Donnerstag, 25. Dezember 2014

Die Leute von Pediga II: gut, dass sie sich in Dresden auf die Straße trauen

Wie immer die Sympathisanten, Befürworter, Anhänger und Propagandisten des Montagstreffens (in Dresden) sich zusammensetzen (wir wissen es nicht, wie) und sich zusammenfinden unter dem Transparent Pegida - es ist ein Fortschritt in der Auseinandersetzung und Klärung deutscher Vergangenheit und bundesdeutscher Gegenwart. Zum ersten Mal (ich hoffe, ich erinnere mich richtig) wird von Vielen unsere Öffentlichkeit gesucht. Und nicht nur die Artikulation mit dem Kauf und der Lektüre des Sarrazin-Buches oder die Diskussion in den mehr oder weniger geräumigen privaten vier Wänden. Nein, es wird eine Auseinandersetzung und Klärung explizit erzwungen.

Das ist Demokratie, finde ich. In der Demokratie hat man ständig mit Leuten zu tun, die anderer Auffassung sind und deren anderer Auffassung man zu tolerieren hat. Das ist lästig, anstrengend und mühsam: man muss andere auch zu Wort kommen lassen. Anders geht es nicht. Manche missverstehen diesen Prozess. "Wenn man aus den Demonstrationen in Dresden etwas lesen darf, dann ist es das offenbar dringende Bedürfnis", schreibt Cornelius Pollmer in der Süddeutschen Zeitung (24./25./26.12.2014, S. 4, Nr. 296), "sich einmal öffentlich auszukotzen". Auskotzen: jemand, der oder die dieses Verbum benutzt, unterschätzt die Stärke des Affekts - man wird ihn eben nicht so einfach los, wie die Alltagsauffassung vom Rauslassen nahe legt: Sag es und du bist es los. Nein, heftige Affekte sind kumuliert - lebensgeschichtlich gewachsen. Sie verlangen eine Einfühlung - ein Verständnis dieses Prozesses. Sie wollen gehört und wahrgenommen werden. Wer zum Auskotzen auffordert, will nicht hinhören; er ist mit der eigenen Tagesordnung beschäftigt.

Zum Glück gibt es in derselben Ausgabe der Süddeutschen Zeitung eine andere Stimme: Christoph Butterwegge in der Außenansicht auf Seite Zwei. Er beschreibt in seinem Text Die Entdeckung der Armut. Die rot-grüne Arbeitsmarktreform vor zehn Jahren hat das Bild vom bedürftigen Menschen grundlegend verändert - den Prozess der allmählichen Exklusion - ja: Exklusion! -  der bundesdeutschen Bevölkerung, die von Hartz IV - Unterstützungen abhängt:

"Hartz IV hat in erheblichem Ausmaß zur sozialen Entrechtung, Entsicherung und Entwertung eines wachsenden Bevölkerungsanteils beigetragen, der besonders in einer wirtschaftlichen Krisensituation als 'unproduktiv' und 'unnütz' gilt. Teilweise verhöhnt man Hartz-IV-Betroffene regelrecht".

Christoph Butterwegge sagt nichts zu Pediga. Man kann seinen Text auch nicht dafür benutzen, darüber zu spekulieren, wer sich Pediga anschließt. Er macht aufmerksam auf einen undemokratischen bundesdeutschen Prozess der Exklusion. Mit anderen Worten: wer erleben gerade das explizite bundesdeutsche Ringen um unser demokratisches Selbstverständnis.

Dienstag, 23. Dezember 2014

Ämter-Diffusion und Ämter-Entblößung

Wann handelt eine Politikerin oder ein Politiker aus der Rolle und der Funktion seines Amtes, wann nicht? Wann ist sie oder er eine Privatperson und darf seine Meinungen äußern? Das Problem habe ich neulich (s. meinen Blog vom 10.12.2014 über den Parteitag der C.D.U. in Köln) für die Kanzlerin beschrieben. Die Grenze ist fein und schwer zu ziehen. Das Bundesverfassungsgericht hat sie jetzt gezogen. Das Regierungs-Amt verpflichtet zur Neutralität. Man könnte auch sagen: zur Integration oder Inklusion. Das Bundesverfassungsgericht urteilte beweglich (großzügig) im Verfahren zur Klage der N.P.D. gegen Manuela Schwesig, die Familienministerin: "Die bloße Übernahme des Regierungsamtes soll insoweit gerade nicht dazu führen, dass dem Amtsinhaber die Möglichkeit parteipolitischen Engagements nicht mehr offensteht". Anderenfalls würde unsere von den Parteien gestaltete Demokratie nicht mehr offen stehen. Aber was, frage ich mich, ist: die bloße Übernahme des Regierungsamtes. So einfach wird man doch kein Minister. Ich verstehe, dass dieses Adjektiv im adverbialen (bekannten) Gebrauch benutzt wurde. Aber bloß bleibt bloß. Irgendwie ist das Adjektiv bloß da rein gerutscht.  

Die Leute von Pegida

Die Leute von Pegida, kann man sich, so deuten heute die Sozialwissenschafter - Norbert Elias nannte diese Berufsgruppe: Menschenwissenschaftler - Heinz Bude und Ernst-Dieter Lantermann (Süddeutsche Zeitung vom 23.12.2014, S. 11; Nr. 295) an,  (vor allem) aus "drei Gruppen mit ausgeprägter Islamophobie" zusammengesetzt vorstellen; gemeinsam sei den drei Gruppen "die Identifizierung mit ihrer deutschen Herkunft ein wesentliches Moment ihres Stolzes". Ich halte fest: Islamophobie und Stolz. Phobische Störungen verursachen unkontrollierbare Angst-Zustände. Die Leute von Pediga, wenn ich das am Bildschirm richtig einschätze, sind aber doch eher aufgebracht, empört oder wütend. In dieser affektiven Verfassung ist eine oder ein an einer phobischen Störung Leidender normalerweise nicht. Er oder sie wird sich auch eher als angeschlagen erleben und einschätzen. Mit anderen Worten: das Begriffspaar hat eher metaphorische, um den Gegenstand kursierende Bedeutung.

Kommen wir zu den Gruppen. Neun Prozent der Befragten machen, so die Autoren, die Gruppe der verhärtet Selbstgerechten aus. Die zweite Gruppe, die dreizehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, wird von den grundsätzlich Beleidigten, die von Ausschlussempfinden geplagt sind, gebildet. Die dritte Gruppe, dreizehn Prozent der Bevölkerung, werden als zurückgesetzt Empfindende beschrieben. Die drei Gruppen ergeben 35 Prozent. Sie sind 2011 in einer Telefon-Umfrage, die das Hamburger Institut für Sozialforschung finanzierte, eruiert worden. Anlass und Kontext waren: die Rede des damaligen Bundespräsidenten am 3.10.2010 zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit des Islam. Machen nun die 35 Prozent der Befragten von 2011 die Leute von Pegida aus - so wie der Titel des Textes nahe legt: "Besorgt, beleidigt und zurückgesetzt. Wer sind die Anhänger von Pediga?" Nein, das kann man nicht sagen. Man kann es vermuten. Dazu müsste man die Leute von Pediga befragen und die Ergebnisse vergleichen. Die Redaktion der Süddeutschen Zeitung suggerierte die Übertragbarkeit.

Besorgt, beleidigt und zurückgesetzt: diese Klassifikation ist eine Beleidigung. Sie ist nicht formuliert worden, um sie den Klassifizierten vorzulegen und mit ihnen in ein Gespräch zu kommen. Mit der  Klassifikation mokieren sich die Wissenschaftler; sie verachten ihre Befragten; sie scheinen kein Verständnis für deren Lebensverhältnisse, Lebensängste und Lebensentwürfe aufzubringen. Sie übersehen den historischen Kontext: die besondere Zerrissenheit der bundesdeutschen Identität, die die alte Zerrissenheit der deutschen Identität fortgesetzt hat und sich in den jüngeren Generationen abzumildern scheint. Norbert Elias und Erik Homburger Erikson haben sie für die letzten Jahrhunderte beschrieben und Hoffnung auf eine Integration gemacht.      

Kränkung als politisch verstandene Strategie?

Als ich gestern in der Rubrik Außenansicht der SZ den Text von Martin Becher las (22.12.2014, S.2) Was gibt's da zu lachen? Darf man Späße über Neonazis machen? Wieso Humor gegen Rechts befreiend wirkt - und bei Pediga an seine Grenzen stößt - musste ich an George Orwells Text Revenge Is sour denken, den ich in meinem Blog vom 3.5.2011 zum ersten Mal erwähnte:


"Revenge is sour" schrieb George Orwell 1945, als er mit einem belgischen Kollegen in Süddeutschland ein Kriegsgefangenenlager besuchte und das Vergnügen beobachtete, wie ein angeschlagener Offizier der Schutz Staffel einen heftigen Tritt gegen seinen deformierten Fuß erhielt. Der Tritt war verständlich, fühlte George Orwell dieses Vergnügen nach: "Who would not have jumped for joy, in 1940, at the thought of seeing S.S. officers kicked and humiliated? But when the thing becomes possible, it is merely pathetic and disgusting". Genau gesprochen, überlegte George Orwell, gibt es nicht so etwas wie Vergeltung. Sie ist die fantasierte Handlung im Zustand der Machtlosigkeit - ist der Zustand aufgehoben, verflüchtigt sich der Wunsch nach Rache, so Orwell.

Das Vergnügen am 16.11.2014 in Wunsiedel war - vermute ich - ähnlich: dort am Ort des Grabmals von Rudolf Heß, an den einmal im Jahr von einer  als neonazistisch etikettierten Gruppe öffentlich erinnert wird - woran dabei die einzelnen Mitglieder denken, ist sicherlich nicht bekannt, wenn wir von der einfachen Identifizierung eines Festhaltens an nationalsozialistische Ideen oder Affekte (welche auch immer) absehen - , wurde in diesem Jahr der gemeinsame Gang durch den Ort zum Grab (oder vom Grab zurück) zu einem Spendenlauf verfremdet. Jeder zurückgelegte Meter wurde mit 10 Euro honoriert, die der Organisation Exit zu gut kamen; ein Plakat spottete: wenn das der Führer wüsste.

Ja, wenn das der Führer wüsste. Es war bestimmt lustig. Martin Becher schrieb dazu:
"Viele Menschen empfanden unsere ironisch-spöttische Aktion als Befreiung - endlich einmal fand die Auseinandersetzung mit Neonazis nicht in einer schweren und moralisch beladenen Form statt". Sicher, 
die Leute in Schwarz wurden vorgeführt: depotenziert und verspottet. Wie mögen sie selbst das erlebt haben? Wahrscheinlich war der Spendenlauf für sie kränkend und beschämend - wenn sie es denn zugeben könnten. Ist das in Ordnung und ist das hilfreich? Kränkungen warten darauf zurückgezahlt zu werden. Systematische Kränkungen, das leite ich aus unserer demokratischen Verständigung auf die Würde des Menschen ab, sind nicht gestattet. Sie ermöglichen keinen Dialog, sondern sie beleben die Fantasien der Vergeltung. Inwieweit sie den Charakter von Beschämungen haben, die nicht mehr vergessen werden, lässt sich von außen nicht sagen. Der Triumph der eigenen Gewitztheit ist von kurzer Dauer.

Freitag, 19. Dezember 2014

Dissonanzen IV: der Verbrauch von Freundschaft

Ich kann es nicht mehr lesen: das Gerede von Freunden oder Freundschaft im politischen Kontext als eine Art politischer Metapher. Letztes Beispiel heute in der Süddeutschen Zeitung 
(19.12.2014, S. 4): "Plötzlich Freunde" titelt Hubert Wetzel seinen Kommentar zur Entscheidung des U.S.-Präsidenten, die alte Nicht-Beziehung zu Kuba zu einer hoffentlich tragfähigen politischen Beziehung umzugestalten. Beziehungen zwischen Nationen oder Ländern sind natürlich Kurzschrift. Sie noch mit dem Begriff von Freundschaft zu unterfüttern, zu viel der Metaphern-Last.

Plötzlich Freunde ist offenbar ironisch gemeint - jemand von der Schluss-Redaktion (wenn es nicht der Autor war) hatte wohl den französischen Filmtitel im Kopf: ziemlich beste Freunde. Vor ein paar Tagen war die Rede von der bröselnden Freundschaft zu Italien (s. meinen Blog vom 27.10.2014). Dabei hatte das italienische Verfassungsgericht eine ganz andere Sprache gesprochen. Die Freundschaft zur amerikanischen Regierung - oder zu wem sonst? - ist eine weitere Sprachfigur des Missverständnisses. Seltsam, dass die Süddeutsche Zeitung sie pflegt. Der erste Kanzler der Bundesrepublik führte die Rührseligkeit der deutsch-französischen Freundschaft ein - sein französischer Kollege war freundlich genug, seine Arme in der Geste der Umarmung in der Öffentlichkeit tüchtig auszubreiten.  Seine späte Nachfolgerin Angela Merkel benutzt die Metapher der Freundschaft häufig. Aus eigener Überzeugung? Oder wurde ihr dazu geraten? Und folgt die politische Redaktion der Süddeutschen Zeitung - deren Leiter: Stefan Kornelius ein kosmetisch-freundliches Buch über Angela Merkel geschrieben hat (anders als George Packer von der Zeitschrift The New Yorker) - einen Kurs der Weichzeichnung der Kanzlerin? Eine Freundlichkeit wäscht die andere?  Die Kitt-Vokabel Freundschaft ist jetzt über 60 Jahre alt. Langsam müsste sie aufgebraucht sein. 
(Überarbeitung: 26.12.2014)

Dissonanzen III: Demokratie-Zutrauen

Die zwölf Geschworenen haben in Missoula Markus Kaarma für schuldig befunden, den Austauschschüler Diren Dede erschossen zu haben. Hans Holzhaider kommentiert das Institut einer jury (Süddeutsche Zeitung vom 19.12.2014, S.4):

"Man kann lange nachdenken über die Vorzüge und Nachteile des Geschworenenprozesses - eines Prozesses also, in dem nicht Berufsrichter, sondern zwölf Männer und Frauen aus der Bevölkerung über Schuld oder Unschuld eines Angeklagten entscheiden. Er verführt Anklage wie Verteidigung dazu, die Schlacht im Gerichtssaal mit Emotionen und Appellen an tiefsitzende Instinkte zu führen. Er kann die Rechtssprechung daran hindern, sich von rassistischen Klischees und Vorurteilen zu lösen.

Aber der Geschworenenprozess kann auch für sich in Anspruch nehmen, dass seine Urteile tatsächlich das Rechtsgefühl einer Mehrheit spiegeln. So gesehen, ist die Verurteilung Markus Kaarmas ... ein ermutigendes Signal".

Als ich mit meinem englischen Freund ein Verfahren im Kölner Amtsgericht verfolgte, wunderte er, studierter Jurist, sich sehr über den Richter, der ständig eingriff, explorierte und kommentierte. Er fand das ziemlich unübersichtlich. Im angelsächsischen Gericht heißt der bei uns so genannte Beschuldigte - der den Begriff des Angeklagten ablösen soll - : the defendant. Um ihn wird tatsächlich gekämpft oder gestritten. Jedes Gerichtsverfahren - bei uns und in demokratisch verfassten Gesellschaften - vermittelt und expliziert den institutionellen Rahmen und den Geist des Gesetzes. Die jury operiert im Amt der Geschworenen als das institutionalisierte Zutrauen des Rechtssystems in die Vernünftigkeit und Anständigkeit der demokratisch gesinnten Bürgerinnen und Bürger; sie ist die tiefe Hoffnung auf das Funktionieren demokratischer Institutionen. Die tief sitzenden Instinkte haben im Prozess der Urteilsfindung nichts zu suchen; das gemeinsam getroffene Urteil ist der Beleg für deren Zivilisierung.

Dissonanzen II: Wissenschafts-Unfreundlichkeit?

Im Profil - Teil  der Süddeutschen Zeitung (19.12.2014, S. 4) berichtet Christof Kneer über den Dortmunder Bundesliga-Fußballspieler, dem für das Fahren ohne Fahrerlaubnis (in mehreren Fällen) die Geldstrafe von 540.000 Euro auferlegt wurde. "Die Geschichte von Marco Reus", schreibt Kneer,  "erzählt mehr über das Milieu, in dem er tätig ist, als manche wissenschaftliche Abhandlung das könnte. Diese Geschichte erlaubt einen Blick in eine entrückte Welt, in der schon Talente über jedes Maß hinaus hofiert werden und gleichzeitig ungeschriebenen Regeln folgen müssen, um in der Parallelwelt einer Mannschaftskabine akzeptiert zu werden. Zu diesen Regeln gehört das Auto, dessen technische Daten ebenso den Stellenwert eines Spielers wiedergeben wie die Monstrosität des Gehalts".

Den ersten Satz mit dem Schlenker manche wissenschaftliche Abhandlung hätte Christof Kneer sich sparen können; der zweite sagt genug. Der erste Satz spielt mit dem Vorurteil (vermeintlich) ertragloser, wissenschaftlich orientierter Studien, ohne sie zu benennen; der zweite spricht von ungeschriebenen Regeln, von denen ich gern gewusst hätte, wie sie die Lebensrealität und den Realitätssinn eines Spielers bestimmen.   

Dissonanzen I: Schuld und Bühne

 Schuld und Bühne ist der Titel des Berichts von Nico Fried und Thorsten Denkler über Sebastian Edathy (SZ, 19.12.2014, S. 3, Nr. 292), den ehemaligen Bundestagsabgeordneten, der seine Version über die ungeklärten Abläufe des Verdachts kinderpornographischen Bilder-Konsums, der Veröffentlichung des Verdachts und dessen Ermittlung, der vermuteten Strafvereitelung, der Beendigung seiner Mitgliedschaft in der S.P.D., der Aufgabe seines parlamentarischen Mandats mit der Folge der Zerstörung seiner Existenz in der gestrigen Bundespressekonferenz in Berlin präsentierte. Schuld und Bühne ist ein flapsiges Wort-Spiel; es schlägt einen seltsamen Ton an in einer für unsere demokratischen Institutionen gravierenden Folge von offenbar mehreren Grenz-Verletzungen im Dienste des Parteien-Interesses: die Koalitionsverhandlungen von C.D.U. und S.P.D. standen möglicherweise auf dem Spiel.

Ohne die Prozesse und die Beziehungen der Beteiligten zu kennen, räsonnieren die Autoren über Jörg Ziercke, den früheren Chef des Bundeskriminalamtes:
"Es ist ein Kuddelmuddel an Erzählungen, Vermutungen, Interpretationen, das letztlich zu einer Frage führt: Kann ein Mann, der es bis zum Präsidenten des BKA gebracht hat, wirklich so blöd sein, sich aus parteipolitischem Opportunismus wiederholt der Strafvereitelung im Amt schuldig zu machen? Und kann er noch ein bisschen blöder sein und dafür eine dritte Person ins Vertrauen zu ziehen und quasi als
Postillon d'amour einzusetzen?"

Blödheit - gleichgültig, auf wen sie zutreffen soll (auf den Erfinder der Erzählung oder auf den Verdächtigten) - enthält den Blick der Verachtung und unterschätzt die Bedeutung der Beziehungen und Verpflichtungen politischer Gefüge. Der eingesetzte Untersuchungsausschuss wird dies hoffentlich befriedigend klären.

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Bundesdeutsche Kontinuität: der Unmut über die Kultur der Beschämung und über den Zwang zur Identifikation

Pegida spricht sich herum. Pegida ist das Akronym für: "Patriotische Europäer gegen Islamisierung des Abendlandes". Pegida tritt montags in Dresden und anschließend in den elektronischen und in den Printmedien auf. Manchen wird das zu viel. "Pegida ist eine Schande für Deutschland", sagte der Bundesjustizminister Heiko Maas in seinem Interview mit der SZ (15.12.2014, S. 1 und S.5; Nr. 288), "die Argumente von Pegida sind doch wirklich hanebüchen". Er hatte vergessen, dass der Artikel 5 unseres Grundgesetzes keine Aussagen zur Qualität von Meinungsaussagen für die Voraussetzung von Meinungsaussagen macht. Gestern druckte die SZ auf der oberen Hälfte ihrer Seite Drei (17.12.2014) ein gestochen scharfes (für Zeitungs-Verhältnisse) Foto der riesigen Gruppe, die im Bild-Hintergrund verschwand und im Vordergrund das Transparent hielt: "Gewaltfrei und vereint gegen Glaubenskriege auf deutschem Boden! PEGIDA". Der Text von Cornelius Pollmer hatte den Titel und Untertitel: "Abend im Land. Islamhasser? Rassisten? Nazis in Nadelstreifen? Allein schon die eher hilflosen Reaktionen auf Pegida zeigen, wie schwer es ist, dieses Phänomen zu deuten. Über die Anziehungskraft von Angst, Wut und Übermut". Am 7. 12. hatte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung getitelt: "Die neue Wut aus dem Osten". Autor: Stefan Locke. Untertitel: "Die Bewegung nennt sich Pegida, sie wehrt sich gegen die 'Islamisierung des Abendlandes'. Jede Woche demonstrieren Tausende. Und es werden jedes Mal mehr".

Was kommt auf uns zu? Nichts Neues aus Waldhagen möchte ich mit dem (paraphrasierten Titel) einer Schulfunk-Sendung (des WDR aus den 50er Jahren) antworten. Die neue Wut aus dem Osten ist auch eine alte Wut aus dem Westen. Wir hatten sie vor ein paar Jahren mit der Publikation des Sarrazin-Buches (s. meinen Blog Was sollen bloß die Leute denken? vom 17.10.2010) und wir hatten sie 1998, als Martin Walser in seiner unfriedlichen Rede zum Friedenspreis in der Frankfurter Paulskirche von unserer Schande sprach und damit auf projektive Weise über die Unerträglichkeit unserer Geschichte klagte. Die Schande ist das Stichwort: das Gefühl permanenter Beschämung als der affektive Kern bundesdeutscher Identität und als das Resultat der (identifikatorischen und introjektiven) Aufnahme und Übernahme des institutionellen demokratischen Rahmens vor allem angelsächsischen Zuschnitts. Die Beschämung ist der affektive Kern der Anstrengung, die mörderische Katastrophe des Nationalsozialismus in die bundesdeutsche Identität zu integrieren. Die Beschämung verdrängte in den ersten Nachkriegsjahrzehnten die Klärung der Schuld und der Verantwortung. Man kann es an zwei Buch-Publikationen illustrieren: 1966 erschien Karl Jaspers Arbeit Wohin treibt die Bundesrepublik?, 1967 die Arbeit von Margarete und Alexander Mitscherlich Die Unfähigkeit zu trauern. Die Arbeit des Psychoanalytiker-Ehepaares wurde als eine Art kollektiver Selbst-Vorwurf rezipiert und missverstanden; die Unfähigkeit zu trauern stellte vor allem die Frage, was aus der Idolisierung des nationalsozialistischen Staatschefs geworden war. Diese Frage ist bis heute nicht angemessen beantwortet worden, weil die Erörterung nationalsozialistischer Sympathien sofort tabuisiert wurde und deshalb keinen ausreichenden Platz erhielt im öffentlichen Diskurs. Das war offenbar - verständlicherweise - zu schwierig. Tabus haben Folgekosten. Karl Jaspers Frage nach der Schuld verhallte. Die unzureichende Klärung der Grade von Schuld wurde zu Westdeutschlands Hypothek.

Die Empfindlichkeit für die Schande blieb - weshalb regelmäßig der Schlussstrich gefordert wurde. Das war natürlich naiv. Unsere Vergangenheit blieb und bleibt gegenwärtig. Ebenso gegenwärtig blieb und bleibt der Impuls, sich nicht dem Konsensus der Beschämung fügen zu müssen in einer bundesdeutschen Identität. Jetzt kehrt er wieder im projektiven Gewand einer Art kultureller Sorge, in der sich der Wunsch verdichtet, sich nicht verbiegen zu müssen im Prozess der demokratischen Evolution unserer Lebensverhältnisse. Pegida sagt -  so übersetze ich die sprachlose Demonstration der Teilnehmerinnen und Teilnehmer - : Wir haben einen dicken Hals; der demokratische Prozess geht zu weit; so schnell möchten wir uns nicht verändern und uns durch fremde Kulturen bestimmen zu lassen.

Was ist mit Pegida?  Pegida repräsentiert das Problem der Verständigung über das Gefühl der Beschämung und das Problem der Schwierigkeit, darüber ins Gespräch zu kommen. Man kann es auch anders sagen: wir haben die vertraute Frage vor uns, ob wir unsere Identität als deutsch oder bundesdeutsch verstehen und leben wollen. Diese Widersprüchlichkeit ist so alt wie die Bundesrepublik. Sie kehrt in dem Satz des Bundesjustizministers von der Schande für Deutschland wieder - mit dem er ironischerweise die meinte, die sich eher als deutsch verstehen. Die Auseinandersetzung um die bundesdeutsche Identität  ist noch jung. Der Prozess, wie wir unsere Demokratie wachsen lassen und gleichzeitig unsere nationalsozialistische Geschichte integrieren können, läuft.
(Letzte Überarbeitung: 21.12.2014)

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Lektüre einer politischen Lektüre III

Heute, am 17.12.2014, beschäftigt sich Nico Fried von der SZ (Nr. 290, S. 4) mit der Bankrotterklärung, die die Parteivorsitzende Angela Merkel in Köln an ihren Koalitionspartner adressierte (s. meinen Blog vom 10.12.2014).  Nico Fried liest die deftige Vokabel so:

"Vor allem aber war das, was eine Provokation Merkels an die Adresse der SDP daherkam, eigentlich die verkappte Liebeserklärung einer treuen Seele. Denn nach neun gemeinsamen Jahren ist klar, dass die Kanzlerin ohne die Sozialdemokraten niemals geworden wäre, was sie ist - und dass sie es ohne SPD nicht bleiben kann, wenn sich eine Partei wie die AfD etablieren sollte. Die SPD ist nicht nur Merkels natürlicher Koalitionspartner, sondern eigentlich auch ihr einziger. Wahrscheinlich war sie einfach nur zu schüchtern, um das mal offen zu sagen".

Da fällt mir zuerst Alfred Hitchcocks glänzender North By Northwest (Drehbuch: Ernest Lehman) ein. Da gibt es im letzten Viertel die Szene, in der Eve Kendall (Eva Marie Saint) Roger O. Thornhill (Cary Grant) im Restaurant am Mount Rushmore (das heute ganz anders aussieht) niederschießt. Zum Glück mit Platzpatronen; denn die ganze Szene war abgesprochen und inszeniert. Das findet dann auch Leonard (Martin Landau), die böse rechte Hand des bösen Phillip Vandamm (James Mason), heraus: es war, erklärt er, ein alter Gestapo-Trick: erschieße deine eigenen Leute, um zu demonstrieren, dass du nicht auf ihrer Seite bist; dieses Mal seien es nur Platzpatronen gewesen.

Ob die CDU so raffiniert ist, weiß ich natürlich nicht. Aber dass die Parteivorsitzende und Bundeskanzlerin so gehemmt sein soll, glaube ich auch nicht. Bleibt die Frage, wessen Sprachrohr sie in wessen Absicht war. Mit der Rede von der Schüchternheit vergackeiert der SZ-Journalist den Zeitungsabonnenten und witzelt über seine eigene Unkenntnis und Konzeptionslosigkeit hinweg. Schüchternheit gehört in den persönlichen Kontext einer Interaktion, nicht in den öffentlichen Kontext einer politisch inszenierten Rede.

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Der CDU-Parteitag in Köln: das rhetorische Spiel der Parteivorsitzenden mit Inklusion und Exklusion

Gestern, am 9.12.2014, hielt die Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Union ihre Rede von gut 70 Minuten. Einige Kontexte greife ich auf.

1. George Packer schrieb in seinem Text The Quiet German (in der Zeitschrift The New Yorker vom 1.12.2014; s. meinen Blog vom 3.12.2014 und vom 11.1.2012) über die Rednerin Angela Merkel im Bundestag (zur Zeit des zurückliegenden Sommers): "Angela Merkel, the Chancellor of the Federal Republic of Germany and the world's most powerful woman, is making every effort not to be interesting". Angela Merkel, war mein Eindruck, als ich auf Youtube ihre Rede sah, sprach gegen diese Beschreibung an: sie hatte offenbar die Rede so gut geübt, dass sie hier und da den Text verlassen konnte, und bemühte sich um einen polemischen, deutlich gesprochenen Ton, als sie ihrem Koalitionspartner dessen Brankrotterklärung vorhielt. Was, sollte meine Vermutung zutreffen, die Frage nach den Rede-Autoren und den Rede-Regisseuren stellt.

2. Mit Liebe Freunde adressierte Angela Merkel ihre Rede an die Delegierten ihrer Partei. Man müsste die Delegierten befragen können, ob und inwieweit sie sich vom persönlichen Tonfall angesprochen fühlten. Er galt auch dem anderen, unsichtbaren Publikum, das die Rede ganz oder in Ausschnitten in den Nachrichten-Sendungen sieht und hört (Funk & Fernsehen) und in den Berichten der Presse davon liest. Liebe Freunde.

3. Angela Merkel sprach in ihrer Funktion und Rolle als Parteivorsitzende; ihre Funktion und Rolle
als Bundeskanzlerin stellten den Subtext ihres Auftritts. Ein einziges Mal markierte sie ihre Position als Parteivorsitzende - wenn ich richtig gezählt habe - ; ansonsten sprach sie in den bedeutungsvollen Kontexten aus dem Amt als Kanzlerin heraus und verwies auf die Leistungen ihrer Regierung; sie machte zumindest keine deutlichen Unterschiede. Unter dem Stichwort des Kanzlerbonus wird bei uns die parteipolitische Auseinandersetzung toleriert. Ich finde die Vermischung nicht in Ordnung. Sie ist so alt wie die Bundesrepublik. Als Bundeskanzlerin ist sie für das deutsche Volk verantwortlich; ihre Aufgabe ist die Integration - also auch ihrer Nicht-Wähler.

4. Wie in jedem Verein werden auf einer Mitgliederversammlung die Leistungen der Mitglieder gewürdigt; das dient ihrer Inklusion: die Mitglieder sollen Mitglieder bleiben. Die Inklusion dient der Selbst-Vergewisserung: es muss sich lohnen, Mitglied zu sein. Angela Merkel zählte die Leistungen der CDU-Kabinettsmitglieder sowie anderer Kolleginnen und Kollegen in politischen Ämtern auf. Die Inklusion diente der Exklusion der Nicht-Mitglieder. Vereine können das tun, aber für politische Parteien, die Wähler-Mandate repräsentieren und sich gleichzeitig um neue Wähler-Mandate bemühen, ist diese Art rhetorischer Taktik seltsam.
Im Fall ihrer Rede warb Angela Merkel für  und gegen Koalitionen: für den natürlichen Partner, wie sie sagte, der F.D.P. , und den (vielleicht) künftigen Partner der Grünen;  aber gegen die Sozialdemokraten und gegen die Linken. Zu dem Problem, Kanzlerin und Parteivorsitzende zu sein, machte sie keine Bemerkung. Mit ihrem Wort von der Bankrotterklärung der Sozialdemokraten, mit der Linke und den Grünen in Thüringen die Regierung zu bilden und den eigenen Stolz dabei zu vergessen, hackte die Parteivorsitzende Holz. Wie wohl ihre sozialdemokratischen Kabinetts-Kolleginnen und - Kollegen darauf reagieren?

5. Die Probleme der zunehmenden Armut und des wachsenden Unmuts, der sich hier und da mit der Affektion des Hasses artikuliert, ließ Angela Merkel unerwähnt - die gewalttätigen Ausbrüche in Köln vor einigen Tagen waren nur der Anlass, Hoffnung auf ihre Sicherheits-bewusste Regierung und deren CDU-Mitglieder zu machen. Ihre Rede war unscharf in der Wahrnehmung der aktuellen Not.

6. Mit 96,7 Prozent wurde die Parteivorsitzenden in ihrem Amt bestätigt. Der hohe Prozentsatz macht aufmerksam auf eine forcierte Übereinkunft der Konflikt-Vermeidung - man kann vermuten, dass das Wort von der Bankrotterklärung in seiner externalisierten Aggressivität die Verunsicherung der Parteimitglieder verdecken soll; das Ergebnis ist üblicherweise Resultat verordneter Ergebnisse und spricht für eine Demokratie-Scheu.

7. Angela Merkel pflegte die meiste Zeit ihrer Rede den Blick zurück - bis zu Konrad Adenauer. So war ihre Rede eine Variation des alten CDU-Slogan Keine Experimente - obgleich sie dafür votierte, mutig zu sein.  

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Josef Ackermann hatte Recht

"Ich habe ihm von Anfang misstraut", sagte einer der Beschuldigten im so genannten Flick-Prozess, in dem (1985) der Vorwurf der Bestechung bundesdeutscher Politiker verhandelt wurde, wobei der Fiskus um 17 Millionen Mark betrogen worden war, über den vorsitzenden Richter Hans-Henning Buchholz, "seitdem ich wusste, dass Buchholz in seinem Urlaub sein Schlafzimmer selbst renoviert". Ein Satz der Verachtung des Gerichts, so kann man ihn doch verstehen, und des Richters am Bonner Landesgericht: ein Mann, der den Farbtopf in die Hand nimmt, ist nicht normal - für einen Vielverdienenden. Die Verachtung der Jurisdikative gehört zur bundesdeutschen Geschichte. Sie hat natürlich viele Gründe. Ein für das Statusdenken, das sich um den institutionellen Rahmen nicht schert, relevanter Grund sind die Einkommen unserer Richter und Richterinnen. Heute, am 4.12.2014, war in der SZ zu lesen (S. 2), wie sehr in die Europa die Gehälter der Richter (von ledigen Berufsanfängern) differieren: in Schottland erhalten sie knapp 160.000 Euro, in der Schweiz 130.000, in England 125.000 - und in der Bundesrepublik 45.000 Euro. Wieso erhalten die Berufsanfänger unter den schottischen Richtern das Dreifache von den entsprechenden bundesdeutschen Gehältern? Wieso erlaubt sich die Bundesrepublik, die Arbeit der Hüter unserer institutionellen Ordnung unangemessen zu honorieren?

George Packer was here

Die Zeitschrift The New Yorker ist ein einzigartiges Periodikum (erscheint einmal wöchentlich) mit u.a. langen Reportage-Texten. Ich bin voreingenommen: als Schüler las ich sie im Kölner Amerikahaus, seit 1976 habe ich sie abonniert; ich hebe alle Hefte auf. In der letzten Ausgabe (vom 1.12.2014) ist George Packers Text zu lesen: The Quiet German. The astonishing rise of Angela Merkel, the most powerful woman in the world. George Packer, Autor des Buches Unwinding America, war als Axel Springer Fellow an der Amerikanischen Akademie in Berlin; er beschäftigte sich mit unserer Kanzlerin, interviewte, trug zusammen und kam zu einem freundlich-ernüchternden Bild von ihr. Ihre Politik brachte er auf diesen Nenner: politics without politics - frei übersetzt: Politik ohne politische Substanz.     George Packers Text müsste gründlich diskutiert werden. Bislang habe ich noch keine öffentliche Stimme dazu gehört.

Montag, 1. Dezember 2014

Lektüre einer journalistischen Lektüre II

"Barack Obama", schreibt Hubert Wetzel in seinem Kommentar Obamas Farbenlehre. Rassismus in den USA (SZ Nr. 273, 27.11.2014, S. 4), "ist Amerikas erster schwarzer Präsident. Doch Barack Obama war nie - und wollte es nie sein - der Präsident der Schwarzen in Amerika. Die Tragödie von Ferguson hat dieses Dilemma offengelegt". Hubert Wetzels Erwartung nach fand der U.S.-Präsident keine deutlichen Worte "gegen den alltäglichen Rassismus in Amerika und die Gewalt der Polizei".
Fazit von Hubert Wetzel: "als politisches Thema hat Rassismus Obama offenbar nie besonders interessiert".

Wie das? Offenbar nie besonders interessiert. Ist Barack Obama blind für die Bedeutung und die Wirkung seiner Hautfarbe als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika? "Eine große Rede zum Verhältnis von Schwarzen und Weißen" ist Hubert Wetzel zu wenig. Wieso? Kann man sein Interesse - eine schwache Vokabel - messen an der Zahl seiner expliziten öffentlichen Beiträge dazu? Was ist mit seinem impliziten, permanenten Beitrag als Repräsentant des Präsidenten-Amtes? Zählt der nicht? Hubert Wetzel folgt dem Konzept direkter (konfrontativer) Aussprache: das nur das Ausgesprochene zählt - nicht das unausgesprochene Symbolisierte. Damit folgt er einer eingeschränkten Konzeption interaktiver Kommunikation. Er hört nur, aber er sieht nicht.

Womit er einer alten deutschen Tradition folgt, in der die Höflichkeit - die interaktiv abgestimmte Zurückhaltung -  negativ konnotiert ist, wie Norbert Elias bemerkte: denn ehrlich sind die Taktlosen, die aussprechen, was andere anscheinend nicht auszusprechen sich trauen. Auf das bisschen Porzellan kommt es nicht an. Es kommt sehr darauf an. Hass wird nicht dadurch kuriert, dass man ihn ausspricht, indem er beim anderen oder den anderen lokalisiert wird und zum massiven Vorwurf gerät. Hass wird dadurch gemildert, dass man gute Erfahrungen macht - beispielsweise mit einem U.S.-Präsidenten, der nicht auszuschließen, sondern einzuschließen versucht.  

Mittwoch, 26. November 2014

Günther Jauch am 23.11.2014

Am 23.11.2014 gab es in der Sendung Günther Jauch ein Gespräch. Das Thema war das am vorigen Sonntag dort ausgestrahlte Interview mit Wladimir Wladimirowitsch Putin, dem Präsidenten der russischen Förderation. Die Frage war, von Günther Jauch auf diese Alternative gebracht: Sollen wir  - wobei unklar war, wer damit adressiert war - nachgeben oder härter mit ihm umgehen? So gestellt, wiederholte die Frage die bekannte Rhetorik (alter) deutscher Pädagogik: Nachgeben ist schlecht -  denn dann lernt das Kind nicht zurückzustecken und wird verwöhnt; härter ist besser - denn wer nicht hören will, muss fühlen. Dieses Konzept seltsamer Erziehung bekannter alter Zeiten, als die Kinder noch zäh wie Leder und flink wie Windhunde sein sollten, wurde also eingeführt und stand zur Debatte als politisches Konzept. Zum Glück übernahmen  die Teilnehmer es nicht so einfach. Gabriele Krone Schmalz erinnerte an die langjährige Exklusion des russischen Politikers, Matthias Platzeck favorisierte den Versuch der Inklusion; sie unternahmen Verständnisversuche zur möglichen Genese des jetzigen Konflikts. Alexander Graf Lambsdorff wollte die Verletzung des Völkerrechts nicht durchgehen lassen. Wolf Biermann kommunizierte seinen Spott und seine Verachtung.

Zwei Kontexte fielen mir auf. 1. Die Frage einer gemeinsam geteilten und getragenen politischen Konzeption diplomatischer Beziehungen. Sie gibt es nicht. Diplomatische Beziehungen lassen sich nicht wie alltägliche Beziehungen verstehen und gestalten, insistierte Gabriele Krone-Schmalz. Wie dann? Es dominiert die politisch verstandene, politisch realisierte symmetrische Interaktion: wie du mir, so ich dir. Wladimir Putin wurde den Beschämungen politischer und wirtschaftlicher Exklusion ausgesetzt. 2. Verachtung und Beschämung waren auch in der ARD-Woche der Werbung für Toleranz kommunikative Münzen. Wolf Biermann, der in seinem interaktiven Angebot von seinem Nicht-Wissen sprach, ließ seiner Verachtung freien Lauf, als er den russischen Präsidenten der Unfähigkeit zieh, anders als der deutsch-österreichische Politiker Hitler noch nicht einmal fähig zu sein, Autobahnen bauen zu lassen. Das war eine Art öffentlicher kommunikativer Inkontinenz, die Günther Jauch taktvoll  wegmoderierte.

Wissenschaftsjournalismus IV

Gestern, am 25.11.2014, auf der Wissensseite der SZ (S.16, Nr. 271) : "Ein Gen, sich zu binden. Erbanlagen beeinflussen die Beziehungsfähigkeit", lauten die Titel des Textes. Die genetische Ausstattung von 579 Studentinnen und Studenten wurde in einer chinesischen Studie nach dem Gen durchgesehen, "das die Wirkung des Neurobotenstoffs Serotonin im Körper beeinflusst. Eine Veränderung dieses Gens an nur einer Stelle in der Abfolge der Erbgutbausteine scheint bereits einen Einfluss auf das Bindungsverhalten der untersuchten Studenten zu haben. Befindet sich an dieser Stelle der Baustein Cytosin, lag die Wahrscheinlichkeit, dass die untersuchte Studentin oder der Student in einer glücklichen Paarbeziehung lebte, bei 50 Prozent. Steht stattdessen jedoch ein Guanin an dieser Stelle, lagen die Chancen für eine Partnerschaft nur bei 40 Prozent".

Kommentar: "Ein auf den ersten Blick kleiner, aber durch die verschiedenen statistischen Tests der Wissenschaftler zuverlässig belegter Effekt".

Ja, was haben wir da? Einen kleinen, aber zuverlässig belegten Effekt für einen komplexen Zusammenhang. Ich wüsste gern, wie man die Beziehungsfähigkeit von jungen Leuten, die mit ihren Beziehungen noch experimentieren, auf eine Variable reduzieren kann, die sich dann korrelieren lässt mit den punktuellen Ereignissen der Existenz von Cytosin oder Guanin.  Wir haben einen blinden Wissenschaftsjournalismus, den man sich ersparen kann.

Freitag, 21. November 2014

Lachen über den Politiker Adolf Hitler

Hilmar Klute berichtet heute in der SZ (Nr. 268, 21.11.2014, S. 11) über die Tagung am Münchener Institut für Zeitgeschichte zu der Frage, ob man, wie er schreibt, "über Hitler lachen" darf. Natürlich darf man das. Wenn der Text, der das Lachen veranlassen soll, die nationalsozialistische Monstrosität gekonnt verfremdet. Das ist im Fall des nationalsozialistischen Politikers äußerst schwierig. Selbst war er wohl, wie auf der Tagung zu erfahren war, humorlos. Das hat Ernst Lubitsch in "Sein oder Nichtsein" elegant karikiert; da konnte ich lachen. Charlie Chaplins "Der große Diktator" ist eine dröge, ziemlich verunglückte Veranstaltung des Auslachens. Quentin Tarantinos grell aufgetragene Schminke enthüllte die bösartige Fratze des Führers - kein Vergnügen. Kann ein "Witz als Waffe" wirken, wie Hilmar Klute seinen Text titelt? Natürlich nicht. Die messianische Mission eines humorlosen Menschen mit einem Witz anzugehen macht ihn möglicherweise noch humorloser und rabiater. Zudem dient der Witz, wie wir von Sigmund Freud  erfahren haben, vor allem der Psychohygiene dessen, der oder die ihn erfindet und kommuniziert. Der Witz als Waffe überschätzt seine Wirksamkeit und fantasiert die geräuschlose Vernichtung und pflegt im nationalsozialistischen Kontext die Illusion, die Beseitigung des Anführers würde eine kriminelle Gang zerstören. Die kriminellen nationalsozialistischen Cliquen hätten viele Fußballstadien gefüllt. Die von unserer Bundeskanzlerin (am 2.5.2011) begrüßte Exekution von Osama bin Laden hat die Evolution des Mordens nicht gestoppt. Deshalb gehören zum kriminellen Führer die ihn in diesem Status haltenden Strukturen und Beziehungsgefüge des gesamten Systems (s. meinen Blog Rache ist sauer vom 9.5.2011).

"Nun ist Hitler", schreibt Hilmar Klute, "seit bald siebzig Jahren tot und stolpert immer noch knödelnd und kreischend durch unsere Witzwelten. Warum eigentlich, oder besser gefragt: wozu? ... Es gibt den brennenden Wunsch vieler deutscher Humorarbeiter, Adolf Hitler in seiner angeblichen Banalität zu zeigen, und da möchte man zumindest nachfragen, ob ein Mann, der sechs Millionen Juden ermordet hat und zumindest darangegangen war, die Welt anzuzünden, wirklich mit dem Begriff der Banalität abzufertigen sei". Der letzte Satz pflegt die Verdrehung und die Dämonisierung. Die mörderische nationalsozialistische Orgie wurde von vielen Henkern beauftragt, organisiert und betrieben. Das System des Mordens und seine Mitglieder werden so ausgeblendet. Und die Rede von der Banalität ist der repetierte Vorwurf an Hannah Arendt, sie hätte die mörderische Grausamkeit eines der  nationalsozialistischen  Henker missverstanden. Hannah Arendt beschrieb die erschreckend krude Gefühllosigkeit von Adolf Eichmann - sie nannte sie seine "Unfähigkeit zu denken", was wir heute übersetzen können (ihr Text wurde im Frühjahr1963 publiziert) mit: einer Unfähigkeit sich einzufühlen und was seine, wenn wir das Wort in seinem alten Sinne verstehen, ungeheure menschliche Gewöhnlichkeit auszumachen scheint. Dass das Lachen über den nationalsozialistischen Regierungschef nicht gelingt, zeigt an: die Akteure der nationalsozialistischen Verbrechen erschrecken und lähmen; sie sind noch nicht verstanden. Die Henker werfen noch riesige Schatten.

Mittwoch, 19. November 2014

Bundesdeutsche Regierungsakrobatik V: der Müll, der Müll! Wohin mit dem Müll?

Es geht um den Müll der Atom-Wirtschaft. "Sorgen in Salzgitter", titelte die SZ heute auf ihrer sechsten Seite (19.11.2014, Nr. 266): "Die Bundesregierung muss weit mehr entsorgen als bisher gedacht. Die Bundesregierung schließt nicht aus, den Schacht Konrad dafür zu erweitern. Es gäbe aber auch noch einen viel komplizierteren Weg". Das ist doch eine Nachricht: die Bundesregierung muss mehr entsorgen als bisher gedacht. Das ist erstaunlich. Das sollen wir glauben? In den 70er Jahren nahm die Atom-Wirtschaft ihren Betrieb auf. Damals verglich jemand den Beginn mit dem Start eines Flugzeugs,
für das erst eine Landebahn planiert werden muss. Seitdem sind gut vier Dekaden vergangen. Und beim Atom-Müll hat man sich verrechnet? Auch das ist schwer zu glauben. Ich hatte immer gedacht, man wüsste ziemlich genau, was anfällt. Wahrscheinlich weiß man das auch. Bis aufs Gramm. Aber die Regierungen hangeln sich von Wahl zu Wahl, vom Vertagen zum Vertagen zum Verschieben. Wer jemals in einer Organisation oder Behörde arbeitete, weiß, wie unangenehme Entscheidungen nicht getroffen werden. Die Bundesregierung ist in der Verantwortung; deren Chef ist die Kanzlerin.

Internet-Sorgen

Heute, im Feuilleton der SZ (19.11.2014, S. 11, Nr. 266), sorgt sich Alexandra Borchardt um die Wirkungen des Internets. "Keine Frage der Macht. Funktioniert eine Demokratie ohne Institutionen?", fragt sie im Titel ihres Textes. Sie beschreibt unsere Lebensverhältnisse:

"Der Marsch durch die Institutionen war gestern, heute reicht der Sprint durch die sozialen Netzwerke. Politiker spüren das, Manager, Ärzte oder Behörden, deren Erkenntnisse und Leistungen ständig im Netz infrage gestellt werden: Formale Autorität zählt weniger als je zuvor. Die digitale Welt stürzt Institutionen in die Krise".

Dieser Blog hier ist natürlich auch eine subversive Angelegenheit und stürzt (wahrscheinlich nicht) die Süddeutsche Zeitung in die Krise (s. auch den anderen Blog von heute). Mir fällt wieder meine Großmutter ein: ihre stärkstes Argument, um eine Behauptung durchzusetzen, war die Drohung, tot umzufallen, sollte sie falsch liegen. Ich brauchte als Kind Jahre, ihren Bluff zu durchschauen. Diese Autorität plusterte sich also in ihrer Not mächtig auf. Dann wurden in unserer eigenen Familie (mit zwei Söhnen, einer Tochter) bei Streitigkeiten die Bände des Meyers Enzyklopädisches Lexikon aus dem Wohnzimmer geholt mit den deprimierenden Erfahrungen des Vaters, der feststellen musste, dass sein Wissen, anders als die selbstironische englische Formel besagt, auf eine Briefmarke passt: was weiß man schon genau?
Heute ist das iPhone blitzartig bei der Hand. Ist das schlecht?

Nein. Das Nicht-Wissen ist heute enorm. Von Niklas Luhmann stammt die Beobachtung, dass Wissenschaft das Wissen und das Nicht-Wissen gleichermaßen vergrößere.  Der Bürger, der Patient, der Angestellte, der Student und der Schüler werden hier und da (oder mehr - wer weiß das?)  eingelullt von einer Rhetorik des Durchmogelns. Wo wissen wir wirklich Bescheid? Etwas nicht zu wissen, wird ungern zugegeben. Dabei geht es doch darum, dass wir uns trauen redlich zu sein. Eltern müssen nicht besonders schlau sein - es gibt ja das Internet - , sondern redlich und ihre Kinder fair behandeln. Im Internet geht heute nichts verloren. Man kann überprüfen, was getan und was gesagt wurde. Man kann seine Meinung sagen. Das Gefühl von Ohnmacht mildert sich - ein wenig. Unsere demokratischen Institute werden davon nicht bedroht: sie geben uns den Rahmen für unsere Bewegungen. Bedroht werden die Repräsentanten von politischer, ökonomischer, künstlerischer, medialer und  wissenschaftlicher Macht, die vor allem das Geschäft ihrer Macht im Blick haben. Das demokratische Ideal wacher, lebendiger und gut informierter Bürgerinnen und Bürger wird hier und da eingelöst. Soll das schlecht sein? Was soll ich von einer Zeitung halten, in der sich eine Autorin fürchtet wie meine Großmutter früher, was sie uns mit diesen Sätzen mitteilte: was sollen bloß die Leute denken? Bloß keine Blöße geben!

Aufpeppen

Am 13.11.2014 war in der Abteilung Wissen der SZ ein kleiner Text zu lesen (S. 18, Nr. 261):
"Ampel-Effekt. Bilingualität trainiert das Gehirn", teilten die beiden Überschriften mit. Der erste Satz:
"Wer als bilingualer Mensch fließend zwei Sprachen spricht, kann Informationen besser verarbeiten als Menschen, die nur eine Sprache beherrschen".

Der Text bezieht sich auf die Studie von Jennifer Krizman, Erika Koe, Viorica Marian und Nina Kraus aus Evanston, Illinois: "Biligualism increases neural response consistence and cognitive coupling", was sich übersetzen lässt mit: Zweisprachigkeit verstärkt die Dichte der neuronalen Antwort und der kognitiven Verkopplung. Die Dichte der neuronalen Antwort ist  der Befund der Gehirn-Aktivität, die bei den in Englisch und Spanisch versierten Versuchspersonen (16 Studentinnen und 11 Studenten) offenbar erhöht war. Wer mit zwei Bällen jongliert, so mein Bild für die abgeleitete Logik der Autorinnen,  muss mehr aufpassen als der, der einen Ball in die Luft wirft. Klar doch. Gilt das auch für Zweisprachigkeit? Ist das ein Jonglieren? Was lässt sich noch ableiten? Die Dichte gibt wenig Auskunft. Man müsste sich über die Zweisprachigkeit verständigen. Die Autorinnen vermuten, dass bei einer Zweisprachigkeit die eine Sprache gesprochen, die andere unterdrückt wird. Ist das so? Geht man nicht beim Sprechen in der einen Sprache auf, während die andere verschwindet? Dolmetscher können die sprachlichen Bewegungen schnell wechseln, aber können das Alltags-Zweisprachler auch? Zweisprachigkeit macht beweglich, sagt die Alltagserfahrung. Aber wie weit reicht die Beweglichkeit? Fragen, die im Text nicht diskutiert werden. Auf keinen Fall kann man den Befund verallgemeinern zu: wer zwei Sprachen spricht, kann Informationen besser verarbeiten. Ich frage mich: welche Politik verfolgt diese Form von Journalismus?
 

Montag, 17. November 2014

Wann ist genug genug?

Am vergangenen Freitag (14.11.2014) spielte unsere Fußball-Nationalmannschaft in Nürnberg gegen die Mannschaft von Gibraltar. Sie gewann 4:0. Nach dem Schlußpfiff waren die Reaktionen erstaunlich: die Zuschauer pfiffen, die TV-Kommentare waren nicht zufrieden (einigermaßen milde Enttäuschung des RTL-Mannes; Jens Lehmann hatte Verständnis), der Bundestrainer war nicht zufrieden (schwere Enttäuschung), die veröffentlichte Meinung hier und da auch. Gemaule und Genörgel allerorten. Gegen diesen dritt-, viert- oder fünftklassigen Gegner (die Einschätzungen schwankten) wäre mehr drin gewesen. Warum hätte der Gegner demontiert (gedemütigt) werden sollen? War das 7: 1 gegen Brasilien nicht genug? Fußball-Liebhaber erinnern sich: Bundesdeutsche Qualifikationsspiele für große Turniere waren schon immer ein Gewürge; mit Ach und Krach kamen unsere Mannschaften weiter. Ausnahme: die letzte Qualifikationsrunde für Brasilien. Fußball-Liebhaber wissen auch: gegen schwächere Mannschaften haben gute Spieler eine Hemmung. Sie wissen zudem: Fußballer sind keine Maschinen; fußballerische Feuerwerke sind selten. Sie können sich erinnern: nach der gewonnen Fußball-Weltmeisterschaft 1954 brauchten die westdeutschen Kicker drei Turniere, um sich von ihrem Sieg zu erholen und wieder gut auszusehen (das war 1966 in England). Fußball-Liebhaber wissen auch: eine neue Mannschaft muss sich finden; der Preis für die enorme Anstrengung in diesem Jahr sind die vielen verletzten Spieler; bis die Mannschaft wieder spielt, vergeht Zeit. Gegen Gibraltar spielten sie nicht; sie waren vorsichtig. Möglicherweise lähmten die riesigen Erwartungen.

Aber, muss man fragen: Wieso ist der sportliche Kredit unserer Kicker so klein? Welche Unzufriedenheit hat sich mit dieser Fußball-Enttäuschung vermischt? Erste Vermutung: der Triumph in Brasilien war nicht triumphal genug. Das 7: 1 gegen Brasilien im Endspiel wäre richtig gewesen. Das 1:0 gegen Argentinien war ganz schön knapp. Zweite Vermutung: die weltpolitischen Turniere sind unglaublich schwierig geworden; unsere Regierungs-Mannschaft spielt zu viel Unentschieden.

Samstag, 8. November 2014

"We remember you said that" II

Howard Winchester Hawks' Western Rio Bravo (U.S.A. 1959) brachte mir die demokratischen basics bei - gute Western sind richtige Lehrstücke. Rio Bravo  ist (u.a.) ein Anti-Korruptions-Film. Als John T. Chance (John Wayne) und Dude (Dean Martin) den Mörder in einer Kneipe suchen, sagt einer der ihn schützenden Burschen: Hier ist niemand reingelaufen. John T. Chance antwortet: We remember you said that (s. meinen Blog vom 24.11.2010). Am 1.9.2013 sagte unsere Bundeskanzlerin zu dem Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück in der TV-Sendung (auf You Tube lässt es sich überprüfen): "Mit mir wird es eine PKW-Maut nicht geben".

Unsere Tochter half mir mit ihrem guten Gedächtnis auf die Sprünge. Ist mein Gedächtnis nun schlecht oder habe ich mich einlullen lassen?  Dass der Maut-Stuss es bis zur Gesetzesvorlage schaffte, ist erstaunlich. Wieso hat sich Angela Merkel nicht an ihr Wort gehalten? Mit anderen Worten: was läuft im Kanzleramt und in der Regierung? Demokratie lebt noch immer von der Wahrheit des Wortes. Wie steht es um dieses Ideal?

Der gerade gewählte Präsident der Europäischen Kommission Jean-Claude Junker war nicht - so war doch das landläufige Gerücht - der Kandidat unserer Kanzlerin gewesen. Womöglich, kann man jetzt, nach der Veröffentlichung der luxemburgischen Verfilzung, die immer dementiert wurde, vermuten, wusste sie um den Schlamassel des damaligen Kandidaten. Jetzt muss man sich gewaltig die Augen reiben. Warum hat unsere Kanzlerin geschwiegen?

Schließlich, der Titel der SZ vom 7.11.2014: "Zehn Milliarden gegen den Abschwung. Finanzminister Schäuble vollzieht eine überraschende Wende. Mit einem Investitionsprogramm will er den Konjunkturpessimismus vertreiben. Das Geld soll auch Brücken und Straßen zugutekommen". Die Steuerschätzung für die nächsten Jahre fiel ungünstig aus: das ist der explizite Kontext. Eine überraschende Wende - titelte die Süddeutsche. Ja, warum jetzt? Ein Investitionsprogramm wird schon lange diskutiert. Warum jetzt? Jetzt, vermute ich, ähnlich wie damals, als die so genannte Energiewende ausgerufen wurde, dient der versprochene Betrag an Investitionen der Beruhigung: die Maut ist nicht das einzig relevante Projekt; die Regierung besinnt sich auf eine aktuelle Not. Die implizite Botschaft lautet: Wir tun etwas. Beruhigung nach innen und nach außen.

Donnerstag, 6. November 2014

Zeitungslektüre

Die Meinungsfreiheit zählt zu unseren Grundrechten. Artikel 5 unseres Grundgesetzes bestimmt: "Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt". Das sind drei klare, noble Sätze. Die dazu gehörenden Wirklichkeiten sind kompliziert. Der Suchprozess,  wie das Gesetz sagt, "sich ungehindert zu unterrichten", ist begrenzt durch die Medien, über die man verfügt und die man benutzt. Die Medien unterscheiden sich in ihrer Qualität, den Blick auf unsere Lebenswirklichkeiten zu erweitern oder zu verengen. Eine Tageszeitung offeriert jeden Morgen einen bunten Strauß von Berichten, Sichtweisen, Vermutungen und Deutungen, organisiert von einer eigenen (Publikations-) Politik und einer impliziten Haltung; was sie nicht offeriert: ihre Quellen, Konzepte, Konflikte (innerhalb einer Redaktion beispielsweise) und ihre eigene Politik auf dem Markt der Medien, wozu ja nicht nur die gedruckten Ausgaben, sondern die audiovisuellen und die digitalen Medien gehören.  Der Journalist, der das Ressort Politik führt (wie auch immer), perpetuiert seine Auffassung in einer Fernseh-Rederunde, etabliert und wirbt gleichzeitig für sich, seine Zeitung und Abonnenten. Es ist verworren.

Vier Beispiele aus der heutigen Ausgabe der SZ (6.11.2014, Nr. 255) zum Problem publizistischer Intransparenz.

1. Kommentar von Hubert Wetzel Obamas Erbe (S. 4). Die leitende Frage ist: was wird aus der zweiten Hälfte seiner zweiten Präsidentschaft? Dazu charakterisiert Hubert Wetzel die Qualität des Regierungschefs: "Nach sechs Jahren im Amt umgibt eine gewisse Tragik Barack Obama. Als sei seine ganze Präsidentschaft ein großes Missverständnis". Missverständnis? "Der visionäre Redner hat sich als mittelmäßiger Politiker und oft regelrecht schlampiger Regierungschef entpuppt". Schwach ausreichend: setzen! "Der Präsident interessiert sich nicht für das mühsame Handwerk", schreibt er, "das nötig ist, um in Washington Politik zu machen, statt sie nur anzukündigen. Er sei, ätzte einmal ein Kolumnist, wie ein Arzt, der kein Blut sehen kann, tauglich für Vorlesungen, nicht für Operationen". Forsches Gerede, kann ich da nur sagen. Woher weiß Hubert Wetzel das? Ich vermute, er hat Barack Obama keine fünf Minuten in einer Diskussion in seinem Oval Office (wo auch immer) gesehen. Er hat seine Einschätzung aus zweiter oder dritter oder vierter Hand. Aus welcher? Wie hat er sie überprüft? Was sind seine eigenen Konzepte? Die projektive Verachtung, die der Text pflegt, liegt so nahe. Als könnte man darüber urteilen, ohne die Beziehungswirklichkeiten zu kennen. Eine Auskunft über Quellen gibt es im Text nicht. Natürlich auch keine Auskunft über die Konzeptionen der Leute, die die  Quellen bilden. Erstaunlich ist das einfache personalisierte Bild - als wäre der U.S.-Präsident der Chef einer Firma mit drei Angestellten. Hubert Wetzel hält dem Präsidenten zugute: dass er der erste schwarze Regierungschef ist und dass ihm die Einführung der Krankenversicherung gelang. Dass er ein gewaltiges Ressentiment auszuhalten hat, wird nicht angedeutet - als wäre dessen vermutlich mächtige, projektive Wucht eine quantité négligable und hätte keinen Einfluss auf die Arbeit des Regierungschefs. Ich frage mich, wie man darunter einen klaren Gedanken fassen kann. Ich frage mich, welche Realität der politischen Bewegungsmöglichkeiten damit verbunden ist.

2. Die Karikatur von Wolfgang Horsch (S.4): der U.S. Präsident wandelt sich in vier Bildern zu einem Enterich, der mit seinem Birnen-förmigen Körper auf den Schnabel fällt. Die Birne war eine beliebte Metapher des Missverständnisses bundesdeutscher politischer Prozesse. Wir haben eine deutsche Illustration zu der amerikanischen Formel von der lame duck vor uns. Die Lektüre der Dagobert Duck-Geschichten schützt einen nicht vor Missverständnissen. Die lahme Ente ist keine so gute Übersetzung der lame duck. A lame duck - ist ein flacher Stein, der über die Wasseroberfläche so geworden wird, dass er mehrmals abhebt: sagt das Dictionary of American Regional English. Aber vor allem veranstaltet eine lame duck:  ducks and drakes mit seinen Lebensumständen, indem er sie überzieht, missbraucht oder sich einen Teufel drum schert - insofern ist die Ente gar nicht lahm, sondern verbohrt, stur und nachlässig. Das ist natürlich ein anderer Vorwurf als das Stolpern und Hinschlagen einer aus den Fugen geratenen Körperlichkeit. Was witzig aussieht, ist noch längst nicht witzig.

3. Der einsame Herr Draghi : ist der Text von Claus Hulverscheidt und Markus Zydra getitelt (S. 17). Der Präsident der Europäischen Zentralbank entscheidet im Alleingang: ist der Tenor. "Er ist kein Gruppenmensch, der Spaß an langen Debatten im großen Kreis hätte", sagt einer, der den EBZ-Chef gut kennt. Kennt der, der den EBZ-Chef kennt, sich in Gruppen aus? Was macht man in einer Gruppe von zwei Dutzend Leuten? Wie sieht die Gruppe aus? Es ist ähnlich wie bei dem U.S.Präsidenten: unterschätzt wird die Dynamik des oder der Beziehungsgefüge. Was und wie die Beratungsprozesse laufen und wie die dazu gehörigen Beziehungen aussehen, erfahren wir nicht. Politik ist das Geschäft eines Mannes. Hatten wir das nicht schon? Und ist diese Konzeptions-lose Konzeption die Nachfolge-Idee der Max Weberschen Idee des charismatischen Führers? Der Führer spukt weiterhin durch unsere Gegend. Ohne ihn geht es nicht. Ohne ihn lassen sich politische Prozesse offenbar schlecht erzählen. Folgt in dem Text noch ein Häppchen Klatsch: dass Mario Draghi Interesse am Amt des italienischen Staatspräsidenten hat. Ob es stimmt, ist unklar; es kursiert, sagt der Autor, das Gerücht.

4. Und jetzt kommt der Führer einer Elektrolok. Eine Lanze für die Lokführer überschreibt Marc Beise seinen Kommentar (S.17) zum Streik der Lokführer. Endlich wird eine Gegenposition bezogen zu dem  Konsensus der öffentlichen Diskussion über den Gewerkschaftsführer Claus Weselky, dass hier ein Mann sein Süppchen zu kochen versucht ohne Rücksicht auf die damit verbundenen Komplikationen. Schon wieder ein Einzelgänger. Wo sind und wer sind seine Gewerkschaftskollegen? Sind wir in einem Western? Marc Beise erinnert an das Recht zu streiken. Bravo! Aber der Streik wird auch von ihm aus der Perspektive des einzigen Mannes gesehen: "Es ist die große Tragik des aktuellen Lokführerstreiks, dass dieser in seiner (kursiv von mir) Maßlosigkeit solche Überlegungen diskreditiert. Indem sie die Freiheit, die sie haben, missbrauchen, arbeiten die Lokführer den Gegnern ihrer Freiheit in die Hände. Schon blöd".

Dieses Mal: ein Mangelhaft. 1884, gibt der Große Meyer an, wurde das englische strike eingedeutscht zum Streik. To strike ist ein Verbum, das mehr oder weniger heftige Reaktionen auslöst. Margaret Thatcher machte das Ressentiment auf die Gewerkschaften (vor allem der entschlossenen Bergarbeiter um Arthur Scargill aus Yorkshire) zu ihrer Politik. Das ist England nicht so gut bekommen. Arbeitskämpfe adeln eine Demokratie. Was ist übrigens mit der Gegenposition - mit dem Chef der DB Martin Weber? Welche Politik verfolgen er und seine Beraterinnen und Berater? Wieso kommen die DB-Leute ihren Leuten nicht entgegen?

Nachtrag am 10.11.2014.
Im Text von Detlef Esslinger (SZ vom 8./9.11.2014, S. 3, Nr. 257) Stillgestanden! Es heißt, Claus Weselsky sei nicht in der Lage, sich zu verstellen. Das hört sich gut an. Aber es ist sein Problem - werden die Zugbegleiter genannt, die "alleine keine Streikmacht hätten und deshalb die Solidarität der Lokführer brauchten". Sieh an. Auch sie, lässt sich dem Text entnehmen, werden dem Prozess der
ausbeuterischen Verdichtung der Erwartung von Gewinnen wegen unterworfen. Menschen werden verschlissen. Und sie sollten das nicht sagen dürfen?


(Überarbeitung: 23.3.2016)

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Bundesdeutsche Regierungsakrobatik IV

Der Maut-Stuss (s. mein Blog vom 19.9.2014) kommt, lese ich heute in der SZ (30.10.2014) auf der Titelseite. Das Gesetz liegt vor; jetzt muss der Gesetzgeber die legislativen Hürden, so da welche sind, überwinden. Der Eiertanz der Koalitionäre ist jedenfalls ausgetanzt. Dreihundert Millionen Euro Einnahmen, lese ich weiter, werden erwartet. Allerdings erhalten die bundesdeutschen Autofahrerinnen und Autofahrer auf dem Postweg jeweils eine Vignette zugestellt, deren Kosten mit der Kfz-Steuer verrechnet werden. Die Einnahmen - wie sind sie wohl berechnet worden? - sind bescheiden. Allein das Porto bei ungefähr 40 Millionen Steuer-Piloten. Das Eintüten, Frankieren etc. Die Software fürs Ausrechnen, das Ausrechnen, die Bescheide... viele Arbeitsgänge. Was kosten die? Für das Polieren der Fassade der Akteure ist nichts zu teuer. Die Bundesrepublik ist ein reiches Land. Ich erinnere an die psychoanalytische Faustregel: der Geizige muss ständig mit seinem Verschwendungsimpuls kämpfen. Heute darf er feiern.

Zu Ende leben

In der Oktober-Ausgabe der U.S.-Zeitschrift The Atlantic hat Ezekiel J. Emanuel seinen enorm mutigen Text veröffentlicht: Why I Hope to Die at 75. An Argument that society and families - and you - will be better off if nature takes its course swiftly and promptly. Bernd Graff, Journalist der SZ, veröffentlichte seine Kritik am 28.10.2014 (S. 11, Nr. 248) unter dem Titel: Sterben muss man sich leisten können. Nach dem Leben sollen in den USA nun auch Geburt und Tod ökonomisch optimiert werden. So wurde ich auf Ezekiel Emanuels Arbeit aufmerksam und las sie - dem Internet sei Dank - nach. Bernd Graff hat die Arbeit missverstanden. Es geht nicht um irgendeine ökonomische Frage, sondern um die existenzielle Frage, wie wir zu leben wünschen, wann wir unser Leben für erfüllt einschätzen und wie wir uns auf unser Lebensende einstellen. Ezekiel Emanuel hält nichts vom Trost der Illusion oder Fantasie, sehr alt und sehr fit bleiben zu können. Emanuel ist ein mit der Forschung vertrauter Autor. Epidemiologische Forschung zeigt, dass die Lebenserwartung zwar steigt, aber dass ein längeres Leben sehr wahrscheinlich ein längeres Leiden bedeutet. Natürlich gibt es glückliche Ausnahmen. Die Frage ist für ihn, ob der medizinische Aufwand, das Leben im Leiden zu verlängern, das Leben wert ist. Ezekiel Emanuel sagt: nein. Deshalb hat er sich entschlossen, ab dem Alter von 75 den Prozess seines (natürlichen) Sterbens, wenn er manifest wird, weder aufzuhalten, noch zu verzögern, noch hinauszuschieben mit Hilfe medizinischer Interventionen. Sterben ist ein Prozess des Sich-Trennens vom Leben. Wie der Prozess gestaltet wird, ist eine sehr persönliche, bewusste oder nicht bewusste Entscheidung. Ezekiel J. Emanuel plädiert für die bewusste Entscheidung einer zügigen Trennung. Ich empfinde seinen Vorschlag als sehr erleichternd und entlastend.     

Mittwoch, 29. Oktober 2014

Zellen-Zauber

Das Interview von Patrick Illinger mit Edvard Moser, dem Nobelpreisträger für Medizin, wurde in der SZ (27.10.2014, S. 18, Nr. 247) in der Abteilung Wissen veröffentlicht.

Die erste Frage von Patrick Illinger: "Sie haben also das innere GPS-System des Menschen gefunden?"
Edvard Moser antwortet: "Zum Teil stimmt das. Ich würde eher sagen, meine Frau May-Britt, John O'Keefe und ich haben die innere Karte entdeckt, mit der das Gehirn räumliche Strukturen erfasst. Verschiedene Gehirnzellen übernehmen dabei verschiedene Aufgaben, um die Umgebung zu kartieren. Es fing mit O'Keefe an, der Ortszellen fand. Wir haben 30 Jahre später Ortszellen gefunden, die dem Raum eine Art gitterförmiges Koordinatensystem überstülpen. Wie eine Matrix, die sich über die Umgebung legt, in der sich eine Maus oder der Mensch bewegt".

Ich kann nur staunen: was diese Zelle alles kann. Normalerweise werden an den Synapsen chemisch-elektrische Impulse erzeugt und die so genannten Botenstoffe (von denen niemand weiß, welche Botschaft wie codiert ist ) weiter gegeben, weshalb Psychopharmaka die Regulation dieser Stoffe zu beeinflussen suchen, was ein äußerst kompliziertes und nicht immer erfolgreiches Unterfangen ist. Jetzt gelingt es den Zellen, die Umgebung zu kartieren. Wie das? Ortszellen stülpen dem Raum so etwas wie ein gitterförmiges Koordinatensystem über. Wie kann man sich das vorstellen? Überstülpen? Edvard Moser spricht in Bildern; die Bilder sind Abstraktionen. Sie machen die Zellen zu organisierenden, ordnenden Subjekten. Wie soll das gehen? Neurowissenschaftler benutzen für diesen Kontext das Bild der Verschaltung oder, wie Edvard Moser, Verdrahtung oder wie Gerald M. Edelman, Gruppierung. Die Frage bleibt: wie organisieren sich oder wer organisiert die einzelnen Zellen?

In der Gruppenpsychotherapie nimmt man die Einheit einer Gruppe an, die aus mehreren oder vielen Mitgliedern besteht. Die Zahl der Mitglieder entscheidet über die Art der Gruppe. Gruppen bewegen sich in beschreibbaren Beziehungsmustern. Diese Muster sind nicht zu sehen; man muss sie explorieren; die Mitglieder geben darüber Auskunft, was sie wie innerhalb einer Gruppe bewegt. Ein Neurowissenschaftler behauptet die Innenansicht; er hat sie aber erschlossen vom Verhalten einer Maus, wie
Edvard Moser andeutet. Man müsste die Verfahren seiner Ableitungen kennen. Gitter, Koordinaten, Verdrahtung sind Bilder und Abstraktionen anderer Disziplinen. Gelten sie auch für lebende Systeme?
Leider erfahren wir dazu nichts. Patrick Illinger bewegte sich lieber in den Bildern als die mühseligen Forschungsschritte zu rekonstruieren. So bleibt viel Zauberei im Dunkeln. In Köln gibt es ein Restaurant, da isst man im Dunkeln; blinde Kellner bedienen; will man seinen Platz verlassen, muss man um Hilfe bitten; jemand nimmt einen dann an die Hand. Im Dunklen ist man sofort verloren. Eine Maus offenbar nicht. Das GPS-System, das meinen Wagen füttert und mich orientiert, funktioniert  auch im Dunkeln.

Was lernen wir aus unserer Vergangenheit?

Am 24.10.2014 machte  die SZ ( Nr. 245) auf ihrer ersten Seite mit diesen Schlagzeilen auf:
"Berlin soll für NS-Unrecht in Italien haften. Verfassungsrichter in Rom setzen sich über den internationalen Gerichtshof hinweg: Frühere Zwangsarbeiter oder Angehörige der Opfer von NS-Massaskern dürfen Deutschland auf Schadenersatz verklagen". Im Text heißt es dann, der Autor ist Stefan Ulrich, Journalist und promovierter Jurist (im Presserecht):
"In Berlin wird schon seit langem befürchtet, dass ein solches italienisches Beispiel in anderen einst von  Nazi-Deutschland geschundenen Ländern wie der Ukraine, Russland und Griechenland Schule macht. Auch deshalb hatte sich die Bundesregierung an den Internationalen Gerichtshof gewandt. Sie argumentierte in Den Haag, die Staatenimmunität sei ein Eckpfeiler der internationalen Ordndung und diene dem friedlichen Zusammenleben der Staaten miteinander, auch und gerade nach Kriegen mit massenhaftem Unrecht".

Innerhalb des Blattes (auf S. 4)  kommentierte Stefan Ulrich das Votum der römischen Richter (S. 4). "Was würde geschehen", fragte er, "wenn die Bundesrepublik wirklich alle ausländischen Opfer des NS-Staates beziehungsweise deren  Angehörige individuell entschädigen müsste? Deutschland würde unter Millionen Ansprüchen zusammenbrechen."

Ja, was würde geschehen? "Mehr als elf Millionen Zwangsarbeiter", schreibt Klaus Körner in seiner 2001 erschienen Publikation (14 Vorwände gegen die Entschädigung von Zwangsarbeitern. "Der Antrag ist abzulehnen"), "wurden zwischen 1939 und 1945 in der deutschen Kriegswirtschaft eingesetzt" (S. 11). Inzwischen wurden von den bundesdeutschen Regierungen Entschädigungen für die Zwangsarbeiter veranlasst. 2001 wurde vom Bundestag der Stiftungsiniative der deutschen Wirtschaft die so genannte Rechtssicherheit zugestanden: dass deutsche Firmen keine Klagen aus den U.S.A. zwecks Entschädigungen zu erwarten haben. In die Fonds konnte also eingezahlt, seine Gelder  ausgezahlt werden. Würde Deutschland, müsste es weitere Gelder aufbringen - zusammenbrechen?Stefan Ulrich gibt sich in seinem Kommentar besorgt - als müsste er die bundesdeutsche Zahlungsfähigkeit schützen.

Seltsam ist, dass er sich schlecht erinnert. Die Zahlungsfähigkeit der  jungen Republik war damals, am Beginn der 50er Jahre, das konstante Argument der konservativen Regierung; das Funktionieren der Wirtschaft das spätere Argument.  Seitdem gehören das unverfrorene, großpratzige, juristisch ausgepolsterte Lavieren einer erstaunlichen, irgendwie vertrauten Gewissenlosigkeit in den Verhandlungen und die Schäbigkeit der ausgehandelten Geldzahlungen  zur Geschichte der Bundesrepublik.  Die Bildung der Machtblöcke half den westdeutschen Politikern, die im Laufe der Dekaden ihre moralischen Vorsätze vergaßen: die Kosten der Bundeswehr waren in den 50er Jahren das Argument der Verrechnung zur Reduzierung der Entschädigungskosten. Die Politik der Bundesrepublik zur Linderung des irreparablen Leids und der Schädigungen lässt sich, so Klaus Körner, auf die Formel bringen: Schutz der bundesdeutschen Firmen vor der Not, von ihrem Reichtum, der in den nationalsozialistischen Jahren entstanden war, mehr als ein Minimum abzugeben. Die Nachfahren der damaligen Verantwortlichen sind bekannt. Bundesdeutsche Gesetzgebung schützt sie buchstäblich vor Klage-Verfahren.

Die italienischen Verfasssungsrichter sind zu verstehen: es geht um die Linderung des Leids und um die Anerkennung des Unrechts. Anders als manche oder viele - wir wissen es nicht genau - Bundesdeutsche können unsere Nachbarn sich gut erinnern. Das Funktionieren von Europa hängt auch davon ab, inwieweit unsere Repräsentanten bereit sind, deren Erinnerungen zu teilen.

Dienstag, 21. Oktober 2014

Bundesdeutsche Regierungskunst II

Der Koalitionsvertrag unserer Regierung - das entnahm ich dem Bericht der SZ vom 20.10.2014 (S. 22, Nr. 241) - enthält das Projekt, den Lärm von Güterzügen (die nachts mit einem gewaltigen Rumpeln die Leute aus dem Schlaf reißen) bis 2020 zu halbieren. Was einfach klingt, ist kompliziert. Eine Voraussetzung ist: die Ausrüstung der Güterzüge mit neuen (leisen) Bremsen. Die alten Bremsen (aus Grauguss, sagt der Text) rauhen die Eisenräder auf, die dann nicht mehr rund laufen und deshalb enorm lärmen. Der Austausch der Bremsen soll bis 2016 realisiert sein. Aber so viele Bremsen können so schnell gar nicht hergestellt werden. Es werden nämlich enorm viele Waggons durch die Republik gezogen.

Zweitens. Der Koalitionsvertrag droht an, wenn die Halbierung des Lärms nicht gelingt, den Nachtverkehr der Güterzüge zu verbieten und/oder sie langsamer fahren zu lassen. Das wiederum hätte Folgen für den Gesamtverkehr; denn dann müssten Millionen Lkws den Transport der Güter übernehmen und in das System des Straßenverkehrs gepresst werden. Nichts ist einfach, heißt der Titel eines Buchs von Sempé. Eine gute Idee ist schnell entworfen; ihre Realisierung ist dann eine ganz andere Geschichte. Das kennen wir alle. Die Frage ist: haben die Koalitionäre das im Spätsommer und Herbst 2013 bedacht? Haben sich zuvor beraten und einschlägige Forschung betreiben lassen? Haben sie an die betroffenen Systeme und Subsysteme und an die Interessen ihrer Betreiber gedacht? Ich vermute: nein. Es ging so schnell, stelle ich mir vor, wie bei der so genannten Energiewende, die ja bekanntlich mit einem Moratorium des Nachdenkens, das allerdings die Funktion eines Vordenkens haben sollte, ausgerufen wurde. Möglicherweise viel schneller.    

Montag, 20. Oktober 2014

Vertrautes zur Heiligen Kuh XI

Die untere Hälfte der 5. Seite der  SZ vom Wochenende (18./19.10.2014): Audi-Werbung in Blau, Grau und Schwarz. Blick übers Lenkrad durch die Windschutzscheibe: eine riesige Rampe, von Lichtern wie auf einer Rollbahn seitlich begrenzt, führt in den Himmel. Durch das Lenkrad geschaut: Blick auf das Display, auf dem die Kuppe unseres Globus zu sehen ist, eingeblendet sind zwei Tachometer-artige Instrumente: links der Drehzahlmesser, der gute 5000 Umdrehungen anzeigt, rechts der Geschwindigkeitsmesser, der 180 km/h anzeigt. Man kann noch mehr im Display lesen. Jedenfalls ist der Wagen gut unterwegs. Keep burning, möchte ich zurufen.

Wenn man umblättert, sieht man die Automobil-Anzeige, die sich über die beiden unteren Hälften der Doppelseite fortsetzt: das rote Audi TTS Coupé fährt auf uns zu, die Rampe, die in den Himmel hineinragt, hat es im Rücken. "Realität. Nicht Vision", heißt es. Wo ist die nächste Rampe?

Freitag, 17. Oktober 2014

Anthony Horowitz

Anthony Horowitz, der in London (am 5.4.1955) geborene Autor, ist beauftragt worden, dem Werk Ian Flemings eine weitere Arbeit mit James Bond hinzufügen - der Dampfer James Bond soll  wahrscheinlich weiter tuckern. Horowitz ist ein vielseitiger Autor (Kinderbücher, Thriller, Drehbücher), ausgezeichnet als O.B.E. (Officer of the Order of the British Empire). Ich kenne ihn als den Erfinder der glänzenden Fernseh-Serie Foyle's War (sieben Staffeln) - die bei uns meines Wissens noch nie gesendet wurde. Michael Kitchen spielte den Detective Chief Superintendent Foyle, der an der südenglischen Küste (in Hastings) in Mordfällen zu ermitteln hatte in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Geschichte der Jahre 1939 bis 1945 mit den deutschen Bombardierungen und der Drohung der deutschen Invasion hatte Anthony Horowitz einzeln, in seine jeweiligen Plots eingearbeitet als die kollektiven psychosozialen Erschütterungen und Beunruhigungen; das Leiden der englischen Bevölkerung, ihre Traumatisierungen beschrieb er präzis und - für mich - beschämend. Aber er beschrieb auch die institutionellen Verschiebungen - die Macht des (englischen) Militärs breitete sich aus und dominierte die lokale Exekutive und die lokale Gesellschaft; Christopher Foyle musste seinen Weg finden für die institutionell verschlungenen Ermittlungen unklarer Hierarchien und Zuständigkeiten. Die englische Geselllschaft war im Krieg, nicht nur Christopher Foyle.

Injustice ist der fünfteilige, in gut drei Stunden erzählte, ungemein spannende Fernsehfilm über die Frage, inwieweit und ob das juristische System Großbritanniens Gerechtigkeit etabliert; die Wahrheit, das wissen wir von unserem System, wird im Gerichtssaal gefunden und bestimmt. Manchmal ist es nur die halbe Wahrheit oder sogar die Unwahrheit. Der Anwalt aus Injustice, der für zwei Mandanten einen Freispruch in Verfahren zur Mord-Beschuldigung erreicht, muss danach realisieren, dass beide Mandanten schuldig sind und ihn betrogen hatten. Er hatte ihnen geglaubt. Er sorgt dann für seine eigene, mörderische Ungerechtigkeits-Gerechtigkeit. Das Thema ist vertraut, aber die Beschreibungen der institutionellen wie persönlichen Prozesse sind enorm eindrucksvoll. Anthony Horowitz ist der Autor mit dem besonderen Blick dafür, wie individuelle Konstellationen ausgelegt werden im Kontext der öffentlichen, gesellschaftlichen Prozesse. Injustice wurde vor kurzem in Arte ausgestrahlt; woraufhin ich mir die DVDs besorgte und sie in einem Durchgang ansah.      

Fremde Ohren hören manchmal besser als einheimische

Ein Schweizer Bahn-Mitarbeiter fuhr mit unserer Bahn, der DB. Er twitterte seine Erfahrungen. Sie waren ernüchternd. "In Deutschland", schrieb er (SZ vom 15.10.2014, S.1), "haben Züge keine Verspätung, sondern eine voraussichtliche Ankunftszeit". Dann blieben nur noch "Reisemöglichkeiten". Genau. Diese mit Euphemismen gespickten Tröstungen sind mir noch gar nicht aufgefallen. Die Verachtung und das Desinteresse für die auf den Bahnsteigen Gestrandeten sind enorm. Die Neigung, das Versagen nicht zuzugeben, sondern zu verwischen mit einer Verdrehung mit einem Versprechen aus dem Repertoire der Marketing-Freundlichkeit, vertraut. Und meine Neigung, nicht hinzuhören und mich zu unterwerfen, beschämend. Eine BahnCard für den Schweizer!

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Wann ist Klatsch relevant?

Klatschen macht Spaß. Ich kenne keine Studie zur Häufigkeit dieser Aktivität, aber ich vermute: es wird täglich betrieben. Klatschen ist trivial, aber schön: es dient der Vergewisserung einer Beziehung mit dem Preis der projektiven Exklusion eines Dritten. Karl ist eine Pfeife, verständigen sich Emil und Horst; Karl ist natürlich abwesend. Das Muster lässt sich endlos variieren. Wäre Cole Porters Let's do it, let's fall in love nicht ein so herrlich elegantes Lied, könnte man es aufs Klatschen umdichten. Klatschen ist das Spiel von Inklusion und Exklusion. Wird der Klatsch einem Dritten kommuniziert, wird er zu einer - sagen wir - persönlichen (Beziehungs-)Politik. Dann wird das triviale Spiel ernst - es rumort dann in dem Beziehungsgefüge, in dem der Stein des Klatsches eine Erschütterung erzeugt.

Am vergangenen Sonntag (12.10.2014) wurde es bei Günther Jauch ernst. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl hatte gegenüber dem Journalisten Heribert Schwan, der ihn für das Memoiren-Geschäft 600 Stunden interviewt hatte - also 24 Tage lang - , geklatscht; er hatte sich über Kollegen und Kolleginnen abfällig-robust geäußert. Heribert Schwan hat diese Äußerungen in ein Buch eingearbeitet, das jetzt auf dem Markt ist; der SPIEGEL hatte mit einem ausführlichen Bericht die Publikation eingeläutet. Ist es wichtig, diesen Klatsch zu kennen?

Darüber stritten die Anwesenden. Je nach Interessenlage fiel die Antwort aus. Die Journalisten waren dafür, der Anwalt Helmut Kohls und der ehemalige bayrische Ministerpräsident dagegen; Frau Seebacher-Brandt votierte für das demokratische Recht der freien Meinungsäußerung. Was nun? Man kann ein paar Regeln daraus ableiten. 1. Wer klatscht, sollte ganz sicher sein, dass der andere nicht klatscht; es sei denn, man möchte, dass der andere klatscht. 2. Klatsch ist an den oder die, über den oder die geklatscht wird, nicht adressiert; also ignoriert der oder die Beklatschte am besten (zur eigenen Psychohygiene) ihn wie eine verkehrt zugestellte Post. 3. Wer klatscht, sucht die Beziehungs-Vergewisserung und benutzt - vielleicht - auch den Klatsch als Macht-Mittel; wer klatscht, arbeitet also mit bescheidenen Beziehungs-Mitteln. 4. Wer klatscht, sagt viel über die eigene Bedürftigkeit. 5. Klatsch gehört in den Kontext der Vergewisserung; deshalb sagt er gar nichts über den oder die, dem oder der der Klatsch gilt.

Aber Helmut Kohl hatte nicht nur geklatscht, wurde in der Sendung bekannt: er hatte die Effektivität der Herbst-Demonstrationen für die Auflösung der Deutschen Demokratischen Republik bezweifelt; in deren ökonomischer Not sah er den entscheidenden Grund. Das war nicht neu, bestätigte meine Erinnerung. Denn damals wurde der Sieg des Kapitalismus mächtig gefeiert - die Idee der Demokratie weniger. Die Frage, wie öffentlicher Protest und internes Macht-Kalkül sich beeinflussen, wurde nicht diskutiert. Das wäre eine eigene Sendung gewesen. Helmut Kohls Vermutung wurde aus der Perspektive des Klatschens verstanden: er hatte sich in dem öffentlichen Kontext anders geäußert als im internen Kontext. Womit wir 6. bei dem Grundproblem von Privatheit und Öffentlichkeit sind und 7. bei der Diskrepanz von verschwiegener und veröffentlichter Politik. 8. Die Wahrheit des Klatsches gibt es nicht: der Klatsch ist bezogen auf einen bestimmten Beziehungskontext; über die zugrunde liegenden Beziehungsprozesse sagt er nichts. Für das Verständnis politischer Prozesse ist er irrelevant. 9. Wie immer müssen wir unseren eigenen Reim machen (s. meinen Blog vom 22.9.2014). Die Zentren der Macht erfahren wir meistens erst später. 10. Auch nicht, was im Zentrum der A.R.D.-Macht läuft und wie es zu dieser Sendung, die (offenbar) mit dem Vergnügen am Klatsch ihre Quote zu erzielen suchte, kam; auch der talk, das ist nicht neu, ist ein Geschäft und spielt mit der Inklusion und der Exklusion: wehe dem, der klatscht

Die bundesdeutsche Katastrophe

"Kinderarmut wächst wieder", meldete die SZ auf ihrer ersten Seite in ihrer Wochenend-Ausgabe vom 11./12. 10.2014. Wieder ist ein Euphemismus: sie war nie zum Stillstand gekommen. Auf Seite 6 wird die Meldung erläutert:

"2007 lebten nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Durchschnitt 16,8 Prozent der unter 15-Jährigen in in Hartz IV-Haushalten. Der Wert sank bis 2012 auf 15 Prozent, was die Arbeitsagentur als Erfolg wertete". Jetzt liegt der Prozentanteil bei 15,7. "Für viele der 1,64 Millionen Jungen und Mädchen bedeutet dies: einmal Hartz IV, viele Jahre Hartz IV". Vor allem bei den Jüngeren wäre davon auszugehen, zitiert Thomas Öchsner von der SZ eine Studie des DGB: "dass sie direkt in Hartz IV-Verhältnisse hineingeboren wurden. Damit ist das Risiko einer dauerhaften, quasi vererbten Hilfsbedürftigkeit hoch". Als Sozialisationsfolgen für die Kinder nennt der DGB-Forscher Adamy: dass die Eltern "als Vorbilder ausfallen" bei sinkendem Selbstwertgefühl, Sinnkrise und mangelnder sozialer Teilhabe. Armut ist schrecklich; die psychosozialen Folgen sind verheerend. Die Eltern fallen für ihre Kinder als Eltern aus. Und was machen die Kinder?

Der DGB empfiehlt geförderte Arbeitsplätze. Arbeitsverhältnisse sind dringend notwendig; keine Frage. Aber man muss befürchten, dass die Lebensbedingungen in Armut dauerhaft schädigen mit chronischen Folgen. Aufwändige, großzügig geförderte sozialwissenschaftliche Forschung zu den Sozialisationsfolgen von Armut sind dringend notwendig. Wir haben offenbar eine Regierung, die viel nach draußen schaut (Ukraine, ISIS, Ebola, Flüchtlingsströme - wobei in der Nachkriegszeit die junge Republik 14 Millionen so genannter Flüchtlinge mit einigem Gezeter integriert hat; das ist doch enorm und lässt sich sehen)  und dort die entscheidenden Gefahren wittert, auf ihren Pfenningen sitzt, aber wie gelähmt scheint, wenn es darum geht, sich um die Lebensbedingungen in unserer Republik zu kümmern.

Heute, in der SZ, auf Seite 6 (15.10.2014) : "Flüchtiges Potenzial. Wer nach Europa will, ist arm und ungebildet? Eine Migrationsstudie zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. Um Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu schließen, will das Auswärtige Amt die Asylpolitik völlig neu ausrichten". Das sagt doch genug. Der Blick ins Portemonnaie macht nachdenklich und aufgeschlossen.  In den  60er Jahren hatten wir die so genannten Gastarbeiter, die wir  nicht wie Gäste behandelten. Sie blieben und halfen, die Bundesrepublik zu einem bunten Land zu machen. Und nun?




Montag, 13. Oktober 2014

Big Neuro

Wie das Gehirn die Seele macht heißt das neue Buch von Gerhard Roth, der es zusammen mit Nicole Strüber geschrieben hat. Der Titel gibt die Reihenfolge und die Kausalität vor: erst das Gehirn, dann die Seele.  Auf Seite 18 (ihrer Einleitung) schreiben sie: "Nach den Erkenntnissen der Hirnforschung scheint das neuronale Geschehen die psychischen Erlebniszustände zu verursachen und nicht umgekehrt". Geht es auch anders herum? Erst die Seele, dann das Gehirn? Auf Seite 15 schreiben sie: "Gefühle können unseren Körper ergreifen". Ihre Beispiele sind: Freude, Furcht, Angst, Stress. Nein, es geht nicht anders herum. Die Autoren bewegen sich in einem Reiz-Reaktions-Schema. Rezeptoren wählen aus, reagieren auf unsere Umwelten und organisieren die wahrgenommenen Reize, wodurch die chemisch-elektrischen, neuronalen Prozesse in Gang gesetzt werden. Erst das Gehirn, dann die Seele. Wir sind zweigeteilte Wesen: der eine kommandiert, der andere folgt.

Die Behauptung der Abfolge ist die Folge der experimentellen Methode. Wer in der Röntgen-Röhre liegt, ist auf die Anweisungen des Experimentators angewiesen, der ihm zuruft, woran er denken soll. So erweist sich die experimentelle Anordnung als theoretische Entscheidung. Die Idee der Abfolge dient auch der Etablierung der Macht-Position. Das (vermeintliche) Nacheinander und Auseinander - erst der Körper und dann der Geist oder die Seele - bestimmen die Sitzordnung: in der ersten Reihe sitzen die Naturwissenschaftler, in der zweiten Reihe lassen sie die Geisteswissenschaftler Platz nehmen. Gerhard Roth und Nicole Strüber führen einen Rechtfertigungskampf. "Zwar werden die meisten Neurobiologen zugeben", räumen sie ein, "dass sie psychische Erkrankungen noch nicht (die kursive Schreibweise ist ihre Betonung) in allen ihren Details neurobiologisch erklären können. Aber was ist in vielleicht 20 Jahren? Können wir dann das diagnostische Gespräch des Therapeuten nicht doch durch eine gründliche Untersuchung des Patientengehirns ersetzen?" (S. 18). Ersetzen. Das ist die Katze aus dem Sack. Ersetzt werden sollen die menschliche Beziehungen. Beziehungen kann man  nicht mit einem Röntgen-Gerät untersuchen. Sie sind ein unsichtbares Geschehen. Gerhard Roth und Nicole Strüber haben das Beziehungs-lose Individuum vor Augen. Sie bewegen sich in einem Nirgendwo. Inzwischen sind wir im 21.Jahrhundert und interessiert an der Komplexität von Beziehungsprozessen in unterschiedlichen Einheiten, Gefügen und Organisationen. Familiäre Sozialisationsprozesse, psychosoziale, gesellschaftliche und politische Prozesse lassen sich ebenfalls nicht in die Röntgen-Röhre schieben. Neurowissenschaftliche Untersuchungen sind Forschung zu unserer Grundausstattung. Wenn sie wie in der Arbeit von Gerhard Roth und Nicole Strüber als Versprechen Beziehungs-loser Eingriffe in die individuellen, neurologisch verstandenen Regulationen dienen, überziehen sie ihr wissenschaftlich begründbares Konto mächtig. Big Data und die mit ihnen verbundenen Industrien und Organisationen in Sachen weitreichender Kontrolle und weitreichendem Konsum beunruhigen uns enorm; Big Neuro und die mit ihnen verbundenen Industrien und Organisationen in Sachen weitreichender Infantilisierung und Reduktion menschlicher Komplexität offenbar wenig.

Überarbeitung: 19.3.2015.

Freitag, 10. Oktober 2014

Politik-Lektüre VII: Im Hamsterkäfig

Cartoons lesen politische Prozesse manchmal auf herrlich mehrdeutige, aber dennoch prägnante Art. Gestern die Zeichnung von Dieter Hanitzsch in der SZ (8.10.2014, Nr. 231, S. 4): In der linken Bild-Hälfte rennt Ursula von der Leyen (im schwarzen Hosenanzug und in schwarzen Pumps) mit großen (Sprinter-) Schritten im Hamsterrad, das an einer Halterung mit einem Fuß befestigt ist, auf dem steht: Verteidigungsministerium. Rechts im Bild schaut Angela Merkel, riesengroß,  interessiert zu. Das Bild eines Macht-Verhältnisses: die Kanzlerin lässt rennen. Wird Ursula von der Leyen sich erschöpfen und aufgeben? Wird jemand die Quälerei beenden?

Ein ungleicher Machtkampf findet statt. Ist er ungleich? Nico Fried hat auf derselben Seite den Machtkampf gelesen und kommentiert:
"Es ist freilich undenkbar, dass von der Leyen jemals stark genug sein wird, Merkel zu stürzen. Wenn sie Kanzlerin werden will, müsste Merkel nicht nur die Lust am Amt verlieren, sondern von der Leyen in der Fraktion helfen, in der die Ministerin viele Gegner und wenig Freunde hat. Das vermag Merkel nur, solange sie selber eine klare Mehrheit besitzt. Von der Leyen kann also nur ohne Merkel Kanzlerin werden - aber ohne Merkel wird sie niemals Kanzlerin. Und wenn das so ist, kann Merkel natürlich auch einfach weiterregieren".

Wie wär's mit einem Blick in das Verteidigungsministerium - weg vom Hamsterrad? Wer hat was zu verantworten?

Akademische Publikumsbeschimpfung

"Das Erste, was ich von meinen Studenten im April des Jahres 2000 sah, waren diese großen Wasserflaschen aus Plastik. Während einer Doppelstunde Regierungslehre schafften viele locker einen Liter", beginnt Christiane Florin ihren Klage-Text Warum unsere Studenten so angepasst sind. Das Erste, was sie von ihren Studentinnen und Studenten wahrnahm, waren sicherlich nicht die Wasserflaschen, sondern war ihr irriterter Gesamteindruck, den sie nicht beschreibt, sondern mit der Metapher des großen Dursts andeutet - die Dozentin konnte ihre Zuhörerschaft schlecht ausrechnen und fühlte sich offenbar in der asymmetrischen Beziehung des Lehrens unwohl. Klagen sind  Anklagen, lautet eine psychoanalytische Faustregel. Auf achtzig Druckseiten macht Christiane Florin eine Reihe von Vorwürfen: ihre Studenten sind halbherzig bei der Sache, ihnen fehlt die Leidenschaft für die Disziplin der Politikwissenschaft; für die renommierten Autoren wie Adorno, Enzensberger oder Weber können sie sich nicht begeistern; sie tun, was man ihnen sagt, und lesen nur soweit, wie aufgegeben; sie fragen nicht nach und widersprechen nicht; Diskussionen um die Sache entstehen nicht; sie haben zuerst sich im Blick und dann ihr Fach; sie sind - zu nett. Zu cool, zu sehr mit ihrem Fortschritt, aber nicht mit der Substanz ihres Studiums beschäftigt.

Christiane Florin ist enttäuscht und ernüchtert; ihr Text ist ein Dokument des Unverständnisses; die Studenten sind ihr fremd. Sie sind anders. Die Klage über die jungen Leute ist uralt. Das weiß natürlich auch Christiane Florin. Sie weiß auch, dass sie ihnen die Last unserer Moderne aufbürdet. Hier und da ist sie mit ihrer didaktischen Form selbstkritisch. "Die Studenten, über die ich hier so pauschal geschrieben habe, werden es wahrscheinlich weit bringen", lautet ihr vorletzter Satz. Ihr letzter: "Und: Meine Altersklasse ist bisher den Beweis schuldig geblieben, dass sie Bundeskanzler nicht nur aufzählen kann, sondern auch einen hervorbringt" (S. 80).

Peter Handkes Stück Publikumsbeschimpfung kam 1966 auf die Bühne; ich sah es ein paar Jahre später in einer Fernseh-Inszenierung. Damals dachte ich: das Stück funktioniert nur, wenn man nicht widerspricht. Heute widerspreche ich als Vater, der sich wundert. 1. Die asymmetrische Beziehungswirklichkeit in einer Vorlesung oder einem Seminar berücksichtigt Christiane Florin unzureichend. 2. Die hohen Erwartungen der Dozentin behindern; es ist ganz natürlich, dass die eigenen Idealisierungen nicht geteilt werden. Die jungen Leute - wie ich damals auch - wollen für ein Fach gewonnen werden. Das gelang Christiane Florin, wie sie schreibt; allerdings behagte ihr nicht, in die Nähe des show-Geschäfts zu geraten. Wie vermittelt man die Grundlagen eines Faches? Einer Wissenschaft? Wissenschaft ist kompliziert und macht viel Arbeit - um Karl Valentin zu paraphrasieren. Wahrscheinlich braucht die Vermittlung viel Zeit - mehr als heute eingeräumt wird. Crash-Kurse benötigen viel Personal. Dafür können die Studenten nichts. 3. Verständnis-Versuche wären nicht schlecht; wahrscheinlich ist es heutzutage klug, seine Kräfte sorgsam einzuteilen. Früher war das Abitur die Klippe; danach fing - ohne Numerus Clausus - das Leben an. Heute beginnt es offenbar erst nach den akademischen Examina. 4. Man ist gut beraten, wenn man - wie den eigenen Kindern - der jungen Generation zutraut, unsere Welt vernünftig in Gang halten zu können; sie muss und sie wird es anders tun. Man ist gut beraten, wenn man den eigenen Weg nicht zum  Standard macht. Man ist gut beraten, wenn man beim Älterwerden nicht zu sehr den (langsam) zunehmenden Verlust an Zukunft beklagt.

Montag, 6. Oktober 2014

Ein Worte-Fund

Sebastian Vettel wechselt zu Ferrari. Das ist doch was. Elmar Brümmer schrieb heute in der SZ darüber (6.10.2014, Nr. 229, S. 25). Sebastian Vettel war hin und her gerissen, so Brümmer, zwischen Dankbarkeit für den alten Arbeitgeber (Red Bull) und ... das sagte er erst im nächsten Satz. Der lautete: "Dagegen steht sein Ehrgeiz, die beinahe pathologische Abneigung gegen Niederlagen". Die beinahe pathologische Abneigung gegen Niederlagen. Das ist ein Wort. Wofür? Ich wüsste gern, neugierig wie ich bin, welche Beobachtung zu dieser Formel gehört. Wie kann man am Steuer eines Rennwagens so uncool vor Ehrgeiz sein? Wie immer, sagte Ludwig Marcuse, ist alles komplizierter.  

Facebook und die Konformität

Das Netz - diese Groß-Struktur, die wir wie alle Strukturen nicht ohne weiteres sehen, in der wir uns aber (irgendwie) bewegen können (wie ich hier) - ist der Grund oder Anlass (wie man will) für unseren
kulturellen Untergang. Als Kinogänger, der 1950 zum ersten Mal eins dieser (damals) plüschigen Film-Theater aufsuchte, kommt mir dieser apokalyptische Tonfall vertraut-heimelig vor. Damals war das Kino der Grund allen Übels, dann kam das Fernsehen (Wir amüsieren uns zu Tode), dazwischen die comics, die einem das Lesen abgewöhnten, dann kam die Gewalt im Kino, dann die Gewalt im Fernsehen - und jetzt das: Netz. "Google, Facebook und Twitter fördern Konformismus. Wer unpopuläre Meinungen vertritt, geht unter", schreibt heute Johannes Boie in der SZ (6.10.2014, Nr. 229, S. 9). Der Konformitätsdruck. "Im Netz", so Johannes Boie, "kann man dieses Phänomen beobachten wie nirgends sonst". Ich hatte immer gedacht, die Konferenzen, in denen die Chefs ihre Politik behaupten, wären der beste Ort fürs Studieren des Anpassungsdrucks.

Ich bin, obwohl ich dort registriert bin, kein Kenner des facebook. Es ist mir zu umständlich, und außerdem verirre ich mich regelmäßig in den verschiedenen Rubriken. Neulich entdeckte ich eine Nachricht an mich, die vor gut einem Jahr an mich gesendet worden war. Meine Tochter ist eine virtuose Nutzerin; mit ihr tausche ich mich darüber regelmäßig aus. Wie immer muss man sich gut erinnern an die eigene Zeit der Adoleszenz - die war enorm schwierig. Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich fantasiere: was wäre gewesen, hätte es damals facebook gegeben? Wahrscheinlich hätte ich nicht Stunden vor dem schwarzen Telefonapparat gesessen und auf den Anruf meiner Schulfreundin gewartet. Facebook ist doch offenbar aus dieser Not entstanden: als ein Mittel der Selbst-Präsentation mit der Absicht, jemanden, an die oder an den sie adressiert ist, zu gewinnen; als ein Mittel der Selbst-Vergewisserung, wozu viele adoleszente Freundschaften dienen; und als ein Mittel der Inklusion. Facebook ist veröffentlichter Klatsch und die mehr oder weniger gut kontrollierte Weitergabe der Bewegungen des inneren Dialogs. Während ich früher stundenlang im inneren Dialog mit meiner Schulfreundin sprach, kann man heute diesen sehnsuchtsvollen, quälenden Prozess abkürzen.

Was ist schlimm daran? Natürlich gibt es die mit den Veröffentlichungen innerer Prozesse verbundenen unbarmherzigen Ausgrenzungen und Hetzjagden. Die waren früher - ich spreche von den 50er Jahren -
auch gang und gäbe. Wahrscheinlich, so beobachte ich es bei meiner Tochter, verändert sich der Umgang mit facebook in dem Maße, in dem sich die experimentellen adoleszenten Beziehungen verändern - dann schaut man, ähnlich wie man es mit den eigenen Eltern macht, mal rein und sieht, was läuft.  

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Was war los im Frühjahr 1945?

"Die innere Spaltung", ist Joachim Käppners Text in der SZ (1.10.2014, S. 11) überschrieben; er wird mit den Unterzeilen erläutert: "'Das Judenproblem ist eine Lebensfrage': Neue Forschungen belegen, dass einige Vertreter der ersten SZ-Generation den nationalsozialistischen Völkermord propagandistisch begleitet haben". Hermann Proebst und Hans Schuster waren die beiden Journalisten, die über ihren nationalsozialistischen Eifer nach 1945 schwiegen; sie waren in der jungen Bundesrepublik angesehene Autoren. Wie passt das zusammen? Joachim Käppner bietet die Spaltung als Erklärung auf. Die Spaltung ist ein mechanisches Konzept: aus Eins wird Zwei. Nein, es geht um die Verweigerung, widersprüchliche, beschämende, änstigende Handlungen in eine Haltung zu integrieren. Friedrich Nietzsche hat dazu den Aphorismus geprägt: "Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das habe ich nicht getan, sagt mein Stolz. Schließlich gibt mein Gedächtnis nach". Was machte es im Frühjahr 1945 (und später) so schwer oder nicht möglich, über seine Handlungspraxis vor dem Frühjahr 1945 zu sprechen? War es  der Stolz? Die Beschämung? Oder die Furcht vor Bestrafung? Diese Frage ist noch nicht ausreichend beantwortet.

Zu einem Muster wissenschaftsjournalistischer Berichterstattung

Heute, am 1.10.2014, berichtet Christian Weber in der SZ (Abteilung Wissen; S. 16) über die Forschungsarbeit von Jule Specht (Berlin), Maike Luhmann (Köln) und Christian Geier (Logan, Utah). Sie hatten an zwei großen Datensätzen, die eine Stichprobe von mehr als 23.000 Befragten ergaben, so Christian Weber, die Frage der Persönlichkeitsveränderung  verfolgt. Fazit: Menschen verändern sich über ihre gesamte Lebensspanne. Christian Weber zitiert Jule Specht: "Es gab bislang bloß zu wenige Studien, die bis ins hohe Alter reichen; wenn man auch diese Gruppe betrachtet (die über 70-Jährigen), stellt man fest, dass die Veränderungen wieder größer werden - das ist die Neuigkeit".

Christian Webers Text bewegt sich in drei Texten: 1. Es gibt etwas Neues; 2. Sigmund Freud hatte Unrecht; 3. objektive Forschung ist statistische Forschung. Dazu lässt sich Folgendes sagen: 1. das Neue ist nicht neu; 2. Sigmund Freud hatte nicht Unrecht; 3. objektive Forschung ist Hypothesen-geleitete Forschung.

Zu 1. Zwei Gegenbeispiele. Erik Homburger Erikson veröffentlichte 1959 seine Arbeit Identität und Lebenszyklus. Im letzten Lebenszyklus, so Erikson, wird die Lebensbilanz gezogen; die Lebensbilanz entscheidet über die Einstellung zum Sterben und zum Tod; die letzte Lebensphase ist die schwierigste Lebensaufgabe - buchstäblich. Max Frisch, der kluge Beobachter des Alterns, registrierte in seinem 1972 erschienenen Tagebuch 1966 - 1971 das eigene Schmelzen des Vorrats an Zukunft. Zu 2. Christian Weber schreibt: "Die von Sigmund Freud inspirierte Vermutung, wonach die Erfahrungen der allerersten Jahre das ganze Leben überschatten, gilt ohnehin seit Langem als überholt". Donald Woods Winnicott, Pädiater und Psychoanalytiker, bilanzierte seine pädiatrische Praxis: dass von den ungefähr 25.000 Kindern, die er gesehen hatte, die meisten mit einem ausreichend guten Entwicklungsprozess ins Leben gestartet waren. Sigmund Freud machte die Geschichte seelischer Entwicklung zum methodischen wie theoretischen Grundprinzip; man muss ihm zugute halten, dass er zuerst die Anfänge einer Lebensgeschichte fokussierte und das fortgeschrittene Alter spät in den Blick nahm. Seine Einschätzung, dass eine Psychotherapie in der zweiten Lebenshälfte wenig aussichtsreich sei, gilt nicht mehr; inzwischen ist Psychotherapie für hohes Alter möglich und belegt damit die Plastizität unserer Lernfähigkeit. Zu 3. Korrelationsstudien sind dann sinnvoll, wenn sie Hypothesen testen; häufig ähneln sie dem Stochern im Heuhaufen und überlassen es den statistischen Verfahren, Zusammenhänge zu beschreiben, deren Auslegung spekulativ bleibt. Zu den statistischen Verfahren der Studie sagt Christian Weber wenig.

Für Christian Webers wissenschaftsjournalistischen Text lässt sich konstatieren: der Autor unternahm keine Einordnung der referierten Forschung in den Kontext der relevanten Forschung; er spielte quantitative gegen qualitative Forschung aus; das der Studie zugrunde gelegte Konzept von Persönlichkeitsveränderungen kritisierte er nicht; er monierte die Rückständigkeit psychoanalytischer Forschung, die, wie das gängige Ressentiment lautet, Sigmund Freuds Konzeptionen nicht weiter entwickelt hat.