qualität des eigenen Beitrags blendet er aus. Die Lesart des Pogroms ist eine Verdrehung und ein Verquirlen unserer historischen Kontexte. Pogrome sind bei uns nicht möglich. Es gibt allerdings zahlreiche Gewalttaten, die offenbar von projektiv adressierten Aggressivitäten motiviert sind; inwieweit und ob mörderische Fantasien oder mörderische Intentionen sie organisieren, wissen wir nicht.

In welche Kontexte gehört Dieter Nuhrs Beitrag?
1. Zu den Erzählungen apokalyptischer Befürchtungen. Bedroht sind die gängigen Foren gedruckter oder elektronisch verbreiteter öffentlicher Diskussionen. Deshalb journalistische Schutzversuche zur Behauptung der Markt-Macht. So wurde Markus Lanz bei seiner öffentlichen Rauferei geschützt - für die er sich entschuldigte (s. meine Blogs vom 30.1.2014 und 6.10.2014).
2. Die Verachtung der Massenmedien. Masse hat bei uns eine schlechte Konnotation. In einer Masse kann nur Regression und Entdifferenzierung statt finden. Diese Einschätzung und Lesart haben eine alte Geschichte. Der mörderische nationalsozialistische Aufruhr scheint ein Beleg dafür zu sein - wobei der Aufruhr möglich wurde in der willkürlich regierten, von illegitimen Gesetzen flankierten und von Größenphantasien entdifferenzierten, nationalsozialistischen Gesellschaft. Inzwischen leben wir seit 1949 in einer demokratisch verfassten Gesellschaft. Das Versprechen des Internets nach demokratisch orientierter Teilhabe hat sich erfüllt. Jeder Fortschritt ist nicht nur ein Fortschritt. Inzwischen kennen wir den realen Preis der automobilen Demokratisierung der Kutsche.
3. Die Diskriminierung der jüngeren und nicht mehr so jungen Generationen, die in den Internet-Foren ihre Formen des enorm effektiven Austauschs gefunden haben. Die Internet-Aufregungen, die Markus Lanz's Verhalten in der Z.D.F.-Rederunde und das rührselige PR-Ritual mit der Bundeskanzlerin, die von einer Teilnehmerin überrascht wurde, thematisierten, lassen sich auch als Schutz- und Rettungs-Versuche der exponierten Protagonistinnen verstehen. Sie lassen sich weiter verstehen als Aufschrei nach Gerechtigkeit, Fairness und  Redlichkeit - trotz der Lautstärke. Man darf den Lärm nicht mit dem Wunsch nach Inklusion und Teilhabe verwechseln.
4. die Verachtung der Verständnissuche der Internet-Beiträge und deren Differenzierung. Auch empörte, aufgebrachte, rüde oder robuste Beiträge sagen ihre Wahrheiten. Selbstgerechtigkeit ist auch ein Schutz-Versuch: das Sich-Einstimmen auf einen Konsensus als Teilhabe und Selbstvergewisserung.  Das Problem ist das Sekunden-schnelle Sortieren der Guten ins Töpfchen und der Schlechten ins Kröpfchen als das Problem der medial geförderten Reduktion von Komplexität. Das Problem ist die ebenfalls medial verbreitete Trivialisierung und Entdifferenzierung von Beschreibungen und Begriffen. Der Hass ist zu einem Wort verflüssigter, verdünnter Bedeutung geworden: es gibt das Hass-Fach in der Schule, es gibt die Hass-Figur  (Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in der F.A.S. vom 19.7.2015, S. 21). Es gibt den Wut-Raum (s. meinen Blog vom 28.7.2015). Die Angst vor starken Affekten und heftigen Auseinandersetzungen ist groß. Wer weiß, was bei uns noch auf den Tisch kommt.

(Überarbeitung: 27.2.2019)

Montag, 27. Juli 2015

Baden im Ressentiment

Der U.S.-Präsident Barack Obama war in Kenia. In der Frankfurter Allgemeine Zeitung wird heute der Besuch kommentiert (27.7.2015, S. 8); der Text ist mit dem Kürzel "stah." versehen. Der erste Satz:
"Obama, lange darauf bedacht, im eigenen Land nicht 'zu schwarz' zu wirken, entdeckt den Kontinent seines Vaters spät". Dieser erste Satz reicht mir. Ich kenne ihn aus der Süddeutschen Zeitung: das dort repetierte Ressentiment, abzulesen an der regelmäßigen Unterschätzung der Komplexität des nordamerikanischen Präsidentenamtes (s. meine Blogs vom 31.1.2014, 30.7.2014, 30.9.2014 und 6.11.2014). Seine Hautfarbe konnte der U.S.-Präsident weder bleichen noch verstecken: sie war stets präsent und sagte genug; aber er war und ist ein Mann der Integration, der, weil er das an ihn adressierte Ressentiment sehr gut kannte und kennt,  seine Worte enorm bedacht wählt und darauf achtet, seine Beziehungen (so weit es ging oder geht) offen zu halten. Der Autor oder die Autorin "stah." hatte die gestrige Sonntagszeitung noch nicht gelesen; dort gab es einen Text über die Eleganz des Präsidenten.

Vielleicht ist das Wort vom Ressentiment zu stark. Aber wie kann man die eigene Selbst-Präsentation so modifizieren, um nicht zu schwarz zu wirken ? Wird der Impuls zur Unterwerfung unterstellt? Man muss sich den ersten Moment einer Alltags-Begegnung vorstellen. Die Wahrnehmung der schwarzen Hautfarbe ist das Erste. Zuerst wird mit einem befangenen, in seiner Reaktion disponierten Blick dessen, der einen anschaut, gerechnet. Wie kann man ihn ertragen? Ich vermute - nach dem, was ich gelesen hatte und was ich mir selbst vorstellen kann: der erste Impuls ist das Ausrechnen der Befangenheit des oder der Anderen. Wie groß ist sie?  In welchem affektiven Spektrum wird sie reguliert? Ist die oder der Andere beschämt oder ärgerlich, weil er oder sie sich bedrängt fühlt? Wie wird gehandelt? Was wird gesagt? Man ist gewissermaßen auf viel gefasst. Der Kommentar ließ die Komplexität der Begegnung nicht erkennen; er verweigerte seine Einfühlung - was Christopher Bollas "unschuldige Gewalttätigkeit" nannte und was an die bei uns weit verbreitete Unterschätzung der enormen Bedeutung, dass Barack Obama als schwarzer Präsident der U.S.A. ins Amt gewählt wurde, erinnert. Manchmal denke ich, was bei uns als Rassismus als schnelles und beruhigendes Etikett gehandelt wird, ist kognitiv griffbereit, aber noch längst nicht affektiv verstanden.


(Überarbeitung: 28. und 29.7.2015)

"Dahinter steckt immer ein kluger Kopf"

Anfang der 60er Jahre war ich ein Fan von Hans Magnus Enzensberger. Damals - heute nicht mehr - fand ich seine medienkritischen Texte enorm plausibel. Wahrscheinlich war es mehr das (mit ihm vermutete geteilte) Vergnügen am Anrempeln. Einer seiner vergnüglichen Texte hieß: "Journalismus als Eiertanz". Es ging um  die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Damals warb sie mit dem Pfeifen-rauchenden Mann auf einer Bank oder einer anderen Sitzgelegenheit, der diese Tageszeitung las, so dass er nicht zu erkennen war - ich hoffe, ich erinnere mich richtig. Dahinter steckt immer ein kluger Kopf, hieß es. Der Slogan war, wie ich fand (in meiner Enzensberger-Koalition), zum Schießen & zum Kugeln. Diese Zeitung würde ich nie lesen, sagte ich mir.

Vorsätze sind dazu da, nicht eingehalten zu werden. Heute lese ich sie. Und vor ein paar Tagen las ich auf der ersten Seite: "Deutschlands Entscheider lesen F.A.Z." (23.7.2015). Und weiter:
"Die Frankfurter Allgemeine Zeitung wird so intensiv wie keine andere Zeitung oder Zeitschrift von den Führungskräften Deutschlands gelesen. Das ist ein Ergebnis des Elite-Panels, in dem das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der F.A.Z. und in Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsmagazin "Capital" 500 Spitzenkräfte aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung zu ihrem Mediennutzungsverhalten befragt hat".

An wen war diese Nachricht adressiert, dachte ich. An einen Leser wie mich? Sozusagen die Bestätigung meines neuen Abonnements. An die alten Leser? Um die zu bestätigen? An sich selbst? Die Bestätigung des alten, noch immer dienlichen Slogans: dahinter steckt.....? An die Konkurrenz - an die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel? An die Agenturen, die die Anzeigen schalten? An die Auftraggeber der Agenturen? Entscheider lesen F.A.Z. So einer war ich - leider - nicht; so einer bin ich - heute schon gar nicht. Entscheider lesen F.A.Z.: was ist mit denen, die nicht entscheiden, sondern nur abonnieren?

Was lesen die Entscheider in der F.A.Z.? Das wird nicht erläutert. Auch nicht, wie lange sie lesen, welche Autorin oder welchen Autor sie lesen, welcher Text von der F.A.Z. erinnert wurde. Wie lange wurden die Entscheider befragt? Auch nach anderen Lektüren? So weit ich Entscheider kenne, lesen sie schnell. Mein Chef las kein Buch - das erklärte er regelmäßig; das Wichtige ließ er sich erzählen. Von den Zeitungen gab es Woche für Woche einen Pressespiegel  - also eine Mappe mit Ausschnitten, die jemand anders ausgeschnitten hatte. Ist das Lesen? Natürlich nicht. Lesen ist eine eigene  Suchbewegung.

Natürlich wüsste ich auch gern, wer sich befragen ließ und wer nicht, und ob die Absagen die Stichprobe gefährdeten. Wurden sie telefonisch befragt oder wurden sie aufgesucht zu einem gründlichen Gespräch? Wahrscheinlich nicht. Wie immer ging es am Telefon ruckzuck: wie viele Zeitungen? wie viele Minuten? welche mehr? welche weniger? lesen Sie? Wahrscheinlich hätte man die Ausschneider statt die Entscheider befragen sollen.

Zur Alltagspsychologie: "Wut rauslassen"

Zum Missverständnis von Psychotherapie gehört das vermeintlich kurative Ausspucken eigener Affekte. Lass es raus!, heißt es dann. Ich kann nur empfehlen: Lassen Sie es drin! In den 60er Jahren konnte man  noch in der Pariser Métro lesen: ne pas cracher. Aus gutem Grund: Spucken ist eine Verletzung zivilisierter Umgangsformen; das Vergnügen an der Verletzung des Takts. Leider ist das Spucken auf dem Fußballplatz noch nicht verpönt - schwer arbeitenden, mächtig verschwitzten Männern wird die Macht über die kurzfristige, taktlose Entlastung zugestanden: wer schuftet, darf spucken. Spucken die Frauen beim Fußball eigentlich auch?

In der F.A.Z.  (vom 18.7.2015) wurde von Ursula Scheer das Experiment beschrieben und gepriesen, sich per Rauslassen seiner Rage zu entledigen. "Heute schlage ich einmal alles kurz und klein", heißt der Titel des Textes; der Untertitel: "Was einem im eigenen Büro versagt bleibt, lässt sich im 'Wutraum' mit ein paar kräftigen Schlägen erledigen: Hier wird man aufgestaute Aggression los. Das ist ganz schön anstrengend. Doch lohnt es sich auch? Ein Selbstversuch". Ein Mann namens Hartmut Mersch stellt einen Raum mit Mobiliar zur Verfügung, das mit einem Baseballschläger zerdeppert werden kann. Die theoretische Idee dazu: der Wut-Affekt ist eine Art Energie-Quantum, das irgendwie abgeführt werden muss. Den Schleim spucke ich aus, und den Urin scheide ich aus - in einem intimen, geschützten Raum. Das geht. Aber einen Affekt? Der ist im Fall einer Wut oder Rage ein äußerst quälendes Gefühl - und dieses Gefühl, kein Quantum, ist in einer Beziehung entstanden (durch eine Kränkung oder eine Beschämung vielleicht), weshalb das Gefühl in diese Beziehung gehört und dort verhandelt werden muss. Der Ärger auf den Chef verfliegt nicht, wenn ich das Büro demoliere: der Chef bleibt unbehelligt. Aber mit ihm muss ich meinen Ärger austragen - das stärkt und entlastet und hilft. Das Demolieren im "Wutraum" erschöpft die Demoliererin, aber moduliert ihren Affekt nicht.

Was schrieb Ursula Scheer über ihren Selbstversuch?
"Davon, alles zu Kleinholz verarbeitet zu haben, bin ich weit entfernt. Aber alles ist demoliert. Unbrauchbar. Kaputt. Schrott. Reicht doch. Am nächsten Tag werde ich Muskelkater haben. Aber die Nackenverspannung, die ich in die Wutkammer mitgebracht habe, die ist weg". Sie wird sich wahrscheinlich wieder einstellen.

Erstaunlich, welch' schlichte Psychologie im Feuilleton der F.A.Z. verkauft wird. Ursula Scheer wirkt nicht überzeugt von ihrem eigenen Text. Eine seltsame Akrobatik im Wutraum und vorm Rechner beim Schreiben. Der erste April ist weit entfernt, das Abonnement dieser Zeitung läuft erst seit kurzem.


(Überarbeitung: 28. und 30.7.2015)  

Montag, 13. Juli 2015

Die Macht der Behauptung

Meine Großmutter schummelte und bluffte. Eine Behauptung schloss sie mit dem Satz ab: "Wenn das nicht stimmt, will ich tot umfallen". Sie fiel nicht um, und ich brauchte Jahre, um ihre Taktik zu entdecken. Seitdem reagiere ich allergisch auf Behauptungen - also auf Sätze, deren empirische Basis mächtig wackelt. Heute morgen in der Frankfurter Allgemeine Zeitung, Seite Technik und Motor (14.7.2015, S. T 3), las ich:

"Tucson ist eine staubige Stadt in Arizona. Und jetzt auch wieder ein Name für ein Auto".

Tucson - gesprochen: Touß'n - liegt in Arizona, das stimmt. Dass es eine staubige Stadt ist, stimmt nicht. Im Februar 2013 war ich dort: herrliches Wetter, herrliche Luft, wolkenloser Himmel, strahlendes Blau. Unglaubliches Licht. In der Nähe von Tucson gibt es ein riesiges Areal, auf dem über 4000 amerikanische Militär-Flugzeuge abgestellt sind - deren Aluminium in der Sonne glänzt. Warum stehen die Flugzeuge dort? Weil das Klima so phantastisch ist und sie nicht so leicht verrotten.

(Überarbeitung: 30.7.2015)

Aller guten Dinge sind nicht immer drei

"Die Würde des Menschen", sagt unser Verfassungs-Provisorium Grundgesetz, "ist unantastbar". Was ist mit Nationen? Vorige Woche votierte die Mehrheit der Griechen in ihrem Referendum gegen die
Auflagen der EU-Leute. Gestern früh wurden sie wieder zum Pfand des Deals gemacht. Das Referendum-Ergebnis besagte: wir wollen nicht mit dem Messer an der Kehle gezwungen werden. Jetzt werden sie wieder gezwungen. Geht es nicht anders?

Es geht anders, aber es darf nicht anders gehen. Was ist aus dem Votum des IWF geworden, ohne einen Schuldenumbau würde es nicht gehen? "Die Vorteile überwiegen die Nachteile", sagte unsere
Bundeskanzlerin in der Pressekonferenz gestern, am Montagmorgen. Kühler kann man über die Not der Griechen nicht sprechen. Die Bundesrepublik Deutschland geriert sich weiter als das herrische Deutschland. Das wird natürlich vom Ausland nicht gern gesehen. Wie in den 50er Jahren ertönen wieder bei uns die empörten Klagen über die (internationale) Deutschfeindlichkeit. Wieder sind wir das arme Opfer eines Missverständnisses.

Der Macht-Kampf geht in die dritte Runde. Das wird nicht die letzte sein. Willy Brandts Kniefall in Warschau am 7.12.1970 war offenbar eine politische Ausnahme. In den 70 Jahren Nachkriegszeit
hat sich die Politik der aufeinander gepressten Zähne kaum verändert. Und unsere Chef-Politiker wollen ihre griechischen Kollegen zwingen, in zwei Tagen mit dem Messer an der Kehle eine Kehrtwendung ihrer Politik zu diskutieren und zu beschließen. Wo bleibt der Respekt vor dem griechischen Parlament? Wo bleibt die Idee eines demokratischen Austauschs, zu dem man Zeit braucht? Ach, was. Die Griechen sind Griechen. Die Vorteile überwiegen die Nachteile.

Mittwoch, 8. Juli 2015

Die Gemeinschaft ist (noch) keine Gemeinschaft

Eine alte Regel der Gruppen-Psychotherapie besagt: thematisiert eine Gruppe wieder und wieder ein Mitglied, das für den dysfunktionalen Austausch verantwortlich gemacht wird, dann wird etwas vermieden. Was, muss man herausfinden. Diese Interaktions-Regel auf politische Prozesse anzuwenden, ist natürlich fragwürdig. Aber seltsam ist, wie die Politiker der EU ihre griechischen Kollegen zum Problemfall machen und sich von Sitzung zu Sitzung vertagen, Klärungen vermeiden und offenbar nichts anderes denken können als das Patt zu verstärken. Ohne Reformen kein Geld-Transfer, und ohne Schulden-Milderung kein Reform-Plan. Wenn symmetrische Positionen bezogen werden, wird die Eskalation betrieben. Das wissen auch die EU-Politiker; sie können sich nur auf ein komplementäres Vorgehen nicht verständigen. Der Konflikt liegt zwischen der französischen und der bundesdeutschen Regierung. An welche Regeln hält man sich? Die ersten Regierungen, die sich an die Stabilitätsregeln nicht hielten, waren Deutschlands und Frankreichs Regierungen (in dieser Reihenfolge).

Was macht man, wenn man Regeln bricht? Man verhandelt sie neu - und lässt es nicht laufen. Die europäische Politikerinnen und Politiker haben es laufen gelassen, weil die Regel-Verletzer die mächtigsten Regierungen waren - und sind. Wer schreibt, der bleibt, und wer zahlt, bestellt die Musik. Das sind unsere bekannten Macht-Grundsätze. Dass die Regierung des Landes mit der größten Wirtschaftsleistung auch den Ton angibt, ist für eine Gemeinschaft abträglich. In einer Gemeinschaft sind die Mitglieder gleich; alle tragen bei und alle diskutieren mit; keiner wird ausgeschlossen. Wieso hat die deutsche Regierung das entscheidende Wort? Es wäre klug, sie würde sich zurückhalten.

Es war nicht klug, dass die EU-Gemeinschaft keine den nationalen Interessen übergeordnete Institutionen für eine gemeinsame Politik etabliert hat - sondern sich treiben ließ von den Macht-Interessen der nationalen Regierungen. Deshalb geht es in der jetzigen Krise der Hilflosigkeit, Ohnmacht und Empörung um die Fragen der Gerechtigkeit, Fairness und Anerkennung aller Mitglieder der EU - und um die Frage angemessener gemeinsamer Hilfen. Dass ein Land profitiert, ein anderes zerfällt, geht nicht. Die Idee, ein Mitglied aus der Gemeinschaft auszuscheiden - was die EU-Verträge nicht vorsehen (so viel war damals der Gemeinschaft gedacht worden!) - , legt das Ende der Gemeinschaft nahe. Wenn die Bundeskanzlerin  die Idee der EU-Gemeinschaft wirklich favorisiert, muss sie sie durchsetzen - was die New York Times heute eine "monumentale Aufgabe" nannte -  gegen ihre empörten bundesdeutschen Kollegen, die vielleicht um ihre Wiederwahl fürchten, und gegen einen (veröffentlichten) wachsenden bundesdeutschen Konsensus. Eine Gemeinschaft, in der nicht gemeinschaftlich gehandelt wird, kommt mächtig ins Trudeln. Irgendjemand muss auf die Bremse
treten.

(Überarbeitung: 8.7.2015)  

Donnerstag, 2. Juli 2015

Die Katastrophe der EU-Gemeinschaft

Gestern, am 1.7.2015, konnte man in den Tagesthemen sehen,
was aus der Idee der Gemeinschaft, der EU,  geworden ist: eine Veranstaltung der Unbarmherzigkeit und der Beschämung. Griechische Rentnerinnen und Rentner belagerten einen Geld-Automaten (der das Geld nicht mehr herausgab) - empört, verzweifelt, hilflos. Glauben wir den Bildern. Das kann der griechischen Bevölkerung nicht zugemutet werden. Die Idee der EU wird riskiert. Den Aufruhr werden die Griechen nicht vergessen.

Am 29.6.2015 schrieb John Cassidy in seinem The New Yorker-Blog zu der Intervention der U.S.-Regierung bei der bundesdeutschen Regierung: "But the Obama Administration may well be about to discover what the Irish, the Cypriots, and the Greeks have already found out: flexibility isn't the E.U.'s strong point". Großzügigkeit auch nicht. Deutsche führten gern ihre Prinzipientreue ins Feld, wenn sie einen Macht-Kampf führten.

Montag, 29. Juni 2015

Metaphern-Fehlleistungen

Gestern las ich in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung den Text zum Sieg der bundesdeutschen Frauen gegen die französischen Frauen im Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft in Kanada. Die Überschrift des Textes: Triumph des Willens (28.6.2015). Nichts gegen die Begeisterung des Auflebens über einen Sieg. Aber der Triumph des Willens ist ein Fehlgriff. Er ist der Titel des Leni Riefenstahl-Films über den nationalsozialistischen Parteitag 1935. Der Film ist eine äußerst quälende nationalsozialistische Messe der Verschmelzung: der Chef der Partei nimmt die Huldigungen entgegen und nickt sie ab. Der Film blickt in den mörderisch-rührseligen Abgrund des deutschen Aufruhrs. Der Titel eignet sich nicht als Metapher; er ist kontamiert.

Heute fand ich in der Frankfurter Allgemeine Zeitung im Text von Reinhard Müller Wider die Barbarei
(29.6.2015, S.1) den Satz:
"Wer Mord zum Daseinszweck erhebt, der ist kein Kombattant, sondern ein Verbrecher; und wer Selbstporträts mit einem eigenhändig abgetrennten Kopf eines Opfers verschickt, der ist eigentlich ein Fall für die geschlossene Psychiatrie".

Der Autor war verständlicherweise entsetzt. Er meinte wohl: die forensische Psychiatrie. Aber auch dort wird niemand eingewiesen, der einen selbstgerechten Ekel verdient hat. Wenn man zu sehr im Affekt ist, sollte man ihn nicht herausdröhnen. Wenn man mit einer Lebensgeschichte nicht sehr genau vertraut ist, sollte man es lassen, sich einen öffentlichen Reim darauf zu machen. Mir - der gerade sein Abonnement der Süddeutsche Zeitung gekündigt hat, um es mit einer anderen Tageszeitung zu versuchen - tut der Autor damit keinen Gefallen. Ich dachte, aus der unbekannten Lebensgeschichte des Piloten Andreas L. wäre für die öffentliche Diskussion die Lehre gezogen worden, dem Einräumen des Nicht-Wissens den Vorrang zu geben.

Sonntag, 28. Juni 2015

Der Schirm wird zugeklappt: er hält den Regen nicht aus

Im Kontext der EU-Aufregung fällt es schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Die Idee der Europäischen Union, eine Gemeinschaft europäischer Staaten mit einer demokratischen Ethik und
demokratischen Idealen zu entwickeln und zu institutionalisieren und deren Geschichten zu einer geteilten Kultur zu integrieren, droht verloren zu gehen. Statt dessen dominiert der Krämergeist. Die jetzige Not, von der die Bundesrepublik Deutschland seltsamerweise (noch) verschont bleibt, ist Folge des Versagens der Gemeinschaft, mit einer gemeinsamen Politik alle Mitgliedsländer angemessen zu beteiligen und sich auf eine gemeinsame Politik zu verständigen. Die gegenwärtige Flüchtlings-Politik ist ein Ausdruck der enorm divergenten Interessen und Sorgen der Länder; die gegenwärtige Wirtschaftspolitik ist ein Ausdruck projektiver Verständigung und Gemeinsamkeit - auf Kosten des ausgeschlossenen Griechenlands.

1945 gelang die Idee, der aus den drei Besatzungszonen der Alliierten formierten Wirtschaftssunion die Bundesrepublik entstehen zu lassen. Sie im 21. Jahrhundert erneut zu versuchen, war naiv. Das kann man heute sagen. Aber hinterher ist man manchmal erst klug. In eine Union muss man mehr investieren. Ein anderer Gedanke. Es ist natürlich die Frage, welche Aussagekraft politische Metapher haben. Der Schirm war eine treuherzige Metapher und eine deutliche Ankündigung: es gibt immer einen, der oder die den Schirm hält (s. meinen Blog vom 3.10.2011). Damit hat die bundesdeutsche Regierung ihre Macht-Auftritte und ihre Macht-Politik - die sie mit ihrer altruistischen Rhetorik verhüllte -  überschätzt. Wir bewegen uns im Kontext unserer Geschichte.

Montag, 8. Juni 2015

Der Fußball ist unsere Welt

Leider.

Männer springen aufeinander, legen sich aufeinander, rasen über den Rasen mit geballten Fäusten, jubeln, triumphieren, umarmen alle (die auf dem Rasen sind), reißen sich die Trikots vom Leib, sind außer sich. Und das öffentlich-rechtliche, mit gewaltigen Gebühren finanzierte Fernsehen überträgt und überträgt und fragt die Akteure, wie sie sich fühlen.... Tränen der Rührung, Tränen der Verschmelzung, Tränen der Enttäuschung... in einem Fußballspiel kann man sein Leben verdichtet sehen, so dass man sitzen bleiben kann.

Es ist schrecklich zu sehen, wie der Rasen unser Leben repräsentiert.

Kann ich mich schlecht erinnern? Ist dieses Theater neu? Oder war es immer so? Die Fußball-Übertragungen verdecken und rhythmisieren den Alltag: nach dem Spiel ist vor dem Spiel auf der Couch. Der Fußball führt die Dramen des Lebens vor: wie Trainer und Spieler ausbrennen, weil Sport und Geschäft sich mischen; es steht so viel auf dem Spiel; der Erwartungsdruck zerdrückt das Spiel und verschleißt die Beteiligten. Triumph und Rage vermischen sich. Niederlagen sind unerträglich. Ich vermute, dass Borussia Dortmund die Niederlage in Wembley gegen den FC Bayern nicht verkraftet hat; dass die Mannschaft ihren Schwung verlor, weil sie wusste, dass sie das Tempo nicht aufrecht erhalten kann; dass Mario Götze den Wechsel nicht verkraftet hat; dass einige Spieler sich nach Brasilien nicht wieder auskurieren konnten; dass einige Spieler mit dem Druck der Erwartungen (auf das große europäische Geschäft) nicht zurecht kommen. Wie sollten sie auch? Sie sind keine Maschinen.

Heute (8.6.2015) gab es den glänzenden Text von Michael Horeni in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (S. 23):
"Die Liebe zum Fußball macht blind. Eleganz und Extraklasse: Das Finale der Champions League reißt alle hin. Dass der Dreizeck des FC Barcelona mit Lug und Trug zusammengekauft und Turin auf eine Schande aufgebaut ist? Vergessen". Gegen die Funktionäre des Vereins und gegen einige Spieler sind Verfahren zur Ermittlung von Steuerbetrugs eingeleitet.

Umberto Eco monierte das "Sportgerede", wie er  es nannte: weil es die politische Diskussion ersetzen würde. Es ist mehr: der Fußball der obersten Ligen repräsentiert die schreckliche  Lebensform des Wartens auf den lauten, nicht enden wollenden Triumph. Über wen?


(Überarbeitung: 16.6.2015)

Politik-Lektüre VIII: "Mutti" ist wieder im Einsatz!

Manchmal kann man Erstaunliches lesen. So gestern, am 7.6.2015, in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (S. 3): "Mutti", lautet die große Überschrift des Textes von Thomas Gutschker, "Angela Merkel hat in dieser Woche viel politisches Kapital eingesetzt. Sie will Alexis Tsipras retten. Warum nur?"

Ja, warum? Angela Merkel und Alexis Tsipras "haben in den letzten Monaten ein ziemlich gutes, sogar herzliches Verhältnis zueinander entwickelt", schreibt Thomas Gutschker. Ich wüsste gern, wie und wo er diese Art von Sympathie getragener Beziehung beobachtet hat. Sie ist die Erklärung dafür, dass die Bundeskanzlerin den griechischen Ministerpräsidenten unterstützt. Gutschker schreibt:

"Am Montag nahm Merkel die Sache in die Hand, sie griff so offen ein wie nie zuvor. Krisengipfel im Kanzleramt, mit Hollande und den Chefs der drei Institutionen (EU, EBZ, IWF). Nur die Chefs. Es stand nie zur Debatte, Schäuble einzuladen. Auch Dijsselbloem, der niederländische Finanzminister und Vorsitzende der Eurogruppe, musste daheim bleiben. Merkel wollte den Knoten durchhauen".

Mehr oder weniger im Alleingang? Ist das in Ordnung? Was ist mit dem Gedanken der Gemeinschaft?

Wir kriegen eine bekannte Geschichte erzählt - den Prototyp altdeutscher Sozialisation: Mutter verbündet sich hinter Vaters Rücken mit den Kindern. Das alte Drama in den schrecklichen vier Wänden deutscher Haushalte. Funktioniert so unsere Politik?

Wahrscheinlich nicht. Wenn Sympathien so einfach regieren, geht es drunter und drüber. Die Akteure würden ihren Amtseid verletzen. Ich nehme an, Thomas Gutschker mag die psychoanalytisch unterfütterten, grell ausgeschmückten, großzügig erschlossenen Polit-Narrative. Was man vielleicht sagen kann: die Beamten vom Bundeskanzleramt und vom Finanzministerium sind mächtig zerstritten. Es grummelt in der Union. Eine alte Geschichte. Macht das Bundeskanzleramt etwa, was es will? Vergisst es den Macht-Auftrag der Partei? Die Eine strahlt, die anderen fallen ab? Wie bei manchen lokalen Politikern, die nicht mehr Oberbürgermeister großer Städte sind - wie jetzt in Dresden?


(Überarbeitung: 9.6.2015)

Dienstag, 26. Mai 2015

Wer lacht hier?

Gestern wurde Bei Maischberger (26.5.2015) die Glaubwürdigkeit unserer Kanzlerin diskutiert, eine Woche vorher bei Anne Will: Angela Merkel kommt dran. Dank der unermüdlichen Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung - dreimal wurde diese Zeile in den gestrigen Tagesthemen wiederholt - wissen wir jetzt: es gibt einen Aktenvermerk, der besagt, dass unsere Kanzlerin schönes
Wetter voraussagte, obwohl sie wusste, dass Wolken aufziehen würden. Für wen ist das eine Überraschung?

Die jetzige Aufregung oder Empörung - je nach öffentlichem Forum - ist heuchlerisch. Als Angela Merkel vor gut zwei Jahren vor die Kamera trat und in die Mikrophone sprach und etwas von Freunden erzählte - das geht nicht - , musste man doch davon ausgehen, dass diese Aussage kalkuliert war: Tränen für die Presse und für uns. Im Kontext der angekündigten SPIEGEL-Veröffentlichung konnte man vermuten: die Tränen waren defensiv gemeint; die Kanzlerin versuchte, mit einer inszenierten Empörung dem Hamburger Blatt zuvorzukommen. Das nachfolgende Theater war Wahlkampf-Beruhigung. Zwei Jahre zuvor, vor der Wahl in Baden-Württemberg konnten wir das ähnliche Kalkül beobachten - das Moratorium und die Energiewende waren die Wahl-taktischen Nebelkerzen mit wirklich weitreichenden Folgen.

Zwei Folgerungen:
1. Was Edward Snowden bekannt gab, dürfte den Behörden BND und Kanzleramt - sehr wahrscheinlich - bekannt gewesen sein: man muss davon ausgehen, dass die Anfragen der N.S.A. mit ihren Filter-Gesuchen als die Produkte ihrer Ermittlungsstrategien über die Schreibtische der Chefs gingen und dass das Bundeskanzleramt darüber informiert worden war; dessen Chefin dürfte in der ihr unterstellten Behörde längst angerufen haben.

2. Das seltsame journalistische Bemühen, die Taktik des Kanzleramtes nachzuweisen. Es reicht doch, wenn Journalisten begründeten Vermutungen nachgehen, die Beteiligten konfrontieren und ihre Vermutungen hartnäckig überprüfen. Journalisten sind keine Staatsanwälte, die Anklageschriften penibel vorbereiten müssen. Es sei denn, die Journalisten wären im Dienste ihrer Auflagen an detektivischen Erzählungen aus Berlin interessiert. So wäre Watergate nicht zum (tiefen) politischen  Fall geworden; Carl Bernstein und Bob Woodward fingen ohne einen Beleg an. Mit anderen Worten: die jetzige Aufregung verdeckt das Versagen eines Journalismus, der mitschreibt, aber nicht  auflacht und aufhorcht und nachfragt.

Heute in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (27.5.2015, S. 15, Nr. 120): der Titel Paris und Berlin wollen weniger Brüssel. Der  Untertitel: In einem gemeinsamen Papier lehnen Frankreich und Deutschland Eingriffe in ihre Souveränität ab. Damit fallen sie hinter vorherige Pläne zur Vertiefung der Wirtschafts- und Währungsunion zurück.

Wer konfrontiert die Verantwortlichen mit dieser Form des Stillstands?



(Überarbeitung: 29.5.2015)

Freitag, 22. Mai 2015

Rette sich, wer kann

Der Bundesnachrichtendienst ist eine ungewöhnliche bundesdeutsche Behörde. Der Chef Gerhard Schindler weiß schlecht Bescheid (Süddeutsche Zeitung von heute, 22.5.2015, S. 5), der Abteilungsleiter Hartmut Pauland weiß schlecht Bescheid (Frankfurter Allgemeine Zeitung von heute, 22.5.2015, S. 4). Schindler wurde im März dieses Jahres über die so genannten, von der National Security Agency zur  Überprüfungspraxis in Auftrag gegebenen und übermittelten Suchbegriffe (Selektoren)  informiert, Pauland wurde Mitte März dieses Jahres darüber informiert, dass ein Unterabteilungsleiter einen Mitarbeiter im Sommer 2013 beauftragt hatte, die Rechtmäßigkeit dieser Überprüfungspraxis (von Telefonnummern, E-Mail- oder IP-Adressen) zu überprüfen (Frankfurter Allgemeine Zeitung von heute, 22.5.2015, S. 4).

Wieso im März 2015? Die Überprüfungsanweisung der Überprüfungspraxis geschah im Kontext der Veröffentlichungen von Edward Snowden. Hartmut Pauland war, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung von heute, 22.5.2015, (S. 4), Mitglied einer "Art Krisengruppe", so die Zeitung, die zu der Zeit (Sommer 2013) gebildet worden war. Wie passt das zusammen? Gar nicht. Man kann sich leicht ausmalen, dass es in der  Behörde gewaltig summte unter der Anstrengung, eine Strategie zu finden, mit der die Verantwortlichen sich zu wappnen und zu schützen versuchten. Man kann sich auch vorstellen, dass der Chef , der seit 2012 Chef der Behörde ist, die Schutz-Anstrengungen minutiös verfolgt und kontrolliert hat.

Jetzt lässt sich erschließen, welche Strategie damals ausgedacht worden war: 1. wir, die Verantwortlichen, wissen wenig bis gar nichts, bis auf ganz wenige einzelne, untergeordnete Mitarbeiter; 2. wir haben nicht richtig verstanden, was die amerikanischen Kollegen in Auftrag gaben; 3. außerdem haben wir das, was wir überprüfen sollten, verschludert - so wurden, kann man in der Süddeutschen Zeitung (von heute) lesen, "zwei weitere riesige Bestände von Selektoren entdeckt".

Ja, wo denn? In der Schreibtisch-Schublade eines Schreibtisches in einem abgelegenen Raum, in dem nur noch die Besen und Putzeimer aufbewahrt werden? Und wie? Als USB-Speichermedium? Oder gab es mehrere? Sehr seltsam. Offenbar funktioniert diese Behörde völlig anders. Die Hierarchien sind bedeutungslos - die Mitarbeiter umgehen ihre Chefs. Die Chefs sind nicht misstrauisch. Die Chefs lassen es laufen. Etwas nicht zu wissen, ist ein vertrautes bundesdeutsches Argument. Damals, nach 1945, war der Chef der nationalsozialistischen Regierung der Hauptschuldige. Heute ist es umgekehrt. Ob jemand Gerhard Schindler gesagt hat, er solle auf den Monat März 2015 rekurrieren? Er solle sich als der unwissende Chef einer Behörde präsentieren, die sonst von der Aura der besonderen Kenntnisse lebt? Sich zu verleugnen, auch wenn es schwer fällt und einen schlecht aussehen lässt, kennen wir: es dient dem Schutz-Bedürfnis. Immerhin kennen wir jetzt einen wichtigen Monat: den März 2015. Was davor lief, werden wir hoffentlich bald erfahren.