Dienstag, 3. Dezember 2019

Fundsachen: Anne Will und Armin Laschet am 1.12.2019 - die Staatsanwältin war in schlechter Form

In der Gesprächsrunde Anne Will brachte Anne Will kein Gespräch zustande. Das soll wohl so sein.
Anne Will liebt die Konfrontation. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden stets so ausgewählt, dass sie sich gut widersprechen können beispielsweise bei der die gerade die öffentliche Diskussion dominierende Frage: die neue, per Mitgliederbefragung ausgewählte Parteispitze, die auf dem Parteitag der S.P.D. noch bestätigt werden muss, Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans - werden sie eine Politik des Austritts aus der Koalition mit der Union betreiben? Eine Frage zum politischen Tamtam. Kein Politiker oder keine Politikerin, der oder die noch bei Sinnen ist, wird diese Frage beantworten, sondern sie offen halten.

Also fuhr die TV-Staatsanwältin ihre Mittel auf: repetitive konfrontative Fragen, Einspielungen von bereits vor der Mitgliederbefragung gegebenen Antworten, Abfragen differierender, gegensätzlicher Positionen, Einschieben eines einigermaßen neutralen Wissenschaftlers/Beobachters oder einer neutralen Wissenschaftlerin/Beobachterin, der oder die sich aus dem Tribunal mehr oder weniger heraushält, Nachschieben der Lieblingsfrage von Anne Will, die sich dem journalistischen Beobachter zuwandte: Stimmt das? Die TV-Staatsanwältin bemühte einen TV-Gutachter/Schiedsrichter.

Das Tribunal lief auf Hochtouren, die Gesprächskalberei kam in Fahrt, mehrere sprachen durcheinander, die Leute am Mischpult und in der Regie schlugen sicherlich die Hände überm Kopf zusammen, Anne Will rief zur Ordnung - nur eins übersah/überhörte sie: Armin Laschet, wendig wie ein Tischtennisspieler, der jeden Ball retourniert, verwechselte die Legislaturperiode mit der Wahlperiode... Diese Fehlleistung fiel Anne Will nicht auf, den anderen auch nicht. Der Regie offenbar auch nicht; sie ließ Anne Will allein. Armin Laschet sprach mehrfach von der Wahlperiode - ich habe mich nur gewundert und nicht mitgezählt. Die Wahlperiode, die Wahlperiode, die Wahlperiode: was wollte der Ministerpräsident uns unfreiwillig mitteilen? Offenbar fühlte er sich bedroht; er sah das Unheil, kann man vermuten, heraufziehen:...was wird aus mir? Was wird aus der Union? Diese Frage stellte sich ja Angela Merkel regelmäßig. Von ihr stammt ihr einziger - beschränkt wie meine Beobachtung ist - wahrer Satz: Es ist immer Wahlkampf. Armin Laschets Besorgnis und Aufgeregtheit sind, je nach Standpunkt, ein gutes oder schlechtes Zeichen.  Beide, Angela Merkel und Armin Laschet, haben jedenfalls etwas gründlich missverstanden. Und warum intervenierte Anne Will nicht? Schwer zu sagen. Die verpasste Gelegenheit des Abends.


(Überarbeitung: 7.12.2019)


Dienstag, 26. November 2019

Wie ein massiver Betrug kleingeredet wird - Journalismus-Lektüre (Beobachtung der Beobachter: 94)

Der massive, strafrechtlich relevante Betrug der VW ist noch nicht geklärt, aber die bisher angefallenen Kosten sind bekannt: ungefähr dreißig Milliarden Euro. Das ist nicht so viel, aber auch nicht wenig. Was haben die VW-Leute eigentlich unternommen, diesen Betrag einzusparen, indem sie vor ihrem Betrug eine buchstäblich saubere Lösung gefunden hätten? Mit anderen Worten: Wieso, muss man vermuten, wurde niemand von den VW-Leuten gehört, der oder die darauf hinwies, dass der geplante Betrug enorm teuer werden würde? Wieso nicht?

Das ist die tabuisierte Frage. Sie darf nicht gestellt werden, weil sie die Wolfsburger Kultur der Korruption berührt. Die Journalistin Corinna Budras und der Journalist Holger Appel umgehen sie in ihrem Text (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.11.2019, S. 26) mit dem schönen Titel: "Der Teufel steckt im Tank".

Nein, er steckt in Wolfsburg.

Corinna Budras und Holger Appel erläutern ihren Titel: "Die Ermittlungen im Diesel-Skandal zeigen, auf welch windige Ideen VW-Ingenieure kamen, weil sie am Ad-Blue-Tank sparen wollten". Hat denn keiner der VW-Leute eingewandt, dass die Ingenieure am falschen Ende sparen würden, wollten sie das Additiv zur Reduktion des Stickstoffs und damit den dafür notwendigen Tank einsparen?  Nein, sagen Corinna Budras und Holger Appel, sie waren so verbohrt. Ja, aber wieso?

Die VW-Leute wollten ihren Kunden ersparen, regelmäßig das Additiv nachfüllen zu müssen. Autofahren muss bequem sein. Dafür riskierten die VW-Leute Milliarden Euro. Dieses Argument präsentieren Corinna Budras und Holger Appel als Erklärung für den schweren Betrug. Dieses Argument dient der Verteidigung, dem Gericht die Harmlosigkeit des Betrugs - alles nur gut gemeint im Dienste des Kunden -  zu verkaufen. Was schreiben Corinna Budras und Holger Appel?

Ich nehme ihren ersten und ihren letzten Satz:
"Der Ursprung eines großen Übels ist manchmal ganz erstaunlich banal".
"Hätte man nur dem Harnstoff seinen Platz gegeben". Der Platz wäre ein Tank gewesen.

Wie sieht der Teufel in Wolfsburg aus? Einmal dürfen Sie raten. Einen Tipp gebe ich: Erinnern Sie die Nürnberger Prozesse. 

Journalistische Verachtung und journalistischer Klatsch - Zeitungslektüre 93 (Beobachtung der Beobachter)

Die Ermittlungen zur Frage der Amtsenthebung des U.S. Präsidenten laufen. Sie sind teils öffentlich, teils nicht öffentlich. Majid Sattar, Journalist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat sie neulich für die Sonntagsausgabe beschrieben (F.A.S. vom 24.11.2019, S. 7). Der Titel seines Textes: "Der Fürst und der Ringer". Der Untertitel: "In den Anhörungen gegen Donald Trump wird mit harten Bandagen gekämpft. Ein Demokrat und ein Republikaner prügeln sich für ihre Parteien".

Prügeln sich Adam Schiff, der Kongreßabgeordnete der demokratischen Partei, und Jim Jordan, der Kongreßabgeordnete der republikanischen Partei? Sich zu prügeln ist die Beschreibung aus der Position dessen, der distanziert auf das kindliche oder jugendliche Entwicklungsniveau herabschaut - ob sich dieser Erwachsene auch amüsiert?

Was sagt Majid Sattar über Adam Schiff?

"Er zelebriert seine Rolle. Die Geschäftsordnung weist dem Vorsitzenden eine mächtige Stellung zu. Die 'Ausschussfürsten', wie sie früher genannt wurden, dominieren das Verfahren". Irgendwie irgendwo hat Sattar den Fürsten aufgeschnappt.

Majid Sattar:

 "Als Schiff wieder einmal Jordan zurechtweist, klagt dieser: 'Sie können andere so oft unterbrechen, wie Sie wollen, aber wir....' Er kommt gar nicht dazu, den Satz zu beenden, da Schiff wieder zum Hammer greift. Handwerklich reicht dem Demokraten keiner das Wasser. Kühl steuert der 59 Jahre alte frühere Staatsanwalt die Ermittlungen".

Halten wir fest: kühl führt Adam Schiff den Vorsitz. Was sagt Majid Sattar noch?

"Schiffs Stärke ist aber auch seine Schwäche. Mit stets zu weit geöffneten Augen liest er die Manuskripte ab, die seine Mitarbeiter für ihn verfasst haben. Alles an ihm wirkt einstudiert. Echte Emotionen zeigt er so gut wie nie".

Majid Sattar legt einen Maßstab für Verhalten zugrunde: zu weit geöffnete Augen, alles einstudiert, echte Emotionen so gut wie nie. Was meint er damit? Majid Sattar unterschätzt den strapaziösen Prozess der Ermittlungen. Kann er sich schlecht einfühlen in die Protagonisten? Offenbar. Er hält Adam Schiff für: überheblich. Dann beschreibt er seine Beobachtung vom vergangenen Donnerstag (21.11.2019): "Schiff setzt an zum Schlusswort. Sein Gesicht ist gerötet, die Stimme nicht mehr so fest wie an den Tagen zuvor". Was sagt ihm seine Beobachtung?

Nichts.



Dienstag, 19. November 2019

Ironie statt Klartext - Zeitungslektüre (92)

Seit einiger Zeit denke ich: man hört nichts mehr von unserem Verkehrsminister Andreas Scheuer. Seine Berater müssen ihm empfohlen haben, was die Berater des nordamerikanischen Präsidenten Donald John Trump ständig empfehlen: keep a low profile. Jetzt registriert Hendrik Wieduwilt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.11.2019, S. 8) des Verkehrsministers "Gelassenheit angesichts des ständigen Bebens in seiner Umgebung".

Gelassenheit. Das nenne ich die Ironie des journalistischen Beobachters, der sich über Andreas Scheuers Schmallippigkeit amüsiert und ihn aus sicherer Entfernung als "bebensicher und gelassen" bezeichnet. So tritt man jemandem unterm Tisch ans Bein. Das ist journalistisch - armselig.

Die Niederländer reduzieren ihre Tempo-Limits auf Autobahnen - Unerhörtes vom möglichen Umgang mit der Heiligen Kuh (91)

Die Niederländer planen, die gegenwärtigen Tempo-Limits auf ihren Autobahnen wieder (von 120 und 130 km/h) auf 100 km/h in der Zeit von 9.00 bis 19.00 Uhr zu reduzieren.  Ihre Begründung: zur Verringerung des CO2-Ausstosses. Die neue Regelung soll im Dezember 2019 eingeführt werden.

Was ist bei uns?
So weit ich sehe: abwartendes Schweigen. Was macht unsere Regierung? Schwer zu sagen. Wie war das noch mit der Dringlichkeit der Interventionen? Angela Merkel sprach neulich bei der Präsentation des ausgehandelten Pakets an Interventionen: vom Paradigmenwechsel. Womit sie sich in ihrer Wortwahl verhob und seitdem öffentlich verstummte. Wahrscheinlich hat sie das Buch Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen vom Erfinder des wissenschaftlichen Paradigmas, Thomas Samuel Kuhn, nie gelesen.

Dabei wäre ein Tempolimit bei uns hilfreich - es müsste allerdings  mehr eingreifen: 80 km/h  auf unseren Autobahnen wären nicht schlecht. Sie würden in mehreren Hinsichten (Verringerung  von Staus und schweren Unfällen, Beruhigung des Verkehrs) helfen - wie viel müsste man sehen. Dazu brauchten wir eine Regierung, die sich vor dem Aufschrei derer, die weiterhin so fahren möchten wie bisher, nicht fürchtet. Sie müsste sich auch der veröffentlichten Meinung entgegen stellen, die so daher kommt - ich zitiere  Holger Appel von der  Allgemeinen Frankfurter Sonntagszeitung (17.11.2019, S. 41):

"Die Rahmendaten stehen. Vom kommenden Jahr an dürfen Neuwagen im Durchschnitt nur noch 95 Gramm CO2 je Kilometer ausstoßen, das entspricht rund vier Liter Benzinverbrauch auf einhundert Kilometer. Bis zum Jahr 2030 muss dieser Wert um weitere 37,5 Prozent sinken. Wegen Anpassungsrechnungen lässt sich das Ziel noch nicht genau vorhersagen, die Industrie wird in Bereichen um 60 bis 70 Gramm landen müssen, also zwischen 2,5 und 3 Liter Benzinverbrauch. Das ist, nach allem, was die Ingenieure bislang wissen, nicht zu schaffen".

Das ist nicht zu schaffen - was wohl die Kanzlerin dazu sagen würde?

Wir fahren einen Mercecedes C Transporter mit einem 2 Liter Benzinmotor. Wenn er warm gefahren ist - nach 80 bis 100 Kilometern - , verbraucht er bei 1500 Umdrehungen (das sind 80 km/h) knapp fünf Liter. Der Wagen ist gute 1600 kg schwer. Ein 1000 kg schweres Fahrzeug sollte die 4 Liter bei 80 km/h gut erreichen können. Was die Ingenieure bislang nicht wissen - wissen sie  nicht, weil sie nicht zugeben dürfen, dass es geht. VW hatte schon einmal ein Drei-Liter-Auto als einen Marketing-Coup präsentiert, von dem die VW-Leute wahrscheinlich annahmen, dass er nie realisiert werden und sie nie in die Verlegenheit kommen würden, einen solchen Winzling zu bauen und zu verkaufen. Mit anderen Worten: die Möglichkeit, kleine Fahrzeuge zu bauen, wurde und wird nicht in Betracht gezogen. Das Geschäft soll mit großen Autos laufen. Der CO2 Ausstoß der stattlichen Limousinen soll mit den von Elektromotoren angetriebenen Fahzeugen verrechnet werden. Eine andere Politik lassen die Herren des automobilen Geschäfts nicht gelten. Anders rentiert  das Geschäft sich nicht.

Die  Dringlichkeit, sofort etwas zu tun für die Veränderung unserer Bewegungs- und Lebensformen - jeder Tag der Passivität ist ein verlorener Tag - , ist noch nicht verstanden worden. Wir haben auch keine Öffentlichkeit, die Tag für Tag nachhält, wo wir uns befinden im Prozess der Transformation der Mobilität und der Reduktion der Treibhausgase. Unsere niederländischen Nachbarn haben die Dringlichkeit des Handelns schon seit längerem gut verstanden. Die Herren der deutschen Autoindustrie pokern. Schummeln fällt auf und macht einen schlechten Eindruck, haben sie herausgefunden. Jetzt spielen sie in der Gegenwart die Karte der besorgten Treuherzigkeit. An der Zukunft ihrer Nachfahren sind sie weiterthin desinteressiert. Sie sind gut eingestimmt auf die zähe Verleugnung der Dringlichkeit.

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Neues von der Impeachment-Front

"Der amerikanische Außenminister Mike Pompeo", so die Frankfurter Allgemeine Zeitung auf ihrer Ersten Seite (9.10.2019), "hat am Samstag die Aussage eines ranghohen Diplomaten blockiert". Der
Diplomat heißt Gordon Sondland und ist U.S.-Botschafter bei der Europäischen Union; ihm wurde untersagt, mit den Repräsentanten des Kongresses, die die Eröffnung des Impeachment-Verfahrens prüfen, zu sprechen.

Was bedeutet das? Kann man von einer konstitutionellen Krise sprechen? Nein, sagt Amy Fiscus, die auf die Fragen der nationalen Sicherheit spezialisierte Redakteurin der New York Times, das wäre der Fall, würde die Trump-Regierung oder der Kongreß ein Urteil des Höchsten Gerichts ignorieren. Sie konstatiert eine Art Hin & Her politischer Rauferei. Allerdings sei ungewöhnlich, dass der Präsident generell einen all-out war erklärt hat gegenüber den Ermittlungsversuchen des Kongresses; üblich wäre der Widerspruch gegen die Untersuchung eines bestimmten Sachverhalts.


Was bedeutet es noch? Institutionalisierte politische Verfahren greifen nicht mehr richtig - wenn wir davon ausgehen, dass die U.S.-Regierung es auf weitere Klärungs-Verfahren vor dem Höchsten Gericht ankommen lässt: der demokratische Konsensus, die Streitfragen gemeinsam in den dafür etablierten Foren aushandeln zu können, zerfranst. Das war bei uns so, als das Europäische Gericht die ledige, verfahrene Maut-Frage klären musste. Das war in Großbritannien so, als das höchste schottische Gericht und das höchste englische Gericht die Frage der Beurlaubung des Parlaments klären mussten. Das ist jetzt in den U.S.A. so, seit der amtierende Präsident die Grenzen seiner Macht auszureizen begonnen hat.

Was sagt uns das?
Zerstrittene Eltern können, wenn sie sich an die Pflichten ihres Amtes erinnern oder sich erinnern lassen und wenn sie vernünftig sind, sich beraten lassen. Unvernünftige Eltern sind verbohrt. Das Sorgerecht ist bei ihnen in den falschen Händen. Deren Kinder müssen später einen Preis zahlen. Unvernünftige Politiker sind ebenfalls verbohrt. Sie verletzen ihren Amtseid.  Deren Wählerinnen und Wähler müssen später einen Preis zahlen. Politiker können....ja, was?....aus dem Amt befördert werden, wenn die Gruppe der vernünftigen Politiker groß genug ist, um die demokratischen Verfahren in Bewegung zu setzen. Und wenn nicht? Dann sind wir dran. Zum Glück sind von der Woche noch sechs Tage frei. Und für die nordamerikanische Wählerschaft gibt es demnächst Neuwahlen.

Montag, 7. Oktober 2019

Wann rastet Donald John aus?

Bald, sagt Majid Sattar in der Überschrift seines Berichts mit der schiefen Metapher Die Nerven des Präsidenten liegen blank (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.10.2019, S. 2, Nr. 232). In unserem Sprachgebrauch kündigen die blanken Nerven eine Überlastung der regulierenden Funktionen und einen Kontrollverlust an.

Schön wär's ja, dann würden die in unserer Öffentlichkeit kursierenden Fantasien und Hoffnungen auf eine Amtsverkürzung des U.S.-Präsidenten sich endlich einstellen und das Warten auf das impeachment-Verfahren hätte ein zügiges Ende. Leider hat Majid Sattar keinen persönlichen Kontakt zu dem Präsidenten und kann dessen Verfassung beobachten. Sein Befund der Überlastung ist erschlossen. Susan B. Glasser von der Zeitschrift The New Yorker (3.10.2019, online) bezieht sich auf eine empirische Basis: die Frequenz der Twitter-Aktivitäten des U.S.-Präsidenten - so hoch wie nie zuvor: im August dieses Jahres 690 und im September dieses Jahres 801 tweets. Seitdem der Bericht des special counsel Robert Mueller  im Frühjahr veröffentlicht wurde, mischte sich Donald John Trump mehr & mehr ein. Jetzt nannte er den (konservativen) Senator Mitt Romney: a pompous ass. Gutes Zeichen? Schlechtes Zeichen? Die Amplitude seines Wütens hat zugenommen. Sie wird weiter zunehmen. Donald John Trump wird nicht nachgeben.

Was soll man mit denjenigen tun, die demokratische Umgangsformen ausreizen und zu zerstören drohen? - Zeitungs-Lektüre 91

Ausschließen, sagt Jasper von Altenbockum in der Frakfurter Allgemeinen Zeitung (vom 2.10.2019, S. 1, Nr. 229): "Es kann kein Zweifel geben, dass es Demokratie- und Parteiverächter gibt, die unbelehrbar sind und deshalb ihrerseits zu ächten sind". Ein naiver, Demokratie-unfreundlicher Vorschlag. Wie soll das gehen? Indem ihnen die Staatsbürgerschaft oder das Recht zu wählen aberkannt wird? Wie das? Und dann?

Jonathan Freedland empfahl in The Guardian neulich (27.9.2010; 18.38  BST): Raufen und sich schmutzig machen. "In Britain and America, the lesson is clear. Fighting populists might be like wrestling with a pig - you both get dirty, but the pig likes it - and yet it has to be done. The alternative is to see our democratic way of life snuffed out while we watch and wait and do nothing". Like wrestling with a pig ist als robuste Metapher gemeint. Wie man mit einem Schwein ringt, lässt Jonathan Freedland offen. Es ist sicherlich schwer zu packen. Aber Schmutzigwerden ist nicht zu vermeiden. Ein vorwurfsvoller Blick der glühenden Verachtung ist zu wenig. An die Tischmanieren zu erinnern hilft auch nicht.   

Die nordamerikanischen Demokraten haben mit dem Beginn der Untersuchung, ob das Verfahren des impeachment eingeleitet werden kann, zu einem drastischen Mittel, das unschöne, schmutzige Reinigungsspuren hinterlassen wird, gegriffen. Donald John Trump wird jedes Mittel, das sein Amt und seine Leute ihm zur Verfügung stellen, ergreifen. Die Frage wird sein, wie weit seine Leute bereit sind, ihn zu schützen in seiner Perversion des Amtes, und wie weit die demoskopisch erfasste öffentliche Meinung das impeachment-Verfahren favorisiert. Die gewählten Repräsentanten der Alternative für Deutschland sind keine Mitglieder der Bundesregierung. Aber man sie kann doch messen an der Qualität ihrer parlamentarischen Arbeit. Das Versprechen einer kritischen Opposition - wir werden Sie jagen - haben sie meines Wissens bislang nicht eingelöst; ihre parlamentarische Anwesenheit, habe ich aufgeschnappt, lässt zu wünschen übrig. Damit könnte man doch schon einmal in den clinch gehen und Punkte im Nahkampf sammeln.    

Mittwoch, 18. September 2019

Künstliche Intelligenz: Bluff! Bluff! Bluff!

Das Vokabularium der Öffentlichen Diskussion wird leider nur sporadisch redigiert. Worte sind oft Ohrwürmer: klingen gut, täuschen ein Verständnis vor und verschmieren die Sachverhalte, die sie zu beschreiben vorgeben. Ein Beispiel ist der Klimaschutz, der es bis in eine Gesetzesvorlage geschafft hat. Künstliche Intelligenz ist ein anderes Wort, das mit dem Konzept der menschlichen Intelligenz Schindluder treibt. Ein Kleinkind kann für sein Spiel etwas erfinden. Eine Maschine kann das nicht: ihr muss alles gesagt werden, was sie machen soll, auch das, was sie mit dem Errechneten machen soll.  Jetzt sollen sie sogar lernen oder noch besser: tief lernen können. Vor ein paar Tagen habe ich diesen Satz aufgeschnappt:

"Cartica AI hingegen setzt auf Unsupervised Learning: Alogrithmen, die der Funktion des Gehirns nachempfunden sind" (Christian Müßgens: Conti kauft Künstliche Intelligenz für Roboterautos" in:
F.A.Z., 4.9.2019, S. 22, Nr. 205).

Die Formel der Funktion des Gehirns nachempfunden ist Bluff. Nachempfunden deutet eine Einschränkung der Menschen-Metapher an. Wie das Gehirn (auf neuronaler Basis) lernt, wissen wir nicht. Natürlich wissen wir, wie schnell Leute lernen, was sie lernen; wie sie ihr Gelerntes organisieren - Sinnloses ist äußerst schwer zu lernen; woran man interessiert ist, lernt man blitzschnell und jede Menge. Ivan Pavlow, Nobelpreisträger, der Erfinder des so genannten Konditionierens, das mehr eine Dressur und eine Quälerei als ein Lernvorgang ist - nachzulesen bei Erwin Straus' Vom Sinn der Sinne - , brauchte über 400 Versuche, bis einer seiner Hunde richtig - passend zu seinem Konzept des bedingten Reflexes -  den Speichel absonderte. So langsam lernt niemand. Bei diesem Tempo kämen wir mit unseren Entwicklungsaufgaben nicht durch.

Maschinen mit menschlichen Metaphern zu verlebendigen und zu propagieren, ist intellektuelle Schmuggelei und unredliche Aquisition von Forschungsgeldern.  Das Menschliche wird reduziert und verschwindet.  Der Mensch droht, wie eine Maschine gesehen zu werden. Er ist dann leicht zu reparieren.  

Donnerstag, 12. September 2019

Neues zum Fahrer-losen Autofahren: das Vergnügen an Schnapsideen - zur Heiligen Kuh (90)

Das Vergnügen an Schnapsideen ist weit verbreitet. Sie werden intensiv verfolgt, weil sie klotzige Geschäfte versprechen. Nehmen wir das Fahrer-lose Fahren. Milliarden werden in die Forschung gepumpt. Wieso? Das Geschäft muss gerettet werden: die Produktion und der Verkauf vieler Kutschen. Natürlich gibt es ein Argument der Beschwichtigung: ohne Kutscher fährt die Kutsche, weil die Kontrolle und die Steuerung riesige Rechner übernehmen, sicher, fehlerfrei und ohne Unfälle. Der hohe menschliche Preis erübrigt sich. Allerdings erst in Jahrzehnten; wenn die
Forschung einen Maschinen-Kutscher in die Kutsche setzen kann.

Wenn irgendwem etwas an der Reduktion der Unfälle und des vielen Leids gelegen wäre: könnte er sofort handeln und müsste nicht lange auf den Fortschritt der Forschung  warten. Der individuelle Autoverkehr müsste drastisch heruntergebremst, der öffentliche Verkehr gewaltig gefördert werden.  Das aber ist, wie unser jetziger Verkehrsminister neulich sagte, schwachsinnig. Unfallopfer müssen wir leider weiter in Kauf nehmen. Wo gehobelt wird, fallen eben Späne - und werden dann entweder auf dem Friedhof entsorgt oder im Krankenhaus aufgelesen.

Jetzt hören wir aber ganz schnell in ein Gespräch zwischen zwei Fachleuten hinein: Thomas Sedran, der Chef der VW-Nutzfahrzeuge, und Alexander Hitzinger, der Leiter des Zentrums für Fahrer-loses Autofahren, tauschen sich aus (F.A.Z., 5.9.2019, S. 22).

Alexander Hitzinger: "Wenn es (das Rechner-gesteuerte Auto) das nicht könnte, wäre es schlecht. Das autonome System muss schon antizipieren (kursiv von mir), was ein menschlicher Fahrer macht. Und es muss sich selbst sehr ähnlich verhalten, damit es sich nahtlos ins Verkehrsgefüge einpassen kann".

Frage: Was ist an Baustellen, wo sich so gut wie kein Autofahrer an die Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h hält?

Thomas Sedran: "Da sehen Sie, wie komplex das Thema ist. Dann wäre das Roboterauto ein rollendes Hindernis".

Ein Hindernis! Das Roboterauto kennt nicht die täglichen Fragen der wechselnden Regeltreue - sprich: Korruption.

Wie auch? Es ist eine Maschine, der Menschen per Programmierung gesagt haben, was es tun soll. Praktizierte Korruption ist schwer zu programmieren, zudem gesetzeswidrig.

Das Roboterauto kann auch nicht antizipieren. Alexander Hitzinger betreibt Begriffsschmuggelei. Die vermeintliche Vorausschau einer Maschine besteht im Verrechnen von vielen in einem ausgemessenen Umfeld geschehenen Verhaltensereignissen zu einer Bewegungsrichtung - salopp gesagt: vergangene Verhaltensweisen werden hochgerechnet zu einer (nahen) Zukunft. Wir aber haben den Eindruck einer antizipierten Handlung sofort - weil wir in der Lage sind, mit einer fremden Bewegung mitzugehen: uns in einer gemeinsamen Gegenwart zu bewegen. Die Maschine hinkt prinzipiell immer hinterher; nur die gewaltige Rechnergeschwindigkeit erlaubt ihre Annäherung an eine zukünftige Gegenwart. Was übrigends auch bedeutet: das Roboterauto wird nicht schnell fahren
können.

Was sagt uns das? Die beiden Herren haben  den Unterschied zwischen Mensch & Maschine noch nicht richtig begriffen. Aber vielleicht interessiert sie der Unterschied nicht: sie sind die schlichten Propagandisten ihres Geschäfts.   

Mittwoch, 11. September 2019

" I have no prejudices. I hate everybody".

"Ich habe keine Vorurteile. Ich hasse jeden", war der Text auf einem New Yorker T-Shirt in den 80er Jahren. Ich wollte es kaufen, um es auf meiner Arbeitsstelle zu tragen - traute mich aber nicht. Das Motto passt auf den Handlungsstil des U.S.-Präsidenten Donald Trump. Er ist eine ehrliche Haut: er tut alles für seinen Stolz. Wer ihm allzu sehr widerspricht, fliegt, weil er Andersartigkeit nicht erträgt und mit Anfällen von Rage reagiert. Das hat einen gewissen Charme für die öffentliche Diskussion, weil wir - wenn wir nicht sehr privilegiert sind - Andersartigkeit ertragen müssen und höchstens mit den Zähnen knirschen können. Die Ausnahme sind bei uns die gewählten Mitglieder unserer Parlamente jener Partei, deren Name schon eine Art Eigentor ist: Alternative für Deutschland, schließlich offeriert die Alternative die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten (in diesem Fall: wählen oder nicht wählen; aber das ist ja reichlich trivial)  - die haben schlechte Karten hinsichtlich der Wahrnehmung und des Verständnisses ihrer Andersartigkeit. Jetzt hat Donald Trump seinen Sicherheitsberater aus dessen Amt verwiesen: John Bolton, jenen Mann mit einem nicht so freundlichen Image, den die New York Times immerhin jetzt als voice of restraint bezeichnet hat. Restraint steht für: eine Haltung, sich zurückhalten zu können, wenn nötig. Der Sicherheitsgurt wird als restraint system bezeichnet. Donald Trump tut das nicht. Er liebt seine Unhöflichkeit. Er liebt seine Vernichtungsimpulse. Er folgt der Aufforderung missverstandener Psychotherapie: Lass es raus! Leider hat er offenbar einen Mitteilungszwang.

Heulen & Zähneklappern: viel Platz in Frankfurt auf der IAA für die Heilige Kuh (89)

Ich kenne keine Industrie, die so unverfroren, kindlich & grandios fantasiert wie die bundesdeutsche Automobilindustrie und deren Propagandisten. Letztes Beispiel: Porsches Taycan - die Limousine mit vier Türen und Elektroantrieb. "Porsche startet mit 761 PS ins Elektrozeitalter", titelte die F.A.Z. (5.9.2019, S. 26). Die heimliche oder nicht so heimliche Botschaft: Kein Grund zur Sorge. Wir bolzen weiter wie bisher. Was kostet die Welt. Was schert uns die Zukunft. Was irritiert uns die Klimakatastrophe. Porsche liefert die Protz-Position.

Holger Appel von der F.A.Z. (10.9.2019, S.1) rutscht auf seinem Schreibtischstuhl hin & her, die (vermuteten) Tränen (des Trotzes) in den Augen und stampft beim Tippen der Überschrift seines Textes mit den Füßen: "Jetzt erst recht zur IAA". Er schreibt:

"Jede Nation wäre stolz auf eine solche Industrie: Sie ist innovativ, gibt Millionen Menschen Arbeit, ihre Produkte sind die besten der Welt und überall begehrt. Doch Deutschland hat es geschafft, das Ansehen seiner Autobranche im eigenen Land an die Wand zu fahren. Amerika, China, Japan, ja sogar Frankreich schauen dem Treiben staunend zu und lachen sich ins Fäustchen".

Lesen Sie weiter. Das Schönste kommt noch.

"Die Selbstzerstörung hat ihren Kern im Diesel-Betrug von Volkswagen, damit aber nur noch wenig zu tun".

Betrüger verderben sich ihr Geschäft ein für alle mal. Das ist doch bekannt und weiß jeder, der oder die noch bei Trost ist. Der massive Betrug der VW-Leute, das ist die schlichte Wahrheit, war deren beste Lösung in ihrem Geschäft mit den gewaltigen Gewinn-Margen. Sie pfiffen auf Rechtsstaatlichkeit, Anstand, Gesundheit und Klimakatastrophe und auf ihre von ihnen abhängigen Leute und Kunden: wie gewöhnliche Kriminelle. Punkt zwei: das Tagtraum- und Fantasie-Konzept vom Auto als der individuellen Kutsche für alle Wege & alle Entfernungen läuft aus als nicht mehr zeitgemäß. Punkt drei: Die Autoindustrie hat diese Entwicklung mit allen PR-Kräften ignoriert und gegengehalten. Punkt vier:  Einige Konzerne (vor allem VW) versuchen, Fakten zu schaffen und unsere Regierungen zu erpressen, die Infrastruktur zu finanzieren, um weiterhin ihre Millionen Kutschen - modifiziert um einen von schweren Batterien gefütterten elektrischen Antrieb - ausstoßen zu können. Punkt fünf: Die einzelnen bundesdeutschen Konzerne sind enorm über den Antrieb zerstritten, wie sie dieses Konzept durchsetzen können. Punkt sechs: Die Milliarden-schweren Markt-Anstrengungen leben von der Annahme, dass die mit der ihnen anscheinend jetzt entgegenkommenden Klima-Katastrophe notwendigen und verbundenen Regulationen ihr Geschäft sichern mögen. Punkt sieben:  Die Automobilindustrie, grandios in der Verleugung unserer Zukunft, sich rechtzeitig um ein anderes Konzept der Mobilität zu kümmern und ihre buchstäblich wahnsinnigen Produktionszahlen zu reduzieren und andere Arbeitsplätze zu ermöglichen, schlittert. Deshalb: Heulen & Zähneklappern. 

(Überarbeitung: 10.11.2019)   

Mittwoch, 28. August 2019

Zum Wert von Umfragen: "Nur jeder vierte Manager denkt regelmäßig über Moral nach" - Lektüre des Journalismus 91

So stand es am 28.8.2019 in der F.A.Z. (S. 18, Nr. 199).  Na, das sind doch Sachen! Das Geschäft (das Interesse und die Politik einer Firma oder Organisation) dominiert die berufliche Praxis. Wer hätte das gedacht! Oder etwa nicht? Der Befund ist natürlich mehrdeutig. Drei Viertel der Manager müssen vielleicht gar nicht darüber nachdenken, weil sie sich bei ihren Entscheidungen im Einklang mit ihrer Moral oder der Moral ihrer Firma befinden. Bleibt nur die Frage: welche Moral?

545 Manager waren an der Umfrage beteiligt, "fast alle davon gehören zur oberen oder mittleren Führungsebene".

Das ist eine schlichte Mitteilung der Zeitung zur Stichprobe der Befragten. Ist der berufliche Spielraum der Befragten zu vergleichen? Nicht so wichtig. Denn es ging ums Nachdenken. Das Nachdenken impliziert einen Konflikt (zwischen Geschäftsinteresse und Gewissensinteresse). Wie sehen die Konflikte aus? Und wie wurde schließlich gehandelt/entschieden? Darüber wüsste ich auch gern etwas. Dann wüsste ich noch gern, wie die Befragten befragt wurden - mit ausgestanzten, mit halb offenen,  mit offenen Fragen oder mit gründlichen Interviews (zwei bis Stunden). Wird nicht mitgeteilt. Eine Umfrage ist eben eine Umfrage ist eine Umfrage.

Durchgeführt wurde die Umfrage im Auftrag der Wertekommission und der Technischen Universität München - wer immer da tätig war. Das Fazit der Studie wird so referiert:

"Die ethische Kultur zeigt in vielen Unternehmen Deutschlands Defizite".

Defizite. Ein freundliches, unscharfes Wort für Korruption oder Korrumpiertheit. Das ist nicht neu. Der Wolfsburger Konzern ist so eine Organisation mit Defiziten. Die Frage bleibt: wie sieht die berufliche Praxis aus und wo sind die ethischen Konflikte? Dann lässt sich vielleicht die Frage beantworten: wie weit verbreitet ist die berufliche Korrumpiertheit in welchen Kontexten der Entscheidungen? Und wie siehen sie dann aus? Das zu erwartende Spektrum an durchwachsenen Entscheidungen reicht doch wahrscheinlich von strafrechtlich relevanter bis nicht so relevanter Korruption, die im Rheinland als Klüngel - als Freundschaftsdienst - durchgeht.  Mit einer Umfrage - deren Autorinnen und Autoren sich offenbar um sozialwissenschaftliche Standards nicht scherten -  bekommt man das nicht raus. Sie dient der Beruhigung: alles nicht so schlimm; bei Rot ist jeder schon mal durchgefahren. 

(Überarbeitung: 30.8.2019)   

Nicht so Neues (leider!) von der Heiligen Kuh (88): ihre Propagandisten geben sich kleinlaut, bleiben aber treuherzig

"Bewusster Auto fahren" las ich neulich in der F.A.Z. (21.8.2019, S. 15, Nr. 193). Bewusster Auto fahren ist der Titel des Kommentars von Martin Gropp. Bewusster: kann man dieses Adjektiv
steigern? Kann man nicht. Der Komparativ gehört zur Rhetorik des Beschwichtigens. Das erinnert mich an die 50er Jahre, als die Zeitschrift Hör zu! in jedem Heft an die Umgangsform erinnerte:
Seit nett zueinander!

Martin Gropp sagt das so:

"Deshalb wird es am Ende darum gehen, bewusster Auto zu fahren. Wer künftig in einem Diesel-SUV mobil sein will, sollte das genauso frei entscheiden dürfen wie derjenige, der den Elektrokleinwagen wählt. Oder derjenige, der komplett auf ein Auto verzichtet. Doch egal, wie die einzelnen Entscheidungen auch ausfallen, alle drei  Gruppen sollten einbeziehen, was ihre jeweiligen Festlegungen für andere bedeuten. Das hilft".

Das hilft gar nicht. Und das Frei-Entscheiden ist Gerede. So frei sind wir nicht mehr. Das Autofahren muss sofort eingeschränkt werden. Die Frage ist, wie. Und in welchem Ausmaß von wem. Der öffentliche Verkehr kann den indivduellen Verkehr nicht ersetzen. Die einfachste Maßnahme ist:
das Tempo zu drosseln und damit den Ausstoß des Treibhausgases zu reduzieren. Radikale Geschwindigkeitsbeschränkungen - eine angesichts der Erd-Erhitzung homöopathische Dosierung -  kommen Martin Gropp nicht in den Sinn. Das Rationieren des Autofahrens wäre die nächste gravierende Dosierung. Auch darum werden wir nicht umhinkommen. In der Pariser Le Monde kann man heute (28.8.2019) etwas dazu lesen.  Mit dem Rationieren wären wir in der Nachkriegszeit - vor den 50er Jahren. Unfreie Fahrt für freie Bürger. Etwas  müssen das Tempo-Bolzen und der Macht-Auftritt mit dem vielen Blech ja kosten.

Freitag, 16. August 2019

Angst is Just Around the Corner - Lektüre des Journalismus 90

Heute Morgen (15.8.2019) las ich:

"Die deutsche Wirtschaft ist geschrumpft. Wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch in seiner
Schnellschätzung bekanntgab,  ist das Bruttoinlandsprodukt, also des Wertes aller hierzulande produzierten Waren und Dienstleistungen, saisonbereinigt um 0,1 Prozent geschrumpft. In den ersten drei Monaten dieses Jahres hatte die Wertschöpfung noch um 0,4 Prozent zugelegt" (F.A.Z. vom 15.8.2019, S 15, Nr. 188).

Drei Sätze und zweimal der Gebrauch des Verbums schrumpfen. Die Differenz beträgt ein halbes Prozent. Ist das Schrumpfen? Wann benutzt man das Verbum?  Der Blick in den Kluge - unser  etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache - lehrt: Schrumpfen hat mit verschrumpelt zu; es machte sich im 17. Jahrhundert breit und verdrängte schrimpfe und schrampf; 1532 verwandte Martin Luther noch verschrumpffen. Was sagt uns das? Schrumpfen mit seiner Wort-Bedeutung von verschrumpelt impliziert einen ziemlichen Alterungs- oder Verfallsprozess.  Eine Abweichung von einem zehntel Prozent ist dann doch kein Schrumpfen. Wobei aus dieser Meldung nicht hervorgeht, auf welchen Zeitraum sich die Verminderung von 0,1 Prozent bezieht. Das Wiesbadener Statistische Bundesamt benutzt übrigens in seiner Pressemitteilung die Formel: etwas abgeschwächt. 

Schwankungen sind bei den riesigen Wert-Mengen des Bruttoinlandsprodukts, da muss man kein Fachmann sein, zu erwarten. Was will uns dann die Redaktion der Zeitung für die klugen Köpfe mitteilen? Eine Stimmung - eine Sorge, eine Furcht, eine Angst. Das ist schlechte journalistische Politik. Die Redaktion müsste sagen, was sie meint. Orakeln ist nicht hilfreich.

P.S. Der Titel dieses Blogs ist geklaut. Love is just around the corner ist der 1934 publizierte Song
von Lewis E. Gensler (Komposition) und Leo Robin (Text).

Ungenauigkeit als journalistischer Trost: Lektüre des Journalismus (Beobachtung der Beobachter) 89

Kurzes Interview mit Michael Hüther, dem Direktor des Kölner Institutsder deutschen Wirtschaft, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.8.2019, S. 16, Nr. 187). Sein gravierendster Satz im Titel
verdichtet: "Wir brauchen einen 450 Milliarden Euro großen Deutschlandfond".

450 Milliarden Euro: wofür? Für "Verkehr, Breitband, Dekarbonisierung, Wohnen und Bildung". Die Reihenfolge dieser gesellschaftlichen Aufgaben ist aufschlussreich: zuerst der Verkehr (also die
Autoindustrie)  und zuletzt die Fähigkeit, sein Leben einigermaßen zufrieden zu leben (das Grundgefühls eigener Autonomie ist Luxus, kommt zuletzt). Was wünscht sich Michael Hüther? Einen "Bundesinfrastrukturplan". Wie wollen wir leben? Sagt er nicht, fragt der Journalist nicht (Alexander Armbruster). Versteht sich von selbst: so wie immer. Michael Hüthers  Rechnung wird nicht aufgehen: für die Revision unserer Lebensformen samt der Transformation unserer Energieversorgung brauchen wir mehr. Der dafür notwendige Ruck, den einer unserer früheren Bundespräsidenten vor vielen Jahren forderte und der bislang ausblieb, erfordert einen gewaltigen Kraftakt und wird enorm kostspielig. Dazu wurde Michael Hüther nicht befragt.

Eine bundesdeutsche psychosoziale Katastrophe

Hier ist die Nachricht, die die Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.8.2019, S. 18)
nicht auf die ihre erste Seite gebracht hat:

"Die Zahl der Schulabbrecher steigt" - und zwar: "Im Durchschnitt aller Bundesländer hat sich die
Schulabbrecherquote innerhalb eines Jahres von 5.7 auf 6.3 Prozent erhöht".

Ich wüsste gern die dazu gehörende absolute Zahl der Schülerinnen und Schüler - 6.3 Prozent unserer jungen Leute, die früh mit der Enttäuschung ihrer Lebenswünsche und Lebenspläne zurecht kommen müssen: sie werden später, das ist nicht schwer vorherzusagen, besondere Unterstützung, Betreuung und Förderung benötigen. Wer interessiert sich für sie?

Donnerstag, 4. Juli 2019

Neues von den Hütern der Heiligen Kuh: einer hat gedichtet, gewarnt und wurde nicht gehört (87)

Jetzt kann man das seit einiger Zeit in unserer Öffentichkeit kursierende, komplette Gedicht eines Audi-Mannes - oder war es eine Audi-Frau? - im Feuilleton-Teil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4.7.2019, S.9) nachlesen. Es soll aus dem Jahr 2004 stammen. Die Poetin oder der Poet hatte den Goetheschen Erlkönig als Vorlage genommen. Beschrieben werden die Nöte - die Gewissensbisse, die Schuldgefühle und Beunruhigungen - der Leute, die die betrügerische Software entwickelten, davon wussten und sich mit den befürchteten Folgen herumschlugen. Wie wir wissen, realisiert der durch die Nacht reitende Vater am Ende die Vergeblichkeit seiner Anstregung: sein Kind starb während des Ritts.

1. Das Gedicht belegt die seit 2015 begründete Vermutung heftiger Auseinandersetzungen im Konzern (s. meine auf das Eingeständnis des massiven Betrugs folgenden Blogs).
2. Eine Reihe von Leuten dürften vom Plan und von der Realisierung der massiven, strafrechtlich relevanten Betrugsabsicht gewusst haben.
3. Eine Reihe von Leuten schätzte die katastrophalen Folgen offenbar richtig ein.
4. Sie wurden systematisch bestritten und  vernebelt von den obersten Hütern der Unwahrheit, denen bis heute in unserer Öffentlichkeit der rote Teppich ausgerollt wird.
5. Das Gedicht belegt die Vermutung einer von den obersten Hütern der Unwahrheit zäh verteidigte Kultur der Korruption, der Arroganz, der Verachtung und der Dummheit.
6. Bleibt die Frage, ob und wie diese Leute sich einstellen können auf eine neue Realität anderer, reduzierter individueller Mobilität und und ob und wie sie sich verabschieden können von der imperialistischen, mit dem Konzept des (vermeintlich notwendigen) grandiosen Wachstums unterfütterten Fantasie der Produktion von Millionen einzelner Kutschen. Mit einem Wort: inwieweit können wir ihnen unsere Gegenwart anvertrauen?       

Freitag, 28. Juni 2019

Was ist ein "politischer Mord"?

Unsere öffentliche Diskussion hat sich schnell darauf verständigt, die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke als politischen Mord zu bezeichnen. So benutzt Reinhard Müller in seinem Kommentar Republik in Gefahr (F.A.Z. vom 27.6.2019, S. 1, Nr. 146) diese Formel vom politischen Mord.

Unser Strafgesetzbuch kennt nur den Mord. "Mörder ist", so führt der § 211 aus, "wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet". Wie passt das Adjektiv politisch dazu?

Gar nicht. Politisch ist, so die Etymologie des griechischen Wortes, auf die Bürgerschaft und Staatsverwaltung bezogen im Interesse einer konstruktiven Absicht. Die Destruktion ist nicht politisch. Deshalb ist die Formel vom (vermeintlich) politischen Mord ein Missverständnis. Ein Mord ist ein Angriff auf das Fundament der Verbote und auf die Vernunft des Gesetzes; er erschüttert die institutionelle Ordnung und stellt das Problem ihrer Re-Balancierung. Ein Mord ist ein Zivilisationsbruch. Wieso wird ihm das noble Adjektiv politisch angehängt?

Offenbar gibt es wie so oft ein enormes Bedürfnis nach rascher Beruhigung. Wir sind bei dem so schwer zu greifenden Grundgefühl bundesdeutscher Identität und der in unserer Öffentlichkeit ständig kursierenden, nagenden Frage: haben wir das, was wir bewältigt zu haben wähnen, bewältigt? Die grandiosen zwölf Jahre nationalsozialistischer Regierung waren die (sehr unterschiedlich geteilte) Zeit eines gewissen Vergnügens an der maßlosen Orgie der Destruktion. Sigmund Freuds Wort von der persistierenden Feindseligkeit gegenüber der Zivilisation sollten wir nicht vergessen. Sie bleibt anwesend - wie und in welchem Ausmaß ist meines Wissens für die Bundesrepublik nie gründlich exploriert worden. Beispielsweise sind Nationalsozialismus, Antisemitismus oder Rassismus Passpartout-Begriffe für divergierende Kontexte der Eigen- und Fremdpositionierung ohne einen einigermaßen geteilten Konsensus. Viel geht durcheinander.  Weggucken gilt nicht. Jene Drei-Personen-Gruppe, die auf einem mörderischen Raubzug war, mit dem schrägen Etikett Nationalsozialistischer Untergrund zu bezeichnen und in der öffentlichen Diskussion gewissermaßen negativ zu adeln, ist eine buchstäblich tolle Wort-Schöpfung und Beleg dafür, dass bislang seit der Gründung unserer Republik vor 70 Jahren nicht so viel verstanden wurde. Mit der Bezeichnung vom Untergrund ist beispielsweise die interne und die externe Beziehungsdynamik der Gruppe nicht verstanden; das Gerichtsverfahren konnte sie nicht aufklären - und hielt seltsamweise an der Bezeichnung fest. Die Waffen-Faszination mancher robust und mit viel Metall rasselnd sich präsentierenden Gruppierungen, die an die alten Zeit erinnern und sie versuchen aufleben zu lassen, muss verstanden werden. Ernsthafte, geduldige und aufwendige Forschung ist zu empfehlen.  Das Entsetzen, die Empörung und der Abscheu sind zu wenig. Die Grenze zur Strafbarkeit ziehen unsere Gesetze. Man muss sehen, was Stefan E. zu dem von ihm inzwischen zugestandenen Mord bewegte, wie er sozialisiert wurde und mit wem er welche Beziehungen pflegte.

(Überarbeitung: 2.7.2019)

Donnerstag, 27. Juni 2019

Andreas Scheuers Schnapsidee: Was nun?

Ab durch die Mitte. Genug ist genug. Ein Jahr im Amt, aber sechs Jahre beschäftigt mit der Verteidigung des Bier-seligen Dobrindt-Projekts der Reparatur eines Ressentiments, bei dem von Anfang an die Aussichtslosigkeit der Realisierung feststand - flankiert vom Versprechen unserer Kanzlerin (mit mir nicht) - , hat Andreas Scheuer genug herumgeministert. Seine einzige Aufgabe sollte nur noch darin bestehen, die Scherben aufzukehren.

Nun sind die Scherben ziemlich teuer. Die F.A.Z. vermeldet (26.6.2919, S. 15): "Maut-Debakel könnte eine halbe Milliarde kosten. Verkehrsminister Scheuer versucht, die Entschädigug zu mindern. Ende der Maut hat personelle Folgen", lauten die Überschriften. Das Maut-Debakel ist eine freundliche Wort-Schöpfung. Das Debakel kommt aus dem Französischen und bedeutet: plötzlicher Eisbruch. Wir benutzen das Wort für: eine schwere Niederlage. Hat Andreas Scheuer eine Niederlage erlitten? Nein, er hat sich verkalkuliert. Er ist mit der erpressten Zustimmung der Regierung und der verantwortlichen Fraktionen vor die Wand gelaufen. Die Schnapsidee ist doch tatsächlich eine Schnapsidee. Wer hätte das gedacht? Andreas-guck-in-die-Luft - nicht.

Bleibt meine Lieblingsfrage: was ist mit unserer Kanzlerin, die die Richtlinien der Politik bestimmt und dafür die Verantwortung trägt  (Artikel 65 unseres Grundgesetzes)?

In der Hitze der Yacht

 Es geht nichts über eine Zeitung, die einem beim Frühstück den Reichtum der Reichen serviert.

"Die Welt der großen Yachten", lese ich in der F.A.Z. im Buch Technik und Motor (25.6.2019, S. T 1), "und dabei sprechen wir von Bauten über 24 Meter Länge, ist eine Welt der Superlative. Rund 7000 Einheiten schwimmen davon auf den Weltmeeren beziehungsweise eher in den Marinas, mehr als 600 weitere befinden sich derzeit auf knapp 100 Werften im Bau". Soweit die ersten beiden Sätze.

Marcus Krall ist der Autor. Für das Wort Marinas musste ich das Internet befragen; es gehört zum englischen Sprachschatz und bedeutet: Yachthafen. Marcus Krall deutet an: die Riesen-Schiffe liegen vor allem (im Hafen); sie werden offenbar nicht so häufig bewegt. Wahrscheinlich dienen sie mehr dem Vorzeigen als dem Skippern. Das ist doch tröstlich.

Oder nicht?

Was soll dann dieser auf einer Druckseite ausgebreitete Text in der Zeitung für die klugen Köpfe? Der Reichtum des westlichen Welt, demokratisch legitimiert, darf bestaunt werden. Die Yacht ist das Gegen-Bild gegen die Dringlichkeit der drastischen Revision unserer expansiven Lebens-und Bewegungsformen und für die Einladung zum Unterhaken: Sicher, die Klimakatastrophe kommt, aber nicht heute; bis sie kommt, beruhigen wir uns mit dem Trost des Verschwendens. Bis sie kommt, bewegen wir uns weiter wie bisher. Und die Zeitung bewegt sich mit in der vertrauten Ambivalenz (ihrer Redaktionen) zwischen Alarmiertheit (mehr oder weniger), Schuld und Scham (mehr oder weniger) und der Selbstberuhigung der Leugnung und des Aufschiebens: Heute nicht, aber morgen; heute wird noch (verdruckst) mächtig konsumiert, morgen wird das reduziert.

Text-Wechsel zum Beleg meiner Vermutung.

In derselben Ausgabe vom 25.6.2019, geht Melanie Mühl am Beispiel der Familie Quaschning der Frage der Revision der Lebens- und Bewegungsformen nach (S. 9, Nr. 144; F.A.Z.).  Volker Quaschning ist, so der Text, "Ingenieurwissenschaftler und Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin". Die Familie hat ihre Lebensverhältnisse umgestellt: eigener Strombedarf, besonders isoliertes Haus, ausgefeilte Klimatechnik, keine expansiven Lebensbewegungen - sparsamer Autoverkehr mit einem Fahrzeug mit Hybrid-Technik, keine Flugreisen.

"Prioritäten muss man sich leisten können", bilanziert Melanie Mühl die Lebenshaltung und die Lebensform der Familie Quaschning. Die Quaschnings bewohnen ein eigenes Haus "am Rande von Berlin, in einer idyllischen Gegend mit sehr viel Wald, Seen, Vogelgezwitscher und sauberer Luft". "Ein quaschning-haftes Leben muss man sich leisten können", schreibt Melanie Mühl, "ist die Klimafrage also nicht in Wahrheit auch und vor allem eine soziale Frage?"

Nein. Die Klimafrage, so gestellt, verdreht treuherzig unsere Realität. Wir können uns unsere gegenwärtigen Lebensformen nicht mehr leisten. Sie sind die Folge der Ausbeutung unseres Planeten im Dienste des Geschäfts und des maßlosen Konsumierens. Wie wir die Folgen der sich ausbreitenden Klimakatastrophe mildern und Lebens-erträglich ausbalancieren können, ist die Frage. Die sich ausbreitende Klimakatastrophe stellt die Kultur der westlichen Fantasie-, Lebens- und Wirtschaftsformen auf den Prüfstand. Ihre radikale Inventur steht an. Die Quaschnings haben ihre Lebensformen und ihre Bewegungsformen revidiert. Das  kann jeder - auf eine den eigenen Lebensbedingungen angepasste, mögliche Weise. Man kann auch Lebenswünsche, Illusionen und Fantasien aussortieren. Melanie Mühl sagt, ohne es zu sagen: meine Zeitung kann das nicht; sie kann es sich nicht leisten; für unser Geschäft pampern wir unsere Leserschaft, von der wir vermuten, dass sie eingestimmt bleiben möchte auf die Einladungen zum Fantasieren vom grandiosen Konsumieren; die Yacht wird in Frankfurt am Main noch gebraucht.

(Überarbeitung: 28.6.2019)

   


  

Dienstag, 18. Juni 2019

Regierungs-Outscourcing: wie unsere Regierung eine Schnapsidee erledigen lässt - den Stuss mit der Maut

Jetzt hat der Europäische Gerichtshof entschieden: Die Pkw-Maut verstößt gegen EU-Recht.

Großzügig genommen, könnte man sagen: unsere Bundeskanzlerin hat Wort gehalten. Am 1.9.2013 hatte sie dem Kanzlerkandidaten Peter Steinbrück angekündigt und uns im TV-Studio versprochen: "Mit mir wird es eine Pkw-Maut nicht geben". Nur, dass sie ihr Versprechen nicht selbst durchgesetzt hat, sondern vom Europäischen Gerichtshof erledigen ließ. Das nahm zwar sechs Jahre, um die lästigen bayrischen Kollegen mit ihrer Schnapsidee der Gerechtigkeit auszubremsen und die Union zu erhalten, in Anspruch, hat aber den Vorteil, dass sie jetzt mit einer Geste der bedauernden Raute Alexander Dobrindt und seine Truppe trösten kann: Ich war ja nie dafür - bei dem angekündigten Protest der Niederländer und der Österreicher - , wollte das Vorhaben aber Euch zuliebe auch nicht stoppen.

Natürlich wird Angela Merkel darüber keine Auskunft geben. Wer wird denn so schlecht von einem denken. Sie wird die Entscheidung des Europäischen Gerichts natürlich hinnehmen und rührselig kommentieren  und das Maut-Projekt zügig ablegen und mit den ihr geneigten Kolleginnen und Kollegen in der sicheren Abgeschiedenheit kräftig durchatmen. Muss die C.S.U. eben sehen, wie sie ihre Wunde verbindet. Und wir können sehen, ob die Öffentlichkeit ihr gestattet, ihre Hände in politischer Unschuld zu waschen. Schließlich war das sechsjährige Taktieren und Hinhalten ganz schön teuer und hat viele Leute beschäftigt - dieser Blog, den Sie gerade lesen, ist mein vierter Text dazu. Und ob der Europäische Gerichtshof wirklich Angela Merkels Arbeit erledigen muss, muss man noch sehen. Hoffentlich stellt er eine Rechnung.

Neues von den betrügerischen Hütern der Heiligen Kuh aus Wolfsburg: was ist mit einer sie beratenden Anwaltskanzelei? (86)

"Der Abgas-Skandal kommt VW auch bei seinen Beratern teuer. 1,77 Millliarden Euro hat der Konzern bislang im Hinblick auf alle Märkte und Marken an Honoraren gezahlt, darunter an Hering Schupener, Deloitte und Kanzeleien wie Freshfields, Jones Day sowie Kirkland & Ellis", lautete die Meldung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung neulich (s. meinen  Blog Neues von den betrügerischen Hütern  vom 16.6.2019). Heute, am 17.6.2019,  ist dort zu lesen (S.21):

"In der strafrechtlichen Verfolgung der dubiosen Aktiengeschäfte um den Dividendenstichtag ('Cum-Ex') haben Ermittler der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt abermals die Kanzelei Freshfields Bruckhaus Deringer durchsucht".  

Freshfields ist die Kanzelei - das weiß ich seit gestern - , die VW juristisch berät. Das eine hat natürlich mit dem anderen nichts zu tun. Große Kanzeleien müssen leben. Außerdem wollen sie gut leben. Das wissen wir seit Tony Gilroys Filmarbeit Michael Clayton (Buch & Regie; U.S.A. 2007 ).

Weiter im Text der heutigen Zeitung:

"Ein Kanzleisprecher bestätigt die Razzia auf Anfrage der F.A.Z.: 'Die Durchsuchung bezog sich auf ein früheres Mandatsverhältnis unserer Kanzelei. Wir sind zuversichtlich, dass unsere Beratung rechtlich nicht zu beanstanden war'. Die Anwälte von Freshfields hatten seinerzeit einer Vielzahl von Banken mit Gutachten Rückendeckung für die Legalität der Aktiengeschäfte gegeben".

An der Legalität gibt offenbar mittlerweile legale Zweifel. Ermittlungsverfahren wegen schwerer Steuerhinterziehung laufen, Schadenersatzklagen sind eingereicht. Was man sagen kann: ein Betrug kommt - wie auch immer - selten allein.   

Montag, 17. Juni 2019

Noch einmal Harvard, Boston, U.S.A. : Gemerkels Echo

Angela Merkel hielt in Harvard, Boston, die alljährliche Rede zur Feier der akademischen Abschlüsse und zur Entlassung der Hochschulabsolventen (ins Berufsleben). Bei uns war sie verständlicherweise sehr beachtet worden; in den U.S.A. weniger (meine von drei Publikationen der Ostküste beeinflusste Wahrnehmung). Am 1.6.2019 veröffentlichte Edo Reents seinen kritischen Text Festgemauert in den Phrasen im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (S. 6, Nr. 126) -  während einige Seiten zuvor Majiid Sattar in derselben Ausgabe die Rede der Kanzlerin gelobt hatte. Es gab ein zweitägiges, kräftiges Echo der Leserschaft auf den Text von Edo Reents (am 4. und am 5.6.2019, jeweils S. 6); der Text von Majiid Sattar wurde dort nicht kommentiert. Edo Reents erhielt vier Zusprüche und 12 Verweise für seinen Text. Das Gemerkel war dieses Mal umstritten (s. meinen Blog Gemerkel 11 vom 31.5.2019).

Die Empörung über das Verdikt von Edo Reents -  Festgemauert in den Phrasen - ist bemerkenswert. Man kann die Empörung als den öffentlichen Versuch, die Kanzlerin in Schutz zu nehmen, verstehen: in ihrer (präsentierten oder inszenierten) Schlichtheit,  Rührseligkeit,  Mittelmäßigkeit und Unpersönlichkeit; ihr Ehrgeiz ist versteckt; was sie bewegt, ist nicht zu erkennen. In der Bundesrepublik der Nachkriegszeit geboren, in der Deutschen Demokratischen Republik aufgewachsen, in der vergrößerten Republik aufgestiegen, hätte sie viel von sich oder über sich zu sagen gehabt. In Harvard sprach sie von ihrem Wunsch nach Freiheit  - was immer sie damit verbindet an Lebenswünschen und Lebensmöglichkeiten, blieb unklar - und davon, dass sie abends, wenn sie in Berlin von ihrer Arbeitstelle nach Hause auf die ost-westdeutsche Betongrenze zuging, mit ihrer Unfreiheit haderte, um dann in ihre Wohnung abzubiegen. Das war's.

Das war zu wenig für eine öffentliche Rede zu einer akademischen Auszeichnung. Verglichen  - beispielsweise - mit der Rede von Joanne Kathleen Rowling, die sie 2008 in Harvard hielt und an der sie mehrere Monate gearbeitet hatte, ist Angela Merkels Text blamabel; in wenigen Stunden - oder waren es in Minuten? - verfasst (ich lege meine Erfahrungen beim Abfassen von Reden zu grunde), ohne Schwung und Pfiff, monoton vorgetragen und von der  Übersetzerin interpunktiert, desinteressiert, ihre Zuhörerschaft zu erreichen, langweilte sie so ähnlich, wie sie in ihren TV-Ansprachen zum Jahreswechsel langweilte.

Was vermeidet sie zu sagen?
Etwas über sich zu sagen - über ihre Lebenswirklichkeit, ein äußerst schwieriges Amt zu führen, über ihre Lebenswünsche. Zumindest etwas - was sie persönlich werden lässt. Sich so zu verbergen, ist
verständlich, aber seltsam - und macht die Lähmung unserer Regierung verständlich. So kommt vielleicht der Schutzversuch  der (veröffentlichten) Leserschaft (16 Leserbriefe) der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dem Selbstschutz unserer Kanzlerin entgegen.



(Überarbeitung: 2.7.2019)

Der Klimaschutz. Der Klimaschutz?

Die Vokabel kursiert mit hohem Tempo in der öffentlichen Diskussion: der Klimaschutz. Wer sie benutzt, hat nicht verstanden, dass das Abstraktum Klima nicht zu schützen ist - höchstens kann man versuchen, die Folgen  der Aufheizung unseres Planten zu mildern. Wer die Volkabel Klimaschutz benutzt, tröstet sich mit der Illusion, es sei kurz vor Zwölf - dabei ist es schon später. Wer will, kann beim Gebrauch der Vokabel aufmerken und sich vom Ausmaß der Beschwichtigung ein Bild machen.

Der heutige Beleg aus der Werkstatt des Qualitätsjournalismus (17.6.2019, S. 15; F.A.Z.):
"Mindestens 100 Milliarden für den Klimaschutz", lautet der Titel des Textes; Untertitel: "Grüne schließen Steuererhöhungen oder neue Schulden für einen neuen Klimafonds nicht aus". Der erste Satz: "Die Grünen wollen einen dreistelligen Milliardenbetrag in die Hand nehmen, um das Klima
zu verbessern". Verbessern: wollen sie das? Im  Text ist von dieser Absicht nicht die Rede. Wohl von der Veränderung unserer Lebensbewegungen. So wird vernünftige Politik diskreditiert.

Neues von den Hütern der heiligen Kuh: sie will nicht so recht (85)

"Audi ruft rund 7000 Elektroautos zurück", berichtet die Frankfurter 
Allgemeine Zeitung am 12. 6.2019 (S. 20). Eine fehlerhafte Dichtung schützt die Lithium-Batterien nicht ausreichend vor Feuchtigkeit. Deren "hohe Energiedichte", so die Zeitung, lasse sie "empfindlich auf Hitze, Druck oder Überladung reagieren. Die Batteriehersteller weisen selbst auf dieses Risiko hin. Vor allem der amerikanische Elektro-Vorreiter Tesla ist immer wieder mit diesen Schwierigkeiten aufgefallen. Inzwischen sind gut ein Dutzend Fälle bekannt, in denen Tesla-Autos nach Unfällen oder beim Aufladen der Batterie in Flammen aufgingen".

Neulich warnte die Kölner Feuerwehr vor diesen Batterie-Bränden: sie seien enorm schwer zu löschen. Was sagt uns das? Die Wirklichkeit ist immer komplizierter. Der Fortschritt schreitet langsam. Die flotten Versprechen mancher Herren sind eben nur flott gesagt.

Neues von den betrügerischen Hütern der Heiligen Kuh aus Wolfsburg: die Kosten! die Kosten! (84)

"Hohe Kosten für Volkswagen" war die kleine Notiz der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.6.2019, S. 22, Nr. 137) am unteren Rand der Seite im Wirtschaftsteil überschrieben:

"Der Abgas-Skandal kommt VW auch bei seinen Beratern teuer. 1,77 Millliarden Euro hat der Konzern bislang im Hinblick auf alle Märkte und Marken an Honoraren gezahlt, darunter an Hering Schupener, Deloitte und Kanzeleien wie Freshfields, Jones Day sowie Kirkland & Ellis. Das bestätigte ein Konzernsprecher. Zunächst hatte das Handelsblatt über die Kosten der Aufarbeitung der Diesel-Affäre berichtet".

So  teuer kommt (bislang) die Aufarbeitung des Skandals oder der Affäre. Der Satz ist eine F.A.Z.-Beschwichtigung. So teuer kommt Betrügern ein strafrechtlich relevanter Betrug. Viel Geld für die massive (juristische) Verschanzung und für die fortgesetzte (strafrechtlich nicht relevante) Betrügerei gebrochener Versprechen zügiger Aufklärung. Was wurde bislang in Wolfsburg aufgearbeitet?

Wenig.

Was folgt?
Ein langer Rechtsstreit. Das Oberlandesgericht Koblenz gab neulich einem Kläger recht und verurteilte VW zur Entschädigung von fast 26.000 Euro (Quelle: F.A.Z. vom 13.6.2019, S. 18, Nr. 135). Dies ist das vierte Urteil eines Oberlandesgerichts zugunsten eines Käufers oder einer Käuferin. Dagegen existieren 25 Urteile von Oberlandesgerichten zugunsten des VW-Konzerns oder von VW-Händlern. Ein definitives Urteil des Bundesgerichtshofes dazu steht noch aus.

Wie hoch sind die Kosten dieser Verfahren? Wer zahlt sie?   

Donnerstag, 13. Juni 2019

Was ist mit der S.P.D.? Stunk in der Bude. Panisches Fantasieren

Die Partei- und Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles hat ihre Ämter aufgegeben. Sie hat, wie wir das aus dem Alltag kennen, die Tür hinter sich krachend zugeschlagen und damit ihre Überlastung (wie auch immer) kommuniziert. Öffentlicher Riesen-Aufschrei: Das haben wir so nicht gewollt. Was dann? Öffentliche Heuchelei angesichts des Vergnügens am Holzhacken.  Das Ergebnis der Europawahl war mager; in Bremen verlor die S.P.D. ihre Mehrheit. In der A.R.D.-Umfrage, in den Tagesthemen präsentiert (am 5.6.), war die Prozentquote der Zustimmung für die S.P.D. einstellig; für die Union kaum besser. Die Redaktion der Tagesthemen spielt gern das Spiel: Was wäre, wenn am Sonntag gewählt würde? Für die Beantwortung der Frage werden ein paar Demoskopen gut bezahlt, die das politische Geschäft des Quälens & Fantasierens unterfüttern, das dann mit der abwinkenden Handbewegung beschwichtigt wird: Nur ein Stimmungsbild - keine Prognose! Anschließend wird das Stimmungsbild zur Wirklichkeit, wenn die verantwortlichen  Politikerinnen und Politiker gefragt werden: Wie sehen Sie das?

Die geben dann brav Auskunft und raufen sich die Haare. Müssen sie das? Nein. Keiner sagt: Seit wann wird mit demoskopischen Umfragen Politik gemacht? Keiner sagt: Was soll der Scheiß' mit Stimmungsbildern zwischen den Wahlen? Herbert Wehner hätte das damals - in den 60er oder 70er Jahren - vielleicht so gesagt. Der ließ sich ungern bedrängen und ließ die Bedränger auflaufen. Das war manchmal ziemlich rüde und traf den Falschen. Manchmal traf er auch den eigenen Mann. Er verteidigte die S.P.D. mit allen seinen Mitteln. Er war unberechenbar. Nach den Bundestagswahlen 2017 gaben sich Martin Schulz und Andrea Nahles aufsässig und versprachen eine aggressive Opposition. Das war nicht gern gesehen. Heute kann man vielleicht sagen: Es wäre zu sehr um die Sache gegangen. Vermeiden, Leugnen & Aufschieben sind die beliebten politischen Mittel. Ungenauigkeit statt Genauigkeit, Klatsch & Tratsch statt Streit. Umarmen statt Sich-Differenzieren. Sich-Unterwerfen statt Protestieren. Mitspielen statt Ausscheren. 

Jetzt haben wir den Salat. 1967 fragte Karl Jaspers mit seinem Buch Wohin treibt die Bundesrepublik? Es gab einen mächtigen Aufschrei. Ja, wohin treibt sie heute? Wir haben eine gelähmte Regierung. Deren (gegenwärtiges wie künftiges) Personal ist dem öffentlichen Spott preisgegeben. Das ist unterhaltsam, lenkt aber ab. Und gleichzeitig  fantasieren wir öffentlich eine andere (neue) Regierung. Deren (mögliches) Personal wird mächtig idolisiert. Das ist unterhaltsam, vertröstet aber auf irgendeinen fernen Zeitpunkt. Wann hört das auf?
 

Freitag, 31. Mai 2019

Gemerkel 11: Unsere Bundeskanzlerin hielt in Harvard, Boston, U.S.A., eine Rede

Es war eine vertraute Rede unserer Kanzlerin:  rührselig, ungenau und indirekt adressiert. Sie begann mit Hermann Hesses Wort vom Anfang, der einen Zauber hat - sinngemäß zitiert; Hermann Hesses Wort war zugleich die durchlaufende Metapher und das Leitmotiv ihrer Rede. Den Zauber habe ich noch nie erlebt; ich habe ihn bislang als eine schlechte Beschreibung für eine schwierige Lebenssituation des Übergangs gehalten; ob ein Übergang sich als ein Anfang erweist, stellt sich vielleicht erst im Hinterher heraus. Mit einem Wort: Angela Merkels Rede ist nicht aus der Perspektive einer Frau gehalten, die ein enorm schwieriges Amt ausübt.

Drei Belege.

1. Angela Merkel empfahl, sich bei Entscheidungen die folgende Frage vorzulegen:  tue ich etwas, weil ich es für richtig halte, oder tue ich etwas, weil ich es für möglich halte? Das ist das Tagesgeschäft einer Politikerin, die abzuwägen versucht, was vernünftig ist und was sie glaubt,  den Repräsentanten ihrer Partei und/oder ihrer Wählerschaft zumuten zu können. Über diesen täglichen Konflikt im politischen Alltag, für den seit Bill Clintons Zeiten mehr und mehr demoskopische Studien in Auftrag gegeben und zu Rate gezogen werden, sagte sie kein Wort darüber, wie sie ihn von Fall zu Fall löst oder nicht löst.

2. Angela Merkel (Jahrgang 1954) gab ihr Versprechen, dass sie sich mit ganzer Kraft (ihre Worte) für die Klimaneutralität im Jahr 2050  einsetzen (ihr Wort) will. Sie kann sich in ihrem Amt nur noch bis 2021 mit ganzer Kraft einsetzen. Was kommt danach? Was will sie dann tun? Sie wurde in Hamburg am 17. Juli 1954 geboren - 13 Tage nach unserem heimlichen Nationalfeiertag (unserem eigenen Independence Day), dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft im Schweizerischen Bern -,  2050 wäre sie 96 Jahre alt. Ihr Versprechen trägt nicht weit.

3. Den gegenwärtigen U.S.-Präsidenten erwähnte sie mit keinem Wort. Aber im Subtext ihrer Rede war er adressiert. In ihrem Text beschrieb sie die Notwendigkeit einer fairen, abgestimmten, gemeinsamen Politik der Redlichkeit - und verwarf eine Politik, die Wahrheiten Lügen und Lügen Wahrheiten nennt.

Das war indirekt, aber deutlich. Das war nicht falsch und klang gut. Aber sie sparte ihr Problem aus, wie sie mit Donald Trump gemeinsame, vernünftige Politik zu machen versucht. Sie rechnete für ihren Gratismut mit dem Einverständnis ihrer akademischen Zuhörerschaft, aber sie schloss die nicht einverstandenen, abwesenden Bürgerinnen und Bürger der Vereinigten Staaten aus. War das taktvoll und angemessen?  Sie verletzte das von ihr so propagierte Ideal der Gemeinsamkeit. Wie so oft löste sie mit ihrer Praxis des Handelns ihre Praxis der  Beschwichtigungsformeln nicht ein.

Was mir noch auffiel.
Angela Merkel beendete ihre Rede mit der caesarischen Geste des vielfachen Winkens in das Publikum - als hätte sie eine Wahlkampfrede gehalten, für die sie den Beifall der Zustimmung kassierte. Hatte sie da nicht etwas verwechselt?

Mittwoch, 29. Mai 2019

Ein junger Mann mischt auf: Rezo

Man muss die jungen Leute umarmen: Endlich!, endlich!, endlich! wird ein neuer Ton angeschlagen.
Fröhlich und polemisch rempelt er unsere Regierung an: Es geht zu langsam!, ruft er in die Kamera. Was folgt? Ein Aufschrei. Zu viele Widerworte! Zu ungenau! Zu viel eigenes Geschäft! Zu viel Parteinahme - und das vor einer Parteien -Wahl! Was folgt noch? Wir brauchen Regeln! Oder Regulierungen! Nein, nur Regeln!

Jetzt hat sich die Vorsitzende der christdemokratischen Union verheddert: Freie Meinungsäußerung schon, aber richtig - in unserem Sinne. So ungefähr. Annegret Kramp-Karrenbauer, die im Karneval als Toilettenfrau auftrat und ihre Verachtung dieser Arbeit präsentierte und ihr Unverständnis sexueller Identitäten zum besten gab, folgte einem Motto meiner Großmutter: Jeder blamiert sich, so gut er kann. 

So gut hätte sie sich nicht blamieren müssen.
 

VW und sein Batterielieferant Samsung

Samsung, entnehme ich (28.4.2019, S. 21) der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - "VW hadert mit Batterielieferant Samsung" - ,  sollte für 200.00 Autos Batterien liefern; jetzt bringt Samsung nur ein Viertel für VW auf.  Was nun? "Um mittelfristig nicht von den asiatischen Zuliefern für Batteriezellen abhängig zu werden, die derzeit den Markt beherrschen, plant VW den Bau eigener Batteriefabriken in Deutschland", so die Zeitung. Schön und gut. "VW strebt an, bis 2025 global führend in der Elektromobilität zu werden", reportiert die Zeitung ohne Wimpern-Zucken. Hatten wir das nicht neulich - vor ein paar Jahren, als Martin Winterkorn sich in die Brust warf und versprach, mit einer Jahresproduktion von 10 Millionen Fahrzeugen größter Hersteller zu werden (s. meinen Blog vom 19.3.2015: Vertrautes von der Heiligen Kuh)?

Es hat sich wenig verändert: noch immer deutsche, dieses Mal allerdings panische Großmannssucht, noch immer der Tanz um das Kalb des gewaltigen Wachstums, noch immer die Fantasie, Millionen individueller mobiler Einheiten auf den Markt zu werfen ... alter Wein in neuen Schläuchen, sagt man dafür. Jetzt sind es: Batterien. Es sind noch sechs Jahre bis 2025. Wie soll das gehen? Wahrscheinlich weiß das in Wolfsburg niemand. Das sagt natürlich niemand. Aber der VW-Chef verspricht: Wird schon. Er hat einen Riesen-Scheck auf die Zukunft ausgestellt. Und wenn es nicht wird? Ist Herbert Diess in Pension gegangen, Angela Merkel nicht mehr im Amt. Wer bezahlt dann das teure Versprechen? Einmal dürfen Sie raten.

Don't jump a queue! Lektüre eines Journalismus (88)

Der schlimmste Fehltritt im englischen Alltag ist (meiner Erfahrung nach): das soziale Gefüge der Wartenden zu missachten und sich in einer Schlange vorzudrängeln. Man wird sofort zurückgepfiffen. Demütiges Anstellen und Aushalten der letzten Position sind zu empfehlen. Gestern  (28.5.2019) las ich in der Zeitung für die vorsichtigen Köpfe (S. 15) diese Überschrift: "SPD prescht plötzlich mit Klimaschutzgesetz vor".

Das Verbum vorpreschen zu gebrauchen, ist ein journalistischer Kotau. Hier wird unserer Bundesumweltministerin Svenja Schulze (von der SPD) der Vorwurf gemacht, sich nicht an den Regierungskonsens des lähmenden, beschwichtigenden Ja-Aber derjenigen zu halten, die an der Spitze der Schlange stehen: die Truppe der Meisterin des Verschleppens - der Bundeskanzlerin. Die Zeit drängt. Wer bringt diese Truppe ans Laufen? Wer traut sich zu sagen, dass das so genannte Klimaschutzgesetz ein einlullender Euphemismus ist?

Zum Schützen ist es zu spät. Das hätte in den 70er Jahren geschehen müssen. Jetzt geht es nur um die Milderung der Folgen. Da kann man nicht genug vorpreschen. Das Tempo der Veränderung muss erhöht werden. Es geht um ein gründliches Nachdenken und Diskutieren einer zügigen Revision unserer Lebensformen. Unsere aufwendigen Bewegungsformen müssen drastisch reduziert werden.

Dafür vorzupreschen, kann man offenbar von der Zeitung für die nachsichtigen Köpfe schlecht erwarten: sie hängt fest im Geschäft der Propagierung aufwendiger Bewegungsformen - siehe die große Doppelseite der BMW-Werbung für den The 8 - ein Riesen-Cabriolet (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.5.2019, S. 6 + 7).  


Gemerkel 10: die Hinterlist des Beschwichtigens - "wir wollen pfleglich miteinander umgehen"

Brüssel, gestern am 28.5.2019: nach der Europawahl und vor der Wahl des Kommissionspräsidenten.

Unsere Bundeskanzlerin nach der Sitzung des Europäischen Rats, bei der es um die Verständigung der Regierungschefs auf die Kandidatin oder den Kandidaten für das Amt des Präsidenten ging, und vor den Mikrophonen der internationalen Presse: "Wir wollen pfleglich miteinander umgehen". Wie können wir diesen Satz verstehen? Hier der Vorschlag der Interpretation des Subtextes: Kein Streiten um meinen Kandidaten!

Wenn man den Streit verbietet, wird die Auseinandersetzung um den eigenen Wunsch oder die eigene Absicht verboten; er oder sie soll nicht diskutiert, sondern akzeptiert werden. Das nenne ich die Großmutter-Technik der beschwichtigenden Umarmung mit der Absicht der Unterdrückung jedweder Anstrengung zur Differenzierung. Pfleglich ist eine Variation des Alternativlos. Hoffentlich kommt Angela Merkel damit nicht durch.

(Überarbeitung am 30.5.2019)

Montag, 13. Mai 2019

Gute Nachrichten?

An den Überschriften in der F.A.Z. (13.5.2019, S. 21, Nr. 110) bleibe ich hängen: Der Kohlendioxid-Ausstoß in der EU sinkt weiter. CO2-Ziel 2020 schon erreicht. Rückstand bei den Erneuerbaren. Die Zahlen stammen, so die Zeitung, vom europäischen Statistikbüro Eurostat. Die Reduktionsleistungen sind in der EU allerdings unterschiedlich verteilt: in Irland, Bulgarien und Portugal wurde der Ausstoß vermindert (zwischen sieben bis neun Prozent), in anderen Staaten wie Lettland und die Bundesrepublik wurden Zuwächse registriert (8,5 und 5,4 Prozent).

Insgesamt wird notiert, "hat Deutschland im Vergleich zum Jahr der Wiedervereinigung schon mehr als 30 Prozent geschafft", den Ausstoß an Kohlendioxid zu verringern. Das ist, mit 1989 verglichen, beachtlich; auf den Kontext der dringenden, stetigen Reduktion bezogen, alarmierend. Die freundlichen Überschriften trüben den Blick. Die Nachricht, gründlich erläutert, gehört auf die erste Seite.  

Mittwoch, 8. Mai 2019

Anne Will im ARD-Studio am 5.Mai 2019: das Beispiel der Gegen-Aufklärung

Der vertraute Auftakt: die Kamera fliegt auf die Sitzgruppe und dann auf Anne Will zu. Sie spricht in die Kamera:

"Hallo und guten Abend. Willkommen bei uns. Ich freue mich sehr, dass alle da sind. Wir senden live aus Berlin und haben ein freundliches Publikum bei uns. Vielen Dank!"
(Ergiebiges Klatschen)
"Die Bundesregierung muss und will in Sachen Klimaschutz liefern. Bis spätestens Ende des Jahres soll es ein Klimaschutzgesetz geben und die heißt diskutierteste Streitfrage im Moment ist: Braucht es dazu auch eine CO2 Steuer? Und wenn ja, wer zahlt dann was für den Klimaschutz? Die SPD will die Steuer mehrheitlich, die Union eher nicht, aber der Vorsitzende der Juso hat schon gesagt: Wenn es bis Ende des Jahres kein gutes Klimaschutzgesetz gäbe, würde er die Koalition platzen lassen. Bei uns ist jener Vorsitzende der Jungsozialisten: Kevin Kühnert!".

1. Begrüßungsgerede. Gehen wir es durch. Der übliche Freundlichkeitsstuss. Hat Anne Will selbst eingeladen? Kennt sie wie eine Gastgeberin alle ihre Gäste? Nein. Das machen die Leute ihrer Firma. Freut sie sich sehr, dass alle da sind? Meine Großmutter sagte in solchen Fällen (vermuteter Unaufrichtigkeit): Wer's glaubt, wird selig. Anne Will muss eine Sendung vor einem Millionenpublikum stemmen. Da will sie es geneigt stimmen. Sie arbeitet mit der leeren Zugewandtheit der TV-Protagonisten, die so sprechen, als würden sie ihr Millionenpublikum sehen. Freundlichkeit mit einem schiefen Lächeln als Angst-Beruhigung.

2. Worte-Nebel. Konzepte-Nebel. Kann man das Klima schützen? Nein, das Klima ist ein Abstraktum - ein buchstäblich luftiges Gebilde wie andere Abstrakta wie die Natur, die Seele oder die Gesellschaft: man kann sie nicht greifen oder sehen - nur ihre Repräsentationen. Was sagt uns das? Der Klimaschutz ist ein Wort-Betrug: ein hohles Versprechen, ein falscher Trost, das Produkt unzureichenden Nachdenkens. Der Klima-Kontext ist enorm komplex, äußerst schwierig und nicht für jeden (alarmierend) einleuchtend. Aber wenn wir den Begründungen der Klimatologen zustimmen (weil wir sie für plausibel und alarmierend halten), dann hat die von uns (wie auch immer) in Gang gesetzte, (wie auch immer) tolerierte, weltweit betriebene Verbrennung fossiler Energiequellen unseren Planeten in einem lebensbedrohlichen Ausmaß erwärmt; ein dafür entscheidender Grund sind die bei der Verbrennung freigesetzten, in ihrer Wirkung so genannten Treibhausgase: die Kohlendioxide. Will man direkt (und das heißt: sofort)  gegen die Erwärmung intervenvieren, muss man sich des Ausstoßes an Kohlendioxiden annehmen.  Es geht also nur um die Frage: mit welchen Mitteln wird der Ausstoß von Kohlendioxiden auf ein unschädliches Maß runterreguliert?


3. Auffordern zum Raufen. Weder interessierte Anne Will (und ihre Mannschaft und wer sonst noch bei der Konzeption der Sendung mitwirkte) diese Frage, noch war sie überzeugt (abzulesen an der Art ihrer Gesprächsgestaltung) von der immensen Dringlichkeit, sie zügig zu beantworten und zügig zu handeln. Anne Will thematisierte in ihren einleitenden Worten nur das Mittel: CO2 Steuern. Steuern auf Heizöl, Sprit und Kerosin. Steuern als die einzige Form der Intervention. Sie verdrehte am vergangenen Sonntag die Frage nach den Mitteln der Intervention zu einer Frage des Aufheizens und Empörens: wer zahlt die Steuern? Wie beim Möbelrücken wurde das Problem (ein schwaches Wort) der aufziehenden klimatischen Katastrophe und ihrer immensen Folgekosten in einen affektiv aufgeladenen Kontext verschobenen, für den die Ärmel schnell aufgekrempelt werden können: über Steuern lässt sich herrlich aufregen. So fielen die Diskutanten übereinander her und sich ins Wort: Michael Kretschmer, Ministerpräsident von Sachsen, über Kevin Kühnert und Annalena Baerbock und vice versa; Maja Göpel, Nachhaltigskeitsforscherin (so das sie präsentierende Insert), ging mit ihrem Integrationsversuch unter, und Ioannis Sakkaros, Angestellter bei Porsche, mischte seine Diskussions-unwillige Skepsis in die Runde (Was soll das?).

Das Konzept der Steuern - gewissermaßen eine Variation der von der EU im Jahr 2005 ausgegebenen Emissionszertifikate (die für Industrien vorgeschriebene Rationierung der gestatteten Verbrennung fossiler Energiequellen) - ist naiv: als ob ein höherer Preis unsere Lebenswünsche und  Lebensbewegungen ausreichend begrenzen würde. Das Konzept der Emissonszertifikate ist gescheitert; der Handel mit ihnen hat den Ausstoß an Kohlendioxiden nicht nennenswert reduziert.  Nein, Interventionen des Verteuerns sind treuherzig und kontraproduktiv; im besten Fall erzwingen sie die Anpassung und Unterwerfung, ohne zu überzeugen. Benötigt wird eine relevante, schmerzhafte, grundsätzliche Veränderung unserer aufwendigen Lebensformen. Wir benötigen ein Konzept angemessener Lebenswünsche und Lebensbewegungen. Benötigt werden eine Ernüchterung und eine Revision der westlichen, demokratisch (vermeintlich) legitimierten, aristokratischen  Fantasien vom großzügigen, beweglichen Leben. Wir können es uns nicht mehr leisten.  Der von der Talkshow Anna Will inszenierte Diskussionszirkus betrieb die Gegen-Aufklärung: Das Haus brennt, aber im ersten Stock kann man noch eine Zigarette rauchen.


  


   

Donnerstag, 11. April 2019

Das Brexit-Konzert: Encore, Encore, Encore? Noch mal, noch mal, noch mal!

Jede Besucherin und jeder Besucher eines Konzerts weiß: die Zugaben am Ende sind begrenzt. Irgendwann sind die Künstlerinnen und Künstler erschöpft und müssen nach Hause. Nur das Brexit-Konzert findet kein Ende, weil die Künstlerinnen und Künstler sich nicht entscheiden können zwischen In & Out und offenbar über enome (unerschöpfliche) Reserven verfügen.  Vielleicht muss oder kann diese Frage gar nicht entschieden werden. Vielleicht bleiben die Engländer - die Schotten sind sich ja mehrheitlich einig, was sie wünschen -  weiterhin Mitglieder auf dem Sprung, was sie schon immer waren: einverstanden und nicht einverstanden; das full English Breakfast zählt eben mehr als das (schmale) Continental Breakfast. Was soll's? Geduld, Nachsicht und Großzügigkeit sind zu empfehlen: viele Beziehungen halten, weil die Partner sich ständig mit ihrer Trennung beschäftigen. Das ist belebend, mühselig, lästig und kränkend. That's life.

Wie wär's mit einer anderen Form von Mitgliedschaft? Es gibt die volle Mitgliedschaft und jede Menge relativierter Mitgliedschaften. Es ist die Frage, was wir wünschen. Die Frage ist offen: Wie wollen wir die EU gestalten? Vielleicht sind die Diskussion und die Klärung dieser Frage wichtiger als das Rätseln um die Vereinbarkeit von In & (not so) Out. Wir brauchen Zeit.

Gut, dass die Briten im Mai mitwählen müssen. Weitere Zugaben im Brexit-Konzert können erwartet werden.

(Nachtrag: 15.4.2019)  

Mittwoch, 10. April 2019

Gemerkel 9: spät kommt sie, aber sie kommt

Die Proteste der jungen Leute, freitags zur Zeit des Unterrichts, findet unsere Kanzlerin "gut": gut, dass Sie (oder sie) uns erinnern. Und ein "radikaler Wandel der Verkehrspolitik" müsse auch her, sagt sie. Reichlich spät. Trösten wir uns mit dem englischen Sprichwort: better late than never. Es ist das alte Muster: wenn es die Spatzen von den Dächern pfeifen, trällert Angela Merkel nach, verkündet den in den Tagesthemen zum Gemeinplatz gewordenen öffentlichen Konsensus wie selbstverständlich, als hätte sie es schon immer gesagt. Hat sie in ihrer Planlosigkeit nicht. Erstaunlich ist, dass sie mit dieser Taktik der Treuherzigkeit durchkommt.

Drittes Beispiel. 2016, als der britische Premier seine Idee der Aufkündigung der Mitgliedschaft in der EU zu realisieren gedachte, hatte offenbar niemand Angela Merkel gesagt, dass diese Idee eine
(schreckliche) Schnapsidee ist. Nach dem Referendum war sie die erste (meines Wissens), die die an die britische Regierung gerichtete Drohung aussprach und damit eine Handlungsanweisung angab: keine Rosinenpickerei...wenn schon, denn schon...wer nicht hören will, muss fühlen... bekannte deutsche Sozialisationstöne. Gestern empfing sie Theresa May mit offenen Armen -
sie wolle "alles tun", um einen Vertrags-losen Austritt zu verhindern: sagte sie vorgestern. Was tat sie in den letzten drei Jahren? Wann wird sie mit der schlingernden Politik ihrer Konzeptionslosigkeit konfrontiert?

The lastest News: We Call the Whole Thing off - sagt Theresa May

Sagt sie nicht. Leider. Sie könnte - mit einem Satz - die Idee der Aufgabe der Mitgliedschaft rückgängig machen. Der Europäische Gerichtshof hat ihr den Weg geebnet. Sie könnte sagen: Ich halte den plötzlichen Austritt für überstürzt, schädlich und unklug. Großbritannien bliebe Mitglied der EU. Sie könnte auch noch  - und Viele würden ihren Mut honorieren -  sagen: Der frühere Premier hat sich verkalkuliert; das Referendum ist nicht bindend.

Wahrscheinlich wird sie den Weg der Rückkehr nicht gehen.  Dabei spricht die Zerstrittenheit der britischen Parlamentarier doch eine eindeutige Sprache: wenn man nicht übereinkommt, eine Schnapsidee zu realisieren, gibt man die Schnapsidee auf. Wieso dürfen die Parlamentarier nicht nachgeben?



Greta Thunbergs Widerworte

Der Protest der jungen Leute, die wegen ihrer Überzeugung der Dringlichkeit des sofortigen Handelns angesichts der sich ausbreitenden Klima-Katastrophe freitags an ihrem Schulunterricht nicht teilnehmen, ist ein Segen. Der erste laute Aufschrei - abgesehen von den tapferen Klimatologen, die seit den 50er Jahren die aufkommende Katastrophe erforschen - gegen die weit verbreitete Leugnung und Apathie der hilflosen Erwachsenen.

Und die hilflosen Erwachsenen reagieren mit dem Vorwurf des Schule-Schwänzens. Vom Schule-Schwänzen haben wir, die Erwachsenen jeder Generation, immer geträumt. Nie habe ich ein Hitze-Frei erlebt. Der Vorwurf des Schule-Schwänzens ist wie früher die Ermahnung und Drohung der Erwachsenen, die sich bedrängt fühlten in ihrem Status: Keine Widerworte!

Der Vorwurf des Schule-Schwänzens ist falsch. Die jungen Leute bummeln nicht und schlagen die Zeit tot, sondern riskieren ihre Zeit, die Erwachsenen an die dringlichste Aufgabe unserer Zeit zu erinnern. Sollen sie dafür bestraft werden? Wie früher die Kinder, die zu widersprechen wagten?

Donnerstag, 28. Februar 2019

Treuherzige Ängstlichkeit (Journalismus-Lektüre - Beobachtung der Beobachter) (87)

Die deutschen Diesel-"Gelbwesten" las ich heute Morgen (28.2.2019, S.1) in der Frankfurter Allgemeine Zeitung. Rüdiger Soldt hat so seinen Kommentar mit dem Subtext der ängstlichen Besorgnis überschrieben: französische Verhältnisse auch bei uns?

Rüdiger Soldt verrührt die Kontexte.

"Nach dem Migrationsthema könnten auch die Fahrverbote und die Diskussion über die Zukunft des Dieselmotors ein Spaltungspotential entfalten".

Ein Satz des Schummelns: der falsch verknüpften Kausalitäten. Es begann mit dem kriminellen Betrug der leitenden, selbstherrlichen und korrupten VW-Leute, die als beste Lösung der Gesetzestreue eine vermeintlich schlaue Software erfanden. Darauf folgten das Betrugseingeständnis, die gebrochenen Versprechen (Aufklärung!) und die Verschanzung der VW-Leute, die sich weigerten, eine schnelle angemessene Entschädigung zu leisten, aber die Kosten hierzulande  auf ihre Kunden abzuwälzen suchten, woraufhin deren geflickschusterte Fahrzeuge mit Dieselantrieb nicht mehr in unseren Straßenverkehr zu passen drohten. Unsere Regierung bat auf Knien um Abhilfe. Die leitenden Herren wandten und rauften sich die Haare. Sie spielten auf Zeit. Die Kosten! Die Kosten! So verspielten sie die Chance,  die neuen Leistungen des Dieselantriebs unter Beweis zu stellen mit großzügigen Reparaturen. Stattdessen Kleinkrämerei, Milchmädchenrechnungen, Bluff und weiterer Betrug. Da sollen die Leute nicht ärgerlich werden? Folgte auf die Manöver des (öffentlichen) Betrügens und Hinhaltens die gerichtliche Klärung.

Zweitens.  Der automobile Individualverkehr kommt an sein Ende. Es geht um andere Lebensformen und Lebenswünsche. Da sollen die Leute nicht sehr besorgt werden? Wie wollen wir weiterleben auf einem Planeten, dessen Lebensbedingungen für uns schrumpfen? (s. meine Blogs Tempolimit, Panische Gereiztheit und guter Dokumentarfilm vom 30.1., 21.2. und 28.2.2019).  

Wie macht man einen guten Dokumentarfilm schlecht? (Lektüre des Journalismus - Beobachtung der Beobachter) (86)

Indem Dominic Egizzis Ausgebremst - der Überlebenskampf der Autobauer zum alten Eisen erklärt wird. ARTE hat den Dokumentarfilm am 26.2.2019 ausgestrahlt; bis Ende März kann er in der Mediathek des Senders abgerufen werden. Martin Gropp hat ihn in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (vom 26.2.2019, S. 13, Nr. 48) mit den Schlagzeilen vorgestellt: Szenen aus dem Altreifen-Lager. Abgefahren: Eine Arte-Dokumentation zum Zustand der Autobranche will zu viel und wirkt dabei recht gestrig. In einem Wort, Martin Gropp übersetzt: muß man nicht einschalten.

Muss man doch. Dominic Egizzi beschreibt präzis die Not der Illusion der Autoindustrie: ihre leitenden Herren - man sieht nur Auto-Männer - treten auf der Stelle, ohne Einsicht,  dass wir andere, aufeinander abgestimmte Formen der Mobilität - in denen das Automobil zurücktritt -  brauchen. Ihre Millionen und Abermillionen geplante Vierräder-Kutschen, mit Verbrennungs- oder Elektromotor, mit oder ohne Piloten, verstopfen unsere Lebenswelten, beuten unseren Planten nur aus und vergeuden enorme Mittel.

Ausgebremst: Martin Gropp ist eingestimmt auf die Verleugnung des Stillstandes. Gestrig ist er. Im Frankfurter Printmedium verbreitet, ist das eine schlechte, weil beunruhigende Nachricht: die treuherzige Ignoranz ist salonfähig. Dominic Egizzis Arbeit ist sehr zu empfehlen. Zum Glück gibt es die Mediathek.

Mittwoch, 27. Februar 2019

Stuss im Quadrat - über die angebliche "Macht der Einbildung"

Einbildung ist auch eine Bildung, sagten wir früher. Jetzt posaunt Martin Andree seine, wie er wähnt, Entdeckung des Jahrhunderts heraus: Ein Placebo ist die beste Medizin. Der Text erschien in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (vom 17.2.2019). Martin Andree ist der Autor des Buches Placebo-Effekte. Vor Begeisterung schlägt er Purzelbäume des Spotts - hier eine Kostprobe:

"Wenn man die Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen Placebo-Forschung ernst nehmen würde, müsste man beispielsweise sofort das Curriculum der medizinischen Ausbildung grundlegend verändern. Wenn durchschnittlich ein Drittel medizinischer Behandlungseffekte auf Placebo-Effekten beruhen, die ausschließlich durch das Theaterstück der therapeutischen Aufführung, seine Requisiten (Stethoskop, weiße Kittel, Ampullen, Kanülen et cetera) und Rituale hervorgerufen werden, dann müsste man eigentlich zum Wohle der Patienten diese Ärzte zu viel besseren Schauspielern ausbilden".

Manchmal werden Autoren von ihren Sätzen besoffen. Martin Andree sitzt der alten Idee einer Objektivität auf, die ihren Wahrheitsanspruch aus vermeintlich neutralen Meßergebnissen (sind sie natürlich nicht: das Instrument des Messens beeinflusst ebenso) ableitet. Seit über zweitausend Jahren wird über die Realität der Subjektivität nachgedacht. Seit dem ausgehenden 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts wird für die Wahrnehmung der seelischen (interaktiven) Realität laut getrommelt - Martin Andree hat's überhört. Die Placebo-Effekt genannte Wirksamkeit gehört in die individuelle Realität der inneren, lebensgeschichtlich gewachsenen Welt von Beziehungen und in die Realität der therapeutischen Beziehung. Sie ist die Grundlage der Qualität der Begegnung und entscheidet mit. Martin Andree hat sie noch nicht entdeckt. Er redet einfach daher und hinkt ganz schön hinterher.


Donnerstag, 21. Februar 2019

Eine Hypothese zur bundesdeutschen (panischen) Gereiztheit angesichts von: Klimawandel/Energiewende/Grenzwerten/Fahrverboten/Dieselbetrug/Elektromobilität/ fahrerlosen Autos/Flugtaxis

Der Airbus 380 wird in ein paar Jahren - von 2021 ist die Rede, aber wer weiß? - nicht mehr gebaut. Geplatzte Riesenträume nannte Christian Schubert seinen kurzen Kommentar-Text, Ende eines Irrtums seinen langen Text (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15.2.2019, S. 1 und S. 3). Jetzt ist es leicht, die Leute von Airbus zu verachten oder zu verspotten, weil man sich besonders schlau dünkt - hinterher weiß man manches besser. Vielleicht, vielleicht. Denn das Hinterher haben wir noch längst nicht hinter uns: wir sind mitten drin. Vielleicht wird das Riesenflugzeug doch noch gebraucht - dann, wenn Flugreisen rationiert und nur gestartet werden, wenn die Flugzeuge auch ausgebucht sind...

Worin bestand denn der Irrtum? In der Überschätzung des Konzepts Wachstum -  als irgendwann in den 90er Jahren (wann, weiß ich nicht) mit der Planung dieser Milliarden-Investition begonnen wurde? Damals gab es sicherliche plausible Begründungen. Das Konzept Wachstum ist aber, wenn wir uns umsehen und umhören,  nicht widerlegt. Es gilt weiterhin als tragfähig. Die Airbus-Leute haben sich bloß geirrt, heißt in der F.A.Z.

Dass das Konzept Wachstum ein ausgelatschtes Paradigma darstellt, weiß doch jeder. Oder nicht? 1977 veröffentlichte Fred Hirsch, damals Professor für Internationale Studien an der Universität Warwick, seine Arbeit Social Limits to Growth. Wachstum  ist nicht nur ein ökonomisches Konzept  - im Augenblick mit der düstereren Aussicht einer Steigerungsprognose von einem Prozent - , sondern auch ein Versprechen der Grenzenlosigkeit: wenn es läuft, läuft es grandios. Wachstum, so gesehen, lebt von der Fantasie weit reichender Lebensmöglichkeiten und animiert zum Verleugnen und zum Ausblenden der Frage: wo wollen wir mit den Ausgeburten unserer maßlosen Produktivität hin?

Die Bewohnbarkeit unseres Planeten schrumpft und schrumpft - hat neulich Bill McKibben erneut beschrieben (The New Yorker, 26.11.2018, S.  46 - 55: Life on a Shrinking Planet). Schöne Aussichten kann man da nur sagen - vor allem für die jungen Generationen. Es wird knapp.  Die Stadt Basel hat sich jetzt auf eine (gesetzlich nicht bindende) Resolution verständigt, dem Klimawandel höchste Priorität einzuräumen. Was machen wir?

Es wird weiterhin vom Wachstum fantasiert. Was ist mit: Einhalten und Nachdenken? Die Energiewende ist das unser geläufiges Verdeckwort für die enorm komplizerte Transformation unserer Energieversorgung - wir müssten gründlich nachdenken über die notwendige, relevante Korrektur unserer Lebensformen, wozu auch unsere Lebenswünsche und Lebensbewegungen gehören. Energiewende suggeriert die schnelle (korrigierende) Lenkbewegung, keine grundlegende Veränderung. Landauf, landab wird das Verdeckwort repetiert - als eine Formel der Beruhigung. Gleichzeitig wird als Begründung der Klimawandel eingeschoben und an die Klimaziele mittels Grenzwerte erinnert - um sie später fallen zu lassen, wie wir das von den guten Vorsätzen am Jahresbeginn kennen: die routinierte Beruhigung des schlechten Gewissens.  

Energiewende verspricht die kurzfristige, schmerzlose Korrektur und unterstützt das Weiterfantasieren der bundesdeutschen Lebenswünsche und Lebensformen. Die Angelsachsen haben dafür die Redewendung: you can't eat the cake and have it. Aber wir können das oder wir schaffen das - sagt unsere Bundeskanzlerin. Aber wir scheinen den Realitätskontakt zu verlieren. Wer rechnet unsere Lebenswünsche durch und unseren Lebensbedarf aus?  Heute dekliniert Georg Cremer die Komplexität der Kosten für unsere Sozialsysteme durch (F.A.Z. vom 24.2.2019, S. 6: Wohltätiger Staat ja, lästiger Staat nein?) Ist das gern gesehen? Welche Konzepte folgen daraus? Haben unsere Bundeskanzlerin, die ihre promovierte Physikerin-Identität behauptet, und ihre Mannschaft ein Konzept? Vielleicht ist das von Svenja Schulze, unserer Bundesumweltministerin, vorgelegte Bundesklimaschutzgesetz der mögliche Rahmen für ein Konzept - das allerdings umstritten ist innerhalb der Koalition und möglicherweise keine Chance hat, zu einem Gesetz zu werden (F.A.Z. vom 22.2.2019, S. 17). Vernünftig wären beispielsweise Konzepte, die organische Prozesse einsetzen - wie Klaus Wiegandt, der (wie Harald Welzer im Kölner Stadt-Anzeiger vom 23./24.2.2019, S. 4, schreibt) auf die "Trias aus (Regen-)Waldschutz, Renaturierung degenerierter Wälder und großflächiger Wiederaufforstung" setzt mit dem Ziel: "Zeit kaufen, Co2 durch Wälder absorbieren, um den Umbau zu einer postfossilen Weltwirtschaft überhaupt zu ermöglichen". Die Kosten hierfür: 140 Milliarden Dollar pro Jahr.

Das ist viel Geld. Verglichen mit den kursierenden Hauruck-Schnapsideen und den Wende-Manövern hastig betriebener Energie-Wechsel wahrscheinlich gut angelegt. Elektromobilität im weltweiten Zuschnitt, nicht abgestimmt auf ein Konzept anderer Mobilität und anderer Energie-Versorgung, ist eine Schnapsidee. Die fahrerlose Mobilität, die uns wie auf Schienen fahren lässt, und vom baldigen Austausch der individuell gesteuerten Fahrzeuge fantasiert, ist eine Schnapsidee:  angetrieben werden sie von Elektromotoren mit Batterien, von denen wir nicht wissen, wie & wo sie millionenfach produziert werden können und wie sie sich bewähren werden, aufgeladen an Millionen Steckdosen, von denen erst ein paar existieren. Die Maut ist eine Schnapsidee  - und die über unseren Köpfen schwebenden Flugtaxis, die unsere Mobilität beschleunigen sollen, sind eine Schnapsidee.  Was uns diese Schnapsideen kosten, wissen wir nicht.  Unsere Fantasien heben ab und rotieren gewaltig mit zentrifugaler Kraft. Kein Wunder,  dass wir in eine Art panischer Gereiztheit  stecken.

(Überarbeitung: 25.2.2019)

 



Mittwoch, 30. Januar 2019

Unsere Bundesregierung verwirft die Einführung eines Tempolimits: drei Bemerkungen zu den deutsch-bundesdeutschen Untugenden der Taktlosigkeit, der Korruption und der Heuchelei

1. Wer zahlt, bestellt die Musik, heißt es. Der Satz des fröhlichen Protzens gilt nicht für das Gefüge einer Gemeinschaft, in der jedes Mitglied gleichberechtigt ist. Dass die Bundesregierung  für unsere Automobilindustrie und unseren Straßenverkehr eine privilegierte Stellung beansprucht und sich (in diesem Kontext wie in den Kontexten der Transformation der Energieversorgung und der Immigration) nicht um ein balanciertes Gefüge in der europäischen Union schert, ist nicht in Ordnung. Die Bundesrepublik stürmt davon. Die Idee der Gemeinschaft wird verletzt. Das mächtige Auftrumpfen der nationalsozialistischen Regierung ist offenbar vergessen.

2. Zu wenig tödliche Unfälle könnten vermieden werden. Dieser Subtext steckt im Argument: ein Tempolimit auf Autobahnen nützt nichts. Dieses Argument ist skandalös, weil es ein Menschenrecht planiert.  Die Vermeidung eines tödlichen Unfalls reicht, um ein Tempolimit zu rechtfertigen. Wir können Menschenleben nicht verrechnen, hat kürzlich noch unser Bundesverfassungsgericht konstatiert. Die Würde des Menschen wird schnell zitiert; wenn es ernst wird, flattert der Grundsatz unseres Grundgesetzes davon. Fürs Geschäft wird offenbar eine korrupte (totalitäre) Moral für notwendig befunden. Es ist sehr die Frage, ob unser Verfassungsgericht dieses Argument durchgehen lassen würde.

Der andere korrupte Kontext ist die Leugnung der benignen Effekte, die die internationale und nationale Forschung zusammengetragen haben, wobei die Bundesregierungen der letzten Jahrzehnte die Forschung ihre Forschungsarbeit nicht haben ausreichend machen lassen. Die letzten qualitativen Studien sowie experimentelle Fahrversuche zum Fahren hoher Geschwindigkeiten liegen lange zurück. Die Forschung dazu ist tabuisiert oder verstaubt in den Schubladen der Behörden.

3. Die Freiheit des Schnellfahrens ist ein Missbrauch des philosophischen Konzepts der Freiheit. In der kitschigen Version lautet das Argument der Freiheit so: "Die individuelle, unbegrenzte Mobilität gewährt auch demjenigen noch ein Stück Freiheit, der sonst nicht viel zu sagen hat" (Reinhard Müller in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 29.1.2019, S. 1, Nr. 24). Abgesehen vom Ton der Herablassung und Verachtung - was sind: ein Stück Freiheit und unbegrenzte Mobilität? Was ist das? Schauen wir auf die Praxis des Hochgeschwindigkeitsfahrens. Walther Röhrl, der Fahr-Virtuose auf eisigem und verschneitem Untergrund, gab einmal als Regel für das Autobahnfahren aus: möglichst ohne zu bremsen auszukommen. So zu fahren ist voraussetzungsvoll: mittlere Geschwindigkeiten, die nur durch Ausrollen reguliert werden sollen, gleichmäßige Geschwindigkeiten, weite Sicht auf ausreichend große Abstände, um Platz für das Ausrollen zu erhalten.

Wird so auf unseren Autobahnen gefahren?

Nein.
Regelmäßig hoch beschleunigte Geschwindigkeiten vergeuden Kraftstoff und bedeuten ständige Regulationen der Abstände durch Bremsmanöver. Bremsmanöver erzeugen mit ihrem Abrieb an den Bremssystemen und an den Reifen den äußerst schädlichen Feinstaub. Beschleunigungsmanöver wechseln sich mit abrupten Bremsmanövern ab.  Die Folge sind kurze Abstände, unruhiger, bedrohlicher Verkehr, wenn die Hinterleute auf die Vorderleute mit ihren schrecklich leuchtenden Wagen dicht auffahren, irritieren, einschüchtern, ängstigen und ins Schwitzen bringen. Ist das beabsichtigt? Terrorisieren des Hintermannes oder der Hinterfrau auf Kosten des Vordermannes oder der Vorderfrau? Der Hintermann bulldozert; er hat offenbar ausgeblendet, dass er nicht erwarten kann, die Autobahn leer vorzufinden, so dass er so schnell fahren kann, wie er fahren möchte. Seltsamerweise soll beim Schnellfahren die Höflichkeit des Alltags nicht gelten. Aber auch im Straßenverkehr leben wir von den kooperativen, wohlwollenden Beziehungen mit den anderen Autofahrerinnen und Autofahrern. Die Freiheit des Tempo-unbegrenzten Autofahrens bedeutet bei uns im Alltag des Autobahn-Fahrens häufig (wie weit verbreitet diese Interaktionsform des Autofahrens ist, müsste gründlich geprüft werden) : die unbezogene, vermeintlich alleinige Freiheit des Bolzens und der Machtausübung. Das Schnellfahren, wie die Propagandisten es verstehen, realisiert den Wunsch, von der Last der Zivilisiertheit buchstäblich befreit zu sein, und bestätigt Sigmund Freuds Vermutung von der persistierenden Feindseligkeit gegen die Kultur der Zivilisation.  

(Überarbeitung: 29.5.2019)

Montag, 28. Januar 2019

Bravo, Mrs Pelosi! Seltsame journalistische Formlosigkeit (Beobachtung der Beobachter) (85)

Das Manöver des U.S.-Präsidenten, mit der Drohung des Aushungerns der Staatsbeamten seine Bulldozer-Politik durchsetzen, ist am Einspruch der Demokraten, ihm die Milliarden Dollar für seine Grenzziehung aus Beton nicht zuzugestehen, gescheitert: für drei Wochen, heißt es, habe er nachgegeben. Der Einspruch der Demokraten im Repräsentantenhaus folgte offenbar der (sehr sinnvollen) Strategie des politischen Gegenhaltens - gegen die mögliche verheerende Zerstörung demokratischer Kultur durch eine dysfunktionale Regierung, deren Chef die brachialen Mittel eines korrupten Geschäftsmanns nicht scheut.

Erstaunlich ist, wie sehr die Dynamik der konstitutionellen Krise von einem Journalisten oder Journalistin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Autorenkürzel: nbu) sowohl unterschätzt wie hämisch abgehakt wird:

"... dass sie (Nancy Pelosi) Trump die Rede zur Lage der Nation verweigert, wirkt kindisch..." (F.A.Z. vom 25.1.2019, S. 8, Nfr. 21);  "großes Mitleid muss man mit den amerikanischen Wählern aber nicht haben. Sie waren es, die diese Leute in ihre Ämter gebracht haben" (25.2.2019, S.8). Wer nicht hören will, muss eben büßen.

Im Gegensatz zu dem oder der Journalistin wissen wir nicht, wer von den Regierungsbeamten die konservative Partei gewählt hat. Der Wahlausgang war, wir wir wissen, sehr knapp; möglicherweise, das werden wir demnächst erfahren, manipuliert.

"Trump beherrscht es jedoch", schreibt Andreas Ross in seinem Kommentar Pseudopopulisten (F.A.Z. vom 28.2.2019, S. 1, Nr. 23), "selbst eine krasse Niederlage 'stolz' als Durchbruch zu verkaufen". Wer nimmt ihm das ab und fällt darauf herein?  Auch das wissen wir - anders als Andreas Ross - nicht. Die aktuellen Umfragewerte deuten an, dass der Verkäufer seinen Verkäufer-Nimbus einbüßt. 

"Mit Samthandschuh im Boxring", ist der Titel des Textes von Majid Matar (F.A.Z. vom 28.1.2019, S. 2, Nr. 23); der Untertitel: "Nach 35 Tagen gab Donald Trump in der Haushaltsblockade wegen des Streits über den Grenzzaun nach - Nancy Pelosi kostet ihren Sieg über den Präsidenten aus".

Auskosten? Der empirische Beleg für Nancy Pelosis Triumphieren fehlt im Text. Zudem ist der Affekt erschlossen: erfunden.

Diese Qualitäts-Journalisten sind - methodisch und konzeptionell - ziemlich außer Form.