Montag, 13. Mai 2019

Gute Nachrichten?

An den Überschriften in der F.A.Z. (13.5.2019, S. 21, Nr. 110) bleibe ich hängen: Der Kohlendioxid-Ausstoß in der EU sinkt weiter. CO2-Ziel 2020 schon erreicht. Rückstand bei den Erneuerbaren. Die Zahlen stammen, so die Zeitung, vom europäischen Statistikbüro Eurostat. Die Reduktionsleistungen sind in der EU allerdings unterschiedlich verteilt: in Irland, Bulgarien und Portugal wurde der Ausstoß vermindert (zwischen sieben bis neun Prozent), in anderen Staaten wie Lettland und die Bundesrepublik wurden Zuwächse registriert (8,5 und 5,4 Prozent).

Insgesamt wird notiert, "hat Deutschland im Vergleich zum Jahr der Wiedervereinigung schon mehr als 30 Prozent geschafft", den Ausstoß an Kohlendioxid zu verringern. Das ist, mit 1989 verglichen, beachtlich; auf den Kontext der dringenden, stetigen Reduktion bezogen, alarmierend. Die freundlichen Überschriften trüben den Blick. Die Nachricht, gründlich erläutert, gehört auf die erste Seite.  

Mittwoch, 8. Mai 2019

Anne Will im ARD-Studio am 5.Mai 2019: das Beispiel der Gegen-Aufklärung

Der vertraute Auftakt: die Kamera fliegt auf die Sitzgruppe und dann auf Anne Will zu. Sie spricht in die Kamera:

"Hallo und guten Abend. Willkommen bei uns. Ich freue mich sehr, dass alle da sind. Wir senden live aus Berlin und haben ein freundliches Publikum bei uns. Vielen Dank!"
(Ergiebiges Klatschen)
"Die Bundesregierung muss und will in Sachen Klimaschutz liefern. Bis spätestens Ende des Jahres soll es ein Klimaschutzgesetz geben und die heißt diskutierteste Streitfrage im Moment ist: Braucht es dazu auch eine CO2 Steuer? Und wenn ja, wer zahlt dann was für den Klimaschutz? Die SPD will die Steuer mehrheitlich, die Union eher nicht, aber der Vorsitzende der Juso hat schon gesagt: Wenn es bis Ende des Jahres kein gutes Klimaschutzgesetz gäbe, würde er die Koalition platzen lassen. Bei uns ist jener Vorsitzende der Jungsozialisten: Kevin Kühnert!".

1. Begrüßungsgerede. Gehen wir es durch. Der übliche Freundlichkeitsstuss. Hat Anne Will selbst eingeladen? Kennt sie wie eine Gastgeberin alle ihre Gäste? Nein. Das machen die Leute ihrer Firma. Freut sie sich sehr, dass alle da sind? Meine Großmutter sagte in solchen Fällen (vermuteter Unaufrichtigkeit): Wer's glaubt, wird selig. Anne Will muss eine Sendung vor einem Millionenpublikum stemmen. Da will sie es geneigt stimmen. Sie arbeitet mit der leeren Zugewandtheit der TV-Protagonisten, die so sprechen, als würden sie ihr Millionenpublikum sehen. Freundlichkeit mit einem schiefen Lächeln als Angst-Beruhigung.

2. Worte-Nebel. Konzepte-Nebel. Kann man das Klima schützen? Nein, das Klima ist ein Abstraktum - ein buchstäblich luftiges Gebilde wie andere Abstrakta wie die Natur, die Seele oder die Gesellschaft: man kann sie nicht greifen oder sehen - nur ihre Repräsentationen. Was sagt uns das? Der Klimaschutz ist ein Wort-Betrug: ein hohles Versprechen, ein falscher Trost, das Produkt unzureichenden Nachdenkens. Der Klima-Kontext ist enorm komplex, äußerst schwierig und nicht für jeden (alarmierend) einleuchtend. Aber wenn wir den Begründungen der Klimatologen zustimmen (weil wir sie für plausibel und alarmierend halten), dann hat die von uns (wie auch immer) in Gang gesetzte, (wie auch immer) tolerierte, weltweit betriebene Verbrennung fossiler Energiequellen unseren Planeten in einem lebensbedrohlichen Ausmaß erwärmt; ein dafür entscheidender Grund sind die bei der Verbrennung freigesetzten, in ihrer Wirkung so genannten Treibhausgase: die Kohlendioxide. Will man direkt (und das heißt: sofort)  gegen die Erwärmung intervenvieren, muss man sich des Ausstoßes an Kohlendioxiden annehmen.  Es geht also nur um die Frage: mit welchen Mitteln wird der Ausstoß von Kohlendioxiden auf ein unschädliches Maß runterreguliert?


3. Auffordern zum Raufen. Weder interessierte Anne Will (und ihre Mannschaft und wer sonst noch bei der Konzeption der Sendung mitwirkte) diese Frage, noch war sie überzeugt (abzulesen an der Art ihrer Gesprächsgestaltung) von der immensen Dringlichkeit, sie zügig zu beantworten und zügig zu handeln. Anne Will thematisierte in ihren einleitenden Worten nur das Mittel: CO2 Steuern. Steuern auf Heizöl, Sprit und Kerosin. Steuern als die einzige Form der Intervention. Sie verdrehte am vergangenen Sonntag die Frage nach den Mitteln der Intervention zu einer Frage des Aufheizens und Empörens: wer zahlt die Steuern? Wie beim Möbelrücken wurde das Problem (ein schwaches Wort) der aufziehenden klimatischen Katastrophe und ihrer immensen Folgekosten in einen affektiv aufgeladenen Kontext verschobenen, für den die Ärmel schnell aufgekrempelt werden können: über Steuern lässt sich herrlich aufregen. So fielen die Diskutanten übereinander her und sich ins Wort: Michael Kretschmer, Ministerpräsident von Sachsen, über Kevin Kühnert und Annalena Baerbock und vice versa; Maja Göpel, Nachhaltigskeitsforscherin (so das sie präsentierende Insert), ging mit ihrem Integrationsversuch unter, und Ioannis Sakkaros, Angestellter bei Porsche, mischte seine Diskussions-unwillige Skepsis in die Runde (Was soll das?).

Das Konzept der Steuern - gewissermaßen eine Variation der von der EU im Jahr 2005 ausgegebenen Emissionszertifikate (die für Industrien vorgeschriebene Rationierung der gestatteten Verbrennung fossiler Energiequellen) - ist naiv: als ob ein höherer Preis unsere Lebenswünsche und  Lebensbewegungen ausreichend begrenzen würde. Das Konzept der Emissonszertifikate ist gescheitert; der Handel mit ihnen hat den Ausstoß an Kohlendioxiden nicht nennenswert reduziert.  Nein, Interventionen des Verteuerns sind treuherzig und kontraproduktiv; im besten Fall erzwingen sie die Anpassung und Unterwerfung, ohne zu überzeugen. Benötigt wird eine relevante, schmerzhafte, grundsätzliche Veränderung unserer aufwendigen Lebensformen. Wir benötigen ein Konzept angemessener Lebenswünsche und Lebensbewegungen. Benötigt werden eine Ernüchterung und eine Revision der westlichen, demokratisch (vermeintlich) legitimierten, aristokratischen  Fantasien vom großzügigen, beweglichen Leben. Wir können es uns nicht mehr leisten.  Der von der Talkshow Anna Will inszenierte Diskussionszirkus betrieb die Gegen-Aufklärung: Das Haus brennt, aber im ersten Stock kann man noch eine Zigarette rauchen.


  


   

Donnerstag, 11. April 2019

Das Brexit-Konzert: Encore, Encore, Encore? Noch mal, noch mal, noch mal!

Jede Besucherin und jeder Besucher eines Konzerts weiß: die Zugaben am Ende sind begrenzt. Irgendwann sind die Künstlerinnen und Künstler erschöpft und müssen nach Hause. Nur das Brexit-Konzert findet kein Ende, weil die Künstlerinnen und Künstler sich nicht entscheiden können zwischen In & Out und offenbar über enome (unerschöpfliche) Reserven verfügen.  Vielleicht muss oder kann diese Frage gar nicht entschieden werden. Vielleicht bleiben die Engländer - die Schotten sind sich ja mehrheitlich einig, was sie wünschen -  weiterhin Mitglieder auf dem Sprung, was sie schon immer waren: einverstanden und nicht einverstanden; das full English Breakfast zählt eben mehr als das (schmale) Continental Breakfast. Was soll's? Geduld, Nachsicht und Großzügigkeit sind zu empfehlen: viele Beziehungen halten, weil die Partner sich ständig mit ihrer Trennung beschäftigen. Das ist belebend, mühselig, lästig und kränkend. That's life.

Wie wär's mit einer anderen Form von Mitgliedschaft? Es gibt die volle Mitgliedschaft und jede Menge relativierter Mitgliedschaften. Es ist die Frage, was wir wünschen. Die Frage ist offen: Wie wollen wir die EU gestalten? Vielleicht sind die Diskussion und die Klärung dieser Frage wichtiger als das Rätseln um die Vereinbarkeit von In & (not so) Out. Wir brauchen Zeit.

Gut, dass die Briten im Mai mitwählen müssen. Weitere Zugaben im Brexit-Konzert können erwartet werden.

(Nachtrag: 15.4.2019)  

Mittwoch, 10. April 2019

Gemerkel 9: spät kommt sie, aber sie kommt

Die Proteste der jungen Leute, freitags zur Zeit des Unterrichts, findet unsere Kanzlerin "gut": gut, dass Sie (oder sie) uns erinnern. Und ein "radikaler Wandel der Verkehrspolitik" müsse auch her, sagt sie. Reichlich spät. Trösten wir uns mit dem englischen Sprichwort: better late than never. Es ist das alte Muster: wenn es die Spatzen von den Dächern pfeifen, trällert Angela Merkel nach, verkündet den in den Tagesthemen zum Gemeinplatz gewordenen öffentlichen Konsensus wie selbstverständlich, als hätte sie es schon immer gesagt. Hat sie in ihrer Planlosigkeit nicht. Erstaunlich ist, dass sie mit dieser Taktik der Treuherzigkeit durchkommt.

Drittes Beispiel. 2016, als der britische Premier seine Idee der Aufkündigung der Mitgliedschaft in der EU zu realisieren gedachte, hatte offenbar niemand Angela Merkel gesagt, dass diese Idee eine
(schreckliche) Schnapsidee ist. Nach dem Referendum war sie die erste (meines Wissens), die die an die britische Regierung gerichtete Drohung aussprach und damit eine Handlungsanweisung angab: keine Rosinenpickerei...wenn schon, denn schon...wer nicht hören will, muss fühlen... bekannte deutsche Sozialisationstöne. Gestern empfing sie Theresa May mit offenen Armen -
sie wolle "alles tun", um einen Vertrags-losen Austritt zu verhindern: sagte sie vorgestern. Was tat sie in den letzten drei Jahren? Wann wird sie mit der schlingernden Politik ihrer Konzeptionslosigkeit konfrontiert?

The lastest News: We Call the Whole Thing off - sagt Theresa May

Sagt sie nicht. Leider. Sie könnte - mit einem Satz - die Idee der Aufgabe der Mitgliedschaft rückgängig machen. Der Europäische Gerichtshof hat ihr den Weg geebnet. Sie könnte sagen: Ich halte den plötzlichen Austritt für überstürzt, schädlich und unklug. Großbritannien bliebe Mitglied der EU. Sie könnte auch noch  - und Viele würden ihren Mut honorieren -  sagen: Der frühere Premier hat sich verkalkuliert; das Referendum ist nicht bindend.

Wahrscheinlich wird sie den Weg der Rückkehr nicht gehen.  Dabei spricht die Zerstrittenheit der britischen Parlamentarier doch eine eindeutige Sprache: wenn man nicht übereinkommt, eine Schnapsidee zu realisieren, gibt man die Schnapsidee auf. Wieso dürfen die Parlamentarier nicht nachgeben?



Greta Thunbergs Widerworte

Der Protest der jungen Leute, die wegen ihrer Überzeugung der Dringlichkeit des sofortigen Handelns angesichts der sich ausbreitenden Klima-Katastrophe freitags an ihrem Schulunterricht nicht teilnehmen, ist ein Segen. Der erste laute Aufschrei - abgesehen von den tapferen Klimatologen, die seit den 50er Jahren die aufkommende Katastrophe erforschen - gegen die weit verbreitete Leugnung und Apathie der hilflosen Erwachsenen.

Und die hilflosen Erwachsenen reagieren mit dem Vorwurf des Schule-Schwänzens. Vom Schule-Schwänzen haben wir, die Erwachsenen jeder Generation, immer geträumt. Nie habe ich ein Hitze-Frei erlebt. Der Vorwurf des Schule-Schwänzens ist wie früher die Ermahnung und Drohung der Erwachsenen, die sich bedrängt fühlten in ihrem Status: Keine Widerworte!

Der Vorwurf des Schule-Schwänzens ist falsch. Die jungen Leute bummeln nicht und schlagen die Zeit tot, sondern riskieren ihre Zeit, die Erwachsenen an die dringlichste Aufgabe unserer Zeit zu erinnern. Sollen sie dafür bestraft werden? Wie früher die Kinder, die zu widersprechen wagten?

Donnerstag, 28. Februar 2019

Treuherzige Ängstlichkeit (Journalismus-Lektüre - Beobachtung der Beobachter) (87)

Die deutschen Diesel-"Gelbwesten" las ich heute Morgen (28.2.2019, S.1) in der Frankfurter Allgemeine Zeitung. Rüdiger Soldt hat so seinen Kommentar mit dem Subtext der ängstlichen Besorgnis überschrieben: französische Verhältnisse auch bei uns?

Rüdiger Soldt verrührt die Kontexte.

"Nach dem Migrationsthema könnten auch die Fahrverbote und die Diskussion über die Zukunft des Dieselmotors ein Spaltungspotential entfalten".

Ein Satz des Schummelns: der falsch verknüpften Kausalitäten. Es begann mit dem kriminellen Betrug der leitenden, selbstherrlichen und korrupten VW-Leute, die als beste Lösung der Gesetzestreue eine vermeintlich schlaue Software erfanden. Darauf folgten das Betrugseingeständnis, die gebrochenen Versprechen (Aufklärung!) und die Verschanzung der VW-Leute, die sich weigerten, eine schnelle angemessene Entschädigung zu leisten, aber die Kosten hierzulande  auf ihre Kunden abzuwälzen suchten, woraufhin deren geflickschusterte Fahrzeuge mit Dieselantrieb nicht mehr in unseren Straßenverkehr zu passen drohten. Unsere Regierung bat auf Knien um Abhilfe. Die leitenden Herren wandten und rauften sich die Haare. Sie spielten auf Zeit. Die Kosten! Die Kosten! So verspielten sie die Chance,  die neuen Leistungen des Dieselantriebs unter Beweis zu stellen mit großzügigen Reparaturen. Stattdessen Kleinkrämerei, Milchmädchenrechnungen, Bluff und weiterer Betrug. Da sollen die Leute nicht ärgerlich werden? Folgte auf die Manöver des (öffentlichen) Betrügens und Hinhaltens die gerichtliche Klärung.

Zweitens.  Der automobile Individualverkehr kommt an sein Ende. Es geht um andere Lebensformen und Lebenswünsche. Da sollen die Leute nicht sehr besorgt werden? Wie wollen wir weiterleben auf einem Planeten, dessen Lebensbedingungen für uns schrumpfen? (s. meine Blogs Tempolimit, Panische Gereiztheit und guter Dokumentarfilm vom 30.1., 21.2. und 28.2.2019).  

Wie macht man einen guten Dokumentarfilm schlecht? (Lektüre des Journalismus - Beobachtung der Beobachter) (86)

Indem Dominic Egizzis Ausgebremst - der Überlebenskampf der Autobauer zum alten Eisen erklärt wird. ARTE hat den Dokumentarfilm am 26.2.2019 ausgestrahlt; bis Ende März kann er in der Mediathek des Senders abgerufen werden. Martin Gropp hat ihn in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (vom 26.2.2019, S. 13, Nr. 48) mit den Schlagzeilen vorgestellt: Szenen aus dem Altreifen-Lager. Abgefahren: Eine Arte-Dokumentation zum Zustand der Autobranche will zu viel und wirkt dabei recht gestrig. In einem Wort, Martin Gropp übersetzt: muß man nicht einschalten.

Muss man doch. Dominic Egizzi beschreibt präzis die Not der Illusion der Autoindustrie: ihre leitenden Herren - man sieht nur Auto-Männer - treten auf der Stelle, ohne Einsicht,  dass wir andere, aufeinander abgestimmte Formen der Mobilität - in denen das Automobil zurücktritt -  brauchen. Ihre Millionen und Abermillionen geplante Vierräder-Kutschen, mit Verbrennungs- oder Elektromotor, mit oder ohne Piloten, verstopfen unsere Lebenswelten, beuten unseren Planten nur aus und vergeuden enorme Mittel.

Ausgebremst: Martin Gropp ist eingestimmt auf die Verleugnung des Stillstandes. Gestrig ist er. Im Frankfurter Printmedium verbreitet, ist das eine schlechte, weil beunruhigende Nachricht: die treuherzige Ignoranz ist salonfähig. Dominic Egizzis Arbeit ist sehr zu empfehlen. Zum Glück gibt es die Mediathek.

Mittwoch, 27. Februar 2019

Stuss im Quadrat - über die angebliche "Macht der Einbildung"

Einbildung ist auch eine Bildung, sagten wir früher. Jetzt posaunt Martin Andree seine, wie er wähnt, Entdeckung des Jahrhunderts heraus: Ein Placebo ist die beste Medizin. Der Text erschien in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (vom 17.2.2019). Martin Andree ist der Autor des Buches Placebo-Effekte. Vor Begeisterung schlägt er Purzelbäume des Spotts - hier eine Kostprobe:

"Wenn man die Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen Placebo-Forschung ernst nehmen würde, müsste man beispielsweise sofort das Curriculum der medizinischen Ausbildung grundlegend verändern. Wenn durchschnittlich ein Drittel medizinischer Behandlungseffekte auf Placebo-Effekten beruhen, die ausschließlich durch das Theaterstück der therapeutischen Aufführung, seine Requisiten (Stethoskop, weiße Kittel, Ampullen, Kanülen et cetera) und Rituale hervorgerufen werden, dann müsste man eigentlich zum Wohle der Patienten diese Ärzte zu viel besseren Schauspielern ausbilden".

Manchmal werden Autoren von ihren Sätzen besoffen. Martin Andree sitzt der alten Idee einer Objektivität auf, die ihren Wahrheitsanspruch aus vermeintlich neutralen Meßergebnissen (sind sie natürlich nicht: das Instrument des Messens beeinflusst ebenso) ableitet. Seit über zweitausend Jahren wird über die Realität der Subjektivität nachgedacht. Seit dem ausgehenden 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts wird für die Wahrnehmung der seelischen (interaktiven) Realität laut getrommelt - Martin Andree hat's überhört. Die Placebo-Effekt genannte Wirksamkeit gehört in die individuelle Realität der inneren, lebensgeschichtlich gewachsenen Welt von Beziehungen und in die Realität der therapeutischen Beziehung. Sie ist die Grundlage der Qualität der Begegnung und entscheidet mit. Martin Andree hat sie noch nicht entdeckt. Er redet einfach daher und hinkt ganz schön hinterher.


Donnerstag, 21. Februar 2019

Eine Hypothese zur bundesdeutschen (panischen) Gereiztheit angesichts von: Klimawandel/Energiewende/Grenzwerten/Fahrverboten/Dieselbetrug/Elektromobilität/ fahrerlosen Autos/Flugtaxis

Der Airbus 380 wird in ein paar Jahren - von 2021 ist die Rede, aber wer weiß? - nicht mehr gebaut. Geplatzte Riesenträume nannte Christian Schubert seinen kurzen Kommentar-Text, Ende eines Irrtums seinen langen Text (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15.2.2019, S. 1 und S. 3). Jetzt ist es leicht, die Leute von Airbus zu verachten oder zu verspotten, weil man sich besonders schlau dünkt - hinterher weiß man manches besser. Vielleicht, vielleicht. Denn das Hinterher haben wir noch längst nicht hinter uns: wir sind mitten drin. Vielleicht wird das Riesenflugzeug doch noch gebraucht - dann, wenn Flugreisen rationiert und nur gestartet werden, wenn die Flugzeuge auch ausgebucht sind...

Worin bestand denn der Irrtum? In der Überschätzung des Konzepts Wachstum -  als irgendwann in den 90er Jahren (wann, weiß ich nicht) mit der Planung dieser Milliarden-Investition begonnen wurde? Damals gab es sicherliche plausible Begründungen. Das Konzept Wachstum ist aber, wenn wir uns umsehen und umhören,  nicht widerlegt. Es gilt weiterhin als tragfähig. Die Airbus-Leute haben sich bloß geirrt, heißt in der F.A.Z.

Dass das Konzept Wachstum ein ausgelatschtes Paradigma darstellt, weiß doch jeder. Oder nicht? 1977 veröffentlichte Fred Hirsch, damals Professor für Internationale Studien an der Universität Warwick, seine Arbeit Social Limits to Growth. Wachstum  ist nicht nur ein ökonomisches Konzept  - im Augenblick mit der düstereren Aussicht einer Steigerungsprognose von einem Prozent - , sondern auch ein Versprechen der Grenzenlosigkeit: wenn es läuft, läuft es grandios. Wachstum, so gesehen, lebt von der Fantasie weit reichender Lebensmöglichkeiten und animiert zum Verleugnen und zum Ausblenden der Frage: wo wollen wir mit den Ausgeburten unserer maßlosen Produktivität hin?

Die Bewohnbarkeit unseres Planeten schrumpft und schrumpft - hat neulich Bill McKibben erneut beschrieben (The New Yorker, 26.11.2018, S.  46 - 55: Life on a Shrinking Planet). Schöne Aussichten kann man da nur sagen - vor allem für die jungen Generationen. Es wird knapp.  Die Stadt Basel hat sich jetzt auf eine (gesetzlich nicht bindende) Resolution verständigt, dem Klimawandel höchste Priorität einzuräumen. Was machen wir?

Es wird weiterhin vom Wachstum fantasiert. Was ist mit: Einhalten und Nachdenken? Die Energiewende ist das unser geläufiges Verdeckwort für die enorm komplizerte Transformation unserer Energieversorgung - wir müssten gründlich nachdenken über die notwendige, relevante Korrektur unserer Lebensformen, wozu auch unsere Lebenswünsche und Lebensbewegungen gehören. Energiewende suggeriert die schnelle (korrigierende) Lenkbewegung, keine grundlegende Veränderung. Landauf, landab wird das Verdeckwort repetiert - als eine Formel der Beruhigung. Gleichzeitig wird als Begründung der Klimawandel eingeschoben und an die Klimaziele mittels Grenzwerte erinnert - um sie später fallen zu lassen, wie wir das von den guten Vorsätzen am Jahresbeginn kennen: die routinierte Beruhigung des schlechten Gewissens.  

Energiewende verspricht die kurzfristige, schmerzlose Korrektur und unterstützt das Weiterfantasieren der bundesdeutschen Lebenswünsche und Lebensformen. Die Angelsachsen haben dafür die Redewendung: you can't eat the cake and have it. Aber wir können das oder wir schaffen das - sagt unsere Bundeskanzlerin. Aber wir scheinen den Realitätskontakt zu verlieren. Wer rechnet unsere Lebenswünsche durch und unseren Lebensbedarf aus?  Heute dekliniert Georg Cremer die Komplexität der Kosten für unsere Sozialsysteme durch (F.A.Z. vom 24.2.2019, S. 6: Wohltätiger Staat ja, lästiger Staat nein?) Ist das gern gesehen? Welche Konzepte folgen daraus? Haben unsere Bundeskanzlerin, die ihre promovierte Physikerin-Identität behauptet, und ihre Mannschaft ein Konzept? Vielleicht ist das von Svenja Schulze, unserer Bundesumweltministerin, vorgelegte Bundesklimaschutzgesetz der mögliche Rahmen für ein Konzept - das allerdings umstritten ist innerhalb der Koalition und möglicherweise keine Chance hat, zu einem Gesetz zu werden (F.A.Z. vom 22.2.2019, S. 17). Vernünftig wären beispielsweise Konzepte, die organische Prozesse einsetzen - wie Klaus Wiegandt, der (wie Harald Welzer im Kölner Stadt-Anzeiger vom 23./24.2.2019, S. 4, schreibt) auf die "Trias aus (Regen-)Waldschutz, Renaturierung degenerierter Wälder und großflächiger Wiederaufforstung" setzt mit dem Ziel: "Zeit kaufen, Co2 durch Wälder absorbieren, um den Umbau zu einer postfossilen Weltwirtschaft überhaupt zu ermöglichen". Die Kosten hierfür: 140 Milliarden Dollar pro Jahr.

Das ist viel Geld. Verglichen mit den kursierenden Hauruck-Schnapsideen und den Wende-Manövern hastig betriebener Energie-Wechsel wahrscheinlich gut angelegt. Elektromobilität im weltweiten Zuschnitt, nicht abgestimmt auf ein Konzept anderer Mobilität und anderer Energie-Versorgung, ist eine Schnapsidee. Die fahrerlose Mobilität, die uns wie auf Schienen fahren lässt, und vom baldigen Austausch der individuell gesteuerten Fahrzeuge fantasiert, ist eine Schnapsidee:  angetrieben werden sie von Elektromotoren mit Batterien, von denen wir nicht wissen, wie & wo sie millionenfach produziert werden können und wie sie sich bewähren werden, aufgeladen an Millionen Steckdosen, von denen erst ein paar existieren. Die Maut ist eine Schnapsidee  - und die über unseren Köpfen schwebenden Flugtaxis, die unsere Mobilität beschleunigen sollen, sind eine Schnapsidee.  Was uns diese Schnapsideen kosten, wissen wir nicht.  Unsere Fantasien heben ab und rotieren gewaltig mit zentrifugaler Kraft. Kein Wunder,  dass wir in eine Art panischer Gereiztheit  stecken.

(Überarbeitung: 25.2.2019)

 



Mittwoch, 30. Januar 2019

Unsere Bundesregierung verwirft die Einführung eines Tempolimits: drei Bemerkungen zu den deutsch-bundesdeutschen Untugenden der Taktlosigkeit, der Korruption und der Heuchelei

1. Wer zahlt, bestellt die Musik, heißt es. Der Satz des fröhlichen Protzens gilt nicht für das Gefüge einer Gemeinschaft, in der jedes Mitglied gleichberechtigt ist. Dass die Bundesregierung  für unsere Automobilindustrie und unseren Straßenverkehr eine privilegierte Stellung beansprucht und sich (in diesem Kontext wie in den Kontexten der Transformation der Energieversorgung und der Immigration) nicht um ein balanciertes Gefüge in der europäischen Union schert, ist nicht in Ordnung. Die Bundesrepublik stürmt davon. Die Idee der Gemeinschaft wird verletzt. Das mächtige Auftrumpfen der nationalsozialistischen Regierung ist offenbar vergessen.

2. Zu wenig tödliche Unfälle könnten vermieden werden. Dieser Subtext steckt im Argument: ein Tempolimit auf Autobahnen nützt nichts. Dieses Argument ist skandalös, weil es ein Menschenrecht planiert.  Die Vermeidung eines tödlichen Unfalls reicht, um ein Tempolimit zu rechtfertigen. Wir können Menschenleben nicht verrechnen, hat kürzlich noch unser Bundesverfassungsgericht konstatiert. Die Würde des Menschen wird schnell zitiert; wenn es ernst wird, flattert der Grundsatz unseres Grundgesetzes davon. Fürs Geschäft wird offenbar eine korrupte (totalitäre) Moral für notwendig befunden. Es ist sehr die Frage, ob unser Verfassungsgericht dieses Argument durchgehen lassen würde.

Der andere korrupte Kontext ist die Leugnung der benignen Effekte, die die internationale und nationale Forschung zusammengetragen haben, wobei die Bundesregierungen der letzten Jahrzehnte die Forschung ihre Forschungsarbeit nicht haben ausreichend machen lassen. Die letzten qualitativen Studien sowie experimentelle Fahrversuche zum Fahren hoher Geschwindigkeiten liegen lange zurück. Die Forschung dazu ist tabuisiert oder verstaubt in den Schubladen der Behörden.

3. Die Freiheit des Schnellfahrens ist ein Missbrauch des philosophischen Konzepts der Freiheit. In der kitschigen Version lautet das Argument der Freiheit so: "Die individuelle, unbegrenzte Mobilität gewährt auch demjenigen noch ein Stück Freiheit, der sonst nicht viel zu sagen hat" (Reinhard Müller in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 29.1.2019, S. 1, Nr. 24). Abgesehen vom Ton der Herablassung und Verachtung - was sind: ein Stück Freiheit und unbegrenzte Mobilität? Was ist das? Schauen wir auf die Praxis des Hochgeschwindigkeitsfahrens. Walther Röhrl, der Fahr-Virtuose auf eisigem und verschneitem Untergrund, gab einmal als Regel für das Autobahnfahren aus: möglichst ohne zu bremsen auszukommen. So zu fahren ist voraussetzungsvoll: mittlere Geschwindigkeiten, die nur durch Ausrollen reguliert werden sollen, gleichmäßige Geschwindigkeiten, weite Sicht auf ausreichend große Abstände, um Platz für das Ausrollen zu erhalten.

Wird so auf unseren Autobahnen gefahren?

Nein.
Regelmäßig hoch beschleunigte Geschwindigkeiten vergeuden Kraftstoff und bedeuten ständige Regulationen der Abstände durch Bremsmanöver. Beschleunigungsmanöver wechseln sich mit abrupten Bremsmanövern ab. Die Folge sind kurze Abstände, unruhiger, bedrohlicher Verkehr, wenn die Hinterleute auf die Vorderleute mit ihren schrecklich leuchtenden Wagen dicht auffahren, irritieren, einschüchtern, ängstigen und ins Schwitzen bringen. Ist das beabsichtigt? Terrorisieren des Hintermannes oder der Hinterfrau auf Kosten des Vordermannes oder der Vorderfrau? Der Hintermann bulldozert; er hat offenbar ausgeblendet, dass er nicht erwarten kann, die Autobahn leer vorzufinden, so dass er so schnell fahren kann, wie er fahren möchte. Seltsamerweise soll beim Schnellfahren die Höflichkeit des Alltags nicht gelten. Aber auch im Straßenverkehr leben wir von den kooperativen, wohlwollenden Beziehungen mit den anderen Autofahrerinnen und Autofahrern. Die Freiheit des Tempo-unbegrenzten Autofahrens bedeutet bei uns im Alltag des Autobahn-Fahrens häufig (wie weit verbreitet diese Interaktionsform des Autofahrens ist, müsste gründlich geprüft werden) : die unbezogene, vermeintlich alleinige Freiheit des Bolzens und der Machtausübung. Das Schnellfahren, wie die Propagandisten es verstehen, realisiert den Wunsch, von der Last der Zivilisiertheit buchstäblich befreit zu sein, und bestätigt Sigmund Freuds Vermutung von der persistierenden Feindseligkeit gegen die Kultur der Zivilisation.  

(Überarbeitung: 28.2.2019)

Montag, 28. Januar 2019

Bravo, Mrs Pelosi! Seltsame journalistische Formlosigkeit (Beobachtung der Beobachter) (85)

Das Manöver des U.S.-Präsidenten, mit der Drohung des Aushungerns der Staatsbeamten seine Bulldozer-Politik durchsetzen, ist am Einspruch der Demokraten, ihm die Milliarden Dollar für seine Grenzziehung aus Beton nicht zuzugestehen, gescheitert: für drei Wochen, heißt es, habe er nachgegeben. Der Einspruch der Demokraten im Repräsentantenhaus folgte offenbar der (sehr sinnvollen) Strategie des politischen Gegenhaltens - gegen die mögliche verheerende Zerstörung demokratischer Kultur durch eine dysfunktionale Regierung, deren Chef die brachialen Mittel eines korrupten Geschäftsmanns nicht scheut.

Erstaunlich ist, wie sehr die Dynamik der konstitutionellen Krise von einem Journalisten oder Journalistin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Autorenkürzel: nbu) sowohl unterschätzt wie hämisch abgehakt wird:

"... dass sie (Nancy Pelosi) Trump die Rede zur Lage der Nation verweigert, wirkt kindisch..." (F.A.Z. vom 25.1.2019, S. 8, Nfr. 21);  "großes Mitleid muss man mit den amerikanischen Wählern aber nicht haben. Sie waren es, die diese Leute in ihre Ämter gebracht haben" (25.2.2019, S.8). Wer nicht hören will, muss eben büßen.

Im Gegensatz zu dem oder der Journalistin wissen wir nicht, wer von den Regierungsbeamten die konservative Partei gewält hat. Der Wahlausgang war, wir wir wissen, sehr knapp; möglicherweise, das werden wir demnächst erfahren, manipuliert.

"Trump beherrscht es jedoch", schreibt Andreas Ross in seinem Kommentar Pseudopopulisten (F.A.Z. vom 28.2.2019, S. 1, Nr. 23), "selbst eine krasse Niederlage 'stolz' als Durchbruch zu verkaufen". Wer nimmt ihm das ab und fällt darauf herein?  Auch das wissen wir - anders als Andreas Ross - nicht. Die aktuellen Umfragewerte deuten an, dass der Verkäufer seinen Verkäufer-Nimbus einbüßt. 

"Mit Samthandschuh im Boxring", ist der Titel des Textes von Majid Matar (F.A.Z. vom 28.1.2019, S. 2, Nr. 23); der Untertitel: "Nach 35 Tagen gab Donald Trump in der Haushaltsblockade wegen des Streits über den Grenzzaun nach - Nancy Pelosi kostet ihren Sieg über den Präsidenten aus".

Auskosten? Der empirische Beleg für Nancy Pelosis Triumphieren fehlt im Text. Zudem ist der Affekt erschlossen: erfunden.

Diese Qualitäts-Journalisten sind - methodisch und konzeptionell - ziemlich außer Form.

Freitag, 25. Januar 2019

Neues von der Heiligen Kuh: sie wird von 100 Spezialisten fürs Einatmen & Ausatmen beatmet (83)

Zur Zeit läuft die Klamotte: Wie mache ich mich über ein Gesetz, das mir nicht passt, lustig? Einhundert Fachärzte der Pneumologie haben sich mit ihrer Stellungnahme zu den in der EU geltenden gesetzlichen Abgaswerten an die Öffentlichkeit gewandt - sie seien nicht ausreichend belegt - und fordern deshalb eine Überprüfung und eine Klärung des wissenschaftlichen Status der den Grenzwerten zugrunde liegenden Forschung. Ihre Stellungnahme kommt den Betrugsverbiegern (s. meinen Blog Das Tabu der Geschwindigkeitbegrentzung vom 23.1.2019)  ) entgegen, weshalb ihr Auftrumpfen in der Öffentlichkeit gern aufgenommen wurde. Die Ärzte  scherten sich weder um die einschlägige, den Grenzwerten zugrunde liegende Forschung, noch um die seit 2007 bestehenden Gesetze der Europäischen Union, noch um den Prozess demokratischer Verfahren, dass Gesetze nur vom Gesetzgeber  in einem langwierigen Verfahren revidiert werden können - aber nicht mit einer ad hoc - Stellungnahme ärztlicher Honorationen, die ihren Status mit großem Tamtam in der Öffentlichkeit auszuspielen suchen, als hätten sie einen Joker in der Hand. Das haben sie nicht. Außerdem haben sie noch nicht gesagt, weshalb sie jetzt gegen die europäischen Gesetze der Vorsorge sind. Wen beabsichtigen sie zu schützen? Die Automobilindustrie, die mit ihren hochfliegenden Plänen und stattlichen Investitionen Reißaus zu nehmen, ihre betrogene Kundschaft aber nur schäbig zu entschädigen versucht?

Mittwoch, 23. Januar 2019

Neues von der Heiligen Kuh: das Tabu der Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen (82)

Ende 1973 wurde für ein paar Wochen die Geschwindigkeit auf Autobahnen bei uns auf 100 km/h begrenzt. Die sozial-liberale Koalitionsregierung folgte  dem internationalen Konsensus, angesichts des damaligen Alarms begrenzter Öl-Vorräte den Benzinverbrauch einzuschränken und einen gemeinsamen Verzicht zu leisten. Die Bundesrepublik scherte nach kurzer Zeit und einem enorm heftigen öffentlichen Protest aus; statt der Geschwindigkeitsbegrenzung wurde eine Geschwindigkeitsempfehlung eingeführt: mehr glaubte die Bundesregierung, der Autoindustrie und ihrer Bürgerschaft nicht zumuten zu können.

Dabei blieb es. Seitdem erlauben  die (politisch) relevanten Akteure der Bundesrepublik auf unseren Autobahnen die Ausnahme - man könnte auch sagen: die großpratzige Taktlosigkeit der europäischen Gemeinschaft gegenüber -   eines Autoverkehrs für Personenkraftwagen (ohne Anhänger) und Motorräder ohne Tempobegrenzung. Seitdem haben sich die nachfolgenden Bundesregierungen dazu entschieden, die Effekte eines Tempolimits auf Autobahnen nicht weiter untersuchen, vorliegende Studien zu den benignen Effekten in der Schublade liegen zu lassen und die kollektive Leugnung der Unverhältnismäßigkeit dieses Sonderstatus aufrecht zu erhalten:
a) sich am vereinbarten Projekt der Reduktion der Emissionen halbherzig zu beteiligen und dessen Ziele zu unterlaufen;  
b) die Verschwendung der Ressourcen auf den Autobahnen fortzusetzen;
c) die Emissionen des Autoverkehrs auf den Autobahnen nicht zu reduzieren;
d) das Risiko schwerer Unfälle auf Autobahnen zu tolerieren;
e) statt eines einigermaßen gleichmäßig fließenden Verkehrs starke Geschwindigkeitsdifferenzen zuzulassen, damit kooperative Interaktionen zu erschweren, aber den möglichen Machtmissbrauch hochgerüsteter Automobile zu gestatten  und die Wahrscheinlichkeit der Stau-Bildungen zu erhöhen;
f) die maßlosen Interessen der bundesdeutschen Aumobilindustrie zu ungunsten  eines vernünftigen, großzügigen Ausbaus des Öffentlichen Verkehrs (der sich heute als unterfinanziert erweist) zu unterstützen, dem individuellen Verkehr einen unvernünftigen Vorrang einzuräumen und das Versprechen einer als grenzenlos wahrgenommenen, individuellen Mobilität zu fördern statt zu korrigieren.

Wir sehen: das seit Jahrzehnten aus dem Leugnen und dem Aufschieben der Klärung unserer Wirklichkeiten resultierende, bundesdeutsche Drama einer dysfunktionalen Verkehrspolitik im Verbund mit einer planlosen, hilflosen und möglicherweise ebenso dysfunktionalen Energiepolitik. Wozu dient das bundesdeutsche Tabu?  Es stützt und schützt das noch immer hier & da geteilte (von wem, müsste gründlich erforscht werden),  virulente (undemokratische) Grundgefühl deutscher Großartigkeit, Überlegenheit und Verachtung des Gesetzes und seiner Regeln. Belege ? Was ist mit der (auf dieser Blog-Seite hier & da beschriebenen)  Korruption einiger Führungsetagen?  Was ist mit dem Gleichmut angesichts des massiven Betrugs von VW, der (im Prozess seiner öffentlichen Entsorgung) zu einer Diesel-Thematik, Diesel-Krise oder eines Diesel-Skandals verniedlicht oder so verbogen wird, dass der strafrechtlich relevante Betrug zu einem Problem der WHO wird und die gesetzlich festgeschriebenen Grenzwerte dem Hohn preisgegeben werden? Was ist mit einem seltsamen Sprachgebrauch? Seit 1989  wird der Name unseres Landes - die  Bundesrepublik Deutschland - selten genannt; dafür hat sich das gründlich kontaminierte, vor nicht allzu langer Zeit herausgedröhnte Deutschland!  wieder eingebürgert. Vergessen wurde, wie froh und dankbar wir waren, als die Bundesrepublik im europäischen Staatenbund aufgenommen wurde. Heutzutage fahren wir vorne weg - als wären wir den Mitgliedstaaten der Europäischen Union nichts mehr schuldig.

(Überarbeitung: 24.1.2019)
 
  

Donnerstag, 17. Januar 2019

Öffentliches Kopfschütteln: unser schneidiger Außenminister und der aufrechte Journalist

 Heute Morgen am Donnerstag, dem 17.1.2019, wird unser Außenminister Heiko Maas in Berthold Kohlers Kommentar auf der ersten Seite der Zeitung für die... Sie wissen schon... zitiert: dass die "Zeit der Spielchen" (nach der Ablehnung der ausgehandelten Vereinbarungen des Austritts aus der E.U. im britischen Parlament am Dienstag, zwei Tage zuvor) abgelaufen sei. Zeit der Spielchen. Berthold Kohler, der Mann von der F.A.Z., hält die Formel für einen harmlos klingenden Satz. Das ist eine buchstäblich tolle Einschätzung. Zeit der Spielchen ist die Formel der Verachtung und des Unverständnisses.

"Und dennoch sollte man das Geschehen in Britannien", schreibt Berthold Kohler, "nicht für eine politische Psychose halten, die allein unter Insulanern ausbrechen kann". Vom Spielchen zur Metapher Psychose: so wird unsereiner zum Narren gehalten. Man kann die Sprach-Verwirrung dieser beiden Akteure der öffentlichen Diskussion auch als ein deutsches, von Ressentiment geprägtes Produkt des Unwillens und der Verweigerung verstehen, dem durch den Ärmelkanal getrennten Nachbarn entgegen zu kommen und mit vernünftigen Vorschlägen hilfreich zu sein bei der konfliktreichen Auseinandersetzung um die Frage der britischen Identität, wie Jürgen Habermas das nannte - die leider mit dem flotten und vergnüglichen (für unsere öffentliche Diskussion)  Kunstwort vom Brexit belegt und zu einem realen Projekt wurde und deren zentrifugale Kraft unsere Regierung unterschätzte oder ausblendete. Es war unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich zum Sprachrohr des Kleinmuts machte, als sie vor den TV-Kameras zum Brüsseler Treffen der Regierungschefs (am 27.6.2016)  nach dem Brexit-Referendum (am 23.6.2016)  die Drohung in die Welt setzte: keine Rosenpickerei nach dem Austritt aus der Union.  Unsere Kanzlerin und unser Außenminister: die Sprachrohre (von wem auch immer instruiert) deutschen Groß-Rednertums -  keine bundesdeutschen Politiker, die verstanden hätten, dass es nach der deutschen Vernichtungsorgie klug wäre, eine Haltung großzügiger Zurückhaltung zu pflegen (s. meinen Blog Welcome! Welcome back! und Keine Rosenpickerei! vom 29.6.2016) .

(Überarbeitung: 19.1.2019)

Montag, 14. Januar 2019

"Trumps wütende Tiraden gegen das FBI" - Lektüre des Journalismus (Beobachtung der Beobachter) (84)

"Trumps wütende Tiraden gegen das F.B.I." : lautet die Überschrift, an der ich beim Frühstück hängen blieb (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.1.2019, S. 2, Nr. 11). Der Kontext sind die von der Bundespolizei nach der Entlassung ihres Chefs James Comey aufgenommenden Ermittlungen gegen den U.S.-Präsidenten angesichts des Verdachts seiner Behinderung der Justiz in der Frage seiner die Sicherheit der Vereinigten Staaten gefährenden, russischen Beziehungen. Die New York Times hatte am vergangenen Wochenende darüber berichtet - womit das im Hintergrund der medialen Aufmerksamkeit operierende Ermittlungsverfahren wieder im Vordergrund fokussiert wurde. Die New York Times beschrieb die twitternenden Aktivitäten des Präsidenten mit: "Mr Trump attacks the F.B.I. and its former top officials".

Wo kommt die Wut des U.S.-Präsidenten her?
Majid Sattar hate sie erschlossen. Er war, was zu bemerken trivial ist, beim Verfassen der Präsidenten-Twitter abwesend.

Wie kann man mit dem Instrument des Twitter, das 140 Zeichen erlaubt, eine Tirade verfassen? Wie ist das dann mit: Tiraden?  Majid Satar hat den Titel ausgepolstert und vergessen, dass Tiraden weit ausholende Texte sind.

Was sollen die Angabe des Affekts und der verkehrte Wort-Gebrauch?

1. Die Bedeutung eines politischen Kontexts wird familialisiert: verniedlicht, entschärft. Der Familienvater ist ein cholerisches Monster.

2. Der U.S.-Präsident wird zur Verachtung freigegeben. Wer schäumt, ist nicht sehr gefährlich: bevor er zuschlägt, trifft ihn der Schlag. 

3. Der U.S.-Präsident wird unterschätzt. Nur ein Angeber regt sich in einem öffentlichen Amt so auf.

4. Die konstitutionelle Krise der Vereinigten Staaten und der Zerstörungsversuch demokratischer Formen des Aushandelns werden geleugnet.

Freitag, 11. Januar 2019

Hämischer Journalismus - im Dienste der Verspottung unserer Justiz und im Dienste der Beschwichtigung der Korruption (Beobachtung der Beobachter (83)

"VW wird den Stuttgarter Richter nicht los", ist die Überschrift der etwa 1.200 Anschläge kleinen Notiz in der F.A.Z. vom 11.1.2019 (S. 19). Der Antrag der vom Wolfsburger Konzern beauftragten Juristen wegen Befangenheit des Stuttgarter Richters Fabian Reuschle wurde vom Stuttgarter Oberlandesgericht abgelehnt. Fabian Reuschle hatte Aktionären des Wolfsburger Konzerns Schadensersatz eingeräumt und eine Musterklage für Kapitalanleger zugelassen. Der Befangenheitsantrag, lässt sich der Notiz entnehmen, wirft dem Richter Verfahrensfehler und das Selbst-Interesse vor, "sich persönlich als Diesel-Aufklärer profilieren zu wollen". Das Oberlandesgericht hat kühl zurückargumentiert und die (hanebüchenen) Vorwürfe verworfen.

Letzter Satz der Notiz: "Weitere Befangenheitsanträge von Volkswagen und der Porsche SE sind noch nicht entschieden".

Eine kleine Notiz, im Wirtschaftsteil der Zeitung für die klugen Köpfe plaziert - dort, wo nur der Leser, der ausgiebig frühstückt, hinkommt - , ist mit einer schäbigen Überschrift versehen, die den Richter zu einem lästigen Subjekt macht, das den Wolfsburger Konzern mit sachfremden (egoistischen) Interessen behelligt. Das ist eine inzwischen (dem Frühstücksleser) sehr vertraute demagogische, undemokratische Verdrehung eines juristischen Verfahrens: wieder eine seltsame Identifikation des Journalisten oder der Journalistin mit den Interessen des Wolfsburger Konzerns. Wenn, sollte der Richter Fabian Reuschle als demokratischer Held gefeiert werden.

Ungenauer Journalismus - im Dienste der Beschwichtigung der Korruption (Beobachung der Beobachter) (82)

"Fiat Chrysler zahlt Strafe", heißt es in einer in (ca.) 2.600 Zeichen verfassten Notiz der F.A.Z. vom 11.1.2019 (S.19). Wofür? Für die Manipulationen der Steuerung der Diesel-Motoren. An wen? An das U.S.-Justizministerium. Wie viel? Um die 800 Millionen Dollar. Warum so wenig - verglichen mit den 26 Milliarden, die die Leitung von Volkswagen an Strafzahlungen und Kompensationsleistungen überweisen lassen musste? Eine stattliche Differenz. Wieso?

Der letzte Absatz der Notiz bietet eine Erklärung an:
"Volkswagen wollte am Donnerstag  (10.1.2019) keine Stellung zu der Entscheidung im Fall FCA (FiatChrysler Automobiles) abgeben. Dass die Strafen jetzt deutlicher niedriger ausfallen, stützt allerdings die These, die Volkswagen in seiner Verteidigungsstrategie im Prozess von Kapitalanlegern gegen das Unternehmen vor dem Oberlandesgericht in Braunschweig vertritt. Demnach hätten die amerikanischen Behörden im Herbst 2015 beim Abgasskandal einen Paradigmenwechsel vollzogen und VW deutlich höhere Strafen angedroht als in früheren Fällen. Deswegen sei der Vorstand damals vom Vorgehen der amerikanischen Behörden überrascht worden".

Die Zeilen sind ein Beispiel für die journalistische Leugnung der Korruption der Leitung des VW-Konzerns, deren Argumente ohne Widerspruch, aber mit dem Schlenker der Nachdenklichkeit - stützt allerdings die These - verbreitet werden.

1. Der Paradigmenwechsel ist pompöser Bluff. Strafrechtlich relevanter Betrug wird schon immer in den U.S.A. schwer bestraft. Man muss nur James B. Stewarts Tangled Webs. How False Statements Are Undermining America: From Martha Stewart to Bernie Madoff (2011) lesen.
2. Die Höhe der Strafe resultiert aus dem massiven, systematischen Betrug und aus dem fortgesetzten Betrug an den U.S.-Behörden, die hingehalten wurden und mit denen nicht kooperiert wurde - erst die drastischen Strafandrohungen bewegte die Wolfsburger Leitung zum Eingeständnis ihres schweren Betrugs. Erstaunlicherweise ist der fortgesetzte Betrug der Leitung mit ihren gebrochenen Versprechen einer lückenlosen Aufklärung in der bundesdeutschen Öffentlichkeit durchgegangen. Seltsamerweise ist die Leitung  (meines Wissens) in keinem Forum der Öffentlichkeit damit konfrontiert worden.
3. Deshalb ist die Formulierung deutlich höhere Strafen angedroht als in früheren Fällen eine Lüge, adressiert an die bundesdeutsche öffentliche Diskussion, mit der die Leitung des Wolfsburger Konzerns sich als das Opfer einer unerbittlichen U.S.-Justiz geriert, womit sie zugleich etwaige Kompensationsleistungen zu ersticken sucht. Die Notiz in der F.A.Z. (vom 11.1.2019) ist der Beleg für eine Übernahme dieser Unschulds- und Beschwichtigungs-Erzählung.
4. Die Formel vom Überraschtwerden ist eine weitere Lüge mit dem Mittel der ungenauen Angabe des Affekts. Die Konzern-Leitung hatte die U.S.-Justiz unterschätzt - die Herren wähnten sich als Herren, könnte man diese Nachkriegsattitüde mit einem vertrauten Bild beschreiben, die sich in ihrer Verachtung der U.S.A. so sicher fühlten.         

Donnerstag, 10. Januar 2019

Der SPIEGEL-Gau und der F.A.Z.-Alltag - zur methodischen Anfälligkeit des Journalismus für Korruption (81)

DER SPIEGEL - unsere in die Jahre gekommene, nicht mehr so glänzende Institution der Tradition des angelsächsischen muckraking - hat jetzt den eigenen Dreck aufzukehren. Zum Glück gibt es den störrischen, unerschütterlich peniblen Journalisten Juan Moreno, der seinem übereifrigen, renommierten, aber betrügerischen Kollegen Claas Relotius auf die Finger guckte und den Unterschied von (geleugneter) Erfindung und (relativierter) Wahrheit markierte. Das ist bitter für die stolze Redaktion des SPIEGEL - Schadenfreude, wie auch immer drapiert, bleibt jetzt nicht aus. Da bleiben nur der Trost, dass kriminelle Handlungen in den besten Familien oder in den größten Konzernen begangen werden, und der Zuspruch, am Ideal des muckraking festzuhalten und weiterzumachen.

Bleibt die Frage, weshalb der journalistische Betrug so wirksam war. Betrügen ist ein interaktives Geschehen: der eine verbiegt oder fälscht die Wahrheit, der andere stutzt nicht, weil ihm das Manöver einleuchtet. Weshalb? Die Frage muss noch geklärt werden.  Inzwischen liegt dazu ein Beitrag vor von Simon Drescher, Mario Gotterbarm und Sebastian König: Sagen, was ist uns was sein soll. Die Rethorik der Reportage und der Fall Claas Relotius (F.A.S. vom 13.1.2019, S. 43, Nr. 2). Die Autoren gehen von den kommunikativen Mustern und Implikationen eines Reportage-Textes aus: jeder Text erzählt; jede Erzählung mischt die Subjektivität der Autorin oder des Autors in die Beschreibung einer Wirklichkeit; jede Erzählung rekonstruiert auf ihre Weise die beschriebene Wirklichkeit. "Reportagen", schreiben sie, sind "rhetorisch-narrative Konstruktionen, die uns ein Sinnangebot machen. Vor allem wird es der ehrlichste Akt in der Post-Relotius-Zeit sein, nicht weiter einen Diskursstil zu propagieren, der vorgeblich vor jedes politische Meinen zuerst die Darstellung der Wirklichkeit setzt - so als seien Meinung und Wirklichkeit zwei getrennte Sphären".

Es ist zu einfach, sich nur auf den Betrüger und dessen Text-Herstellung zu konzentrieren. Der Betrug hängt vor allem mit dem methodischen Grundproblem des Journalismus zusammen: in der Position des Beobachters oder der Beobachterin ausgeschlossen zu sein von den relevanten inneren, exklusiven kommunikativen und interaktiven Prozessen in Institutionen oder Organisationen oder von den inneren Prozessen eines relevanten Akteurs; weshalb die Journalistin oder der Journalist angewiesen ist auf eine oder mehrere Personen, die über die Innenseite der Prozesse Auskunft zu geben bereit sind. Damit ist die Journalistin oder der Journalist abhängig von der Qualität der Beziehung einer einseitigen Bereitschaft, Auskunft zu geben und sich durch die Auskunftsbeziehung (wie auch immer) honorieren zu lassen. Ein Beziehungsgeschäft ist die Voraussetzung für ein journalistisches Forschen.

Beziehungsgeschäfte sind Geschäftsbeziehungen sind unser Alltag. Der Kunde ist König, solange er kauft. Das wissen wir. Der Chef bleibt der Chef - und man selbst ist auf der Hut.  Das nehmen wir hin - mehr oder weniger ernüchtert. Trotzdem hoffen wir (mehr oder weniger)  darauf, dass das Beziehungsgeschäft sich im Geschäft nicht erschöpft. Wir möchten auch gesehen werden, wie wir uns sehen und wie wir sind. Geschäftsbeziehungen, das wissen wir auch, sind, obgleich tägliche berufliche und nicht so berufliche Praxis, heikel - prekäres Beziehungsterrain der strategischen Balancierung sachlicher (funktionaler) und persönlicher (privater) Interessen.

Wie macht eine Journalistin oder ein Journalist das? Claas Relotius hat, könnte man ihm zugute halten, die journalistischen Auskunftgeschäfte umgangen, journalistische Geschäftsbeziehungen erfunden und sich damit ein anderes Problem eingehandelt. Journalisten geben über ihre Geschäftsbeziehungen und Beziehungsgeschäfte keine Auskunft; das schützt ihre Arbeit im Dienste der demokratischen Kontrolle; der Schutz der Vertraulichkeit setzt einen redlichen Umgang voraus. Die Frage ist, welchen Einfluss sie auf ihre Arbeit haben. Janet Malcom, die New Yorker Journalistin, hat dies in den ersten beiden Sätzen ihres Buches The Journalist and the Murderer (1990) ausgeführt:

"Every journalist who is not too stupid or too full of himself to notice what is going on that what he does is morally indefensible. He is a kind of confidence man, preying on people's vanity, irgnorance, or loneliness, gaining their trust and betraying them without remorse".

Morally indefensible (Moralisch nicht zu vertreten)? Janet Malcoms Verdikt müsste diskutiert werden. Es bleibt (meines Wissens) in unserer öffentlichen Diskussion unerwähnt.   

Nehmen wir ein Beispiel aus der täglichen journalistischen Praxis. Volkswagen wird chinesischer überschrieben Hendrik Ankenbrand und Carsten Germis ihren Text (F.A.Z. vom 8.1.2019, S. 22, Nr. 6) und zitieren Herbert Diess, den Chef von VW, der in Peking auf einer Pressekonferenz vor Journalisten prognostizierte:
"In den nächsten Jahrzehnten wird das Machtzentrum der Automobilindustrie in China sein".

Ein Detail dieses Textes wird übergangen im Alltag der journalistischen Praxis: Herbert Diess sprach auf einer Pressekonferenz vor Journalisten in Peking. Waren die Journalisten Ankenbrand und Germis dabei? In Peking? Eingeflogen vom konzerneigenen Flugzeug? Weitere Reisekosten erstattet von VW? Möglicherweise gut gepampert und hofiert? Gab es ein Beziehungsgeschäft? Oder zitieren sie eine Pressemitteilung - ohne zu sagen, dass sie nicht anwesend waren, weil sie den Anschein einer besonderen Aktualität wahren wollen? So oder so. Entweder das Beziehungsgeschäft mit VW oder der Aktualitätsbluff. Was ist wahr? Und hängt die Abwesenheit einer kritischen Perspektive in deren Text zum Stuss des VW-Chefs Herbert Diess - siehe meinen Blog vom 10.1.2019 Auf in das Land.... - von einem Beziehungsgeschäft ab?  Wie redlich sind also die Frankfurter Journalisten? Wie redlich ist deren Redaktion? Es bleiben  - bei diesem einen (typischen) Beispiel des Spiels mit der hingeworfenen, wie zufälligen Ungenauigkeit - Zweifel am Interesse einer präzisen journalistischen Wahrnehmung und die Vermutung der journalistischen Leugnung im Kontext eines Beziehungsgeschäfts: hier der Flug und dort das kritiklose Mitschreiben der aufwändig mitgeteilten Neuigkeit des Wolfsburger Versuchs eines treuherzigen Imperialismus.

(Überarbeitung: 14.1.2019)

Auf in das Land der Millionen öffentlichen Steckdosen! Die aufgeregten, betrügerischen Hüter der Heiligen Kuh wähnen riesige, neue Weiden (81)

Volkswagen wird chinesischer überschreiben Hendrik Ankenbrand und Carsten Germis ihren Text (F.A.Z. vom 8.1.2019, S. 22, Nr. 6) und zitieren Herbert Diess, den Chef von VW, der in Peking auf einer Pressekonferenz vor Journalisten, wie es heißt, prognostizierte:


"In den nächsten Jahrzehnten wird das Machtzentrum der Automobilindustrie in China sein".

China wird zum Land der Millionen Regierungs-geförderten, öffentlich zugänglichen Steckdosen für die vielen Millionen Automobile, die von Elektromotoren angetrieben werden. Da muss der Mann von Volkswagen natürlich sofort hin. Das chinesische Machtzentrum besteht in der Intention der chinesischen Regierung, die Installation der Steckdosen, flankiert von einer entsprechenden Gesetzgebung, zu forcieren. Also wird Volkswagen dort ein Werk aufbauen, in dem, so die Autoren Ankenbrand und Germis, "600.000 Autos im Jahr produziert werden können". Dreißig Millliarden Euro - siehe meinen Blog Torschlusspanik? vom 22.11.2018 - stehen zur Verfügung und müssen angelegt werden, bevor die laufenden Strafverfahren ihren Tribut einfordern. "Bis 2025", erfahren wir, "sollen etwa 40 verschiedene elektrifizierte Fahrzeugmodelle in China produziert werden".

Das ist ein stattlicher - es ist zu befürchten: panischer - Check auf die Zukunft. Was wird aus Wolfsburg? Unklar. Das wissen die Herren und Damen aus Niedersachsen vermutlich noch nicht. Sie haben es enorm eilig und schaffen sicherheitshalber Fakten. Der Formel vom Machtzentrum der Automobilindustrie in China sieht man ein Muster bundesdeutscher Praxis an: Handeln vor Nachdenken und geduldigem Planen.  Der Ingenieur Diess sieht nur die Dringlichkeit, seine automobilen Einheiten loszuschlagen. Die Macht, von der er spricht, sitzt woanders. Über die Zukunft der Fahrzeuge entscheidet der hochkomplexe kommunikative und interaktive Prozess der indirekten kollektiven Abstimmung über die Bedeutung, Faszination, Attraktion und Notwendigkeit des Automobils angesichts unserer sich verändernden Lebensbedingungen und Lebenswünsche. Die Käuferinnen und Käufer müssen erst einmal zustimmen, ob und inwieweit das geförderte, empfohlene Angebot der Regierungen - sagen wir: unserer und der chinesischen Regierung -  und der Industrie ihren Lebenswünschen entspricht und ob es passt.

Die Leute aus Wolfsburg sind schlau und protzen mit ihren paar Milliarden, sind aber nicht klug. Jetzt sind sie in heller Aufregung. Das Fundament ihres Geschäfts - die Zustimmung zur Attraktion des Automobils - bröckelt. Ihre Unfähigkeit, ihre betrügerische, korrupte Leugnung unserer Wirklichkeiten und ihre Hilflosigkeit werden mehr & mehr erkennbar. Was macht Herr Diess? Lernt er schon Chinesisch? Damit er sich zumindest einfühlen kann in die Kultur, die Lebensverhältnisse und Lebensbedingungen seiner chinesischen Käuferschaft? Wahrscheinlich, auch das ist zu befürchten, benötigt er einen Übersetzer. Aber vielleicht etabliert der Wolfsburger Konzern eine großzügig ausgestattete Abteilung von Sinologinnnen und Sinologen.